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Søren Kierkegaard

Ausdrücklich wird daher Abrahams Absicht gutgeheißen, Isaak auf Gottes Befehl hin zu opfern, auch wenn sich Abraham damit über die Ethik hinwegsetzt.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Werk
  2. 2. Leben und prägende Erfahrungen
  3. 3. Wahrheit, Glaube und Existenz
  4. 4. Die drei Stadien der Existenz
  5. 5. Späte Schriften, Kirchenkampf und Wirkung

Bedeutung und Werk

Søren Aabye Kierkegaard (* 5. Mai 1813 in Kopenhagen; † 11. November 1855 ebenda) war ein dänischer Philosoph, Essayist, evangelisch-lutherischer Theologe und religiöser Schriftsteller. Er gilt als führender dänischer Philosoph, bedeutender Prosa-Stilist und wichtiger Vertreter von Dänemarks Goldenem Zeitalter. Häufig wird er als Wegbereiter oder erster Vertreter der Existenzphilosophie verstanden.

Kierkegaard verteidigte die Idee des Christentums gegen die Wirklichkeit der Christenheit. Seine philosophisch-dichterischen Schriften veröffentlichte er meist unter Pseudonymen wie Johannes Climacus, Victor Eremita, Johannes de Silentio und Anti-Climacus. Diese Namen sollten vor allem Abstand zwischen Autor und dargestellter Position schaffen; sie waren nicht bloß zur Geheimhaltung gedacht. Predigten und religiöse Reden veröffentlichte er dagegen unter eigenem Namen. Etwa ein Drittel seines gedruckten Werkes besteht aus solchen Texten.

Seine Hauptwerke erschienen, abgesehen von frühen und postum publizierten Schriften, zwischen 1843 und 1855. Er finanzierte ihre Drucklegung selbst und blieb dadurch von Verlagen unabhängig. Zu seinen wichtigen Werken gehören Entweder – Oder (1843), Furcht und Zittern (1843), Die Wiederholung (1843), Philosophische Brocken (1844), Der Begriff Angst (1844), Stadien auf dem Lebensweg (1845), Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift (1846), Taten der Liebe (1847), Die Krankheit zum Tode (1849), Einübung in das Christentum (1850) und Zur Selbstprüfung, der Gegenwart anempfohlen (1851). Seine umfangreichen Tagebücher wurden postum als Teil des Gesamtwerks veröffentlicht.

Leben und prägende Erfahrungen

Kierkegaards Leben spielte sich fast vollständig in Kopenhagen ab, das damals kaum mehr als 100.000 Einwohner hatte. Äußerlich ereignisarm, war es nach dem Artikel von religiöser Selbstprüfung, inneren Konflikten und Schwermut geprägt. Er war tief religiös, sah sich in der Nachfolge Christi und hielt seine Konflikte in umfangreichen Tagebüchern fest. Er blieb unverheiratet, interessierte sich wenig für Politik und andere Kunstformen, besuchte aber häufig Opern und das Königliche Theater. Seine humanistische Bildung umfasste die griechisch-römische Antike, europäische Schriftsteller und besonders deutsche Philosophie.

Er war das jüngste von sieben Kindern des wohlhabenden Kaufmanns Michael Pedersen Kierkegaard (1756–1838) und Ane Sørensdatter Lund Kierkegaard (1768–1834). Der Vater, streng religiös, gebildet und schwermütig, beeinflusste seine geistige und seelische Entwicklung stark. Bis 1835 starben fünf seiner Geschwister; auch die Mutter starb 1834. Der Vater deutete diese Verluste als Strafe Gottes für frühere Sünden. Sein Tod 1838 war für Kierkegaard ein „großes Erdbeben“ und eine „furchtbare Umwälzung“. Das Erbe von 30.000 Reichstalern sicherte Kierkegaards Leben finanziell, sodass er nicht für seinen Unterhalt arbeiten musste.

