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Rudolf Virchow

Er lehrte auch Geschichte der Medizin und prüfte bei Examen auch in Veterinärmedizin. Besonders beliebt war Virchows pathologisch-anatomischer …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und wissenschaftlicher Kern
  2. 2. Ausbildung und akademische Laufbahn
  3. 3. Sozialmedizin, Hygiene und Politik
  4. 4. Anthropologie, Archäologie und Museen
  5. 5. Familie, Religion und Lebensende
  6. 6. Ehrungen, Wirkung und Nachleben

Bedeutung und wissenschaftlicher Kern

Rudolf Ludwig Karl Virchow (* 13. Oktober 1821 in Schivelbein, Pommern; † 5. September 1902 in Berlin) war ein deutscher Arzt, Pathologe, pathologischer Anatom, Anthropologe, Prähistoriker und liberaler Politiker. In Würzburg und Berlin erlangte er als Professor der Pathologie Weltruf.

Seine wichtigste medizinische Leistung war die Begründung der Zellularpathologie. Virchow stellte 1853, umfassender 1855, den Grundsatz auf, dass „die Zelle wirklich das letzte Formelement aller lebendigen Erscheinungen sowohl im Gesunden als im Kranken ist, von welchem alle Tätigkeit des Lebens ausgeht“. Seine Zelltheorie fasste er mit dem Satz „Omnis cellula e cellula“ zusammen: „Jede Zelle [entsteht] aus einer Zelle“. Danach beruhen Krankheiten auf Störungen der Körperzellen, und alle pflanzlichen, tierischen und menschlichen Zellen entstehen aus anderen Zellen, nicht aus einem unförmigen Urschleim.

Damit löste Virchow die ältere Humoralpathologie und die Krasenlehre ab, die Krankheiten durch schädliche oder unausgewogene Mischungen der Körpersäfte erklärten. Zusammen mit seinen Forschungen zur Entstehung von Thrombosen trug er zur modernen Pathologie und Pathophysiologie bei. Die drei Hauptfaktoren der Thromboseentstehung wurden später als Virchow-Trias bezeichnet. Außerdem prägte er 1847 den Namen Leukämie und die Begriffe Thrombose und Embolie.

Ausbildung und akademische Laufbahn

Virchow besuchte ab 1828 die Stadtschule in Schivelbein und ab Mai 1835 das Gymnasium in Köslin. Im Frühjahr 1839 bestand er die Reifeprüfung. Vom 26. Oktober 1839 bis zum 1. April 1843 studierte er Medizin am Medizinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelm-Institut in Berlin, der militärärztlichen Akademie „Pépinière“. Danach arbeitete er als Unterarzt an der Charité, forschte chemisch und mikroskopisch und promovierte im Oktober 1843 bei Johannes Müller mit einer Arbeit über Rheuma, besonders der Hornhaut, zum Dr. med.

1845 hielt er seinen ersten öffentlichen Vortrag. Darin vertrat er die Auffassung, praktische Medizin dürfe nie etwas anderes als angewandte Naturwissenschaft sein. 1845 beschrieb er weißes Blut bei Blutkrebs. Im Mai 1846 wurde er Prosektor an der Charité, habilitierte sich im November 1847 und wurde Privatdozent. Mit Benno Reinhardt gründete er das Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medicin, das später als Virchows Archiv bekannt wurde.

Nach seiner Beteiligung an der Märzrevolution von 1848 und seiner Kritik an den sozialen und hygienischen Ursachen der Flecktyphus-Epidemie in Oberschlesien verlor Virchow im März 1849 seine Berliner Stellung. Zum Wintersemester 1849/50 übernahm er den Lehrstuhl für Pathologische Anatomie am Juliusspital der Universität Würzburg. Dort gründete er mit anderen die Würzburger Physikalisch-Medizinische Gesellschaft und wurde 1852 deren Vorsitzender.

In Würzburg hielt Virchow Vorlesungen, leitete einen pathologisch-anatomischen Mikroskopierkurs und führte als Prosektor fast 1000 Sektionen durch. Für Sektionen forderte er Vollständigkeit, eine standardisierte Reihenfolge und ein detailliertes Protokoll. In dieser produktivsten Forschungszeit entwickelte er die Zellularpathologie und arbeitete unter anderem über Tumoren, Entzündungen, Thrombosen, Bindegewebe, Knorpel, Rachitis und Osteomalazie.

1856 wurde Virchow als Professor der Pathologie und Therapie nach Berlin berufen. Er übernahm das neu geschaffene Ordinariat für pathologische Anatomie an der Charité und wurde erneut Prosektor. Für ihn entstand das erste Pathologische Institut Deutschlands. 1858 veröffentlichte er Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre. Virchow blieb 46 Jahre in Berlin. 1892/93 war er Rektor der Berliner Universität. Das 1893 beschlossene Pathologische Museum wurde ab 27. Juni 1899 mit über 20.000 Ausstellungsstücken öffentlich zugänglich; heute ist es das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité.

