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Rudi Dutschke
Er gilt als Wortführer der Studentenbewegung der 1960er Jahre in West-Berlin und in Westdeutschland. Ein Rechtsextremist fügte ihm am 11. April 1968 mit …
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Bedeutung und Lebensweg
Rudi Dutschke (Alfred Willi Dutschke, 7. März 1940–24. Dezember 1979) war ein deutscher marxistischer Soziologe und politischer Aktivist. Als Wortführer der Studentenbewegung der 1960er Jahre in West-Berlin und Westdeutschland prägte er die Außerparlamentarische Opposition (APO). Seine Politik verband marxistische Gesellschaftskritik, christliche Traditionen, demokratischen Sozialismus und antiautoritäre Protestformen.
Dutschke wuchs in der DDR auf. Der Ungarische Volksaufstand von 1956 politisierte ihn; er wandte sich sowohl gegen die USA als auch gegen die Sowjetunion und lehnte die SED ab. Als religiöser Sozialist und Pazifist verweigerte er den Dienst mit der Waffe in der Nationalen Volksarmee. Wegen dieser Haltung wurde seine Abiturnote 1958 auf „befriedigend“ herabgesetzt, und die DDR-Behörden verwehrten ihm das gewünschte Studium der Sportjournalistik.
1960/61 besuchte er in West-Berlin einen Abiturkurs, arbeitete kurz als Sportreporter und floh am 10. August 1961 aus der DDR. Nach dem Bau der Berliner Mauer am 13. August registrierte er sich als politischer Flüchtling und versuchte am 14. August mit Freunden, ein Mauerstück einzureißen. An der Freien Universität Berlin studierte er ab Herbst 1961 Soziologie, Ethnologie, Philosophie und Geschichte. Er beschäftigte sich zunächst mit dem Existentialismus, dann mit Marx, Georg Lukács, Ernst Bloch, der Kritischen Theorie sowie Karl Barth und Paul Tillich. Sein religiöser Sozialismus entwickelte sich zu einem fundierten Marxismus, ohne dass er die Handlungsfreiheit des Einzelnen gegenüber gesellschaftlichen Bedingungen aufgab.
1963 trat Dutschke der Gruppe Subversive Aktion bei und gab deren Zeitschrift Anschlag mit heraus. 1965 wurde er in den politischen Beirat des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) gewählt. Dort setzte er antiautoritäre Aktionsformen, die Einbeziehung politisch interessierter Jugendlicher und Arbeiter sowie eine intensive Auseinandersetzung mit Marxismus, Vietnamkrieg, Notstandsgesetzen und der „formierten Gesellschaft“ durch. 1966 verteidigte er eine Plakataktion gegen den Vietnamkrieg, obwohl ältere SDS-Mitglieder seine Gruppe ausschließen wollten.
Nach Protesten gegen den Schahbesuch, dem Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 und Konflikten mit der Universitätsleitung wurde Dutschke zu einer zentralen Figur der Bewegung. Er forderte eine „Gegenuniversität“, eine „Permanenz der Gegenuniversität“ und eine politische Kampforganisation des SDS. Beim Internationalen Vietnamkongress am 17. und 18. Februar 1968 verlangte er unter anderem die „Zerschlagung der NATO“ und die massenhafte Desertion amerikanischer Soldaten. Einen geplanten Marsch auf eine US-Kaserne gab er auf, nachdem Schusswaffengebrauch angekündigt worden war.
Attentat, Genesung und spätere Politik
Am 11. April 1968 schoss der Hilfsarbeiter Josef Bachmann vor dem SDS-Büro am Kurfürstendamm dreimal auf Dutschke. Zwei Kugeln trafen den Kopf, eine die linke Schulter. Dutschke überlebte nach einer mehrstündigen Operation, behielt jedoch schwere Hirnverletzungen und erlitt später epileptische Anfälle. 2009 wurde bekannt, dass Bachmann Kontakte zu einer aktenkundigen Neonazi-Gruppe gehabt und dies in Verhören zugegeben hatte. Bachmann wurde zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt und beging am 24. Februar 1970 im Gefängnis Suizid.
