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Merowinger

Die Merowinger (selten Merovinger) waren das älteste Königsgeschlecht der Franken von Mitte des 5. Jahrhunderts bis 751. Nach ihnen wird die historische …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundzüge und Bedeutung
  2. 2. Von Childerich I. bis zum Ende der Dynastie
  3. 3. Verwaltung und gesellschaftliche Ordnung
  4. 4. Ursprung, Legitimation und Sakralkönigtum
  5. 5. Archäologie und kulturelle Zeugnisse

Grundzüge und Bedeutung

Die Merowinger waren das älteste Königsgeschlecht der Franken. Ihre Herrschaft reichte von der Mitte des 5. Jahrhunderts bis 751. Nach ihnen wird die Übergangszeit von der Spätantike zum Frühmittelalter im gallisch-germanischen Raum „Merowingerzeit“ genannt. Diese Epoche ist für die europäische Geschichte bedeutsam, weil sich in ihr aus den politischen und kulturellen Resten des Weströmischen Reiches neue mittelalterliche Strukturen entwickelten.

Die Grundlage für den Aufstieg der Dynastie schuf der fränkische Kleinkönig Childerich I. Sein Sohn Chlodwig I. eroberte fast ganz Gallien und machte das Frankenreich zur erfolgreichsten post-römischen Reichsbildung im Westen. Besonders wichtig war Chlodwigs Übertritt zum katholischen Christentum. Da die gallorömische Mehrheitsbevölkerung ebenfalls katholisch war, wurden religiöse Konflikte vermieden, die in anderen germanisch-romanischen Reichen zwischen arianischen Herrschern und der römischen Bevölkerung entstanden.

Die frühen Merowinger verbanden fränkische Herrschaft mit spätantiken römischen Formen. Sie bezogen die gallorömische Elite in Verwaltung und Regierung ein, nutzten weiterhin städtische Zentren und orientierten sich an römischen Ämtern und Verwaltungspraktiken. Im weiteren Verlauf verfielen jedoch die römischen Institutionen, die Verwaltung wurde weniger leistungsfähig und das kulturelle Niveau sank insgesamt. Gleichzeitig entstanden neue politische und gesellschaftliche Strukturen, die für das Mittelalter prägend wurden.

Von Childerich I. bis zum Ende der Dynastie

Historisch sicher belegt ist die Dynastie erst im 5. Jahrhundert. 1653 wurde in Tournai das Grab Childerichs I. gefunden, der 481 oder 482 starb. Er bezeichnete sich als rex; diese Bezeichnung bedeutete damals nicht unbedingt „König“ im späteren Sinn. Childerich war offenbar ein Fürst der Salfranken und kämpfte als Föderatenführer im Dienst Westroms beziehungsweise im Umfeld des Heermeisters Aegidius. Seine Stellung wurde durch die weiterhin arbeitenden römischen Rüstungsbetriebe in Tournai gestützt. Um 469 bekämpfte er sächsische Plünderer; dabei fiel der römische comes Paulus. Ob Aegidius, Paulus und Childerich um die Kontrolle der letzten weströmischen Armee in Gallien rivalisierten, ist eine Vermutung der neueren Forschung.

Chlodwig I. herrschte nach traditioneller Chronologie von 481/482 bis 511. Wohl 486 beseitigte er Syagrius, den Sohn des Aegidius. Danach besiegte er benachbarte fränkische Kleinkönige, die Alamannen (496/506) und 507 die Westgoten. In der Schlacht tötete er den westgotischen rex Alarich II. und eroberte den größten Teil des südlichen Galliens. Chlodwig erhielt vom oströmischen Kaiser Anastasius die Ehrenämter eines Konsuls und patricius und prägte Goldmünzen im Namen des Augustus. Erst nach seinem Tod gewannen die Franken Zugang zum Mittelmeer.