Sozialmedizin, Hygiene und Politik

Virchow verstand Medizin als soziale Wissenschaft. 1848 schrieb er in der von ihm mit Rudolf Leubuscher herausgegebenen Wochenschrift Die medicinische Reform: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist nichts weiter als Medizin im Großen“. Gesundheit sollte durch das Zusammenwirken von medizinischer Versorgung, Bildung, Wohlstand und Freiheit verbessert werden.

Bei der Untersuchung der Flecktyphus-Epidemie in Oberschlesien führte Virchow die Not der Bevölkerung auf politische, soziale und hygienische Verhältnisse zurück. Er empfahl Arznei- und Lebensmittelversorgung sowie „volle und unumschränkte Demokratie“ und „vor allem Bildung mit ihren Töchtern Freiheit und Wohlstand“. 1852 untersuchte er im Spessart den Zusammenhang von chronischem Hunger und epidemischen Krankheiten. Deshalb gilt er als Begründer der modernen Sozialhygiene.

Virchow beriet Regierungen in Seuchenfragen, untersuchte 1859 im Auftrag Norwegens die Lepra und sorgte für die obligatorische Trichinenschau in Preußen. Zusammen mit James Hobrecht war er ab 1869 maßgeblich daran beteiligt, dass Berlin um 1870 eine Kanalisation und eine zentrale Trinkwasserversorgung erhielt. Das Abwasser wurde über zwölf unabhängige Radialsysteme zu Rieselfeldern außerhalb der Stadt geleitet. Er setzte sich außerdem für kommunale Krankenhäuser, Parks, Kinderspielplätze, Krankenpflegeschulen und eine berufsmäßige Ausbildung in der Krankenpflege ein. Zu den von ihm unterstützten Berliner Krankenhäusern gehörten Friedrichshain (1874), Moabit (1875) und Am Urban (1890).

Seit 1859 war Virchow Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung. 1861 gründete und leitete er die liberale Deutsche Fortschrittspartei. Von 1862 bis 1902 gehörte er dem Preußischen Abgeordnetenhaus an, von 1880 bis 1893 außerdem dem Deutschen Reichstag. Er setzte sich für kommunale Selbstverwaltung, Minderheitenrechte, die polnische Volksgruppe in Preußen, die Bekämpfung des Antisemitismus und eine staatliche medizinische Grundversorgung ein. 1869 befürwortete er die Legalisierung homosexueller Handlungen unter Männern. 1862 war er ein entschiedener Gegner Bismarcks. 1869 forderte er Abrüstung und internationale Schiedsgerichte; 1873 prägte er den Begriff Kulturkampf.

Virchow lehnte Kolonialpolitik und Darwins Evolutionstheorie ab. Auch gegenüber den Erkenntnissen von Semmelweis und Robert Koch war er teilweise skeptisch, obwohl er zugleich die Einstellung eines Bakteriologen nach Kochs Schule in Berlin forderte.

Anthropologie, Archäologie und Museen

In der zweiten Lebenshälfte wurden biologische Anthropologie, Anthropometrie, Ethnologie, Landes- und Frühgeschichte sowie Archäologie wichtige Arbeitsfelder Virchows. Im November 1869 gründete er mit Adolf Bastian und Robert Hartmann die Berliner Anthropologische Gesellschaft, aus der die Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte hervorging. Virchow blieb bis zu seinem Tod ihr Vorsitzender und gab seit 1869 die Zeitschrift für Ethnologie heraus. 1881 entstand zu seinem 60. Geburtstag die Rudolf-Virchow-Stiftung, die Sammlungen, Forschungsreisen und Ausgrabungen finanzierte.

Mit anthropometrischen Verfahren verglich Virchow menschliche Schädel und Skelette. In den 1880er Jahren regte er eine Untersuchung deutscher Schulkinder an. Von 6.760.000 Kindern wurden Haar-, Haut- und Augenfarbe sowie die Schädelform erfasst; für jüdische Schüler gab es eigene Listen. Die Ergebnisse von 1886 lauteten: 31,8 % Blonde, 14,05 % Brünette und 54,15 % Mischtypen. Unter etwa 75.000 jüdischen Kindern wurden 11 % Blonde, 42 % Schwarzhaarige und 47 % Mischtypen gezählt. Virchows Erwartung bestätigte sich, dass es im Deutschen Reich keine reinen Rassen gab.

Die Rudolf-Virchow-Sammlung oder „RV-Sammlung“ umfasst vor allem Schädel und Skelettbestandteile, die Virchow ab etwa 1870 sammelte. Ihre Größe wird unterschiedlich mit etwa 3500 bis 4500 Objekten angegeben. Nach seinem Tod ging sie an die Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte über; seit den 2010er Jahren gibt es Projekte zur Provenienzforschung und zur Restituierung einzelner Objekte.