Viele Studenten machten die Springerpresse mitverantwortlich, weil Bild und andere Zeitungen Dutschke und die Protestierenden zuvor scharf angegriffen hatten. Die folgenden Osterunruhen gegen den Springer-Verlag verliefen teilweise gewaltsam; in München starben der Journalist Klaus Frings und der Student Rüdiger Schreck durch Steinwürfe. Dutschke selbst entlastete Bachmann in seinen „Briefen an Rudi D.“ und gab vor allem Springer- und NPD-Zeitungen die politische Hauptschuld am Attentat.
Dutschke musste Sprache und Gedächtnis durch monatelange tägliche Therapie neu erwerben. Er lebte zunächst in der Schweiz und in Italien, später mit seiner Familie in Großbritannien. Trotz epileptischer Anfälle lernte er Englisch, studierte weiter und erhielt die Zulassung zur Promotion. Nach der Aufhebung seiner britischen Aufenthaltserlaubnis zog die Familie Ende Januar 1971 nach Dänemark; die Universität Aarhus stellte ihn als Soziologiedozenten ein.
Ab Mai 1972 reiste Dutschke wieder in die Bundesrepublik. Er knüpfte Kontakte zu Gewerkschaftern, Sozialdemokraten und Dissidenten aus der DDR und dem Ostblock, darunter Wolf Biermann, Robert Havemann und Rudolf Bahro. 1973 promovierte er an der Freien Universität Berlin; seine Dissertation erschien 1974 leicht überarbeitet als Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen. Seit 1976 arbeitete er im Sozialistischen Büro für eine Verbindung von grün-alternativen und linken Initiativen. Er beteiligte sich an der Anti-Atomkraft-Bewegung, an Demonstrationen in Wyhl, Bonn und Brokdorf, an Vortragsreisen und am Internationalen Russell-Tribunal gegen Berufsverbote.
1979 trat Dutschke der Bremer Grünen Liste bei und wurde für den geplanten Gründungskongress der Partei Die Grünen delegiert. Damit wandte er sich dem Parlamentarismus teilweise zu. Am 24. Dezember 1979 starb er in Aarhus nach einem epileptischen Anfall in der Badewanne; andere Todesursachen wurden gerichtsmedizinisch ausgeschlossen. Die Anfälle galten als Spätfolge des Attentats und der Gehirnoperation. Am 3. Januar 1980 wurde er in Berlin beigesetzt; sein Grab ist seit 1999 Ehrengrab des Landes Berlin.
Grundposition und Gesellschaftsanalyse
Dutschkes Grundposition war ein herrschaftskritischer demokratischer Sozialismus, der auch als „antiautoritärer Sozialismus“ oder „libertärer Kommunismus“ bezeichnet wird. Demokratie und Sozialismus gehörten für ihn zusammen. Er lehnte Reformismus, Stalinismus und Marxismus-Leninismus als „Legitimationsmarxismus“ ab. Marx’ Kapitalismusanalyse hielt er weiterhin für weite Teile Europas, Lateinamerikas und Asiens für zutreffend, nicht jedoch die Erwartung, dass sich proletarisches Klassenbewusstsein automatisch entwickle.
Dutschke vertrat einen kritischen historischen Materialismus, aber keinen Determinismus. Gesellschaftliche Entwicklungen sollten nicht als unvermeidbar hingenommen werden; Menschen müssten ihre Geschichte bewusst gestalten. Sein politisches Ziel war die Abschaffung von Hunger, Krieg und Herrschaft durch eine Weltrevolution. Als Grundlage des Zusammenlebens nannte er „Selbsttätigkeit, Selbstorganisation, Entfaltung der Initiative und der Bewusstheit des Menschen und kein Führerprinzip“. Seine christlichen Anfänge blieben dabei wichtig. Er verstand Jesus Christus als „Weltrevolutionär“ und die Verbindung von innerer und äußerer Freiheit als „Hic-et-Nunc-Aufgabe der Menschheit“.
