Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Romandie

Romandie. Gebiet der Schweiz mit einer überwiegend französisch sprechenden Bevölkerung. Artikel · Diskussion.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und kulturelle Identität
  2. 2. Sprache, Kultur und Kulturschaffende
  3. 3. Hochschulen und Ausbildung
  4. 4. Medien und Religionen
  5. 5. Grösste Städte und ihre Funktionen
  6. 6. Politik und Verwaltung

Begriff und kulturelle Identität

Als Romandie oder Suisse romande werden die frankophonen Gebiete der Schweiz bezeichnet. Gebräuchlich sind auch französischsprachige Schweiz, französische Schweiz, welsche Schweiz, Welschland, Welschschweiz und – unscharf – Westschweiz. Zur Romandie gehören die Kantone Genf, Jura, Neuenburg und Waadt sowie die französischsprachigen Teile der zweisprachigen Kantone Bern, Freiburg und Wallis: Biel/Bienne und der Berner Jura, das französischsprachige Freiburg sowie das Unterwallis. Rund 2,2 Millionen Einwohner leben dort; das entspricht ungefähr einem Viertel der Schweizer Gesamtbevölkerung.

Sprachregionen besitzen im politischen System der Schweiz keine eigene staatsrechtliche Bedeutung. Die Romandie ist deshalb vor allem eine diffuse kulturelle Einheit, die durch die gemeinsame Sprache zusammengehalten wird. Die Bewohner bezeichnen sich als Suisses romands oder Romands und grenzen sich damit sowohl von der übrigen Schweizer Bevölkerung als auch von den Franzosen ab. Deutschschweizer verwenden auch die Bezeichnungen Welsche oder Romands; «Westschweizer» kann dagegen auch nicht-frankophone Menschen einschliessen.

Viele Romands fühlen sich stärker ihrem Herkunftskanton als der gesamten Romandie verbunden. Eine gemeinsame Identität entstand erst im Zusammenhang mit den Spannungen zwischen deutscher und welscher Schweiz zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zuvor war die Region in einen liberal-protestantischen Block – Genf, Waadt, Neuenburg und Südjura – und einen katholisch-konservativen Block – Freiburg, Wallis und Nordjura – geteilt. Die Vorstellung eines politisch-kulturellen Röstigrabens zur Deutschschweiz ist heute weitgehend anerkannt. Politisch ist die Verbindung zu Frankreich gering, kulturell ist der Einfluss Frankreichs jedoch stärker.

Sprache, Kultur und Kulturschaffende

Im Alltag wird eine auf dem Standardfranzösischen beruhende Umgangssprache gesprochen. Sie unterscheidet sich in Aussprache und Wortschatz von der französischen Standardsprache und der Umgangssprache Frankreichs. Typische Zahlwörter sind septante für 70, nonante für 90 und – in Freiburg, Waadt und Wallis – huitante für 80. Weitere Besonderheiten sind Germanismen, oft in Lehnübersetzungen wie papier-ménage für «Haushaltspapier», Regionalismen wie roille für «Regenguss» sowie ältere Wörter wie déjeuner für «Frühstück» und dîner für «Mittagessen».

Die traditionellen Patois-Dialekte der frankoprovenzalischen Sprache und die im Jura und Berner Jura verbreiteten Langues d’oïl sind vom Aussterben bedroht. 1990 sprachen nur noch 2 % der frankophonen Bevölkerung der Schweiz Patois. Die Westschweizer Gebärdensprache, Langue des signes Suisse romande (LSF-SR), ist ein Dialekt der französischen Gebärdensprache LSF und gehört zusammen mit der Deutschschweizer und der Tessiner Gebärdensprache zur Familie der französischen Gebärdensprachen.

Das Kulturleben ist sowohl mit Frankreich als auch mit den anderen Schweizer Sprachregionen, besonders der Deutschschweiz, verbunden. Die wichtigsten allgemeinen Kulturzentren sind Genf und Lausanne. In Genf hat das Orchestre de la Suisse Romande seinen Sitz und tritt unter anderem in der Victoria Hall und im Conservatoire auf. Im Kanton Waadt findet jährlich das international angesehene Montreux Jazz Festival statt. Das Schloss Prangins zwischen Genf und Lausanne ist der Westschweizer Sitz des Schweizerischen Nationalmuseums.

