Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Santería

Die Santería (spanisch, zumeist mit „Weg der Heiligen“ übersetzt) ist eine synkretistische, afroamerikanische Hauptreligion in Kuba, die ihre Orishas …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und religiöser Hintergrund
  2. 2. Kulte und Entwicklung in Kuba
  3. 3. Weltbild und zentrale Merkmale
  4. 4. Orishas und religiöse Hierarchie
  5. 5. Rituale, Orakel und Verschmelzungen

Grundidee und religiöser Hintergrund

Die Santería ist eine synkretistische, afroamerikanische Hauptreligion Kubas. Sie verbindet die Orishas, also die Götter der Yoruba, mit katholischen Heiligen (santos). Viele Katholiken in Kuba suchen bei einer Santera, einem Santero oder einem Babalao Rat und Heil und sehen in der Verbindung beider Traditionen keinen Widerspruch. Die katholische Kirche lehnt die Santería und ihre Praktiken grundsätzlich ab, toleriert jedoch die Volksfrömmigkeit.

Die Entstehung hängt mit der spanischen Kolonisierung Kubas und dem atlantischen Sklavenhandel zusammen. Besonders durch den Zuckerrohranbau wurde der Sklavenhandel im 18. und 19. Jahrhundert stark ausgeweitet. Die versklavten Menschen wurden gewaltsam christianisiert, durften sich aber teilweise in religiösen Ratsversammlungen (cabildos) organisieren und ihre Batá-Trommeln benutzen. Im 17. Jahrhundert führte die katholische Kirche Bruderschaften (cofradías) ein, um die Heiligenverehrung zu fördern. Dadurch konnten afrikanische Götter und religiöse Traditionen unter dem Schutz katholischer Religionsausübung weiter praktiziert werden. Die Sklavenhalter wollten außerdem die Kosten für Taufe, Ehe und Begräbnis ihrer Sklaven möglichst vermeiden.

In den USA entwickelte sich aus der Santería der Santerismus. In diesem Spiritismus werden nach dem Vorbild Allan Kardecs die Geister Verstorbener, katholische Heilige und Götter der Santería in Sitzungen beschworen.

Kulte und Entwicklung in Kuba

Die Santería im engeren Sinn heißt Regla de Ocha („Regel des Orisha“). Sie beruht bei den Lukumí auf Yoruba-Traditionen und ist besonders im Westen Kubas verbreitet. Die Lukumí sind die Nachfahren der Yoruba auf Kuba.

Daneben bestehen weitere afrokubanische Kulte mit ähnlicher religiöser Tarnung:

  • Die Regla de Palo („Regel des Heiligen Baums“), auch Regla Congo, Palo Monte oder Palo Mayombe genannt, beruht auf Traditionen des Kongo und ist besonders im Osten Kubas verbreitet.
  • Die Geheimgesellschaft der Abakuá geht auf Traditionen aus der Umgebung der Hafenstadt Calabar zurück.
  • Weitere Gruppen sind unter anderem Voudou beziehungsweise Vudú oder Voodoo, die Regla Arará oder Arada und die Gangá Longobá.

Nach der kubanischen Revolution von 1959 wurde der marxistisch-leninistische Materialismus zur offiziellen Staatsdoktrin. Viele Kubaner distanzierten sich daraufhin von Religion; bekennende Gläubige wurden im gesellschaftlichen Leben oftmals benachteiligt. Erst mit Beginn der Wirtschaftskrise durften Anhänger afrokubanischer Religionen offiziell der Kommunistischen Partei Kubas angehören. Danach erlebte besonders die Santería einen erneuten Aufschwung. Ein Beispiel für ihre heutige Popularität ist die Wallfahrt zum Dorf Rincón bei Havanna.

Obwohl die Santería ursprünglich vor allem eine Religion der Schwarzen war, breitete sie sich besonders seit den 1970er Jahren, ausgehend von kubanischen Intellektuellen, auch unter weißen Kubanern aus. Seit 1959 verbreitete sie sich außerdem in den USA und ist in jüngerer Zeit auch in Europa anzutreffen. Eine folkloristische Variante wurde durch den Kuba-Tourismus seit Beginn der 1980er Jahre bekannt.

Weltbild und zentrale Merkmale

Im weitesten Sinne ist die Santería eine ethnische Religion. Sie beruht auf überlieferten und weitgehend geheim gehaltenen Mythen. Es gibt keine Institution, die verbindlich über eine richtige oder falsche Religionsausübung entscheidet. Deshalb scheitern Versuche, die religiösen Regeln vollständig schriftlich zu kanonisieren.

Die Kosmologie geht von einem untrennbaren Kosmos aus. Seine unsichtbare Hälfte heißt orún, seine sichtbare Hälfte aye. Beide wirken über Ashé miteinander und sollen im Gleichgewicht bleiben. Eine Hilfe bedingt ein Opfer. Die Santería kennt dabei keine grundlegende Polarisierung in Gut und Böse.