Dutschke analysierte die Bundesrepublik als Teil eines weltweiten Kapitalismus, der alle Lebensbereiche durchdringe. Die soziale Marktwirtschaft binde die lohnabhängige Bevölkerung durch relativen Wohlstand in das kapitalistische System ein. Nach dem Wirtschaftswunder erwartete er eine Stagnation und eine Strukturkrise, weil die Subventionierung unproduktiver Bereiche wie Landwirtschaft und Bergbau nicht dauerhaft finanzierbar sei. Der Abbau von Arbeitsplätzen könne zu immer stärkeren staatlichen Eingriffen führen, die er als „integralen Etatismus“ bezeichnete. Dieser Staat behalte Privateigentum formal bei, lenke aber die Wirtschaft zunehmend.
Technischen Fortschritt und Kernenergie bewertete Dutschke zunächst positiv, weil die Verwissenschaftlichung eine „Revolution der Produktivkräfte“ ermöglichen könne. Automatisierung sollte Arbeitsteilung und Arbeitszeit verringern und mehr Selbstentfaltung in einer Rätedemokratie ermöglichen. In der Bundesrepublik fehlte ihm jedoch ein „revolutionäres Subjekt“, weil ein „gigantisches System von Manipulation“ die sozialen Widersprüche entschärfe. Revolutionäre Impulse erwartete er eher von verarmten und unterdrückten Ländern der „Peripherie“ des Weltmarkts als vom relativ wohlhabenden Proletariat der Industriestaaten.
Den Parlamentarismus hielt Dutschke in den 1960er Jahren für eine von der Bevölkerung getrennte und nicht ausreichend demokratische Ordnung. Als Gegenmodell entwarf er eine „Räterepublik in Westberlin“ mit selbstverwalteten Betrieben, Kollektiven von höchstens dreitausend Menschen, Rotationsprinzip und imperativem Mandat. Schule, Universität und Fabrik sollten zu einer „Assoziation freier Individuen“ verbunden werden. Später bezeichnete er diesen Plan als „Was für eine Illusion!“, sah aber einzelne Elemente in Bürgerinitiativen und neuen sozialen Bewegungen verwirklicht. Seit 1976 suchte er schließlich nach einer ökosozialistischen Partei, die außerparlamentarische Bewegungen parlamentarisch wirksam machen sollte.
Gewalt, Realsozialismus und deutsche Nation
Dutschkes Verhältnis zur Gewalt war widersprüchlich und ist bis heute umstritten. Er unterschied zwischen befreiender und unterdrückender Gewalt. Für nationale Befreiungskämpfe in der „Dritten Welt“, besonders für den Vietcong, bejahte er militärische Gegengewalt und sprach von „revolutionärem Terrorismus“. In der Bundesrepublik lehnte er bewaffneten Guerillakampf unter den damaligen Bedingungen ab, befürwortete aber „subversive“, antiautoritäre und teilweise illegale Regelverletzungen. Demonstrationen, Besetzungen und direkte Aktionen sollten den Herrschaftscharakter staatlicher Institutionen sichtbar machen.
Dutschke unterschied außerdem Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Personen. Gewalt gegen Personen lehnte er für die bundesdeutsche Situation ab; geplante Sprengstoffanschläge auf einen Sendemast des American Forces Network und auf ein Versorgungsschiff wurden nicht ausgeführt. Zugleich unterstützte er die Vorbereitung solcher Aktionen und hielt bei einer möglichen Beteiligung der Bundeswehr an Kriegen gegen Befreiungsbewegungen bewaffnete Gegengewalt in Deutschland für denkbar. Er warnte jedoch vor dem Umschlag revolutionärer Gewalt in eine verselbstständigte Gewalt, die die Emanzipation vergesse.
Den individuellen Terror der Tupamaros West-Berlin und der Roten Armee Fraktion lehnte Dutschke ab. Seine Äußerung „Holger, der Kampf geht weiter!“ bei der Beerdigung von Holger Meins bezeichnete er später als politisch nicht angemessen reflektiert. Nach den Morden an Günter von Drenkmann und Siegfried Buback erklärte er, Terror behindere den politischen Lernprozess der Unterdrückten und führe nicht zum Sozialismus. Historiker bewerten seine Rolle unterschiedlich: Einige sehen in seinen Stadtguerilla-Konzepten und Sprengstoffplänen eine theoretische Vorstufe des späteren Terrorismus; andere betonen den qualitativen Unterschied zwischen Dutschkes bewusstseinsorientierter Militanz und der apolitischen Gewaltpraxis der RAF. Einigkeit besteht daher nicht über seine mögliche ideologische Wirkung.
