Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Sahaja Yoga
Nach Angaben der Bewegung ist Sahaja Yoga der Zustand der Selbstverwirklichung, hervorgerufen durch die Erweckung der Kundalini, und wird begleitet durch die …
Inhalt5 Abschnitte
Grundverständnis
Sahaja Yoga bezeichnet sowohl eine Meditationstechnik als auch eine neue religiöse Bewegung. Sie beruht auf der Lehre der Inderin Nirmala Srivastava (1923–2011), die von ihren Anhängern Shri Mataji Nirmala Devi genannt wird. Die Organisation Sahaja Yoga International, auch Vishwa Nirmala Dharma, wurde 1970 in Nargol in Indien gegründet.
Nach Angaben der Bewegung ist Sahaja Yoga ein Zustand der Selbstverwirklichung. Er soll durch die Erweckung der Kundalini entstehen und mit gedankenfreiem Bewusstsein beziehungsweise mentaler Stille verbunden sein. Praktizierende berichten während der Meditation von einer kühlen Brise an Händen und über dem Kopf; außerdem werden Pupillendilatation sowie tiefe körperliche und geistige Entspannung genannt. Die Bewegung lehrt, die Kundalinierweckung führe langfristig zu höherem moralischem Verhalten sowie zu einer integrierten und ausgeglichenen Persönlichkeit.
Energiekanäle, Chakren und Kundalini
Die Lehre übernimmt alte hinduistische Vorstellungen eines subtilen Energiesystems. Dieses umfasst Nadis, also Energiekanäle, und Chakras, Energiezentren, die für körperliches, mentales, emotionales und spirituelles Wohlbefinden zuständig sein sollen. Nadis werden Teilen des vegetativen Nervensystems zugeordnet: Ida Nadi und Pingala Nadi entsprechen nach dieser Lehre der linken beziehungsweise rechten Seite des sympathischen Nervensystems; Sushumna Nadi in der Mitte entspricht dem parasympathischen Nervensystem.
Sahaja Yoga lehrt sieben Chakren, deren grobstoffliche Entsprechungen die Nervenplexen seien. Der Zustand der Energiezentren soll auf Händen und am Kopf konkret wahrnehmbar sein. Warme oder heiße Empfindungen an Händen, Kopf oder Handflächen werden als Blockaden gedeutet. Diese „Catches“ sollen durch Vibrationen, verstanden als objektive göttliche Energie, gefunden werden. Die Methode heißt „Vibratory Awareness“.
Den Chakren werden jeweils Qualitäten und göttliche Entsprechungen zugeschrieben. Sahaja Yoga integriert hinduistische Gottheiten wie Ganesha, Shiva und Lakshmi sowie Religionsbegründer und deren wesentliche Lehren, darunter Abraham, Moses, Jesus, Mohammed, Zarathustra, Konfuzius, Lao-tse, Buddha und Guru Nanak. Das Stirnchakra gilt beispielsweise als Sitz Jesu von Nazarets und seiner Mutter Maria.
Die Kundalini soll im Kreuzbein ruhen und nach ihrer Erweckung durch die Chakren aufsteigen, um sie auszugleichen. Sie wird mit dem Heiligen Geist gleichgesetzt; ohne ihre Erweckung sei wahrer Yoga unmöglich. Beim Aufstieg sollen sich die Qualitäten der Energiezentren zeigen. Die Lehre verbindet Schäden an Chakren mit Krankheiten und schreibt regelmäßiger Meditation heilende Wirkungen zu, betont jedoch, Heilung sei nicht ihr Hauptzweck. In Indien gibt es dennoch ein Sahaja-Yoga-Krankenhaus.
Als Ziel gilt Nirvichar Samadhi, gedankenfreies Bewusstsein. Das Erreichen des obersten Chakras, des Sahasrara oder Scheitelchakras, soll als kühle Brise über dem Kopf oder auf den Handflächen spürbar sein. Anhänger erklären, Kundalini könne erstmals in der Geschichte en masse erweckt werden; jede Person könne vor einem Bild von Mataji spontan Selbstverwirklichung erreichen.
Meditation, Verehrung und Reinigung
Selbstverwirklichung, auch Realisation, könne laut Sahaja Yoga bereits durch das Betrachten eines Fotos von Nirmala Devi und den Wunsch nach Selbstverwirklichung eintreten. Von ihr und ihrem Foto solle ein dauerhafter Strom positiver, kühler Vibrationen ausgehen; diese könnten auf Fotos sichtbar sein. Ziel der Meditation ist Samadhi, das gedankenfreie Bewusstsein. Dieses werde über Dhyana als erste und Dharana als zweite Stufe erreicht.