Chlodwig teilte das formal ungeteilte Reich unter seinen vier Söhnen Theuderich I., Chlodomer, Childebert I. und Chlothar I. Drei Linien starben aus, sodass Chlothar I. das inzwischen um Thüringen und Burgund erweiterte Reich von 558 bis 561 wieder vereinigte. Um 585 endete die Praxis, Münzen im Namen des oströmischen Kaisers zu prägen. Die Merowinger erkannten damit ihre zunehmend unabhängige Stellung deutlicher an. Zugleich blieb das dynastische Prinzip entscheidend: Nur Angehörige der merowingischen Familie galten als rechtmäßige Thronfolger.

Unter den späteren Königen wurde das Reich erneut geteilt. Die Teilreiche Austrasien im Osten, Neustrien im Westen und Burgund im Südosten führten wiederholt Krieg. 613 vereinigte Chlothar II. das Gesamtreich erneut, nachdem die Königinwitwe Brunichild ausgeschaltet worden war. Ihr Tod stärkte den Adel. Dagobert I. (629–639) konnte sich noch vergleichsweise erfolgreich gegen die Großen behaupten, musste aber ebenfalls Kompromisse eingehen. Chlothar II. und Dagobert I. gelten in der traditionellen Forschung als die letzten wirklich mächtigen Merowinger.

Im 7. Jahrhundert wuchs die Macht der Hausmeier, ursprünglich Hofverwalter. Sie übernahmen immer wichtigere Aufgaben, besaßen umfangreichen Landbesitz und machten das Amt schließlich erblich. Nach der Schlacht bei Tertry 687 stiegen die späteren Karolinger endgültig auf. Karl Martell setzte zwischen 717 und 719 konkurrierende Hausmeier außer Kraft und regierte bis zu seinem Tod 741 als eigentliche Macht hinter merowingischen Königen. 737 ließ er den Thron nach dem Tod Theuderichs IV. unbesetzt. Sein Sohn Pippin der Jüngere erhob 743 Childerich III. zum König, setzte ihn aber 751/752 ab und wies ihn in das Kloster Sithiu ein. Childerich ist am 20. Juni 751 letztmals als rex bezeugt; am 1. März 752 erscheint Pippin erstmals als rex. Der genaue Zeitpunkt des Dynastiewechsels ist daher nicht bekannt.

Ob die letzten Merowinger tatsächlich völlig machtlos waren, ist umstritten. Spätere, pro-karolingische Quellen schildern sie als bloße „Schattenkönige“ oder als „rex inutilis“. Urkunden zeigen jedoch, dass einzelne späte Könige Gerichte abhielten, Urkunden ausstellten, über Hausgüter verfügten und Privilegien verliehen. Historiker wie Ian N. Wood, Bernhard Jussen und Johannes Fried bezweifeln deshalb, dass die überlieferte Darstellung zuverlässig ist. Sie könnte die Machtlosigkeit der Merowinger übertrieben haben, um die Absetzung Childerichs und den problematischen Dynastiewechsel zu rechtfertigen.

Verwaltung und gesellschaftliche Ordnung

Das merowingische Verwaltungssystem orientierte sich zunächst stark am spätantiken römischen Vorbild. In der königlichen Kanzlei arbeiteten Referendarii. Diese weltlichen, gebildeten Amtsträger berieten den König rechtlich und übernahmen administrative sowie fiskalische Aufgaben; viele waren Galloromanen. Auch der gallorömische Senatsadel blieb im frühen Merowingerreich einflussreich.

Grundlage der Verwaltung waren die Städte. Sie bildeten eine wichtige Verbindung zur römischen Vergangenheit und verwalteten die Reste der kaiserlichen Fiskalgüter. In jeder Stadt amtierte ein comes civitatis als königlicher Statthalter. Er besaß Verwaltungs-, Gerichts- und Militärbefugnisse und war der wichtigste weltliche Funktionsträger auf lokaler Ebene.

Die Einnahmen des Königtums stammten aus dem Königsschatz, der Kopf- und Grundsteuer, den königlichen Ländereien und der Kriegsbeute. Die Steuerlisten wurden nach römischem Vorbild geführt, später aber nicht mehr regelmäßig aktualisiert. Dadurch zahlten manche Menschen zu wenig, andere zu viel; außerdem entzogen sich Personen der Besteuerung, und in Randgebieten verlor der König die Kontrolle. Die Verwaltung benötigte regelmäßige Einnahmen, um Heere und Beamte zu finanzieren, doch eine rigorose Steuererhebung machte einzelne Beamte bei der Bevölkerung verhasst.