Zu den wichtigen Museen gehören in Genf das Musée d’art et d’histoire, das Musée Ariana, die Bibliotheca Bodmeriana, die seit 2015 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe gehört, die Maison Tavel, das Voltaire-Museum, das Internationale Museum der Reformation, das MAMCO und das Museum für Ethnographie, das 2017 mit dem Europäischen Museumspreis ausgezeichnet wurde. Lausanne beherbergt unter anderem das Musée de l’Elysée, die Fondation de l’Hermitage und das Olympische Museum; seit 2016 befindet sich in Corsier-sur-Vevey zudem Chaplin’s World. Weitere bedeutende Einrichtungen sind das Musée d’ethnographie de Neuchâtel, das Laténium und das Centre Dürrenmatt, das Gutenberg Museum und das Museum für Kunst und Geschichte in Freiburg, La Traction in Montfaucon sowie die Fondation Gianadda in Martigny.

Das geistige und künstlerische Leben wurde unter anderem durch Jean-Jacques Rousseau, Voltaire und die Groupe de Coppet um Germaine de Staël geprägt. Als wichtige frankophone Schriftsteller gelten ausserdem Charles-Ferdinand Ramuz, Blaise Cendrars, Albert Cohen und Philippe Jaccottet. In der bildenden Kunst erlangte besonders der in Lausanne geborene Félix Vallotton internationale Anerkennung.

Hochschulen und Ausbildung

Mit Ausnahme von Jura und Wallis unterhalten alle Westschweizer Kantone eine eigene Universität. Die Universität Lausanne geht auf die 1537 gegründete Académie de Lausanne zurück, die zunächst Pastoren ausbildete. 1890 erhielt sie den Universitätsstatus. Zusammen mit der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL, ETH Lausanne) bildet sie eines der grössten Hochschulzentren der Schweiz.

Die Académie de Genève wurde 1559 von Jean Calvin gegründet und 1873 in die Université de Genève umgewandelt. 2018 kamen ungefähr 40 % ihrer Studierenden aus dem Ausland. Die Universität Freiburg wurde 1889 gegründet und ist die einzige offiziell zweisprachige Hochschule der Schweiz. Zu ihren Vorläufern gehören das 1582 gegründete Kollegium Sankt Michael und die 1763 gegründete Rechtsakademie. Das Hauptgebäude Miséricorde wurde 1941 eingeweiht; die Universität zählt rund 10'000 Studierende.

Die Universität Neuenburg geht auf eine 1838 gegründete Akademie zurück. Sie wurde 1848 geschlossen und 1909 als Volluniversität wiedereröffnet. Nach einem Ranking von Times Higher Education aus dem Jahr 2016 gehörte sie zu den Top 20 der kleinen Universitäten der Welt mit weniger als 5'000 Studierenden.

Die zentral geführte Fachhochschule Westschweiz HES-SO umfasst 28 Schulen in den Kantonen Bern, Freiburg, Genf, Jura, Neuenburg, Wallis und Waadt. Mit über 19'000 Studierenden ist sie nach der Zürcher Fachhochschule die zweitgrösste Fachhochschule der Schweiz. Hinzu kommen pädagogische Hochschulen in Biel, Delsberg, La Chaux-de-Fonds, Lausanne, Freiburg, Brig-Glis und Saint-Maurice.

Medien und Religionen

Das wichtigste französischsprachige Schweizer Blatt ist Le Temps. Es entstand 1998 aus dem Zusammenschluss des Journal de Genève et Gazette de Lausanne und des Le Nouveau Quotidien. Die Zeitung wird in der ganzen Schweiz, in Frankreich und in den frankophonen Teilen Europas verbreitet. Im Artikel wird ihr Sitz einmal mit Genf und einmal mit Lausanne angegeben.

Regional bedeutend sind die Tribune de Genève und 24 heures, die auflagenstärkste Zeitung der Romandie. Beide gehören zur Mediengruppe Tamedia. Le Matin erscheint seit 2018 nur noch als Internet-Zeitung; die gedruckte Fortsetzung bildet Le Matin Dimanche. Weitere führende Regionalzeitungen sind La Liberté im frankophonen Freiburg und angrenzenden Waadtländer Gebieten, Le Nouvelliste im Wallis, Le Quotidien jurassien im Jura und Berner Jura sowie das Journal du Jura in Biel und im Berner Jura. Radio und Fernsehen werden national vor allem durch Radio Télévision Suisse (RTS) mit Standorten in Genf und Lausanne geprägt. RTS gehört zur SRG SSR und ist an TV5 Monde beteiligt. Ausländische Fernsehsender erreichen in der französischsprachigen Schweiz über 71 % Marktanteil; in der Deutschschweiz sind es 62 %. Einheimische private Sender sind kaum vorhanden.

