Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Kanton Neuenburg
Kanton Neuenburg ; Kürzel/Kontrollschild: NE ; Amtssprache: Französisch ; Hauptort: Neuenburg (Neuchâtel) ; Grösster Ort: Neuenburg (Neuchâtel).
Inhalt6 Abschnitte
Lage und Naturraum
Der Kanton Neuenburg (französisch République et Canton de Neuchâtel, Kürzel NE) liegt in der französischsprachigen Romandie. Hauptort und grösste Gemeinde ist die Stadt Neuenburg. Der Kanton gehört zur Grossregion Espace Mittelland und zur Hauptstadtregion Schweiz. Er umfasst 802,16 km²; der Höhenbereich wird mit 421–1550 m ü. M. angegeben. Im Artikel wird zugleich als höchste Stelle 1553 m ü. M. auf dem Berggrat am Chasseral genannt.
Das Kantonsgebiet liegt überwiegend im Schweizer Juragebirge. Ein schmaler Streifen reicht an den Jurasüdfuss und ins Schweizer Mittelland. Am Nordufer des Neuenburgersees liegt die Region Littoral. Der 8,5 Kilometer lange Zihlkanal verbindet den Neuenburgersee mit dem Bielersee, gleicht normalerweise deren Wasserstand von 429 m ü. M. aus und bildet teilweise die Grenze zum Kanton Bern.
Wichtige Naturräume sind das Bergtal Val de Ruz, das vom Seyon entwässert wird, das Val de Travers mit der Areuse sowie die Bergregion Montagnes mit La Chaux-de-Fonds und Le Locle. Die Areuse fliesst durch die Gorges de l’Areuse zum Neuenburgersee. Der Creux du Van ist ein bedeutendes Geotop und eine bekannte Natursehenswürdigkeit. Die Areusequelle bei Saint-Sulpice gehört zu den grössten Karstquellen des Juras; das Grundwasser der Areuseschlucht ist für die Wasserversorgung von Neuenburg und La Chaux-de-Fonds besonders wichtig.
Im Norden grenzt der Kanton über mehr als 50 Kilometer an Frankreich, vor allem am Doubs. Das Gebiet liegt auf der Europäischen Hauptwasserscheide zwischen den Flussgebieten von Rhein und Rhone.
Verkehr und Schutzgebiete
Am Jurasüdfuss verlaufen die Hauptstrasse 5, die Autobahn A5 und die Bahnstrecke Lausanne–Neuenburg–Olten. Durch das Val de Travers führen die Hauptstrasse 10 und die 1860 erbaute Bahnstrecke Neuchâtel–Pontarlier. In die Bergregion führen unter anderem die Hauptstrasse 20 über die Vue des Alpes, die Autostrasse A20 mit zwei Tunneln, die Bahnstrecke Neuchâtel–Le Locle-Col-des-Roches sowie Strassen über den Col de la Tourne und durch das Vallée des Ponts. Die Hauptstrasse 18 verbindet La Chaux-de-Fonds mit Basel. Neuenburg ist über die Hauptstrasse 10, die A20 und die 1901 eröffnete Bahnstrecke über Kerzers mit Bern verbunden.
Die Transports Publics Neuchâtelois betreiben Eisenbahn-, Standseilbahn-, Trolleybus- und Autobuslinien. Die Seen und Verbindungskanäle dienen der Schifffahrt. Auf dem Bielersee, dem Neuenburgersee und dem Murtensee verkehren Schiffe verschiedener Schifffahrtsgesellschaften. Das 1826 in Dienst gestellte Dampfschiff Union war das erste öffentliche Verkehrsmittel auf dem Neuenburgersee. Zudem gibt es markierte Velorouten, darunter die Jura-Route (Veloroute 7), Arc jurassien (Veloroute 54), Jurasüdfuss-Route (Veloroute 50) und L’Areuse-Emme-Sihl (Veloroute 94).