Seit seiner Jugend verband Dutschke Sozialismus und Demokratie und kritisierte die Sowjetunion, die DDR, China und die K-Gruppen. Er begrüßte den Prager Frühling und wollte Sozialismus, individuelle Freiheit und Demokratie verbinden. Seine Dissertation erklärte die sowjetische Entwicklung aus einer „asiatischen Produktionsweise“ und einer daraus hervorgegangenen „asiatischen Despotie“. Stalinismus verstand er als „Anti-Kommunismus“ und als Herrschaft einer „Monopolbürokratie“. Nach dem Einmarsch in die Tschechoslowakei am 21. August 1968 schloss er eine Zusammenarbeit mit SED, DKP und SEW aus.
Die deutsche Teilung hielt Dutschke für einen Anachronismus. Er befürwortete ein vereinigtes sozialistisches Deutschland, wollte die nationale Frage aber nicht nationalistisch beantworten. Eine Räte-Revolution in West-Berlin sollte langfristig auf die DDR ausstrahlen. Ab 1977 forderte er die Linke auf, die nationale Frage nicht den Nationalisten zu überlassen. Seine Position wurde von manchen als „nationaler Linker“ beschrieben, von anderen gegen eine nationalrevolutionäre Umdeutung verteidigt. Gretchen Dutschke-Klotz betonte, Dutschke sei ein internationalistischer Sozialist gewesen, der autoritäre und nationalchauvinistische Traditionen überwinden wollte.
Rezeption und Erinnerung
Nach Dutschkes Tod wurde er häufig als wahrhaftiger, friedliebender und christlich geprägter Sozialist erinnert. Jürgen Habermas nannte ihn einen „wahrhaften Sozialisten“, einen charismatischen und visionären Inspirator mit Sinn für konkrete politische Möglichkeiten. Wolf Biermann prägte mit seinem Trauerlied das Bild des „sanften Radikalen“. Andere Darstellungen kritisierten diese nachträgliche Verklärung und verwiesen auf Dutschkes gewaltbezogene Schriften, seine militanten Aktionsvorstellungen und die Vorbereitung nicht ausgeführter Anschläge.
Die Debatte über Dutschkes Aktualität konzentriert sich auf zwei Fragen: ob seine Suche nach wirksamen Widerstandsformen weiterhin anregend ist und ob seine theoretischen Entwürfe bleibende Bedeutung besitzen. Klaus Meschkat hob seine Auseinandersetzung mit Kriegsgewalt und politischem Widerstand hervor. Ralf Dahrendorf hielt dagegen, Dutschke habe keine dauerhaft tragfähigen Ideen hinterlassen; seine Bedeutung liege vor allem in seiner Person. Ulrich Chaussy ließ die heutige politische Einordnung bewusst offen, während Jutta Ditfurth Dutschkes Einfluss auf spätere gesellschaftskritische Bewegungen betonte.
An den Ort des Attentats am Kurfürstendamm erinnert seit dem 23. Dezember 1990 eine Steintafel. 2008 wurden ein Teil der Berliner Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße und ein Vorplatz in seinem Geburtsort in Rudi-Dutschke-Platz umbenannt; an der Freien Universität gibt es einen Rudi-Dutschke-Weg. Sein Leben wurde in Dokumentar- und Spielfilmen dargestellt, außerdem in Liedern, Bildern und Fernsehdokumentationen verarbeitet.
Zu den wichtigen veröffentlichten Quellen gehören seine Tagebücher 1963–1979, Reden, politische Schriften, Briefe und die fragmentarische Autobiografie Aufrecht gehen. Seine Dissertation erschien als Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen. Eine vierteilige Tondokumentation von 2008 enthält unter anderem das Gespräch mit Günter Gaus, den Vortrag an der Karlsuniversität Prag sowie weitere Interviews und Gespräche. Diese Quellen zeigen sowohl die Kontinuität seiner christlich-sozialistischen Grundüberzeugungen als auch die Veränderungen seiner Positionen zu Revolution, Gewalt, Parlamentarismus und deutscher Einheit.