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Deutscher Sonderweg
Die Entwicklungen in der deutschen Geschichte, die als „Sonderweg“ bezeichnet werden, sind zweifelsohne deutsche Besonderheiten. · Auch wer (wie Helmuth Plessner) …
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Kernaussage und Bedeutung
Die These vom Deutschen Sonderweg, auch Sonderwegsthese genannt, behauptet, dass sich demokratische Strukturen in Deutschland wesentlich anders entwickelt hätten als im europäischen Regelfall, für den vor allem Frankreich und Großbritannien stehen. Diese besondere Entwicklung soll sich aus der deutschen Geschichte erklären lassen. Umstritten ist jedoch, ob Deutschland tatsächlich einen Sonderweg oder lediglich einen Eigenweg nahm. Grundsätzlich setzt die These voraus, dass es überhaupt eine normale historische Entwicklung hin zur liberalen Demokratie gibt.
Hans-Ulrich Wehler beschreibt die Geschichte des preußisch dominierten Deutschen Reiches bis zum Ende der Weimarer Republik als „eigentümliches Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne“. Was im Kaiserreich teilweise als Zeichen deutscher Überlegenheit galt, deutet er um: Der Sonderweg sei Ausdruck eines strukturellen Modernisierungsdefizits gewesen und habe letztlich in den Nationalsozialismus geführt. Nach 1945 wurde die zuvor häufig positiv bewertete Andersartigkeit Deutschlands daher zunehmend negativ als mögliche Fehlentwicklung verstanden.
Merkmale und angenommene Ursachen
Als wichtiges Merkmal gilt die Politik deutscher Führungsschichten im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Ihnen werden antiparlamentarische und antidemokratische Einstellungen sowie die Ablehnung liberaler und sozialer Bewegungen zugeschrieben, etwa durch die Sozialistengesetze. Besonders die preußische Führung habe ihre Macht ausweiten und zugleich die Monarchie erhalten wollen. Ihre Politik habe die gesamtdeutsche Entwicklung seit 1814/15 entscheidend geprägt. Daraus seien ein kulturelles Überlegenheitsgefühl und ein übersteigerter Nationalismus entstanden.
Als frühe Ursachen nennt die These die Kleinstaaterei im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und den aufgeklärten Absolutismus in Preußen und Österreich. Anders als die zentralisierten Königreiche England und Frankreich blieb Deutschland politisch zersplittert. Zugleich nahmen die absolutistischen Staaten teilweise Reformen vorweg, die in Frankreich erst durch die Französische Revolution erreicht wurden. Dies könnte die Autoritätsgläubigkeit des deutschen Bürgertums gefördert haben.
Auch die Weimarer Klassik wird als mögliche Alternative zur gewaltsamen bürgerlichen Revolution in Frankreich eingeordnet. Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller suchten angesichts der französischen revolutionären Terrorherrschaft nach einer gesellschaftlichen Verbesserung durch ästhetische Bildung und die Hebung der moralischen Gesinnung von Adel und Bürgertum. Schillers Schrift „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ erschien 1795. Gleichzeitig entstand wie in anderen europäischen Staaten ein Bildungsbürgertum, das Bürgern Aufstiegsmöglichkeiten und Adeligen ein Rückzugsgebiet bot.
Kultur und Zivilisation
Die Besonderheiten Deutschlands wurden nicht nur als Rückstand, sondern lange als Ausdruck eines höheren Wertes verstanden. Seit Germaine de Staëls „De l’Allemagne“ von 1813 bezeichneten viele Deutsche ihr Land unter Berufung auf Goethe und Immanuel Kant als „Land der Dichter und Denker“. Damit sollte die politische Unterlegenheit gegenüber den westlichen Nationalstaaten durch eine behauptete kulturelle Überlegenheit ausgeglichen werden.
Kant unterschied Kultur als moralische Lebenshaltung von einer auf materielles Wohlbefinden gerichteten Zivilisation. In diesem Denken galt Kultur als geistig und seelisch tiefgehend, Zivilisation dagegen als oberflächlich. Thomas Mann vertrat diese Gegenüberstellung während des Ersten Weltkrieges besonders zugespitzt in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“. Allerdings tragen die Wörter civilisation beziehungsweise civilization im Französischen und Englischen viele positive Bedeutungen, die im Deutschen mit „Kultur“ verbunden werden, etwa die höchste Entwicklungsstufe einer Gesellschaft.
Das französische Konzept der Zivilisation beanspruchte auf Grundlage der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte universale Geltung. Das deutsche Kulturkonzept betonte dagegen die Besonderheit verschiedener kultureller Lebensformen, die als gleichberechtigte Einheiten nebeneinander bestehen sollten. Dazu passte das Föderalismusprinzip. Diese Vorstellung spiegelte die deutsche Kleinstaaterei im Gegensatz zum französischen Zentralismus wider.
In den „Ideen von 1914“ diente der Sonderweg der Rechtfertigung der deutschen Kriegspolitik. Aristokratische Eliten sahen Deutschland zwischen den kapitalistischen Klassengesellschaften Frankreichs und Englands und der zaristischen Autokratie Russlands. Als Alternative entwarfen sie eine harmonische, alle Klassen verbindende „Volksgemeinschaft“, geführt von einer bildungsbürgerlichen Bürokratie und geschützt durch die preußisch-deutsche Militärmonarchie. Der Adel versuchte zudem, über Hochschulen, Verwaltung und Militär Einfluss und Lebensstil zu bewahren. Die Vorstellung einer antikapitalistischen, antiliberalen und konfliktfreien „Volksgemeinschaft des nationalen Sozialismus“ erschien später in radikalisierter Form in der nationalsozialistischen Ideologie.
