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Santal (Volk)
Die Santal – auch Santhal oder Saonta, Saonthal, Saunta – sind ein indigenes Volk in Indien, Bangladesch und Nepal. In Indien bilden sie mit rund 6,6 Mio.
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Überblick und Verbreitung
Die Santal, auch Santhal, Saonta, Saonthal oder Saunta genannt, sind ein indigenes Volk in Indien, Bangladesch und Nepal. In Indien waren sie 2011 mit rund 6,57 Millionen Angehörigen die drittgrößte Ethnie unter den etwa 700 anerkannten Stammesgemeinschaften (Scheduled Tribes).
Ihre wichtigsten Siedlungsgebiete liegen in Jharkhand (2.754.723 Santal), Westbengalen (2.512.331), Odisha (894.764) und Bihar (406.076); in Tripura wurden 2.913 gezählt. Weitere Gruppen leben im nordöstlichen Bangladesch, in Terai in Nepal und in Bhutan. Üblich sind Dörfer mit 400 bis 1000 Einwohnern; in großen Industriestädten leben Santal häufig in eigenen Vierteln.
In fünf indischen Bundesstaaten besitzen ansässige Santal den Status Scheduled Tribe. Damit sind staatliche Schutz- und Fördermaßnahmen verbunden. Zwischen 2001 und 2011 wuchs ihre Zahl in Indien um 12,6 %, von 5,8 Millionen auf 6.570.807; dies lag unter dem indischen Bevölkerungswachstum von 17,6 %. Nur 5,6 % der Santal lebten in Städten. Das Geschlechterverhältnis betrug 1007 Frauen je 1000 Männer, bei Kindern unter sieben Jahren 976 Mädchen je 1000 Jungen. Die Alphabetisierungsrate ab sieben Jahren lag bei 52,6 %: bei Männern bei 64,3 %, bei Frauen bei 41,0 %; die Lücke betrug 23,3 Prozentpunkte.
Das Joshua Project nennt Anfang 2025 insgesamt 8.783.500 Santal, darunter 214.000 in Bangladesch, 59.000 in Nepal und 5.500 in Bhutan.
Sprache und Erwerb
Santali gehört zur Munda-Untergruppe der austroasiatischen Sprachfamilie und ist deren meistgesprochene Sprache. Raghunath Murmu entwickelte 1925 die Buchstabenschrift Ol Chiki, die auf die phonetischen Besonderheiten des Santali abgestimmt ist.
Für 2011 werden in Indien 7.368.200 Sprecher des Santali und seiner Dialekte genannt: 6.973.300 Sprecher der Hauptsprache, 358.600 Karmali-Sprecher, 26.400 Mahili-Sprecher und rund 9.900 weitere. Damit übersteigt die Zahl der Sprachsprecher die offiziell gezählte Zahl der Santal. Ethnologue verzeichnete 2018 in Bangladesch 225.000 und in Nepal 50.900 Santali-Sprecher.
Die meisten Santal arbeiten in der Landwirtschaft, teilweise als Subsistenzwirtschaft, also vor allem zur Versorgung des eigenen Haushalts. Aufgaben im Ackerbau und bei der Herstellung alltäglicher Gegenstände sind nach Geschlechtern verteilt. Seit Jahrzehnten arbeiten einige Santal saisonal oder dauerhaft als Wanderarbeiter in Industriezentren. Wohlstand wird unter anderem daran gezeigt, dass eine Familie Hausangestellte oder Feldarbeiter beschäftigen kann.
Gesellschaft, Familie und Dorfpolitik
Die Gesellschaft ist patrilinear: Abstammung und Erbfolge werden über die männliche Linie bestimmt. Sie ist zudem strikt endogam, das heißt, die Ehe soll innerhalb der eigenen gesellschaftlichen Gruppe geschlossen werden. Es gibt zwölf Clans, Paris genannt, mit insgesamt 164 Sub-Clans. Die Ordnung unterscheidet außerdem älter und jünger sowie rein und unrein. Zwischen Clans bestehen Prestigeunterschiede, die im Alltag jedoch wenig zählen; insgesamt ist die Gesellschaft weitgehend egalitär. Konkrete Vorfahren werden meist nur drei oder vier Generationen zurück erinnert, weiter zurück liegende Abstammung gehört zum mythischen Bereich.
