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Russlandbild
Der Terminus Russlandbild bezeichnet die Wahrnehmung und die Gefühle, die Nichtrussen Russland und den Russen entgegenbringen. In der Wissenschaft (vgl.
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Begriff und Grundzüge
Der Begriff Russlandbild bezeichnet die Wahrnehmungen und Gefühle, die Nichtrussen Russland und den Russen entgegenbringen. Besonders in der deutschen Wissenschaft ist dieser Fachbegriff verbreitet. Wegen der wechselvollen deutsch-russischen Beziehungen entstanden sehr unterschiedliche Vorstellungen, die von Russophilie, also Bewunderung für Russland, bis zu Russophobie, also starker Ablehnung oder Feindschaft, reichen. Der Artikel behandelt hauptsächlich die Situation in Deutschland; seine Neutralität ist laut einem Hinweis umstritten.
Als Ursachen unterschiedlicher gegenseitiger Wahrnehmungen nennt der Artikel verschiedene historische und kulturelle Rahmenbedingungen in Ost und West. Dazu gehören Unterschiede zwischen orthodoxem und lateinischem Christentum, zwischen Vielvölker- und Nationalstaaten sowie zwischen unterschiedlichen Rechts-, Herrschafts- und geografischen Strukturen. Daraus seien verschiedene Kulturauffassungen, Mentalitäten und Denkweisen hervorgegangen, die Missverständnisse, falsche Annahmen und Konflikte begünstigten.
Der Artikel beschreibt westliche Gesellschaften als stark individualistisch und führt aus, dass der Westen andere Gesellschaften häufig anhand des eigenen Selbstbildes bewerte. Dabei würden nichtwestliche Staaten oft als rückständig oder vormodern eingeordnet und Beziehungen zu ihnen asymmetrisch gestaltet. Diese Deutung soll westliche Russlandbilder seit etwa 1550 prägen. Für Russland wird demgegenüber eine orthodox geprägte Einteilung des Fremden in „richtig“ oder „falsch“ beschrieben. Seit den Reformen Peters des Großen sei die eigene Identität stärker in Auseinandersetzung mit dem Westen geraten. Die neuere russische Politik betone einen traditionellen russischen Sonderweg und grenze sich vom westlichen Entwicklungsmodell ab. Diese Aussagen sind als Deutungen des Artikels wiederzugeben, nicht als unumstrittene Tatsachen.
Die deutsche Besonderheit und die Zeit bis 1800
Als Besonderheit des deutschen Russlandbildes beschreibt der Artikel eine Art Selbstspiegelung: Deutsche hätten in Russland häufig eigene Eigenschaften, Hoffnungen oder Ängste wiedererkannt. Dies werde mit der Vorstellung einer „Seelenverwandtschaft“ und mit den sogenannten deutschen und russischen Sonderwegen verbunden. Russen hätten Deutschen häufig ein besonderes Verständnis für die „russische Seele“ zugeschrieben. Deutschland habe deshalb teilweise als bevorzugter Ansprechpartner und kultureller Übersetzer zwischen Russland und dem Westen gegolten. Das deutsche Russlandbild bewegte sich besonders stark zwischen Furcht und Faszination.
Bis ungefähr 1800 wurde Europa nach Darstellung des Artikels eher in einen nördlichen und einen südlichen Raum eingeteilt als in Ost und West. Zum nördlichen Machtzentrum zählten Dänemark, Schweden, Polen, Brandenburg beziehungsweise Preußen und Russland; das südliche Zentrum umfasste die übrigen europäischen Staaten. Mit dem Ende der Nordischen Kriege 1721 übernahm Russland den Großmachtstatus Schwedens. Es wurde damals als nördliche und noch nicht als östliche europäische Großmacht wahrgenommen. Die Aufklärung markierte anschließend einen Wendepunkt in der Betrachtung des jeweils anderen.
Gegensätzliche Bilder im 19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert intensivierten sich nach etwa hundert Jahren kontinuierlicher politischer Beziehungen die Kontakte zwischen Deutschen und Russen. Positive und negative Bilder bestanden gleichzeitig und hingen stark von der politischen Haltung ab, etwa davon, ob jemand liberal oder konservativ sowie für oder gegen Frankreich eingestellt war.
Während Napoleons Russlandfeldzug von 1812 kämpften zwangsrekrutierte deutsche Truppen gegen Russland. Heimkehrende Überlebende aus Bayern, Hessen, Baden, Württemberg und anderen Gebieten berichteten besonders von Kälte, großen Entfernungen, grausamen Bewohnern und einer als primitiv dargestellten Lebensweise. Auch die Legende vom russischen Winter als Bezwinger der Grande Armée prägte das Russlandbild breiter Bevölkerungsschichten.
Schon 1813 änderte das preußisch-russische Bündnis in den Befreiungskriegen die Wahrnehmung: Russische Kosaken und der Zar wurden in Preußen, Hamburg und anderen zuvor französisch besetzten Gebieten als Befreier gefeiert. Gleichzeitig verbanden zahlreiche Eheschließungen des russischen Kaiserhauses mit deutschen Fürstenfamilien die adeligen Eliten beider Länder. Konservativ-aristokratische Kreise sahen Russland positiv als Bewahrer einer natürlichen Ordnung. Liberale betrachteten es dagegen seit der Mitte des Jahrhunderts als „Hort der Despotie“ und fürchteten besonders während der Revolutionen von 1848/1849 ein russisches Eingreifen. Russische Literatur, Musik und russisches Ballett vermittelten in Deutschland zugleich erstmals das Bild einer eigenständigen russischen Hochkultur.
