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Sachsenkriege Karls des Großen
Die Sachsenkriege Karls des Großen dauerten von 772 bis etwa 804. Sie begannen im Sommer 772 mit der Zerstörung der Irminsul und einem Feldzug des …
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Gegenstand und Voraussetzungen
Die Sachsenkriege Karls des Großen dauerten von 772 bis etwa 804. Sie begannen im Sommer 772 mit der Zerstörung der Irminsul und einem fränkischen Feldzug gegen die Sachsen. Ihr Abschluss wird mit der Unterwerfung der sächsischen Nordalbingier im Jahr 804 verbunden; 805 wurde Liudger zum ersten Bischof von Münster ernannt.
Die Sachsen siedelten zwischen Nordsee und Harz sowie zwischen Rhein und Eider. Sie waren den Merowingern teilweise tributpflichtig, aber nie vollständig unterworfen. Anders als die Franken bildeten sie keinen Reichsverband mit einem König, sondern lebten in einem eher lockeren Stammesverband. Zu ihren Traditionen gehörten die heidnische Religion und regelmäßige Raubzüge in fränkisches Gebiet.
Schon in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts führten Karl Martell und seine Söhne mehr als zehn Feldzüge gegen die Sachsen. Das fränkische Königtum sicherte seine Grenzen durch Burgen, darunter die Büraburg bei Fritzlar, die ab 742 Bischofssitz war, und den Christenberg bei Marburg. Ein unmittelbarer Anlass für Karls ersten Feldzug war die Plünderung und Niederbrennung der Kirche von Deventer Mitte Januar 772. Auf dem anschließenden Reichstag zu Worms wurde der Feldzug vorbereitet. Historisch ist nicht sicher, ob Karl zunächst nur die Raubzüge beenden wollte oder von Anfang an die Unterwerfung, Christianisierung und Eingliederung Sachsens in das Fränkische Reich plante.
Erste Feldzüge und religiös-politischer Konflikt
Karl zerstörte 772 die Irminsul, die sich auf dem wichtigsten Versammlungsplatz der Sachsen befunden haben soll. Über ihre genaue Gestalt und Bedeutung gibt es unterschiedliche Vermutungen. Einige Forscher sehen in ihr einen hohen Baum oder Holzstamm, der als Sinnbild einer das Himmelsgewölbe tragenden Weltsäule galt. Dies sei nicht mit der nordischen Weltesche Yggdrasil gleichzusetzen, die als Weltenbaum verstanden wird. Andere deuten die Irminsul vor allem als Wahrzeichen eines zentralen Thingplatzes, also eines politischen Versammlungsortes. Ihre Zerstörung wäre dann zugleich ein Angriff auf die politische Ordnung der Sachsen gewesen. Wahrscheinlich verband das Ereignis religiöse und politische Motive.
Der fränkische Sommerfeldzug von 772 war zunächst erfolgreich. Karls Heere drangen von linksrheinischen Ausgangspunkten nach Sachsen vor, eroberten die Syburg bei Dortmund und die Eresburg, bei der die Irminsul gestanden haben soll, und erreichten die Weser. Karl verhandelte mit sächsischen Adligen, die ihm Geiseln als Pfand stellten. Während Karl anschließend in Italien gegen die Langobarden kämpfte, setzten vor allem bäuerliche Aufgebote unter Führung des westfälischen Adligen Widukind den Widerstand fort. Sie zerstörten und plünderten fränkische Siedlungen, Klöster und Kirchen, vor allem im heutigen Rheinland.
775 führte Karl sein Heer von Düren über Syburg, Eresburg und den Brunsberg bei Höxter in den ostfälischen Raum bis zur Oker. Dort unterwarfen sich Hessi und andere Sachsen. Über Hildesheim und Nordstemmen zog Karl in den Bukkigau am Bückeberg, wo die Engern Geiseln gestellt hatten, und anschließend nach Hlitbeki, dem heutigen Lübbecke. 777 fand in der neu gegründeten Karlsburg, der späteren Pfalz Paderborn, erstmals eine fränkische Reichsversammlung auf sächsischem Boden statt. Sie sollte die Bekehrung der Sachsen fördern. Dabei wurden unter anderem angelsächsische Missionare aus England sowie Kräfte aus den Abteien Hersfeld und Fulda eingesetzt. Karl wollte außerdem die Kirche mit ihren Klöstern, Bildungseinrichtungen und Verwaltungsformen für die Organisation Sachsens nutzen.
