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Dalit

Dalit (die Unterdrückten) ist seit Ambedkar die Bezeichnung der untersten sozialen Schichten Indiens ohne Rücksicht auf ihre Kaste und umfasst Unberührbare …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Soziale Lage und politische Teilhabe
  3. 3. Koloniale Deutungen und politische Bewegungen
  4. 4. Wege zur Befreiung
  5. 5. Kancha Ilaiahs Gesellschaftskritik

Begriff und Bedeutung

Dalit bedeutet „die Unterdrückten“ und bezeichnet seit B. R. Ambedkar die untersten sozialen Schichten Indiens unabhängig von ihrer konkreten Kaste. Dazu gehören Menschen, die als „Unberührbare“ oder Kastenlose, auch Chandalas, gelten. „Unberührbarkeit“ beruht auf der Vorstellung, dass bereits die Berührung eines Menschen die rituelle und häufig auch die körperliche Reinheit beeinträchtige.

Die Bezeichnung „kastenlos“ ist ungenau: Betroffene konnten durchaus einer Jati, also einer meist mit einem Beruf verbundenen sozialen Gruppe, angehören, wurden aber keiner Varna, einer der großen erblichen Gesellschaftsklassen, zugerechnet. In der westlichen Welt ist auch die Bezeichnung „Parias“ verbreitet. Gandhi nannte sie Harijan („Kinder Gottes“, wörtlich „Hari-Geborene“). Ambedkar lehnte diesen Ausdruck ab, weil Dalit nicht als unmündige Kinder, sondern als gleichberechtigte Erwachsene behandelt werden sollten. Indische Behörden verwenden offiziell den Begriff Scheduled Castes.

Soziale Lage und politische Teilhabe

Die Zahl der hinduistischen Dalit wird auf mehr als 160 Millionen geschätzt. Rechnet man nach der im Artikel wiedergegebenen Sicht fundamentalistischer Hindus auch muslimische, buddhistische und christliche Betroffene hinzu, ergeben sich ungefähr 240 Millionen „Unberührbare“ und damit fast ein Fünftel der indischen Bevölkerung.

Die indische Verfassung stärkte 1950 offiziell die Rechte der Dalit: Diskriminierung wurde verboten und das Kastensystem offiziell abgeschafft. Dennoch prägen Diskriminierung, wirtschaftliche Ausbeutung und teilweise Verfolgung und Gewalt weiterhin den Alltag vieler Dalit. Besonders in ländlichen Gebieten bestehen rassistische und sklavereiähnliche Verhältnisse fort. Die Ausgrenzung kann so weit gehen, dass andere Menschen sogar die Berührung mit dem Schatten eines Dalit vermeiden. Wiederholt kommt es zu Gewalt und Landraub.

Für die Jahre 2011 bis 2016 verzeichnete die indische Kriminalitätsstatistik rund 193.000 Verbrechen an Dalit. Dies entsprach laut Artikel einem sechs- bis achtfachen Anstieg gegenüber den Jahren davor. Eine Dunkelziffer, also die Zahl nicht erfasster Straftaten, wurde dabei nicht berechnet.

Eine staatliche Quote soll Dalit einen ungehinderten Zugang zu Bildung und Universitäten ermöglichen. Sie führte zunächst landesweit zu zusätzlicher Gewalt durch Menschen, die sich von dieser Regelung benachteiligt fühlten. Zugleich erreichten Dalit hohe politische Ämter: 1995 wurde Mayawati als erste Dalit Ministerpräsidentin eines Bundesstaates, Uttar Pradesh. 1997 wurde K. R. Narayanan als erster Dalit indischer Staatspräsident und setzte sich gegen Kastendiskriminierung ein. Bei der Präsidentschaftswahl 2017 hatten erstmals beide Kandidaten eine Dalit-Abstammung.