Bund, Kanton und Private haben zahlreiche Schutzgebiete geschaffen. Der Kanton besitzt Gebiete im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN/IFP), darunter Creux-du-Van-Gorges-de-l’Areuse, Vallée du Doubs, Tourbière des Ponts-de-Martel, Vallée de la Brévine, Chasseral und Rive sud du lac de Neuchâtel. Der Artikel spricht bei den zusätzlich genannten BLN-Gebieten von sechs, führt jedoch sieben Namen auf. Nationale Moorlandschaften liegen bei Tourbière des Ponts-de-Martel, La Brévine und am Südufer des Neuenburgersees. Weitere wichtige Schutzgebiete sind unter anderem Combe Biosse, Bois des Lattes, Bas-Lac und der Parc sauvage de la Vieille Thielle. Das Val de Ruz gehört zum Regionalen Naturpark Chasseral, die Bergzone bei La Chaux-de-Fonds und Le Locle zum Parc du Doubs.
Bevölkerung, Sprachen und Religion
Am 30. September 2025 lebten 180'278 Menschen im Kanton Neuenburg. Die Bevölkerungsdichte betrug 225 Einwohner pro km² und lag damit über dem Schweizer Durchschnitt von 221 Einwohnern pro km². Der Ausländeranteil, also der Anteil gemeldeter Einwohner ohne Schweizer Bürgerrecht, lag bei 27,3 Prozent; landesweit waren es 27,6 Prozent. Die Arbeitslosenquote betrug am 31. Januar 2026 4,8 Prozent gegenüber 3,2 Prozent auf eidgenössischer Ebene.
Zwischen 1850 und 1970 stieg die Einwohnerzahl von 70'753 auf 169'173. Um die 1970er-Jahre stagnierte sie. Dies stand im Zusammenhang mit einer schweren Wirtschaftskrise, dem Bedeutungsverlust Neuenburgs gegenüber Biel in der Uhrenindustrie sowie der Schliessung grosser Traditionsunternehmen wie Dubied und Suchard.
Amtssprache ist Französisch. Für das Jahr 2012 werden folgende Sprachanteile genannt: 88,3 Prozent Französisch, 6,2 Prozent Italienisch, 6,0 Prozent Deutsch und 3,3 Prozent Englisch.
Historisch war Neuenburg überwiegend reformiert. Katholisch geprägt waren vor allem Le Landeron und Le Cerneux-Péquignot; während der Reformation blieben ausserdem Cressier und Le Landeron katholisch. Ende 2024 bezeichneten sich 17,2 Prozent der befragten Personen ab 15 Jahren als katholisch, 14,6 Prozent als evangelisch, 4,9 Prozent als Angehörige einer weiteren christlichen Glaubensgemeinschaft, 4,9 Prozent als muslimisch und 1,0 Prozent als Mitglieder sonstiger Glaubensgemeinschaften. 57,3 Prozent waren konfessionslos oder machten keine Angabe. Staat und Kirche sind seit 1941 vollständig getrennt. Ein Konkordat von 2001 anerkennt die evangelisch-reformierte, katholische und christkatholische Kirche als «Institutionen von öffentlichem Interesse».
Staatsaufbau und politische Gliederung
Die geltende Kantonsverfassung stammt vom 24. September 2000 und löste die Verfassung von 1858 ab. Die politischen Rechte umfassen mehrere Formen der direkten Demokratie:
- 4500 Stimmberechtigte können innerhalb von sechs Monaten eine Volksinitiative zum Erlass, zur Änderung oder zur Aufhebung eines Gesetzes einreichen.
- Für eine Volksmotion sind 100 Stimmberechtigte erforderlich.
- 4500 Stimmberechtigte können ein fakultatives Referendum gegen Gesetze, bestimmte Ausgabenbeschlüsse und wichtige Staatsverträge verlangen.
- Für eine Teilrevision der Verfassung braucht es 6000, für eine Totalrevision 10'000 Unterschriften.
- Verfassungsänderungen und vom Grossen Rat abgelehnte Volksinitiativen unterliegen dem obligatorischen Referendum.
