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Deutsch-russische Beziehungen
In den deutsch-russischen Beziehungen dominierten zeitweise Kooperation, Allianz oder Feindseligkeit. Nach der Entspannungspolitik und dem Ende des Kalten …
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Kern und heutiger Stand
Deutsch-russische Beziehungen bezeichnen die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. Sie waren historisch wechselhaft: zeitweise geprägt von Kooperation, Bündnissen und Handel, zeitweise von Feindschaft, Krieg und gegenseitigem Misstrauen. Nach Entspannungspolitik, Ende des Kalten Krieges und deutscher Wiedervereinigung 1990 arbeiteten Deutschland und Russland zeitweise im Sinne einer strategischen Partnerschaft zusammen.
Deutschland unterhält die Deutsche Botschaft Moskau, ein Generalkonsulat in Sankt Petersburg sowie Honorarkonsuln in Wladiwostok, Kasan und Saratow. Russland unterhält eine Botschaft in Berlin und ein Generalkonsulat in Bonn.
Seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim und dem Beginn des Ukraine-Krieges 2014 sind die Beziehungen angespannt. Beide Staaten verhängten Sanktionen gegeneinander. Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine seit Februar 2022 verschlechterte sich das Verhältnis weiter. Deutschland verurteilte den Angriff scharf; Bundeskanzler Olaf Scholz sprach von einer „Zeitenwende“, leitete eine Erhöhung des Militäretats ein, und das Genehmigungsverfahren für die zweite Gasleitung durch die Ostsee wurde ausgesetzt.
Frühe politische Beziehungen bis zum Absolutismus
Die Anfänge reichen in eine Zeit zurück, in der es „Deutschland“ und „Russland“ im modernen Sinn noch nicht gab. Auf deutscher Seite entstand seit 843 das Ostfrankenreich, aus dem sich unter den Ottonen im 10. Jahrhundert das Heilige Römische Reich entwickelte. Auf russischer Seite entstand seit 882 die Kiewer Rus, die 988 unter Wladimir dem Heiligen vom lateinischen zum orthodoxen Christentum konvertierte.
Frühe Kontakte bestanden aus westlichen Missionierungsversuchen, dynastischen Verbindungen, Bündnissen und Handel. 973 ist eine Gesandtschaft von Russen auf dem Reichstag Ottos I. in Quedlinburg bezeugt. 1017 folgte ein erstes Bündnis zwischen dem Römischen Kaiser und der Kiewer Rus gegen den polnischen Herzog Boleslaw.
Während der mongolischen Herrschaft von 1240 bis 1480 wurden politische Beziehungen stark unterbrochen, doch Handelsbeziehungen zwischen Nowgorod, Pskow, Hansestädten und dem Deutschen Ordensstaat blieben wichtig. 1242 stoppte Alexander Jaroslawitsch Newski in der Schlacht auf dem Peipussee den Ostdrang der deutschen Ritter. Mit dem Aufstieg Moskaus und der Schließung des Hansekontors Peterhof 1494 durch Iwan III. verlor Nowgorod seine westlichen Beziehungen.
Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts wurde das Großfürstentum Moskau für Habsburg als möglicher Bündnispartner interessant, zuerst gegen Polen-Litauen, später zur Abwehr osmanischer Angriffe. In der Diplomatie ging es den Zaren auch darum, den Titel „Zar“ dem Kaisertitel gleichzustellen, was traditionell abgelehnt wurde.
Zur Zeit Peters I. verstärkte Russland seine Einbindung in das westeuropäische Staatensystem. Peters Große Gesandtschaft führte 1697 zu einem Freundschaftsvertrag mit Brandenburg und 1698 zu einem Pakt gegen Schweden. Im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) war Russland zeitweise mit Sachsen und Preußen gegen Schweden verbündet; der Krieg endete mit dem Sieg der Allianz und der Proklamation des Russischen Kaiserreiches 1721. Im 18. und frühen 19. Jahrhundert wechselten Bündnisse und Gegensätze, doch nach Napoleons Russlandfeldzug 1812 leitete die Konvention von Tauroggen vom 30. Dezember 1812 eine längere preußisch-russische Bündnispolitik ein. 1815 entstand daraus die Heilige Allianz Russlands, Österreichs und Preußens.