Eskalation, Repression und Einlenken
Nach den ersten Unterwerfungen organisierten sich die Sachsen unter Widukind neu. Sie überfielen chattische Orte und Festungen im heutigen Hessen, verwüsteten die rechte Rheinseite zwischen Deutz und der Lahnmündung und bedrohten das Kloster Fulda. Anders als bei früheren, schlecht organisierten Vorstößen traten sie nun auch in offenen Feldschlachten auf. Ein fränkisches Heer schlug sie 778 in der Schlacht bei Laisa und Battenfeld vernichtend.
782 teilte Karl das sächsische Land auf dem Reichstag zu Lippspringe in fränkische Grafschaften auf. Außerdem ließ er Abgaben eintreiben, heidnische Bräuche unterdrücken und Zwangsbekehrungen durchführen. Dies löste besonders unter bäuerlichen Sachsen neue Empörung aus, während Teile des Adels mit den Franken zusammenarbeiteten. Im selben Jahr vernichtete Widukind am Süntelgebirge ein fränkisches Heer, während Karl gegen die Sorben kämpfte.
Karl reagierte mit harter Repression. Besonders bekannt ist das sogenannte Blutgericht von Verden, bei dem nach den Quellen 4500 Sachsen enthauptet worden sein sollen. Diese Zahl gilt in der Forschung als Übertreibung; archäologische Spuren eines solchen Massakers wurden bislang nicht gefunden. Zudem wird vermutet, dass ein Schreibfehler vorliegen könnte: Aus delocabat, „siedelte um“, könnte decollabat, „enthauptete“, geworden sein. Eine andere Deutung bezieht decollabat auf 4500 sächsische Adlige, die sich Karl als Geiseln gestellt hatten. Die Frage ist daher nicht abschließend geklärt. Widukind war zuvor nach Dänemark geflohen.
Das Sondergesetz Capitulatio de partibus Saxoniae stellte Verstöße gegen die christliche Reichsordnung unter Todesstrafe. Dazu zählten unter anderem die Verunglimpfung eines Priesters oder einer Kirche, die heidnische Feuerbestattung und das Essen von Fleisch an Fastentagen. Auch Deportationen wurden gezielt als Mittel der Unterwerfung und Befriedung eingesetzt. Alkuin, ein angelsächsischer Gelehrter, Vertrauter Karls und ab 796 Abt von Saint-Martin de Tours, kritisierte diese Härte. Er forderte, das Wort Gottes durch Predigten und nicht mit dem Schwert zu verbreiten. Wegen seiner kompromisslosen Politik erhielt Karl den Beinamen „Sachsenschlächter“.
Im Sommer 783 kam es bei Detmold und an der Hase zu weiteren Gefechten. Die Überlieferung berichtet, sächsische Frauen hätten sich barbrüstig auf die überraschten Franken gestürzt. Auch Karls neue Gemahlin Fastrada, die Tochter des Grafen Radulf, soll sich der Überlieferung zufolge barbrüstig in die Schlacht geworfen haben.
Die Wende kam 785: Widukind ließ sich, vermutlich in der Königspfalz Attigny, taufen und leistete Karl, der als Taufpate auftrat, den Treueeid. Spätere Quellen nennen daneben elf weitere mögliche Tauforte, darunter Hohensyburg, Paderborn und Worms. Danach wurde Sachsen schrittweise in das Frankenreich eingegliedert. Zugleich erreichten die Franken an der Elbe slawisches Siedlungsgebiet und gerieten in die Konflikte zwischen Dänen, nordelbischen Sachsen und Slawen. 789 errichteten sie gegen die Wilzen zwei Holz-Erde-Burgen an Elbbrücken; die Gleichsetzung mit dem Höhbeck-Kastell ist nicht sicher.
Letzter Aufstand und Eingliederung
792 erhoben sich die Sachsen zum letzten Mal in größerem Umfang. Anlass war eine Zwangsaushebung, also die Rekrutierung von Sachsen für die Awarenkriege. Karl antwortete mit Zwangsdeportationen. Sächsisches Land vergab er an Franken und an seine abodritischen Verbündeten, unter anderem in Wagrien und bei Plön in Ostholstein. Ortsnamen wie Sachsenhausen werden mit den Verbannungsorten der Sachsen in Verbindung gebracht. Ein großer Teil der Sachsen unterwarf sich, doch bis zum fränkischen Kriegszug nach Nordelbien 804 kam es weiterhin zu Unruhen.
