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Theistische Evolution

Viele gläubige Theisten sind der Überzeugung, dass ein Gott in irgendeiner Form die Entwicklung des Lebens plant oder steuert. Manche Theisten gehen dabei nur …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Abgrenzung
  2. 2. Fortgesetzte Schöpfung
  3. 3. Evolution und moderne Schöpfungsvorstellungen
  4. 4. Leid und Unvollkommenheit
  5. 5. Naturwissenschaft und Evangelikalismus

Begriff und Abgrenzung

Theistische Evolution bezeichnet verschiedene Auffassungen von Naturwissenschaftlern und Theologen, nach denen Evolutionstheorie und religiöser Glaube miteinander vereinbar sind. Dafür werden bestimmte Dogmen aufgegeben; die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Mechanismen der Evolution des Lebens werden vollständig anerkannt.

Auffassungen, die wissenschaftliche Erkenntnisse akzeptieren, große ontologische Fragen – etwa die Letztbegründung der Naturgesetze, den Sinn des Lebens, das Leib-Seele-Problem und Transzendenz – aber für prinzipiell wissenschaftlich nicht untersuchbar oder erklärbar halten und metaphysische Hypothesen annehmen, heißen Metaphysischer Naturalismus. Viele theistische Gläubige nehmen an, dass Gott die Entwicklung des Lebens in irgendeiner Form plant oder steuert. Manche beschränken einen möglichen Einfluss auf psychische Phänomene, andere nehmen ein direktes schöpferisches Eingreifen Gottes in Naturvorgänge an.

Anders als der evolutionistische Kreationismus geht theistische Evolution weder von der Irrtumslosigkeit der Bibel aus noch bezweifelt sie Evolutionsmechanismen. Viele Gläubige großer Konfessionen betrachten Wissenschaft und Glauben jedoch als voneinander unabhängig. Ob diese Haltung noch zur theistischen Evolution gehört, ist umstritten.

Fortgesetzte Schöpfung

Die creatio continua („fortgesetzte Schöpfung“) ist ein Begriff der christlichen Schöpfungslehre, den Augustinus von Hippo verwendet. Bei ihm ist die Schöpfung nicht abgeschlossen: In ihren Gesetzen bleibt sie ständig für Gottes Eingreifen offen. Auch Newton vertrat diese Auffassung.

Leibniz kritisierte Newton deshalb mit dem Bild eines schlechten Uhrmachers. Er vertrat im Gegensatz dazu wieder die Auffassung, die Welt laufe streng kausal nach Naturgesetzen ab, die Gott am Anfang geschaffen habe. Gegenwärtig sei die Welt damit gegen göttliche Eingriffe, etwa Wunder, abgeschlossen.

Metaphysisch behandelt creatio continua das Verhältnis zwischen der Zeitlosigkeit beziehungsweise Ewigkeit des Schöpfers, für den alles „gleichzeitig“ ist, und der linearen Zeitlichkeit der kontingenten, also zufälligen, Schöpfung. Gemeint sein kann die ständige Bewahrung und Erhaltung der Schöpfung durch Weiterschaffen, wie bei Thomas von Aquin in der Summa contra gentiles III, 6. Als Gegenansicht wird der Deismus genannt. Schaffen und Erhalten können auch zusammenfallen.

Evolution und moderne Schöpfungsvorstellungen

Theistische Vertreter einer geschlossenen Naturkausalität deuten Augustinus’ Satz „Die Welt ist nicht in der Zeit geschaffen, sondern mit der Welt schuf Gott auch die Zeit“ so: Gott setzt Welt und Zeit mit einem einmaligen Schöpfungsakt ins Dasein; danach entwickelt sich die Schöpfung gemäß den ebenfalls abschließend geschaffenen Naturgesetzen weiter. In dieser Deutung liegt die Schöpfung am Anfang der Zeit und nicht jenseits der Zeit. Theologische Schöpfungsaspekte des Universums, des Lebens und der Seele werden dabei oft außerhalb von Raum und Zeit verortet. Andere Deutungen verstehen deren Entstehung als aktiven göttlichen Eingriff. Sie grenzen sich meist von der Bezeichnung theistische Evolution ab, weil ihre Aussagen unabhängig von der Wissenschaft sein sollen und nichts über Evolution selbst aussagen. Manche Richtungen betrachten die biologische Evolution dagegen als ein System, durch das Gott ständig aktiv in die Entwicklung des Lebens eingreift.

Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955), Geologe, Paläontologe und Jesuitenpriester, verband kosmische, biologische und kulturelle Evolution mit einem neuen christlichen Verständnis. Für ihn ist die kosmische Evolution, zu der biologische und darauf aufbauende kulturelle Evolution gehören, göttliche Schöpfung. Sie endet nicht mit dem Menschen, sondern läuft auf den Punkt Omega zu: die endgültige Erfüllung des Schöpfungsplans, in der die ganze Schöpfung vergeistigt und von Gott erfüllt ist. Alles ist dabei auf Jesus Christus als göttliches Zentrum bezogen. Seine Auffassung wird in katholischen und protestantischen Seminaren diskutiert; im Grundsatz wird sie mindestens von katholischer Seite akzeptiert. Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. stand ihr nach einem Rundfunkvortrag von 1968 nahe.