1830 begann er in Kopenhagen Philosophie und protestantische Theologie zu studieren. Nach einer zunächst wenig ernsthaften Studienzeit schloss er 1840 mit der theologischen Staatsprüfung ab und erwarb 1841 den Magistergrad mit der Dissertation Über den Begriff der Ironie mit ständiger Hinsicht auf Sokrates. Ein Tagebucheintrag vom 1. August 1835 formuliert sein persönliches Leitmotiv: Er wolle eine „Wahrheit für mich“ und die Idee finden, „für die ich leben und sterben will“.

1837 lernte er Regine Olsen (1822–1904) kennen. Die Verlobung im September 1840 löste er im August 1841 wieder. Als Gründe nannte er Schwermut und sein Vorleben; außerdem erschien ihm eine Ehe mit seiner religiösen Bestimmung unvereinbar. Regine Olsens spätere Heirat mit Johan Frederik Schlegel 1843 traf ihn schwer. Die Beziehung wurde besonders für Stadien auf dem Lebensweg (1845) literarisch bedeutsam. Reisen nach Berlin 1841 und 1843, bei denen er Vorlesungen Schellings hörte, verarbeitete er in Die Wiederholung. Dort ist die eigentliche Wiederholung nicht real möglich, sondern nur durch Glauben, „kraft des Absurden“.

Wahrheit, Glaube und Existenz

Kierkegaard wollte zeigen, dass Wahrheit nicht einfach in Sätzen gelehrt werden kann. Wahrheit ist für ihn eine Bewegung des Menschen in der Zeit. Wichtige Begriffe sind der Augenblick, die Wiederholung und der Sprung. Das Christentum bedeutet für ihn, dass die Wahrheit in Christus in die Zeit gekommen ist. Der Mensch kann sich zu dieser Wahrheit nur verhalten, indem er Christus ähnlich wird.

Er lehnt spekulative Philosophie im Sinn Hegels ab. Sie beanspruche, objektive, also außerhalb des Menschen liegende Wahrheit angemessen erkennen und begreifen zu können. Kierkegaard verbindet Philosophie und Glauben: Philosophie ist ihm ein Mittel, den christlichen Glauben neu zu bedenken. Später grenzt er sich zudem scharf vom amtlichen Christentum ab.

Die Existenzphilosophie richtet den Blick auf den Menschen in seinen Grundsituationen: Angst, Verzweiflung, Liebe und Sorge. Der Mensch ist kein festgelegtes Wesen, sondern frei, verantwortlich und dazu fähig, sich selbst zu entwerfen. Angst macht die Vielzahl möglicher Lebensgestaltungen sichtbar. Dadurch erfährt der Mensch die Freiheit, Entscheidungen zu treffen; sein Spielraum wird zum Seinkönnen. Kierkegaard überträgt eigene Erfahrungen von innerer Zerrissenheit auf den Grundzustand des Menschen und beschreibt Verzweiflung als „Krankheit zum Tode“.

Die drei Stadien der Existenz

Kierkegaard unterscheidet drei Stadien oder Sphären der menschlichen Existenz.

• Im ästhetischen Stadium lebt der Mensch unmittelbar in sinnlicher Empfindung und Anschauung. Er nutzt seine Handlungsmöglichkeiten nicht bewusst, entscheidet nicht und übernimmt daher keine Verantwortung. Weil er sich selbst nicht klar erkennt und in Äußerlichkeiten bleibt, ist er latent verzweifelt. Er erkennt noch nicht, dass er ein Selbst ist, das sowohl körperlich-geistig als auch über die bloße Welt hinaus, also transzendent, besteht. Ironie hilft: Durch ironische Distanz zu sich selbst kann der Mensch seine Verzweiflung wahrnehmen und zum nächsten Stadium gelangen.

• Im ethischen Stadium versteht sich der Mensch als immanentes und transzendentes Wesen und erkennt Verantwortung für sich und die Welt. Freiheit verwirklicht sich durch Entscheidung: Der Mensch wählt unter seinen Möglichkeiten und kann so zu sich selbst kommen. Dabei erkennt er jedoch seine Endlichkeit und Ohnmacht. Er kann den transzendenten Grund seines Selbst nicht aus sich selbst begründen. Ohne Beziehung zu Gott gerät er erneut in Verzweiflung: entweder weil er verzweifelt selbst sein will oder weil er verzweifelt nicht er selbst sein will. Humor verbindet nach Kierkegaard Endliches und Unendliches; er ist aber noch keine Religion, sondern die letzte Vorstufe zum Glauben.