Typische Belege der Sonderwegsthese
Als Belege für einen deutschen Sonderweg wurden mehrere Entwicklungen angeführt:
• Die Industrialisierung habe wegen einer konservativen, an Zünften orientierten Wirtschaftspolitik 30 bis 40 Jahre später als in Großbritannien eingesetzt.
• Die nationalen und liberalen Kräfte scheiterten in der Märzrevolution von 1848 mit dem Versuch, ein parlamentarisches System zu schaffen. Mit der Reichsgründung von 1871 entstand stattdessen ein monarchischer preußisch-deutscher Staat. Einheit und Freiheit wurden nicht gemeinsam verwirklicht; das Bürgertum arrangierte sich mit dem Obrigkeitsstaat. Das preußische Dreiklassenwahlrecht schränkte das allgemeine Wahlrecht bis 1918 ein und verzögerte die Parlamentarisierung. Heinrich August Winkler bezeichnet dies als „ungleichzeitige Demokratisierung“.
• Die Novemberrevolution von 1918/19 sei unvollständig geblieben. Aus Angst vor einer Linksdiktatur kooperierten die Führer der SPD mit den alten Eliten, sodass die Demokratie in Beamtenschaft und Militär nicht fest verankert wurde. In der späteren Krise konnten Großindustrielle wie Fritz Thyssen und der Medienindustrielle Alfred Hugenberg dem Nationalsozialismus den Weg ebnen.
• Das Dritte Reich gilt in dieser Deutung als extremer Endpunkt des Sonderwegs. Sein Zusammenbruch führte zur deutschen Teilung und zum Verlust des Großmachtstatus. Die alliierten Siegermächte banden Deutschland durch äußeres Eingreifen in ein freiheitliches demokratisches System ein. Historiker wie Winkler sehen jedoch in der Entwicklung der Bundesrepublik als Teil des liberal-demokratischen „Westens“, in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und schließlich in der friedlichen Wiedervereinigung eine Überwindung des Sonderwegs.
Kritik und heutige Einordnung
In der neueren Forschung wird die Sonderwegsthese überwiegend relativiert oder ganz abgelehnt. Der wichtigste Einwand lautet, dass es keinen eindeutigen europäischen Normalweg zur liberalen Demokratie gab. Auch Großbritannien entwickelte sich nicht geradlinig. Spanien, Italien, Österreich und Ungarn waren ebenfalls von Kriegen, Revolutionen, politischer Instabilität sowie starken autoritären und aristokratischen Kräften geprägt. Eine vergleichsweise kontinuierliche Demokratisierung wird vor allem den Beneluxländern und den skandinavischen Staaten, teilweise auch Frankreich, zugeschrieben. Winkler spricht für Deutschland deshalb von einem „langen Weg nach Westen“, wobei unklar bleibt, was dieser „Westen“ genau umfasst.
Weitere Kritikpunkte betreffen einzelne Voraussetzungen der These. Wer Deutschland wie Helmuth Plessner als „verspätete Nation“ bezeichnet, muss nach Michael Kotulla einen überzeugenden Vergleichsmaßstab nennen. Frankreich, Italien und Preußen befanden sich um 1869/1870 auf einem ähnlichen Entwicklungsstand; die Pariser Kommune zeigte zudem die Instabilität der französischen Nationsbildung. Die deutsche Verfassungsentwicklung wich außer in der Föderalismusfrage nicht wesentlich vom europäischen Vergleich ab. Deutschland war nach Bismarcks Formulierung 1871 „saturiert“ und stellte nicht mehr Gefahr für seine Nachbarn dar als andere große Nationalstaaten.
Auch das deutsche Bürgertum sei im 19. Jahrhundert nicht so schwach gewesen, wie die Sonderwegsthese annimmt. Seit 1871 war es trotz fehlender formeller bürgerlicher Revolution die tonangebende gesellschaftliche Schicht. Es verlor möglicherweise an eigenem Profil, nicht aber an Einfluss.
Grundsätzlich wird kritisiert, die These bewerte Geschichte rückblickend und normativ: Liberal-demokratische Regierungsformen erscheinen als „gut“, autokratischere als „schlecht“. Dadurch werde eine zielgerichtete und zwangsläufige Entwicklung unterstellt. Die Weimarer Republik besaß jedoch demokratisches Entwicklungspotenzial; ihr Scheitern war nur eine Möglichkeit und nicht von Anfang an unvermeidlich.
Bei der Kontinuität rechter Strömungen ist ebenfalls zu unterscheiden. Nach Hans-Christof Kraus lässt sich zwar eine Linie von militant-völkischen und radikal-nationalistischen Bewegungen des späten 19. Jahrhunderts bis zum Nationalsozialismus ziehen. Eine durchgängige Kontinuität vom traditionellen Konservatismus bis zu Hitler und seiner Ideologie habe jedoch nicht bestanden. Als großes Forschungsdefizit gelten fehlende transeuropäische Vergleiche, die auch Japan und die USA einbeziehen und radikalen Nationalismus, Chauvinismus und Militarismus untersuchen. Ohne solche Studien ist ein abschließendes Urteil schwierig. Die Sonderwegsthese steht außerdem in engem Zusammenhang mit der „Singularitätsthese“.