Im Orí, wörtlich „Kopf“, ist die Bestimmung eines Menschen verankert. Das Yoruba-Wort ayanmó bezeichnet diese mit der Geburt mitgebrachte Bestimmung. Sie gilt als eine „teilweise“ Reinkarnation der Ahnen. Schwierige Lebenssituationen werden als Zeichen verstanden, dass das Orí verwirrt ist. Durch Wahrsagung wird untersucht, ob die Ursache in den Handlungen von Feinden, also schwarzer Magie, in der eigenen Unausgeglichenheit durch zu wenig Ashé oder im Schicksal liegt.

Besessenheit gilt in der Santería nicht als dämonisch, sondern als „heilige Quelle der Persönlichkeit“ des Gläubigen. Sie wird durch geweihte Batá-Trommeln (ilú-añá), antiphonalen Gesang und Trancetanz hervorgerufen. Eine klare Abgrenzung zwischen Religion und Magie gibt es nicht. Orishas sollen etwa in Liebe, Glück, Gelderwerb und Gesundheit helfen; diese Hilfe wird meist über Santeros im Orakel erfragt und umgesetzt. Eine wichtige Rolle spielen Amulette sowie die magischen Kräfte von Pflanzen und Kräutern.

Besonders bedeutend ist omiero. Die Kräutermischung besteht aus mindestens 21 verschiedenen frischen Kräutern, die in Regenwasser zerstampft werden. Omiero dient als Heiltrank und Gewürz sowie zur Weihung der Glasperlenketten der Orishas und der Kaurischnecken des Orakels.

Orishas und religiöse Hierarchie

An der Spitze steht Olódumaré, der allmächtige Gott und Schöpfer der Ashé und der Orishas. Er besitzt mehrere Aspekte. Olofi ist der für Menschen über die Orishas noch erreichbare Aspekt. Olódùmarè ist weit von den Problemen des Alltags entfernt; ihm werden keine Opfergaben gebracht und es gibt keine Priester, die sich ihm weihen.

Orishas sind vermenschlichte Geistwesen und Götter. Dazu gehören Naturgeister, Kulturheroen und vergöttlichte Ahnen. Sie vermitteln zwischen orún und aye. Ihre Bedeutung, ihre Aspekte und ihre Beziehungen können regional unterschiedlich sein. Jedem Orisha sind unter anderem Farben, Zahlen, Pflanzen, Klänge, Rhythmen, Lieblingsspeisen und Lieblingsgetränke zugeordnet. Etwa zwanzig Orishas bilden den Kernbereich der Santería. Von sieben Orishas, den „Sieben Afrikanischen Mächten“ (Siete Potencias Africanas), kann ein Gläubiger besessen sein.

Zu diesen gehören Obatalá als Schöpfer des Menschen, Elegguá als Öffner und Schließer der Wege, Yemayá für Meer, Geburt und Tod, Ochún für Flüsse, Liebe und Sexualität, Changó für Krieg, Kraft, Männlichkeit, Blitz und Donner sowie Oggún für Eisen und Berge. Als siebter Orisha werden Oyá mit Blitz, Sturm und Hurrikan oder Orunmila mit Weisheit genannt. Weitere Orishas sind Osaín für Natur, Pflanzen und Heilkräuter, Aggayú für Wüsten und Vulkane, Babalú Ayé für Gesundheit und Krankheit, Ochosi für Jagd und Gefängnis sowie Oricha Okó für Äcker, Ernte, Regen und Fruchtbarkeit.

Die Ahnen heißen unter anderem oku orun, osi, babanla und iyanla. Sie können einen Teil eines Neugeborenen bilden. Ein Mädchen, das als Reinkarnation seiner Großmutter gilt, kann deshalb Yetunde („Mutter ist zurückgekehrt“) genannt werden.

Rituale, Orakel und Verschmelzungen

Zu den vier fundamentalen Ritualen gehören Wahrsagerei, Opfer, Trancetänze und iniciación, also die Initiation. Bei jedem Ritual wird Elegguá zuerst begrüßt und erhält als Erster seine Opfergaben. Der Yoruba-Ahnenkult Egungun wurde in der Diaspora weitgehend durch Spiritismus ersetzt.

Die Santería kennt drei wichtige Orakelsysteme:

  • Das Ifá-Orakel wird ausschließlich von Babalaos durchgeführt. Es verwendet 16 Palmnüsse (ikin ifá) in einer Schale (agere ifá), ein Divinationsbrett (opon ifá) und einen Divinationsstab (ìróké-ifá). Patron ist Orunmila. Das System umfasst 256 Orakelzeichen (odù), erfordert einen langjährigen Lernprozess und gilt als UNESCO-Meisterwerk der Menschheit.
  • Das diloggún wird nur von Santeros mit 16 Kaurischnecken ausgeführt. Die Schnecken gelten als Münder der Orishas; das Verfahren ist einfacher als das Ifá-Orakel.
  • Das obbi- oder Biagué-Orakel wird von Santeros und Babalaos verwendet. Vier Stücke einer getrockneten Kokosnuss dienen der alltäglichen Befragung der Orishas, etwa zur Art und zum Ort eines Opferrituals oder zur Frage, ob die Orishas zufrieden sind.