Unabhängig davon entwickelte Hoimar von Ditfurth eine ähnliche Anschauung. Die kosmische Evolution lasse ein jenseitiges geistiges Prinzip zunehmend sichtbar werden. Der Mensch sei nur ein weiteres Übergangswesen; am Ziel werde der Kosmos vollkommen vergeistigt sein und eine Symbiose mit einer jenseitigen, rein geistigen Realität eingehen. Beide Vorstellungen stehen in Beziehung zur Philosophie Hegels: Dort erkennt sich der absolute Geist in einem dialektischen Prozess immer höherer Erkenntnis selbst; dies bildet eine Analogie zu Punkt Omega beziehungsweise zur Vergeistigung des Kosmos.

In Deutschland vertritt rund die Hälfte der Mitglieder der römisch-katholischen Kirche sowie vieler anderer großer Kirchen und Konfessionen mehr oder weniger eine dieser Richtungen. Papst Pius XII. äußerte sich 1950 in der Enzyklika Humani generis erstmals zu modernen wissenschaftlichen Theorien der Lebensentwicklung. Johannes Paul II. griff dies 1996 auf: Evolution sei zunächst als „ernstzunehmende Hypothese“ verstanden worden, inzwischen aber „mehr als nur eine Hypothese“.

2005 wurden Äußerungen aus katholischen Kreisen teils als Annäherung an kreationistische Positionen gedeutet. Kardinal Christoph Schönborn wandte sich in Finding design in nature gegen die Deutung der Evolution als ziel- und zwecklosem Prozess. Später befürwortete er Unterricht über einen Plan in der Natur unter dem Begriff Intelligent Design, distanzierte sich aber vom Vorwurf kreationistischer Positionen. Paul Poupard erklärte im November 2005, Genesis und Darwins Evolutionstheorie seien bei korrekter Bibelauslegung vollständig verträglich; dies gilt allgemein als Absage an die Intelligent-Design-Bewegung, die unter anderem Evolution ablehnt. Benedikt XVI. sprach kurz darauf von einem „intelligenten Plan“ des Kosmos. Diese Aussagen werden häufig als Bekräftigung einer von Gott geplanten Lebensentwicklung verstanden, in der Presse wegen ähnlicher Wortwahl teils aber als Unterstützung von Intelligent Design gedeutet.

Leid und Unvollkommenheit

Die Theodizee-Frage fragt, wie ein gütiger Schöpfergott mit dem entsetzlichen Leid in der Welt vereinbar sein kann. Theistische Evolution bietet darauf zumindest eine Teilantwort: Die Schöpfung ist noch im Werden, nicht abgeschlossen und muss ihr Endziel erst erreichen. Menschen sind als aus Evolution hervorgegangene Wesen von ihr geprägt und deshalb unvollkommen. Hoimar von Ditfurth betont dies auch dann als bedeutsam, wenn die Seele im Innersten grundsätzlich an Gottes Vollkommenheit teilhaben kann.

Als biblische Bezüge werden Römer 8,22 EU genannt, wonach die gesamte Schöpfung bis heute an Schöpfungswehen leidet, sowie Jesu Vergleich des Reiches Gottes mit einem Senfkorn. Dieses beginnt klein und wächst langsam zu einem Baum mit großer Krone heran; dies kann auf die Entwicklung der Schöpfung im Sinn der Heilsgeschichte bezogen werden.

Naturwissenschaft und Evangelikalismus

Seit Teilhard de Chardin und Hoimar von Ditfurth haben auch prominente Naturwissenschaftler die Vereinbarkeit von Evolutionstheorie und christlichem Glauben vertreten, darunter der Evolutionsbiologe Kenneth Miller, der Paläontologe Robert Bakker und Francis Collins, Leiter des Humangenomprojekts. Miller und Collins treten zugleich entschieden gegen Kreationismus und Intelligent Design auf. Sie gehören der von Collins gegründeten Biologos Foundation an, die für die Vereinbarkeit von Wissenschaft und christlichem Glauben steht. Auch anglikanische Theologen wie John Polkinghorne und Arthur Peacocke legten umfangreiche Arbeiten zum Thema vor; Peacocke war zuvor über zwei Jahrzehnte Universitätsdozent für Biochemie.

Im heutigen Evangelikalismus werden theistisch-evolutionäre Auffassungen eher kritisch beurteilt. Ein zentraler Einwand lautet, nach biblischer Lehre seien Leiden und Tod erst durch die Sünde von Menschen in die Welt gekommen (Röm 5,12–14 EU). Dann könne der Mensch als evolutionäres „Endprodukt“ nicht nach dem leidvollen Tod vieler Tiergenerationen entstanden sein. Dennoch argumentieren evangelikale Apologeten wie Gavin Ortlund und die Wissenschaftlerin Barbara Drossel für eine Vereinbarkeit von theistischer Evolution und biblischem Schöpfungsbericht; sie beziehen sich dabei auch auf historische Fundamentalisten wie Benjamin Breckinridge Warfield.

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