Feindbilder, Revolution und Nationalsozialismus
Nach der Ära Bismarck nahm die Feindseligkeit gegenüber Russland zu; der Artikel weist allerdings selbst darauf hin, dass Bismarcks Rolle noch unzureichend dargestellt ist. Im frühen 20. Jahrhundert setzte sich auch in der deutschen Oberschicht ein überwiegend negatives Russlandbild durch. Das Weltmachtstreben Kaiser Wilhelms II. belastete die frühere Allianz der konservativen Monarchien. Russland wurde als Gegner des Liberalismus und Unterdrücker des gesellschaftlichen Fortschritts dargestellt. Selbst der Sozialdemokrat August Bebel erklärte 1907, er sei im Fall eines Krieges bereit, gegen Russland als „Feind aller Kultur und aller Unterdrückten“ zu kämpfen.
Im Ersten Weltkrieg wurden Deutschland und Russland zu erbitterten Gegnern. Deutsche Propaganda deutete den Krieg als Kampf europäischer Kultur gegen asiatische Barbarei. Medien beschrieben Russen stereotyp als einfältig, unzivilisiert und grausam und sollten dadurch Angst, Hass und ein eindeutiges Feindschema erzeugen. Verbrüderungen zwischen deutschen und russischen Soldaten sollten verhindert werden.
Die Oktoberrevolution von 1917 führte zu einem erneuten Bruch. In der Weimarer Republik galt Sowjetrussland Anhängern der KPD als politisches Vorbild; Kritik von links kam hauptsächlich aus oppositionell-sozialistischen und sozialdemokratischen Kreisen. Weil Deutschland und Russland international als „geächtet“ galten und unter anderem aufgrund des Vertrags von Rapallo zusammenarbeiteten, besonders auf militärischem Gebiet, verstärkte auch die politische Rechte das vorhandene Feindbild zunächst nicht offensiv.
Unter dem Nationalsozialismus erreichte das Feindbild eine extreme rassistische Form. Ältere Vorstellungen von einer „asiatischen“ und vermeintlich unmenschlichen Rückständigkeit verbanden sich mit Antisemitismus und Antikommunismus zum Schlagwort vom „jüdischen Weltbolschewismus“. Diese Ideologie beeinflusste die Bevölkerung und diente als Rechtfertigung für deutsche Gräueltaten während der Besetzung der Sowjetunion. Nach der Kriegswende verstärkten Racheakte sowjetischer beziehungsweise russischer Soldaten an den vorherigen Aggressoren antirussische Ressentiments in Deutschland.
Geteiltes Deutschland und Gegenwart
Nach 1945 blieb das antirussische Feindbild in großen Teilen der westdeutschen Öffentlichkeit bestehen. Im Westen wurde „Russland“ in stereotypen Darstellungen häufig mit der gesamten Sowjetunion gleichgesetzt. Die Teilung Europas erzeugte eine neue gedankliche Grenze: Nach der vom Artikel wiedergegebenen Einschätzung Aleksej Millers erschien der Westen als zivilisiert, während der Osten als asiatisch und barbarisch galt.
In der DDR trat an die Stelle des offenen Feindbildes eine staatlich verlangte Freundschaft mit der führenden Macht des Ostblocks. Der Artikel bezeichnet dieses Verhältnis als faktisches Vasallenverhältnis und beurteilt die Freundschaft als nur oberflächlich in der Bevölkerung verankert. Begrenzte Austauschprogramme, etwa über die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, ermöglichten jedoch direkte Kontakte.
Mit der Perestroika unter Michail Gorbatschow verbesserte sich das deutsche Russlandbild bis in die 1990er Jahre, blieb aber von älteren, meist negativen Stereotypen beeinflusst. Seit dem Beginn der Ära Wladimir Putins und der stockenden Demokratisierung wurde es wieder negativer. Nach Darstellung des Artikels wurde Russlands wirtschaftliche Entwicklung seit dem Beginn des neuen Jahrtausends teilweise nicht wahrgenommen. Dadurch sei vielen westlichen Beobachtern die breite Unterstützung der russischen Führung in der Bevölkerung unverständlich geblieben.
Als wiederkehrende russische Verhaltensweisen in internationalen Krisen nennt der Artikel das Schaffen vollendeter Tatsachen, die Blockade von Krisendiplomatie und das Verbreiten von Desinformation. Er verbindet dies mit dem Transnistrien-Konflikt, dem Vorstoß nach Priština, dem Konflikt mit Georgien um Südossetien und der Annexion der Krim. Russland gerate zudem wegen der Umsetzung von Menschenrechtsabkommen und anderen internationalen Vereinbarungen in die Kritik und werde häufig vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt. Auch in Zeiten politischer Zusammenarbeit blieb deshalb die Forderung nach einer Verbesserung der Rechtsstaatlichkeit ein wichtiges Thema westlicher Debatten.