Imperien, Weltkriege und Sowjetzeit
Im Deutschen Kaiserreich versuchte Otto von Bismarck, die europäische Machtbalance zu sichern. Auf dem Berliner Kongress 1878 schlichtete er Konflikte um den Balkan, verärgerte aber Russland. Der Dreikaiserbund von 1881, erneuert 1884, und der geheime Rückversicherungsvertrag von 1887 sollten die deutsch-russische Partnerschaft stabilisieren. Nach Bismarcks Entlassung wurde der Rückversicherungsvertrag 1890 nicht erneuert; Russland wandte sich Frankreich zu.
Im Ersten Weltkrieg führte der Konflikt zum Zweifrontenkrieg des Deutschen Reiches. Erich Ludendorff ließ russische Revolutionäre, darunter Lenin, aus dem Schweizer Exil durch Deutschland reisen, um den Zusammenbruch der russischen Armee zu beschleunigen. Nach der Machtübernahme der Bolschewiki schlossen die Mittelmächte und Sowjetrussland am 3. März 1918 den Friedensvertrag von Brest-Litowsk, in dem Sowjetrussland unter Protest große Gebiete aufgab.
In der Weimarer Republik näherten sich Deutschland und Sowjetrussland wegen ihrer außenpolitischen Isolation an. Der Vertrag von Rapallo 1922 stellte diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen wieder her und verzichtete auf Rechte aus Brest-Litowsk und Versailles. Gleichzeitig arbeiteten Reichswehr und Rote Armee zusammen; deutsche Offiziere wurden in der Sowjetunion ausgebildet, und deutsche Rüstungsunternehmen halfen beim Aufbau sowjetischer Rüstungsindustrie.
Die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 beendete zunächst diese Nähe. Der Gegensatz beruhte auf der ideologischen Feindschaft zwischen Nationalsozialismus und Bolschewismus. Dennoch unterzeichneten Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow am 23. August 1939 den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt. Am 28. September 1939 folgten der Grenz- und Freundschaftsvertrag und ein Geheimabkommen über die Aufteilung Polens. Nach tiefen Interessengegensätzen begann acht Monate nach Molotows Berlin-Besuch im November 1940 mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion der Deutsch-Sowjetische Krieg. Vier Jahre später stand die Rote Armee in Berlin und an der Elbe.
Nach 1945 prägten die Verbrechen der Wehrmacht und die Teilung Deutschlands das Verhältnis. In der Bundesrepublik führten Adenauers Moskaureise 1955 zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen und zur Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen und Zivilinternierten aus der UdSSR. Die Neue Ostpolitik Willy Brandts und Egon Bahrs entspannte die Beziehungen, besonders durch den Moskauer Vertrag 1970 und die KSZE 1975. Die DDR erhielt 1954 erweiterte Souveränitätsrechte, blieb aber in der Praxis eng von der Sowjetunion abhängig. Die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft sollte Wissen über Kultur und Gesellschaft der Sowjetunion vermitteln.
Wiedervereinigung, Partnerschaft und Bruch seit 2014
Nach 1990 bildeten der Vertrag über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit vom 9. November 1990, die Gemeinsame Erklärung vom 21. November 1991 und der Zwei-plus-Vier-Vertrag vom 12. September 1990 die Grundlage der Beziehungen. Deutschland war für die Abwicklung der Folgen der Wiedervereinigung dankbar und unterstützte eine stärkere Einbindung Russlands in europäische Strukturen. Unter Gerhard Schröder und Wladimir Putin wurden die Beziehungen besonders in Wirtschaft und politischem Dialog sehr eng; seit 1998 fanden jährliche bilaterale Regierungskonsultationen statt.