Koloniale Deutungen und politische Bewegungen

Während der britischen Kolonialherrschaft entstand im 19. Jahrhundert eine südasiatische Geschichtsdeutung, nach der eingewanderte „Arier“ die einheimischen „Draviden“ unterworfen hätten. Diese Theorie wurde nicht nur von den Kolonialherren, sondern auch von kolonisierten Menschen übernommen und beeinflusst politische Debatten bis in die Gegenwart. Die wissenschaftlichen Positionen reichen von der Verneinung einer arischen Einwanderung bis zur Behauptung eines einheimischen Hinduismus.

Die Verbindung der Einwanderungsthese mit dem Kastensystem war sowohl für britische Kolonialherren als auch für indische Eliten nützlich: „Ariersein“ wurde mit der Zugehörigkeit zu den oberen drei Kasten gleichgesetzt. Dadurch ließ sich die Zusammenarbeit zwischen Briten und Angehörigen der indischen Oberschichten als Kontakt von Menschen derselben „Rasse“ darstellen. Zugleich konnten die soziale und politische Benachteiligung der Shudras und Kastenlosen historisch erklärt werden.

Jyotirao Phule (1827–1890) gehörte zu den Ersten, die sich für eine Umkehrung dieser Deutung einsetzten. Er gründete Schulen und Waisenhäuser, förderte die Frauenbildung und bekämpfte soziale sowie politische Diskriminierung aufgrund der Kaste. Seine Politik war nicht-brahmanisch und anti-brahmanisch. Später vertraten Parteien wie die South Indian Liberal Foundation, auch Justice Party genannt, und die Dravida Munnetra Kazhagam die dravidische Bewegung. Weil die Diskriminierung der Dalit trotz Industrialisierung und Verstädterung fortbestand, entstanden außerdem religiöse Bewegungen der Adi Hindu sowie im Punjab die vergleichbare Organisation Ad Dharm.

Wege zur Befreiung

Ein wichtiger Befreiungsweg innerhalb der Dalit-Bewegung war der Übertritt zu einer Religion, die die Gleichheit aller Menschen betont. C. Iyothee Thass (1845–1914) setzte früh auf die Konversion zum Buddhismus. Weil der wachsende Einfluss brahmanischer Eliten auf die Kolonialherren die Aufstiegsmöglichkeiten der Paraiyar-Mittelklasse stark einschränkte, trat er gemeinsam mit zahlreichen Gleichgesinnten zum Buddhismus über. Er begründete dies mit der These, die Paraiyar seien früher Buddhisten gewesen.

Die Verfassung der Republik Indien (Bharat) von 1949 verbietet jede Diskriminierung aufgrund von Kasten und sollte „Unberührbarkeit“ ausschließen sowie Dalit Menschenrechte und demokratische Freiheiten sichern. An anderer Stelle nennt der Artikel 1950 als Jahr der offiziellen Stärkung dieser Rechte. In der Praxis erzielten die staatlichen Maßnahmen jedoch nicht die erhofften Erfolge.

B. R. Ambedkar (1891–1956), von seinen Anhängern Babasaheb genannt, war Anwalt, Politiker, Pädagoge und ein bedeutender Sprecher der Dalit. Er selbst sprach allerdings nicht von „Dalit“, sondern von sozial benachteiligten oder unterdrückten Kasten. Aus Enttäuschung über die fortbestehende Ausgrenzung gelangte er zu der Auffassung, nur eine Abkehr vom hinduistischen System könne gesellschaftliche Emanzipation ermöglichen. Unter den Religionen, die das Kastensystem ablehnen und die Gleichheit aller Menschen betonen, hielt er den Buddhismus für besonders geeignet. 1956 leitete er deshalb eine Massenkonversion zu einer von ihm entwickelten politischen Form des Buddhismus ein.

Auch ein großer Teil der indischen Christen stammt aus Dalit-Gruppen. Eine Konversion beseitigt die Benachteiligung jedoch häufig nicht, weil überlieferte Vorurteile auch in anderen Religionsgemeinschaften fortbestehen. Im Oktober 2006, zum 50. Jahrestag der großen Konversion, traten dennoch erneut Tausende Benachteiligte zum Buddhismus oder Christentum über, teilweise in gemeinsamen Zeremonien.