Religiöse Angelegenheiten liegen wie in der gesamten Schweiz rechtlich und gesellschaftlich bei den Kantonen. Genf, Neuenburg, Waadt und der frankophone Teil Berns sind traditionell protestantisch geprägt; Freiburg, Jura und Wallis traditionell katholisch. Genf war durch Johannes Calvin ein Zentrum der Reformation und wird als «protestantisches Rom» bezeichnet. Genf und Neuenburg sind die einzigen Kantone der Schweiz mit einer laizistischen Ordnung ohne Landeskirchen oder andere öffentlich-rechtliche Anerkennungen religiöser Institutionen.

Genf ist zugleich ein bedeutendes Zentrum katholischer, russisch-orthodoxer, muslimischer und jüdischer Gemeinschaften. Die 1978 eingeweihte Genfer Moschee ist das grösste muslimische Gotteshaus der Schweiz. Die jüdischen Gemeinden umfassen dort knapp 4'000 Mitglieder, die muslimische Bevölkerung des Kantons rund 21'000 Menschen. Im Kanton Waadt zählt die öffentlich-rechtlich anerkannte jüdische Gemeinschaft etwa 1'800 Menschen, die muslimische Bevölkerung rund 31'000. 2016 gab es in der Westschweiz ungefähr 500'000 Konfessionslose; davon rund 100'000 im Kanton Genf und etwa 8'000 im Kanton Jura.

Grösste Städte und ihre Funktionen

Die grössten Städte der Romandie waren 2025 nach Einwohnerzahl: Genf mit 211'152 Einwohnern, Lausanne mit 145'596, Biel/Bienne mit 57'462, Neuenburg mit 45'466, Freiburg i. Üe. mit 39'599 und La Chaux-de-Fonds mit 37'858. Genf und Lausanne sind nach Zürich beziehungsweise Basel die zweit- und viertgrössten Städte der Schweiz.

Genf ist die grösste Stadt und der wirtschaftlich stärkste urbane Raum der Romandie. Die Stadt entwickelte sich ab dem 16. Jahrhundert stark durch die Uhrenindustrie und wurde durch ihr humanitäres Engagement, unter anderem die Gründung des IKRK, zu einer internationalen Diplomatenstadt. Im 20. Jahrhundert verstärkten der Sitz des Völkerbunds und später der Zweitsitz der Vereinten Nationen nach New York City diese Funktion.

Lausanne ist hinsichtlich Bevölkerung und Wirtschaftskraft die zweitgrösste Stadt der Region. Sie ist politisch und verwaltungstechnisch bedeutend, beherbergt das grosse Hochschulzentrum mit Universität und EPFL und ist mit Biotechnik und Informatik verbunden. Wegen des Hauptsitzes des Internationalen Olympischen Komitees trägt sie den Beinamen «Olympische Hauptstadt».

Das amtlich zweisprachige Biel/Bienne besitzt wegen seiner Hochschulen, seiner kulturellen Vielfalt und der Uhrenindustrie nationale Bedeutung. Neuenburg vergrösserte sich am 1. Januar 2021 durch die Eingemeindung von Corcelles-Cormondrèche, Peseux und Valangin von etwa 33'500 auf rund 44'500 Einwohner. Freiburg i. Üe. ist eine zweisprachige Stadt mit Scharnierfunktion zwischen französisch- und deutschsprachiger Schweiz und besitzt eine gut erhaltene Altstadt. La Chaux-de-Fonds liegt nahe der französischen Grenze, ist industriell geprägt und ein wichtiges Zentrum der Schweizer Uhrenindustrie.

Politik und Verwaltung

Die politische Landschaft der Romandie ist wegen der unterschiedlichen kulturellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen ihrer Kantone vielfältig. Seit ungefähr den 1990er-Jahren stimmt die Region bei eidgenössischen Wahlen und Abstimmungen häufig etatistischer, also stärker auf staatliches Handeln ausgerichtet, als die Deutschschweiz. Bei der Ausschaffungsinitiative von 2010 stimmte die Romandie – mit Ausnahme des zweisprachigen Wallis – geschlossen gegen die Initiative, während die Deutschschweiz – ausser Basel-Stadt – und die italienische Schweiz dafür stimmten.