Virchow arbeitete ab 1875 mit Carl Hagenbeck zusammen und vermaß Teilnehmer der Völkerschauen, unter anderem 1875 „Lappländer“, 1878 Nubier, 1880 „Eskimos“, 1881 „Feuerländer“ und 1885 „Neger von Dafur“. Die Zusammenarbeit verlieh den Veranstaltungen einen wissenschaftlichen Anstrich. Nachdem im Winter 1880/81 alle acht Inuit der Völkerschau an Pocken gestorben waren, veranlasste Virchow die Exhumierung des Schädels der vierjährigen Tochter Abraham Ulrikabs.

Seit 1865 forschte Virchow zur Frühgeschichte. Er unterschied als Erster slawische Keramik vom Burgwalltyp und bronzezeitliche Keramik vom Lausitzer Typ. 1879 nahm er an einer Troja-Ausgrabung teil und vermittelte die Überlassung von Schliemanns trojanischer Sammlung an Berlin. Das Neandertaler-Skelett Neandertal 1 deutete Virchow am 27. April 1872 fälschlich als krankhaft veränderten modernen Homo sapiens; Otto Walkhoff konnte dies 1903 radiologisch widerlegen. Virchow war außerdem an der Gründung mehrerer Berliner Museen beteiligt, darunter des Museums für Völkerkunde und des Märkischen Provinzialmuseums.

Familie, Religion und Lebensende

Am 14. August 1850 heiratete Virchow in Berlin Ferdinande Amalie Rosalie Mayer, genannt Rose. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor; die ersten drei wurden in Würzburg, die jüngeren drei in Berlin geboren. Virchow und Rose schrieben einander zahlreiche Briefe, von denen nur Virchows Briefe erhalten sind.

Virchow war „nominell Protestant und faktisch Atheist“ und äußerte sich kirchenkritisch. Zugleich war er kein Gegner des Glaubens an einen Gott. Er hielt den Glauben für einen Teil der menschlichen Existenz und wollte, dass jeder glauben könne, was er für richtig hielt. Der ihm zugeschriebene Satz „Ich habe Tausende von Leichen seziert, aber keine Seele darin gefunden“ ist nicht gesichert; Virchow bestritt am 22. Februar 1877 im preußischen Abgeordnetenhaus, ihn gesagt zu haben.

Am Abend des 4. Januar 1902 stürzte Virchow beim Abspringen von einer noch fahrenden Straßenbahn in der Leipziger Straße und brach sich den Oberschenkelhals. Von den Folgen erholte er sich nicht mehr. Er starb am 5. September 1902 um 13 Uhr in seiner Wohnung in der Schellingstraße 10 in Berlin. Tausende nahmen am 9. September an der Trauerfeier und dem Trauerzug teil. Sein Grab auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg wurde 1952 als Ehrengrab der Stadt Berlin gewidmet.

Ehrungen, Wirkung und Nachleben

Virchow erhielt unter anderem den Olga-Orden (1872), den Roten Adlerorden II. Klasse mit Stern und Eichenlaub (1888), die Copley-Medaille der Royal Society (1894), die Helmholtz-Medaille (1898), den Pour le Mérite und die Cothenius-Medaille der Leopoldina (beide 1901). Zu seinem 70. Geburtstag am 13. Oktober 1891 wurde er als 43. Ehrenbürger Berlins ausgezeichnet. Er war Mitglied oder Ehrenmitglied zahlreicher Akademien und wissenschaftlicher Vereine, darunter der Leopoldina, der Royal Society und der Preußischen Akademie der Wissenschaften.

Nach seinem Tod entstanden ein Denkmal von Fritz Klimsch vor der Charité, mehrere Büsten und Gedenktafeln sowie 2013 ein Gedenkstein in seiner Heimatstadt Schivelbein, heute Świdwin in Polen. Nach Virchow wurden unter anderem das Rudolf-Virchow-Krankenhaus, das Rudolf-Virchow-Haus, das Langenbeck-Virchow-Haus, der Campus Virchow-Klinikum, der Virchowbund und das Rudolf-Virchow-Zentrum in Würzburg benannt. Auch die Virchow-Trias, der Virchow-Lymphknoten, der Virchow-Robin-Raum, Straßen, eine Briefmarke, Medaillen, der Mondkrater Virchow und der Asteroid (13084) Virchow tragen seinen Namen.

Akademische Zeitgenossen verehrten ihn als „Rieseningenium“ und „Fürst im Reich der Gelehrten“. Die Nationalsozialisten diffamierten ihn, weil seine Forschungsergebnisse ihrer Rassenideologie widersprachen. Zugleich wird darauf hingewiesen, dass Virchow neben großen Leistungen auch irrige Ansichten vertrat und an manchen Fehleinschätzungen trotz gegenteiliger Belege festhielt. Seine wichtigsten Schriften umfassen Arbeiten über Leukämie, Thrombose, öffentliche Gesundheitspflege, den Kretinismus, die Zellularpathologie, Tumoren, Kanalisation, Anthropologie und die Urbevölkerung Europas.

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