Durch Initiationen steigt ein Gläubiger in der Hierarchie seiner Glaubensgemeinschaft auf. Dafür braucht er einen selbst initiierten padrino oder eine madrina. In einer ersten Initiation werden fünf Halsketten (elekes) den Orishas Elegguá, Obatalá, Changó, Yemayá und Ochún geweiht. Die Glasperlen tragen die Farben der jeweiligen Orishas. In einer weiteren Zeremonie werden die vier Krieger symbolisch übergeben: Elegguá als Zementfigur, Ogún als metallisches Arbeitswerkzeug, Ochosi als Armbrust und Osún als Hahn auf einer Tasse mit kleinen Glöckchen.

Santeros sind Priester der Santería und kennen Heilpflanzen und Volksmedizin. Ihre Vorbereitung dauert in Kuba bis zu drei Jahre, die Initiation selbst drei Tage. Die geheimen Zeremonien umfassen einen symbolischen Tod und eine Wiedergeburt als Santero. Der Aspirant erlebt erstmals die Besessenheit durch seinen Orisha, der sich in seinem Kopf festsetzt (asiento). Danach bleibt er ein Jahr als Novize (iyawó) und muss Tabus beachten. Ein Babalao oder Babalawo ist der Hohepriester und bekleidet das höchste Amt. Er ist Orunmila, dem Orisha der Weisheit und Patron des Ifá-Orakels, geweiht; seine Initiation findet streng geheim statt.

Bei Bembé-Ritualen werden Orishas durch Trancetänze gefeiert. Batá-Trommeln begleiten die Zeremonien; jede Gottheit besitzt einen eigenen Rhythmus mit Variationen für Anrufung, Gespräch und weitere Abläufe. Das Opfer (ebbo) ist unverzichtbar. Es richtet sich nach dem Orisha und dem Orakel und reicht von einer Kerze über Obst bis zu einem Tier. Ein Opfer, das der Orisha nicht gewollt hat, gilt als extreme Beleidigung.

Der Synkretismus zeigt sich besonders in der Zuordnung katholischer Heiliger zu Orishas. Diese Zuordnungen unterscheiden sich regional; Heilige werden entweder wie Götter im Polytheismus oder wie Schutzengel im Monotheismus verehrt. Beispiele sind Ochún mit der Virgen de la Caridad del Cobre, Yemayá mit der Virgen de Regla, Obatalá mit der Virgen de las Mercedes und Changó mit Barbara. Elegguá wird unter anderem mit dem Niño de Atocha oder Antonius von Padua verbunden. Auch die überlieferte Volksmedizin der Santería beeinflusst den kubanischen Katholizismus.

Weiterlesen

Kuba Er grenzt im Nordwesten an den Golf von Mexiko, im Nordosten an den Atlantischen Ozean und im Süden an das Karibische Meer. Kuba hat etwa 10 Millionen Einwohner … Magie Magie (lateinisch magia) oder Zauberei bzw. Zauber, früher auch Zauberkunst, nimmt für sich in Anspruch, durch mehr oder minder ritualisierte Handlungen ( … Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten ; Amtssprache · Englisch ; Hauptstadt · Washington, D.C. ; Staats- und Regierungsform · föderale präsidentielle konstitutionelle Republik. Geschichte Kubas Die Geschichte Kubas umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des aktuell zu Kuba zählenden Archipel, von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Atlantischer Sklavenhandel Der atlantische Sklavenhandel bzw. der transatlantische Sklavenhandel umfasst den im 16. Jahrhundert einsetzenden Kauf von Sklaven aus dem westlichen, … Ethnische Religionen Ethnische Religionen (auch traditionelle Religionen, populär aber veraltet auch Naturreligionen) werden alle mündlich oder durch Rituale überlieferten … Mythos Im religiösen Mythos wird das Dasein der Menschen mit der Welt der Götter, Geister und übernatürlichen Kräften verknüpft. Mythen erheben einen Anspruch auf … Buchreligion Buchreligion ist ein religionswissenschaftlicher Begriff zur Bezeichnung solcher Religionen, die eine Heilige Schrift besitzen und sich stark an Texten … Kosmologie Die heutige Kosmologie beschreibt das Universum durch Anwendung physikalischer Theorien, wobei für die großen Skalen insbesondere die Allgemeine … Das Böse Unter diese Gebrauchsregel fällt auch die Bezeichnung von sündhaftem Verhalten als böse, falls es sich religiös begründeten Normen verschließt oder sie bewusst … Reinkarnation Reinkarnation. Vorstellungen der Art, dass eine Seele oder fortbestehende mentale Prozesse sich nach dem Tod – der „Exkarnation“ – erneut in anderen … Lyrik Lyrik (altgriechisch λυρική (ποίησις) lyrikḗ (poíēsis), deutsch ‚die zum Spiel der Lyra gehörende Dichtung') ist eine der drei literarischen Hauptgattungen …