Üblicherweise zahlt der Mann einen Brautpreis an die Herkunftsfamilie der Frau und die Frau zieht zu ihm. Ein mittelloser Mann kann den Brautpreis am Wohnort der Braut abarbeiten und dort wohnen. Unverheiratete Mütter und Witwen können heiraten; Schwagerehe, Polygynie und Scheidung im gegenseitigen Einverständnis sind möglich. Häufig leben verheiratete Söhne im Haushalt des Vaters, es gibt aber auch getrennte Kleinfamilien. Das Erbrecht bevorzugt männliche Erben. Großeltern tragen die Verantwortung für die Erziehung. Jungen erhalten mit acht bis zehn Jahren durch einen mütterlichen Onkel fünf Narben an den Unterarmen; bei Mädchen findet nach der ersten Menstruation eine Initiationszeremonie statt. Lehrermangel erschwert moderne Schulbildung in ländlichen Gebieten.
Im Dorf gehören Häuptlinge und Priester mit dem Priesterassistenten, einer für die Jugendmoral zuständigen Person und dem Boten zum Ältestenrat. Daneben besteht eine nicht hierarchische Dorfversammlung, die Streitfälle behandelt. Häufige Konflikte betreffen sexuelle Übergriffe, Land, Schulden, den Bösen Blick, Eifersucht und Hexerei. Traditionell konnten Hexerei, Inzest und der Bruch des Endogamie-Gebots mit dem Tod bestraft werden; andere Verstöße wurden meist durch Kompensationszahlungen geregelt. Etwa zwölf Dörfer bilden einen Verband unter einem Oberhäuptling, dem Pargana, der formelle Gerichte und dorfübergreifende Jagden organisiert.
Religion und religiöse Praxis
Bei der indischen Volkszählung 2011 waren 63,146 % der Santal Hindus, 5,464 % Christen und 0,198 % Muslime. 30,896 % wurden unter „Andere Religionen und Überzeugungen“ erfasst. Die animistische Religion Sarna hatte 1.511.078 Anhänger (22,997 %), Sari Dharma 478.193, Bidin 27.602 und die Religion „Santal“ 4.771. Nur 102 Santal in Odisha wurden als atheistisch angegeben.
In der ethnischen Religion gilt Thakurdschi als oberste, aber abstrakt gedachte Gottheit des Universums. Zentral sind die 150 Bonga, oberste Geister für unterschiedliche Bereiche von Leben und Welt. Auch Verstorbene können zu Bonga werden. Die meisten Bonga gelten als freundlich; Wald-Bonga, darunter Geister von Menschen mit unnatürlichem Tod, sind den Menschen feindlich. Gebete und meist Vogelopfer sollen Böses abwehren. Priester, Lodschhas oder Naeke, leiten die Opfer; sie gelten auch als kundig in Medizin, Weissagung und Zauberei. Wichtigster Geist ist Maran Buru („Großer Berg“), der Sex und Reisbier gebracht haben soll; seine Frau ist Jaher Era, die Herrin des heiligen Hains.
Der Jaher, ein heiliger Wald am Siedlungsrand, ist typisch für ein Santal-Dorf. Dort finden Feste und Opfer statt, darunter Baha und Sohrai; manche Feste beziehen sich auf den landwirtschaftlichen Zyklus, andere auf Geburt, Heirat und Beerdigung. Hinduistische Elemente wurden im Lauf der Zeit übernommen. Der Odschha ist ein Heiler, der magische Handlungen mit Wissen über etwa 300 Heilpflanzen verbindet.