Frank-Walter Steinmeier war als Außenminister ein wichtiger Vertreter enger Zusammenarbeit. 2008 bot er eine „Modernisierungspartnerschaft“ an, von der er eine Liberalisierung Russlands erwartete. Später stellte er 2014 fest, dass Russland die Voraussetzungen einer solchen Partnerschaft, etwa eine offene Zivilgesellschaft, nicht angenommen hatte. Die Nord-Stream-Pipeline wurde am 8. November 2011 eingeweiht. Eine 2011 begonnene Bundeswehr-Modernisierungspartnerschaft mit Russland, in deren Rahmen Rheinmetall ein Gefechtsübungszentrum für 135 Millionen Euro liefern sollte, wurde nach der Krimannexion im August 2014 gekündigt.
Wichtige bilaterale Austauschformate waren die Strategische Arbeitsgruppe für Wirtschaft und Finanzen seit 2000, der Petersburger Dialog seit 2001, die Regierungskonsultationen seit 1999 und die Hochrangige Arbeitsgruppe für Sicherheitspolitik seit 2003. Nach der Annexion der Krim 2014 wurden mehrere Formate ausgesetzt, beendet oder stark eingeschränkt; der Petersburger Dialog wurde 2023 aufgelöst, inoffiziell aber weitergeführt.
Seit 2014 verschlechterten sich die Beziehungen drastisch. Sanktionen richteten sich zunächst gegen Personen aus dem Umfeld der russischen Regierung und nach dem Abschuss von MH-17 auch gegen Unternehmen. Hinzu kamen Vorwürfe russischer Propaganda, Hackerangriffe auf den Deutschen Bundestag, der Mordfall Selimchan Changoschwili in Berlin, der Giftanschlag auf Alexei Nawalny, gegenseitige Ausweisungen von Diplomaten sowie russische und prorussische Cyberangriffe. 2023 stufte Russland Deutschland und andere Sanktionsstaaten als „existenzielle Bedrohung“ ein. Ebenfalls 2023 wurden deutsche Staatsbedienstete in Russland auf 350 begrenzt; Deutschland entzog vier von fünf russischen Generalkonsulaten die Lizenz, woraufhin mehrere Konsulate auf beiden Seiten geschlossen wurden. 2024 wurden weitere Vorfälle wie Cyberangriffe, Spionagevorwürfe und diplomatische Einbestellungen genannt. Am 1. September 2026 erklärte die Bundesregierung laut Artikel, Russland für einen versuchten Drohnen-Anschlag am Flughafen Leipzig/Halle verantwortlich zu machen, und kündigte die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn zum 18. September 2026 sowie die Kündigung des Vertrags für das Russische Haus in Berlin zum 6. Dezember 2026 an.
Wirtschaftliche Beziehungen
Deutschland und Russland betrieben lange intensiven bilateralen Handel. 2021 betrug das Handelsvolumen 59,75 Milliarden Euro. Deutschland bezog vor allem Erdgas über Nord Stream sowie Erdöl und exportierte pharmazeutische Produkte und Maschinen nach Russland.
Nach der Annexion der Krim 2014 verhängte die EU Sanktionen gegen Russland. Im 18. Deutschen Bundestag befürworteten drei von vier Fraktionen diese Sanktionen; die Ausnahme war Die Linke.
Seit März 2022 gelten scharfe Sanktionen gegen Russland. Deutsche Unternehmen exportierten im März 2022 57,5 Prozent weniger nach Russland als im März 2021: 1,1 Milliarden Euro statt etwa 2,6 Milliarden Euro. Russland fiel laut Statistischem Bundesamt im März 2022 bei deutschen Exporten außerhalb der EU von Rang 5 im Februar auf Rang 12. Im Juni 2022 lagen die deutschen Exporte nach Russland im Vergleich zum Vorjahresmonat um 41,6 Prozent niedriger und betrugen 1,2 Milliarden Euro. Der deutsch-russische Handel hatte 2012 mit 80,9 Milliarden Euro ein Allzeithoch erreicht; 2022 waren es 50 Milliarden Euro.