Im 7. Jahrhundert verschob sich die Macht zugunsten der Bischöfe und weltlichen Großen. Seit der Zeit Chlothars II. und Dagoberts I. erhoben in den Städten nicht mehr königliche Beamte, sondern Bischöfe die Steuern. Kopf- und Grundsteuer wurden nicht mehr neu festgesetzt, sondern zu gewohnheitsrechtlichen Abgaben. Das Edictum Chlotharii von 614 zwang den König zu mehreren Zugeständnissen an die Großen und schwächte die Zentralgewalt weiter. Zum Hof gehörten unter anderem der Hausmeier, der thesaurarius für den Königsschatz, der domesticus als Haushofmeister und der oberste referendarius als Leiter der Kanzlei. Die Amtsbezeichnung cubicularius verschwand im frühen 7. Jahrhundert aus den Quellen.

Die Forschung bewertet die Gesellschaft unterschiedlich. Einige Historiker betonen die Kontinuität zur Spätantike und rechnen die Merowingerzeit teilweise noch dieser Epoche zu. Andere sehen bei den fränkischen Eliten eine stark gewaltgeprägte, von Fehden und Bürgerkriegen bestimmte Kultur. Dabei muss berücksichtigt werden, dass kirchliche und andere erzählende Quellen Gewalt oft besonders hervorheben, um die beschriebenen Personen moralisch negativ darzustellen. Mischa Meier verbindet die Gewaltentwicklung außerdem mit der bereits spätantiken Militarisierung Galliens.

Ursprung, Legitimation und Sakralkönigtum

Die Herkunft und Legitimation der Merowinger sind nicht eindeutig geklärt. In der Forschung wird diskutiert, ob die Dynastie auf einem vorchristlichen, möglicherweise göttlichen Ursprungsmythos beruhte und ob daraus ein germanisches Sakralkönigtum abgeleitet werden kann. Karl Hauck vertrat seit 1955 die Auffassung, bei den Merowingern habe sich die Tradition eines alten germanischen Sakralkönigtums erhalten. Alexander C. Murray widersprach dieser Deutung 1998 entschieden. Neuere Positionen halten teilweise schon die Vorstellung eines einheitlichen „germanischen Königtums“ für einen späteren Mythos.

Im Mittelpunkt steht eine Herkunftssage der Fredegar-Chronik aus dem 7. Jahrhundert. Chlodios Frau soll beim Baden am Meer einem Meeresungeheuer, der bestia Neptuni („Untier Neptuns“), begegnet sein, das dem Quinotaurus ähnlich war. Danach gebar sie Merowech, den Großvater Chlodwigs I. Die Sage lässt offen, ob das Ungeheuer selbst Merowechs Vater war oder ob die Begegnung nur ein Vorzeichen darstellte und Chlodio der Vater blieb. Der Chronist erklärt daraus den Namen der späteren Frankenkönige: Sie seien nach Merowech Merohingii genannt worden.

Hauck deutete die Erzählung als Ausdruck einer sakralen Königsidee. Er verstand das lateinische aut … aut nicht als „entweder – oder“, sondern als „sowohl – als auch“: Chlodio und das tiergestaltige Wesen seien demnach identisch gewesen. Die Stiergestalt habe göttliche Schöpfungs- und Fruchtbarkeitskraft symbolisiert. Als zusätzliches Indiz verwies Hauck auf einen goldenen Stierkopf aus dem Grab Childerichs I. und nahm einen älteren Kultus an.

Murray hält die Stierdarstellung dagegen für möglicherweise spätantike oder keltische Importware. Die Sage sei kein überlieferter heidnischer Mythos, sondern eine christliche, gelehrte Erklärung des Namens Merowech. Ein gebildeter Franke habe den Namen als „Meer-Vieh“ gedeutet und dabei Anregungen aus der bekannten Minotauros-Sage verarbeitet. Ian Wood hält sogar eine Verspottung sakraler Deutungen für möglich. Außerdem nehmen Patrick J. Geary und Guy Halsall an, Childerich könne vor allem ein spätrömischer Söldnerführer eines heterogenen Verbandes gewesen sein; die Dynastie müsse dann nicht auf eine alte Familie zurückgehen.