Bei der Abstimmung über den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum 1992 stimmte die gesamte französische Schweiz zusammen mit Basel-Landschaft und Basel-Stadt für den Beitritt. Sie wurde vom übrigen deutschsprachigen Landesteil und dem Tessin überstimmt. Das Volksmehr war mit nur 23'000 Stimmen Unterschied äusserst knapp; beim Ständemehr lautete das Ergebnis 16 von 23 Nein. Zugleich stimmten Basel, Bern und Zürich für den Beitritt, weshalb im deutschsprachigen Gebiet auch ein Stadt-Land-Gegensatz entscheidend war. Bei der Folgeabstimmung zu den bilateralen Verträgen im Jahr 2000 zeigte sich der sprachregionale Graben nicht mehr.

Unterschiede innerhalb der Romandie verlaufen auch zwischen protestantisch und katholisch geprägten Kantonen. Die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei ist in der Romandie weniger stark verankert als in der Deutschschweiz. Historisch bestand zudem eine Trennung zwischen FDP und Liberaler Partei der Schweiz entlang der Sprachgrenzen. Die Liberale Partei blieb in traditionell protestantischen Westschweizer Kantonen bis zur Fusion mit der FDP 2008 eigenständig; mit Gustave Ador stellte sie von 1917 bis 1919 ihren ersten und einzigen Bundesrat.

Als Minderheitenregion legt die Romandie Wert auf eine angemessene Vertretung im Bundesrat. 2023 stellte sie kurzzeitig drei Bundesräte, seit 2024 zwei von sieben: Guy Parmelin aus Waadt, seit 2014, und Elisabeth Baume-Schneider aus Jura, seit 2023. In Neuenburg befindet sich das Bundesamt für Statistik, in Biel das Bundesamt für Kommunikation. Lausanne ist Sitz des Bundesgerichts, das 1874 geschaffen wurde und 1927 das Gebäude Mon-Repos bezog.

Weiterlesen

Sprachen in der Schweiz Die Landessprachen und damit die Schriftsprachen der alteingesessenen Bevölkerung der Schweiz sind Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Deutsche Sprache Die heutige deutsche Standardsprache entwickelte sich überwiegend aus den hochdeutschen Dialekten und fungiert als überregionale Dachsprache für sowohl hoch- … Französische Sprache Vokale · ​/⁠ɑ⁠/​: pâte – / pɑt/ – Teig · ​/⁠ɔ⁠/​: sort – / sɔʁ/ – Schicksal · ​/⁠o⁠/​: sot – / so/ – dumm · ​/⁠u⁠/​: sous – / su/ – unter. Frankophonie Der Begriff Frankophonie (oft auch Francophonie) ist auf zwei Bedeutungsebenen zu verstehen: Einerseits wird als Frankophonie die Gesamtheit der … Kanton Neuenburg Kanton Neuenburg ; Kürzel/Kontrollschild: NE ; Amtssprache: Französisch ; Hauptort: Neuenburg (Neuchâtel) ; Grösster Ort: Neuenburg (Neuchâtel). Kanton Waadt Der Kanton Waadt ist hinsichtlich der Einwohnerzahl und des Bruttoinlandproduktes nach den Kantonen Zürich und Bern der drittgrösste Schweizer Kanton. Bezüglich … Bilingualismus Mit Bilingualismus oder Zweisprachigkeit wird die Fähigkeit bezeichnet, zwei Sprachen zu sprechen oder zu verstehen. Die Bezeichnung kann sich sowohl auf … Kanton Wallis Kanton Wallis lanciertes Projekt gegen den brain drain. Zürich In den international gebräuchlichen Schulstufen-Einteilungen entspricht die Unter- und Mittelstufe der Primarstufe, die Oberstufe der Sekundarstufe 000001I. Politisches System der Schweiz Das politische System der Schweiz basiert auf dem demokratischen, republikanischen, rechtsstaatlichen und föderalistischen Prinzip. Schweizer Hochdeutsch Das Schweizer Hochdeutsch (auch Schweizerhochdeutsch geschrieben) ist das Standarddeutsch in der Schweiz. Es ist eine nationale Varietät der … Deutschland Deutschland (; Vollform des Staatsnamens: Bundesrepublik Deutschland) ist ein Bundesstaat in Mitteleuropa. Es besteht aus 16 Ländern und ist als …