• Im religiösen Stadium akzeptiert der Mensch sein Gesetzt-Sein von Gott und versteht sich als Selbst, dem nur von Gott als dem Unendlichen Existenz zukommt. Ziel ist ein existenzielles Verhältnis zu Gott. Gott kann nicht rational erkannt werden, weil er als Absoluter der Kausalität der Welt nicht unterworfen ist. Glaube verlangt daher die „Kreuzigung des Verstandes“. Der Verstand bleibt wichtig als Korrektiv gegen Unvernünftiges und für Selbstreflexion, reicht aber nicht zur Gotteserkenntnis aus.

Der Glaube wird möglich, weil Gott sich in Christus offenbart: Gott ist zugleich Mensch und Gott. Das ist für Kierkegaard das unauflösbare Paradox, dass das Zeitlose in der Zeit, das Transzendente in der Immanenz und das Unendliche in der Endlichkeit existiert. Der Mensch vollzieht deshalb einen Sprung in den Glauben. Da dieses rechte Verhältnis zu Gott nur im Augenblick gelingt und immer wieder verloren geht, muss der Sprung im Glauben stets neu „wiederholt“ werden.

Späte Schriften, Kirchenkampf und Wirkung

Zwischen 1843 und 1846 veröffentlichte Kierkegaard die meisten philosophischen Hauptwerke. Entweder – Oder beschreibt das ästhetische und ethische Stadium und weist am Ende bereits auf das religiöse hin. Furcht und Zittern meditiert über Abraham und Isaak: Beim Übergang vom Ethischen zum Religiösen steht der Einzelne höher als das Allgemeine, also das Ethische, und schuldet nur Gott Gehorsam. Daher wird Abrahams Bereitschaft, Isaak auf Gottes Befehl zu opfern, trotz des Konflikts mit der Ethik bejaht. Zugleich heißt es, kraft des Glaubens sei alles möglich.

Ab 1847 schrieb Kierkegaard stärker unmittelbar religiös. Taten der Liebe behandelt Nächstenliebe und die Frage, wie die von Christus offenbarte Liebe in jeder einzelnen Handlung sichtbar werden kann. Die Krankheit zum Tode beschreibt den Menschen als Spannung zwischen dem sterblichen, mangelhaften Wesen des Alltags und der Möglichkeit ewiger Seligkeit. In Einübung in das Christentum fordert Kierkegaard, Jesus Christus ohne Einschränkung nachzufolgen. Im Mittelpunkt steht besonders das Leiden Christi: Wahres Christentum finde seinen Ausdruck nur im persönlichen Leiden.

In seinen letzten Jahren radikalisierte sich seine Kritik an der dänischen Staatskirche. Nach dem Tod des Bischofs Jacob Peter Mynster 1854 griff er die Bezeichnung Mynsters als „Wahrheitszeuge“ öffentlich an. In Artikeln für Fædrelandet und ab Mai 1855 in der Zeitschrift Der Augenblick, von der zehn Nummern erschienen, warf er der Amtskirche vor, Christentum nicht zu vertreten, sondern zu verhindern; ihre Riten seien Fälschung, Lüge und Komödienspiel. Am 2. Oktober 1855 erlitt er einen Schlaganfall und starb am 11. November 1855 gegen 21 Uhr im Alter von 42 Jahren an Tuberkulose der Wirbelsäule (Pottsche Krankheit, Gibbus).

Außerhalb Dänemarks wurde Kierkegaard erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts breiter rezipiert. Georg Brandes machte ihn mit Sören Kierkegaard – Ein literarisches Charakterbild (1879) in Deutschland bekannt. Im 20. Jahrhundert beeinflusste Kierkegaard unter anderem Karl Barth, Rudolf Bultmann, Martin Heidegger, Karl Jaspers und Dietrich Bonhoeffer.

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