Auch das lange Haar der Merowinger wird unterschiedlich erklärt. Es kann als Zeichen eines alten Heerkönigtums oder der Herrscherfamilie verstanden werden, aber ebenso als fortgesetzte spätantike Haartracht kriegerischer Aristokraten. Einhard berichtet, die letzten Merowinger seien in einem von Ochsen gezogenen carpentum gefahren. Ob dies ein Kultwagen war, ist umstritten; ältere Quellen nennen solche Wagen nicht als besonderes königliches Merkmal. Zugleich waren carpenta in der Spätantike Fahrzeuge hoher Würdenträger. Insgesamt bleibt ein sakraler Ursprung der Dynastie unbelegt. Die besondere Bindung des Thronrechts an die Merowinger lässt sich auch durch dynastisches Denken erklären, ohne ein Sakralkönigtum vorauszusetzen.

Archäologie und kulturelle Zeugnisse

Neben schriftlichen Quellen liefern vor allem Gräber wichtige Informationen über die Merowingerzeit. Eine Nekropole wird durch die Ausgrabung unwiederbringlich zerstört; deshalb müssen Lage, Bau und Inhalt jedes Grabes genau dokumentiert werden. Heute interessiert die Forschung nicht nur an reichen Funden, sondern auch an den Lebensbedingungen der einfachen Bevölkerung. Grabbeigaben und Grabformen geben Hinweise auf wirtschaftliche Möglichkeiten und Vorstellungen vom Jenseits.

Die ältere Vorstellung einer vollständig „dunklen“ und unkultivierten Merowingerzeit wurde relativiert. Besonders die frühen Merowinger pflegten römische Formen und besaßen einen eigenen ästhetischen Anspruch. Mindestens bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts überwogen die Kontinuitäten zur Spätantike; manche Historiker rechnen sogar die gesamte Zeit bis zur Absetzung Childerichs III. im Jahr 751 noch zur Spätantike. Gleichzeitig lässt sich zwischen 450 und 700 ein Rückgang der materiellen Kultur und ein Niedergang der antiken Bildung feststellen.

In Gräbern finden sich unter anderem Almandin-Scheibenfibeln, Glasperlen, goldene Schmuckplättchen, Goldlahn, Ohrringe, Gürtelschnallen, Beingurte und Ringe aus Edelmetall. In Oberschichtsgräbern kommen bis nach 600 auch Münzen und Schmuck aus Ostrom vor. Aufwendige Beisetzungen zeigen Reichtum und sozialen Gruppendruck, weil die Familie wertvolle Gegenstände dauerhaft dem eigenen Besitz entzog. Später wurden viele reiche Gräber beraubt. Weniger wohlhabende oder romanisierte Familien gaben häufig weniger wertvolle Gegenstände bei, wodurch ihre Gräber nicht einfach als Zeugnisse „armer“ Bevölkerung gedeutet werden dürfen. Die Datierung ist schwierig, weil Gegenstände manchmal erst beigesetzt wurden, nachdem sie bereits aus der Mode gekommen waren.

Von der merowingischen Architektur sind nur wenige Bauten erhalten, darunter die Kirche Saint-Pierre in Vienne, das Baptisterium St-Jean in Poitiers sowie einzelne Kapellen und Krypten. Viele westeuropäische Bistümer und Kathedralen gehen auf diese Zeit zurück. Klöster wie Luxeuil, Fontaine-lès-Luxeuil und Sankt Gallen waren kulturell wichtig. Bedeutende Zentren der Buchmalerei und des Schreibens waren unter anderem Luxeuil, Chelles, Corbie und Laon. Ein großer Bestand merowingerzeitlicher Funde aus dem Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte gelangte nach dem Zweiten Weltkrieg als Beutekunst in die Sowjetunion und wurde ab April 2007 in Moskau wieder öffentlich und wissenschaftlich zugänglich.

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