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Rundfunkpropaganda im Zweiten Weltkrieg

Die NS-Propaganda benutzte als erste den Rundfunk als Waffe im propagandistischen Kampf. Propagandaminister Joseph Goebbels hielt schon 1933 den Rundfunk …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Rundfunk als Mittel der Kriegspropaganda
  2. 2. Deutscher Rundfunk zwischen Information und Täuschung
  3. 3. Sender, Programme und technische Mittel
  4. 4. Wirkung, Verfolgung und Tarnpropaganda
  5. 5. Wehrmachtberichte
  6. 6. Sendungen für besetzte und feindliche Länder

Rundfunk als Mittel der Kriegspropaganda

Der Zweite Weltkrieg war der erste Krieg, in dem Rundfunkpropaganda große Teile der Bevölkerung feindlicher oder neutraler Staaten unmittelbar erreichen konnte. Regierungen nutzten Radiosendungen, um über den Kriegsverlauf zu berichten, politische Absichten zu erklären, die Moral zu beeinflussen und Sanktionen gegen Kriegsverbrecher anzukündigen. Dabei verbreiteten die Sender neben tatsächlichen Informationen auch gezielte Auslassungen, Täuschungen und Falschmeldungen.

Die NS-Propaganda setzte den Rundfunk früh als politische Waffe ein. Propagandaminister Joseph Goebbels bezeichnete ihn bereits 1933 als modernstes Mittel der Massenbeeinflussung. Wenige Wochen nach Kriegsbeginn sendete Deutschland täglich 113 Programme in 15 Fremdsprachen; allein für Großbritannien wurden täglich 20 englischsprachige Sendungen ausgestrahlt. Umgekehrt entwickelte sich ab 1940 der deutschsprachige Dienst der BBC zu einer wichtigen Informationsquelle für Deutsche, die der staatlich kontrollierten Berichterstattung nicht vertrauten.

Der Umgang mit ausländischen Sendern unterschied sich stark. In Großbritannien durfte man deutsche Sendungen ohne rechtliche Folgen hören. Im NS-Staat verbot die Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen zu Kriegsbeginn das Abhören ausländischer Sender, selbst aus neutralen oder befreundeten Ländern. Die Machthaber bezeichneten dies als „Rundfunkverbrechen“. Es drohten Zuchthausstrafen, und die Weitergabe gehörter Informationen konnte ab 1941 in besonders schweren Fällen mit dem Tod bestraft werden.

Deutscher Rundfunk zwischen Information und Täuschung

Der europäische Krieg begann und endete im deutschen Rundfunk mit falschen Darstellungen. Am Abend des 31. August 1939 wurde ein angeblich polnischer Überfall auf den Sender Gleiwitz inszeniert. Am folgenden Tag informierten stündliche Sondermeldungen die deutsche Bevölkerung, Adolf Hitler habe deshalb den Einmarsch in Polen befohlen: „Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen!“

Am Abend des 1. Mai 1945 meldete der Hamburger Reichssender, Hitler sei in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei „bis zum letzten Atemzuge“ gegen den Bolschewismus kämpfend gefallen. Tatsächlich hatte er Selbstmord begangen. Karl Dönitz behauptete anschließend ebenfalls wahrheitswidrig, Hitler sei „an der Spitze seiner Truppen“ gestorben.

Sender, Programme und technische Mittel

Die deutschen Reichssender waren bereits am 1. Januar 1939 zum Großdeutschen Rundfunk vereinigt worden. Ab Juni 1940 strahlten sie nur noch zwei Vollprogramme aus. Marschmusik und Lageberichte von der Front bestimmten das Programm. Das „Wunschkonzert für die Wehrmacht“ sollte als Verbindung zwischen Heimat und Front dienen; bekannte Künstler wie Zarah Leander und Hans Albers sollten den Soldaten Mut zum Weiterkämpfen geben. Nach Kriegsbeginn passte Alfred-Ingemar Berndt, Leiter der Rundfunkabteilung des Propagandaministeriums, den Sendebetrieb an den Krieg an. Viele journalistische und technische Mitarbeiter wurden in die Propagandakompanien der Wehrmacht eingezogen, Programme gekürzt und nächtliche Sendepausen eingeführt.

Ende 1942 gab es 16 Millionen deutsche Rundfunkteilnehmer. Das Radio war nicht nur Propagandamittel, sondern konnte lebenswichtige Warnungen verbreiten: Meldungen über anfliegende Bomberverbände führten die Bevölkerung in die Luftschutzkeller; Luftlage- und Kriegsberichte liefen im Dauerbetrieb.