Karl setzte nun neben Repression auch auf Versöhnung. Eine Synode in Bayern 796 und Alkuin erinnerten ihn daran, dass die Bekehrung nach christlicher Lehre nicht Menschenwerk, sondern Werk Gottes sei. Die Kirche stand Massentaufen skeptisch gegenüber und verlangte, dass der Taufe eine Unterweisung vorausgehe. Auch die Umsiedlungspolitik und die Besteuerung der Sachsen wurden kritisiert. 797 lockerte das Capitulare Saxonicum die Sondergesetze. 802 wurde das sächsische Volksrecht, die Lex Saxonum, festgeschrieben. Aus dem alten Brauchtum wurde jedoch alles entfernt, was der Christianisierung widersprach.
Die kirchliche Infrastruktur festigte die Eingliederung. Bistümer wurden in Paderborn, Münster, Bremen, Minden, Verden und Osnabrück gegründet. Damit wurde die über etwa 30 Jahre mit großer Gewalt durchgesetzte Einverleibung Sachsens in das Fränkische Reich und seine Christianisierung dauerhaft abgesichert. Für Nordwestdeutschland gilt diese Umwälzung, die 804/05 ihren Abschluss fand, als die größte gewaltsame Veränderung seiner Geschichte. Der Stellinga-Aufstand bildete ein späteres Nachspiel.
Mit den Sachsenkriegen endete die Völkerwanderungszeit im Nordwesten des Reiches. Einhard bezeichnete den Krieg als den schwersten, den das fränkische Volk geführt habe. Zwei Jahrhunderte später stellten die Sachsen mit den Ottonen die Könige des ostfränkischen Reiches. Seit Otto I. im Jahr 962 stellten sie auch die Kaiser des von Karl dem Großen erneuerten westlichen Kaiserreichs.
Umsiedlungen, Quellenlage und spätere Deutungen
Als Folge der Kriege kam es 794, 804 und 808 zu Umsiedlungen. Teilstämme der Sachsen wurden in das Innere des Frankenreiches verpflanzt; fränkische Siedler wurden im nördlichen Sachsenland bis zur Elbe angesiedelt. Den Reichsannalen zufolge erfolgte die Ansiedlung der Sachsen verteilt über verschiedene Gebiete. Einhard berichtet, Karl habe zehntausend Männer mit Frauen und Kindern von ihren Wohnsitzen an beiden Ufern der Elbe wegführen und in vielen Gruppen in Germanien und Gallien ansiedeln lassen. Archäologisch lassen sich die in den Quellen genannten Deportationen jedoch nicht nachweisen. Insgesamt sind die Sachsenkriege im archäologischen Befund nur marginal erkennbar; Anzeichen für eine Entvölkerung des Gebietes fehlen.
Die schriftlichen Quellen, besonders die Annales regni Francorum und Einhards Vita Karoli Magni, informieren dagegen vergleichsweise ausführlich über den Kriegsverlauf. In der volkstümlichen frühmittelalterlichen Legendenbildung erhielt Karl eine düstere Rolle, während Widukind als Gegenspieler hervortrat. Einhard nannte den Krieg „den langwierigsten, grausamsten und für das Frankenvolk anstrengendsten“.
Diese Sichtweise war nach dem Ersten Weltkrieg sowie in den 1920er und 1930er Jahren besonders in neu-völkischen Kreisen verbreitet. Nationalsozialisten wie Heinrich Himmler verehrten Widukind und deuteten seinen Kampf als Verteidigung einer nordischen, heidnischen Kultur gegen das fränkische Christentum. Dazu gehörte auch die Errichtung eines Denkmals für die angeblich ermordeten Sachsen in Verden. Ab der Mitte der 1930er Jahre wurde Karl unter dem Einfluss Adolf Hitlers zugleich wieder als große historische Gestalt dargestellt. Hitler bezeichnete ihn am 4. Februar 1942 als „einen der größten Menschen der Weltgeschichte“ und wandte sich dagegen, ihn als „Karl den Sachsenschlächter“ zu bezeichnen.