Bei einem Todesfall wird die Leiche verbrannt. Der älteste Sohn sammelt gewöhnlich die Knochen, die unter den Dachsparren gelagert und rituell versorgt werden. Ein Jahr später werden sie gewaschen und eine Ziege wird geopfert: Der Verstorbene wird zum namentlich bekannten Vorfahren. Nach einem weiteren Ritual einen Monat später wird er namenloser Vorfahr in der Unterwelt. Erst nach drei Generationen wird die Seele, sofern die Riten korrekt ausgeführt wurden, zum Bonga.
Kultur und Wohnen
Traditionelle Häuser bestehen aus Lehm und haben oft bemalte Außenwände mit floralen Mustern. Eine Veranda führt in den äußeren Raum. Mindestens zwei Räume sind vorhanden: Im hinteren Raum wird Getreide gelagert; dort wachen die Ahnen und erhalten Opfer. Der zentrale Pfosten zwischen den Räumen ist beim Hausbau und rituell wichtig.
Tanz ist ein wichtiger Teil der Kultur und wird häufig von tamak und tumdak, zwei Trommeln, begleitet. Chadar Badar ist ein öffentliches Puppentheater mit 10 bis 15 cm großen Marionetten. Ein Puppenspieler bewegt und erzählt, Musiker begleiten die Aufführung. Die mündliche Tradition ist umfangreich, und Erzähler haben hohes Ansehen. Zur bildenden Kunst zählen Holz- und Schmiedearbeiten, Schnitzereien und Hausbemalung; handwerkliche Arbeiten gehen wegen preiswerter industrieller Massenproduktion zurück.
Die Jagd ist eine gemeinsame, religiös eingebettete Tätigkeit des Dorfes, an der alle Männer teilnehmen. Sie gilt auch als Sieg über die bösen Geister des Waldes. Pfeil und Bogen sind dabei sowie in zahlreichen religiösen Handlungen wichtig. Santal produzieren außerdem eigene Filme, besonders für YouTube und CD; in Jharkhand besteht ein als Jhollywood bezeichneter Schwerpunkt für Adivasi-Filme.
Geschichte und Gegenwart
Das älteste rekonstruierbare Siedlungsgebiet der Santal wird aufgrund von Sprache und kulturellen Besonderheiten im nördlichen Kambodscha verortet. Noch vor der arischen Einwanderung nach Indien sollen sie über Bengalen und Assam auf den Subkontinent gelangt sein. Ihre mythische Überlieferung erzählt von einem dort gegründeten Königreich. Ursprünglich waren sie Jäger und Sammler; bekannt waren mehr als 80 Fallentypen. Auf Brandrodungslandwirtschaft folgte vor allem der Reisanbau in Nasskultur. Familienverbände besaßen den Boden, bis das britische Kolonialregime individuelles Grundeigentum einführte.
Als die britische Kolonialmacht Mitte des 19. Jahrhunderts Pachtzins und Steuern auf Waldprodukte verlangte, kam es von 1856 bis 1858 zum Santal-Aufstand, fast gleichzeitig mit dem Sepoy-Aufstand von 1857. Beide Revolten wurden niedergeschlagen. Seit dem Government of India Act 1935 wurden die Santal rechtlich als geschützte Minderheit erfasst. Die indische Verfassung von 1949 ordnet sie in Artikel 342 als Scheduled Tribe ein. Wegen der vielfach unbefriedigenden sozialen Lage sympathisieren Teile der Santal mit Naxaliten und dem Jharkhand Tribalist Movement.
In Bangladesch wurde wiederholt über ethnische Gewalt gegen die kleine Santal-Minderheit berichtet. Am 6. November 2016 wurden bei Gewalttätigkeiten in einer Santal-Gemeinschaft in Gobindaganj im Distrikt Gaibandha mehrere Santal getötet und ihr Dorf vollständig niedergebrannt.