Die BBC beschäftigte in London 11.500 Mitarbeiter und war neben Radio Beromünster eine zentrale ausländische Informationsquelle für Millionen Europäer. Ihr deutschsprachiger Dienst war über den leistungsstarken Sender Droitwich auf Mittel- und Langwelle bis weit nach Mitteleuropa zu empfangen. Eine Woche nach Kriegsbeginn begann zudem ein tägliches 15-minütiges tschechisches Programm, nachdem Jan Masaryk über die BBC zu seinen Landsleuten gesprochen hatte. Das deutsche Besatzungsregime bedrohte dessen Hörer mit der Todesstrafe.

Deutschland warb britische und amerikanische Anhänger des Nationalsozialismus für englischsprachige Auslandssendungen an. Zu ihnen gehörten „Axis Sally“ sowie die Moderatoren des Senders „Germany Calling“, darunter William Joyce, Wolf Mittler und Norman Baillie-Stewart. Letzterer wurde als „Lord Haw-Haw“ bekannt. Auf amerikanischer Seite schuf Edward R. Murrow 1940 mit seinen CBS-Livereportagen „This is London“ aus dem bombardierten London eine neue Sendeform. Sie erreichten Millionen Zuhörer und trugen dazu bei, die isolationistische Stimmung in den USA zurückzudrängen.

Weitere wichtige Sendungen waren Thomas Manns monatliche BBC-Ansprachen „Deutsche Hörer!“, die von März 1941 bis zum Kriegsende ausgestrahlt und von schätzungsweise 25 % der deutschen Hörer heimlich verfolgt wurden. Das Lied „Lili Marleen“, seit August 1941 täglich vom Soldatensender Belgrad gesendet, wurde von Millionen Soldaten in Europa und Nordafrika gehört; ab Januar 1942 existierte auch eine englische Fassung für alliierte Soldaten. Goebbels verbot das Lied im April 1942 wegen Lale Andersens Kontakten zu Schweizer Juden. Im Mai 1942 verbreitete die BBC erstmals glaubwürdige Berichte über die Ermordung polnischer Juden. Nach Stalingrad sprach Generalfeldmarschall Paulus über Radio Moskau zu deutschen Hörern.

Störsender sollten unerwünschte Programme unhörbar machen. Daneben versuchte man, eigene Botschaften in feindliche Sendungen einzuschleusen. So fügte Moskau gezielt eine „Geisterstimme“ in Hitlers letzte Silvesteransprache ein.

Wirkung, Verfolgung und Tarnpropaganda

BBC, „Stimme Amerikas“, der Sender „Freies Deutschland“, Radio Moskau, Radio Vatikan und Radio Beromünster ermöglichten es den 16 Millionen deutschen Haushalten, die 1943 Rundfunkgebühren zahlten, sich über die zunehmend aussichtslose Lage Deutschlands zu informieren. Trotzdem gelang es keinem Sender, in Deutschland eine mehrheitlich kritische Haltung gegenüber dem NS-Regime hervorzurufen. Wie viele Menschen heimlich die BBC hörten, ist umstritten; die Schätzungen reichen von einer bis zehn Millionen. Einige hörten Auslandssender auch, weil dort Grüße deutscher Kriegsgefangener an ihre Familien übertragen wurden.

Unter den in Berlin wegen „Rundfunkverbrechen“ Verurteilten hatten 64 % die BBC gehört; in Süddeutschland hatten 61 % der Verurteilten Radio Beromünster eingeschaltet. Insgesamt blieben die absoluten Fallzahlen eher gering. Wer Gehörtes nicht weitererzählte, wurde von der Kriminalpolizei häufig vergleichsweise milde behandelt, etwa durch die Beschlagnahmung des Volksempfängers. Die Weiterverbreitung konnte dagegen zur Anklage vor dem Volksgerichtshof und in besonders schweren Fällen zur Todesstrafe führen. Drei sogenannte „Vierergruppen“, die 1941 gezielt ausländische Sender abhörten und deren Nachrichten verbreiteten, wurden deshalb vom Volksgerichtshof verurteilt.