Der katholische Bischof Selvister Ponnumuthan setzt sich als Leiter einer besonderen Kommission der katholischen Bischofskonferenz von Kerala für Dalit-Rechte ein. Die Mehrheit der Angehörigen seiner Diözese zählt zu den Dalit. Wer vom Hinduismus zum Christentum oder Islam übertritt, verliert offiziell seine Kastenzugehörigkeit und damit staatliche Unterstützung, obwohl der niedrige gesellschaftliche Status im Alltag bestehen bleibt.

Eine weitere Form der Emanzipation besteht darin, traditionelle Selbstverwaltungsorgane von Kasten in politische oder gewerkschaftliche Organisationen umzuwandeln. Bei den Dhobi, den Wäschern von Benares, gelang seit den 1980er Jahren eine politische Selbstorganisation mithilfe traditioneller Kastenräte. Diese vertreten nun gemeinsame Interessen und unterstützen besonders die Forderung nach öffentlichen Waschplätzen. Die Dhobi sind ein Sonderfall, weil die Mehrheit weiterhin im traditionellen Wäschereigewerbe arbeitet.

Kancha Ilaiahs Gesellschaftskritik

Kancha Ilaiah untersuchte in seinem 1996 erschienenen Werk Why I am not a Hindu das Spannungsverhältnis zwischen Hinduismus, Hindutva und Dalit-Bewegung aus der Perspektive der Kaste. Hindutva bezeichnet hier eine politische Vorstellung, nach der jeder Inder, der nicht Muslim, Christ oder Sikh ist, als Hindu gilt. Ilaiah lehnt diese Zuordnung ab und fragt grundsätzlich, ob niedrige Kasten und Kastenlose überhaupt zum Hinduismus oder zur Hindutva gehören.

Nach seiner Darstellung war ihm in seiner Kindheit „Hindu“ weder als Bezeichnung einer Religion noch einer Kultur geläufig. Wahrgenommen wurden vielmehr Muslime, Christen, Brahmanen und Baniyas als unterschiedliche Gruppen. Die stärksten Unterschiede bestanden für ihn zwischen niedrigen beziehungsweise kastenlosen Gruppen und Brahmanen sowie Baniyas. Mit Muslimen und Christen gab es dagegen alltägliche Gemeinsamkeiten, etwa Fleischessen und körperliche Berührung. Ilaiah betrachtet die Hindu-Kultur als elitäre Hochkastenkultur, die niedrigen Kasten und Kastenlosen verschlossen sei.

Er stellt brahmanische Gottheiten und Gottheiten der Dalit einander gegenüber. Erstere beschreibt er als androzentrische Kriegshelden, die das Kastensystem bewahren, nur auf Sanskrit angesprochen werden können und priesterliche Vermittlung benötigen. Die egalitären Gottheiten der Dalit seien den Menschen dagegen unmittelbar nah und mit Produktion, Erhaltung des Lebens und Fortpflanzung verbunden.

Ilaiah deutet die Lebenswelten von Dalit und Hindus als Gegensätze. Eine gewaltsame, vorherrschende brahmanische Kultur habe die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen der Dalit zerstört und ihre Entwicklung zur Gleichheit verhindert. Nach seiner Auffassung gelangten gerade durch den antikolonialen Kampf und die Unabhängigkeit Indiens 1947 die höheren Kasten an die Macht. Den Anspruch des modernen Brahmanismus, demokratisch und egalitär zu sein, weist er zurück.

Statt einer „Hinduisierung“ fordert Ilaiah eine „Dalitisierung“. In seiner Gegenüberstellung verkörpert der Brahmanismus Kapitalismus, Privateigentum und Frauenfeindlichkeit. Die Dalitkultur beschreibt er dagegen als antibrahmanisch, gemeinschaftsorientiert, egalitär, demokratisch und den Arbeitenden zugewandt; auch ihre Religion und ihre Gottheiten seien egalitär beziehungsweise geschlechtsneutral. Diese Aussagen sind Ilaiahs Positionen und nicht als allgemein anerkannte Tatsachen dargestellt.

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