Empfohlen wird ein Altar mit einem Foto von Nirmala Devi, möglichst in einem dafür vorgesehenen Raum. Die meditierende Person soll bequem, idealerweise auf dem Boden, vor dem Altar sitzen, die Hände mit nach oben gerichteten Handflächen auf den Knien ruhen lassen und die Aufmerksamkeit auf das Sahasrara richten. Vor und nach der Meditation wird ein Bandhan empfohlen: ein Schutzritual mit Handbewegungen. Es soll auch etwa vor und nach Autofahrten, beim Sport, vor dem Schlafen oder beim Einkaufen angewendet werden. Meditiert werden soll morgens und abends. Nirmala Devi beschrieb Meditation als Hingabe an die Gnade Gottes und als persönliche Reise zu Gott.
Unterstützend dienen Pujas, hinduistische Gottesdienste. Gottheiten werden dabei durch die Verehrung ihres göttlichen Aspekts in Nirmala Devi verehrt: bei der Shri Krishna Puja als Krishna, zu Navaratri als Durga, zu Weihnachten als Jesus und Maria sowie bei der Shri Adi Shakti Puja als Adi Shakti, der göttlichen femininen Urkraft. Nirmala Devi hob die Shri Adi Shakti Puja hervor. Wie in hinduistischen Pujas sind Geschenke materieller oder finanzieller Art üblich; ein Großteil der Teilnahmegebühren, Dakshina oder Samarpan genannt, geht an den Guru.
Bei einem Ungleichgewicht im Chakrensystem werden Reinigungsmethoden verwendet, darunter Fußbäder in Salzwasser, Eispackungen, Schuhsohlenschlagen sowie Einreibungen mit Ölen und geklärter Butter. Viele Verfahren beziehen die vier Elemente ein oder stammen aus der traditionellen indischen Volksmedizin. Vibrationen sollen außerdem Wasser und darin gelöste Mineralstoffe verändern sowie auf Nahrungsmittel angewendet werden. So behandeltes Material heißt „vibriert“.
Entstehung der Bewegung
Der Begriff „Sahaja“ war als Verehrungssystem seit dem 8.–9. Jahrhundert in den tantrischen Traditionen von Hinduismus und Buddhismus in Bengalen verbreitet. Gorakh, Lehrer der shivaitischen Nathyogis, lehrte über Kundaliniaufstieg und den Zustand „Sahaja“. Auch Mirabai, Tukaram und später Ramana Maharshi lehrten zu verwandten Vorstellungen. Nach dem Verständnis von Sahaja Yoga wurden diese Linien jedoch durch verschiedene Einflüsse verfälscht und gelten deshalb nicht als Vorläufer.
Nach eigener Schilderung Nirmala Srivastavas setzte sie sich am 4. Mai 1970 unter einen Saru-Baum, eine Casuarina, in Nargol und meditierte tief. Am frühen Morgen des 5. Mai 1970 habe sie das Sahasrara geöffnet und dabei die Entfaltung ihrer Kundalini-Kraft sowie die Einheit mit dem göttlichen Selbst erlebt. Nargol liegt 150 Kilometer nördlich von Mumbai. Der Darstellung zufolge geschah dies nach einer Meditationsveranstaltung von Bhagwan Shree Rajneesh, später Osho, dessen Methoden sie als „Manipulation und Ausbeutung“ von Suchenden verurteilte. Sie erklärte außerdem, vor der Gründung bekannte Gurus und ihre Methoden aufgesucht zu haben. Anschließend gründete sie die Sahaja-Yoga-Bewegung.
Leitung und Kritik
Bis 2003 stand Nirmala Srivastava mit ihren engsten Vertrauten an der Spitze der Organisation; darunter folgten nationale und regionale Leiter. Im Dezember 2003 wurde das „World Council for the Advancement of Sahaja Yoga“ mit damals 19 Mitgliedern unter ihrem Vorsitz eingerichtet. Derzeit hat es 31 Mitglieder. Drei Mitglieder erfüllen zugleich Beratungsaufgaben für Finanzen, Buchführung und Eigentum, Recht sowie Veröffentlichungen.
Kritiker äußern Bedenken zum Umgang mit Kindern. Sie halten es teilweise für nicht akzeptabel, dass Eltern ihre Kinder häufig in Kleinkinderinternate oder Schulen in Indien, Tschechien und Italien geben. Außenstehenden erscheinen zudem Glaubensinhalte wie die gottähnliche Verehrung Nirmala Srivastavas und ihre Gleichsetzung mit dem Heiligen Geist unverständlich.