Jean Rudolf von Salis bot in seiner freitagabendlichen „Weltchronik“ über Radio Beromünster Millionen Menschen eine als objektiv angesehene Einschätzung der politischen und militärischen Lage. Er urteilte jedoch auffällig milde über das Dritte Reich und behandelte die Ermordung der Juden nur am Rande. Dennoch konnte das NS-Regime seine Deutung des Krieges nicht vollständig durchsetzen. In Frankreich wurde Charles de Gaulle trotz der Verspottung als „Le Général micro“ durch die Vichy-Propaganda zu einer wichtigen Stimme.

Der britische Soldatensender Calais unter Sefton Delmer war ein Tarnsender: Viele Deutsche hielten ihn für einen offiziellen Sender der Wehrmacht. Mithilfe eines erbeuteten Hellschreibers kannte die britische Seite die amtliche deutsche Nachrichtenlage und konnte Meldungen schneller und flexibler ausstrahlen. Zusätzlich wertete sie heimlich abgehörte Gespräche deutscher Kriegsgefangener aus. Musik, Sportergebnisse, Berichte aus Deutschland und Kriegsnachrichten machten die Tarnung glaubwürdig; zugleich wurden gezielt Informationen eingesetzt, die die Moral der Soldaten schwächen sollten. Der deutsche BBC-Dienst nutzte außerdem Satire, etwa in „Frau Wernicke“, wo eine volkstümliche Berlinerin die Nationalsozialisten verspottete.

Nach Stalingrad meldete die BBC unter Berufung auf Moskau die Gefangennahme von 91.000 deutschen Soldaten. Der Widerspruch zu Goebbels’ vorheriger Behauptung vom Heldentod aller Soldaten erschütterte seine Glaubwürdigkeit. Bei Kriegsende berichtete Edward Murrow schonungslos über die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, den Zustand der Überlebenden und die „wie Holzscheite“ aufgestapelten Leichen.

Wehrmachtberichte

Vom Angriff auf Polen bis zur bedingungslosen Kapitulation begann die tägliche Zusammenfassung der Kämpfe mit den Worten: „Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt“. Die Abteilung für Wehrmachtpropaganda im Wehrmachtführungsstab des Oberkommandos der Wehrmacht gab diese Berichte heraus. Der Großdeutsche Rundfunk sendete sie mittags vor den Nachrichten. Besondere Erfolge wurden zusätzlich durch Fanfaren angekündigt; dabei hob man ausgezeichnete Truppenteile oder Einzelpersonen hervor. Auch feindliche Aktionen wie alliierte Luftangriffe wurden erwähnt.

Die Wehrmachtberichte hatten amtlichen Charakter und bildeten die wichtigste Grundlage für die Darstellung des Krieges in anderen Medien. Insgesamt wurden 2080 Berichte ausgestrahlt. Historiker betrachten sie als wertvolle, aber fragwürdige Sekundärquelle, weil sie nüchterne militärische Angaben mit politischer Propaganda verbanden. Erfolge wurden ausführlich, konkret und teilweise übertrieben dargestellt. Rückschläge und eigene Verluste erschienen dagegen kurz, abstrakt und verschleiert. Direkte Falschmeldungen wurden weitgehend vermieden; die Propaganda arbeitete vor allem mit Auslassungen, Zusätzen, tendenziösen Hervorhebungen, Verharmlosungen, Beschönigungen und verzögerten Meldungen.

Sendungen für besetzte und feindliche Länder

Radio Londres war von 1940 bis 1944 der französischsprachige BBC-Dienst, dessen Inhalte die Forces françaises libres gestalteten. Er übertrug Charles de Gaulles „Appell des 18. Juni“, weitere Aufrufe zum Widerstand gegen die deutsche Besatzung, satirische Beiträge unter anderem von Pierre Dac und Maurice Schumann sowie verschlüsselte Nachrichten an die französische Résistance. 1944 kündigte Paul Verlaines Gedicht „Chanson d’automne“ die unmittelbar bevorstehende Landung der Alliierten in der Normandie an.

Radio Oranje produzierte für die niederländische Exilregierung im Londoner Stratton House tägliche Sendungen für die besetzten Niederlande, die von der BBC ausgestrahlt wurden. Jede Ausgabe begann mit den Worten: „Hier Radio Oranje, die Stimme der kämpfenden Niederlande“.

Im Krieg in Ostasien verstärkte Japan ab 1943 seine gegen die USA gerichtete Rundfunkpropaganda. Radio Tokyo sendete dafür „The Zero Hour“. Die überwiegend weiblichen Moderatorinnen sprachen amerikanisches Englisch mit japanischem Akzent und wurden von US-Soldaten zusammenfassend als „Tokyo Rose“ bezeichnet.

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