Kulturelle und wissenschaftliche Beziehungen
Kulturelle Beziehungen begannen besonders nach der Befreiung von der Mongolenherrschaft um 1480. Die Moskauer Großfürsten und Zaren Iwan III. und Iwan IV. warben deutsche Handwerker, Militärs, Ärzte, Apotheker, Gelehrte, Techniker, Waffenschmiede, Ingenieure und Instrukteure an. In Moskau entstand im 16. Jahrhundert die „Deutsche Vorstadt“, eine Ausländersiedlung etwa zwei Kilometer nordöstlich des Zentrums.
Peter der Große öffnete Russland um 1700 stark für westeuropäische und deutsche Einflüsse. Deutsche Gelehrte und Fachleute prägten Wissenschaft und Kultur. Die russischen Wissenschaftler Wassili Nikititsch Tatischtschew, Michail Wassiljewitsch Lomonossow und Wassili Kirillowitsch Trediakowski wurden von deutschen Gelehrten wie Gottfried Wilhelm Leibniz und Christian Wolff beeinflusst. Ab 1698 begann an der Universität Halle geregelter Russischunterricht. Der Hallesche Pietismus wirkte nach Russland hinein; Laurentius Blumentrost leitete ab 1716 den Aufbau der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg.
Unter Katharina II. begann 1763 eine planmäßige Ansiedlung deutscher Bauern in Russland. Besonders von 1804 bis 1842 wanderten Menschen aus Süd- und Südwestdeutschland in Gebiete um Odessa, Bessarabien, die Krim und den Südkaukasus aus; dort entstanden 181 Mutterkolonien.
Im 19. Jahrhundert wurde deutsche Literatur und Philosophie in Russland stark aufgenommen, etwa durch Puschkin, Dostojewski und Tolstoi. Umgekehrt begeisterte man sich in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts für russische Literatur; Dostojewski wirkte auf Friedrich Nietzsche, und Tolstoi wurde im 20. Jahrhundert in Schriften Martin Heideggers wichtig. Vor und nach dem Ersten Weltkrieg beeinflussten sich beide Seiten in Kunst, Literatur und Architektur, etwa bei Der Blaue Reiter, Bauhaus und Avantgarde.
In der Weimarer Republik gab es intensive deutsch-sowjetische Wissenschaftskontakte. Das 1921 eingerichtete Büro für ausländische Wissenschaft und Technik in Berlin vermittelte Buchaustausch und wissenschaftliche Erkenntnisse. Von 1925 bis 1933 wurden 55.000 sowjetische Einzelbände monographischer Literatur nach Deutschland geliefert. Gemeinsame Wochen, Konferenzen und Expeditionen, darunter 1928 die Deutsch-Sowjetische Alai-Pamir-Expedition, stärkten den Austausch.
Nach 1945 blieben Kriegserfahrungen prägend. In der DDR sollte die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft antisowjetische Einstellungen abbauen; kulturelle und studentische Kontakte mit der Sowjetunion waren offiziell stark gefördert. Bis 1990 schlossen rund 12.000 Studenten ihr Studium in der Sowjetunion ab. In Westdeutschland nahm der kulturelle Austausch besonders in den 1980er Jahren zu; 1988 kam ein Kulturabkommen zustande. Seit 1990 entwickelten sich Kultur- und Bildungsaustausch weiter, etwa durch Partnersprachen-Abkommen 2003, wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit, Koordinierungsbüros für Schüler- und Jugendaustausch seit 2006, das Goethe-Institut in Russland und das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur in Deutschland. Seit 2014 belasteten Propaganda, Falschinformationen und Medienverbote diese Beziehungen deutlich.