Die Legislative ist der Grosse Rat (Grand Conseil). Er hat 100 Mitglieder, die nach dem Proporzwahlrecht für vier Jahre gewählt werden. Bis zu den Wahlen von 2017 bestand er aus 115 Mitgliedern; seit den Wahlen von 2021 gilt ein Quorum von 3 Prozent. Bei den Wahlen vom 23. März 2025 entfielen 30 Sitze auf die FDP, 27 auf die SP, 15 auf die Grünen, 12 auf die SVP, 8 auf PdA und SolidaritéS, 5 auf die GLP und 3 auf Die Mitte. Die Wahlbeteiligung betrug 31,61 Prozent.
Die Exekutive ist der seit 1848 bestehende fünfköpfige Staatsrat (Conseil d’État). Seine Mitglieder werden gleichzeitig mit dem Grossen Rat nach dem Majorzwahlrecht für vier Jahre gewählt. Seit Ende 2014 kann der Grosse Rat ein Mitglied mit einer Drei-Viertel-Mehrheit vorzeitig abberufen. Nach den Wahlen von 2025 besitzt die links-grüne Allianz im Staatsrat die Mehrheit; vertreten sind zwei SP-, zwei FDP- und ein GPS-Mitglied. Die Staatskanzlei unterstützt die Regierung.
Die Judikative wurde durch die Gerichtsverfassung von 2010, wirksam ab Anfang 2011, auf drei Gerichte konzentriert. Erste Instanz sind zwei Regionalgerichte mit neun beziehungsweise 13 Richtern und jeweils sieben Fachsektionen. Eine Sektion ist das Vermittleramt, das in Zivilrechtsfällen eine gütliche Einigung anstrebt. Zweite Instanz ist das Kantonsgericht mit zwölf Richtern und sechs Fachhöfen. Es übt auch die Verwaltungsgerichtsbarkeit aus. Die Untersuchungsrichterämter sind in die Staatsanwaltschaft integriert. Der Grosse Rat wählt die Richter für sechs Jahre; die Oberaufsicht führt der Richterrat.
Seit 1. Januar 2018 gibt es keine Bezirke mehr. Vier Regionen dienen statistischen Zwecken und als Wahlregionen für den Grossen Rat. Der Kanton zählt seit 1. Januar 2025 24 politische Gemeinden. Jede Gemeinde besitzt ein für vier Jahre gewähltes Gemeindeparlament und einen Gemeinderat. Neuenburg hat vier Sitze im Nationalrat und zwei im Ständerat.
Geschichtliche Entwicklung bis zur Republik
Das Gebiet des heutigen Kantons war bereits seit Jahrtausenden besiedelt. Nach ihm benannt sind die neolithische Cortaillod-Kultur und die keltische Latènekultur. Im Mittelalter entstanden Siedlungen, Kleinstädte und Burgen, besonders im Val de Ruz, im Val de Travers und am Seeufer. Neuenburg gehörte zunächst zum Königreich Burgund und nach 1032 zum Heiligen Römischen Reich. Die Grafschaft wechselte über mehrere Adelsgeschlechter: 1288 wurde Johann I. von Chalon-Arlay belehnt, 1395 ging das Lehen an die Grafen von Freiburg, 1457 an die Markgrafen von Baden-Hochberg und 1504 an das Haus Orléans-Longueville. Valangin wurde 1592 mit Neuenburg vereinigt; 1643 wurde Neuenburg zum Fürstentum erhoben.
Die Verbindung zur Alten Eidgenossenschaft beruhte auf Bündnissen mit Bern: Neuenburg verbündete sich 1308 erstmals mit Bern, Valangin 1383. 1406 beziehungsweise 1427 erhielten beide Gebiete den Status eines Zugewandten Ortes. Nach der Reformation unter dem Einfluss Guillaume Farels bekannten sich 1530 die meisten Gemeinden zum reformierten Glauben. Cressier und Le Landeron blieben katholisch. Im Westfälischen Frieden wurde Neuenburg als souveränes Fürstentum unter dem Schutz der Eidgenossenschaft anerkannt, blieb aber ohne Sitz und Stimme auf der Tagsatzung.
Nach dem Tod der kinderlosen Fürstin Marie de Nemours 1707 wählte ein Tribunal der Neuenburger Stände den preussischen König Friedrich I. zum Herrscher. Der Übergang wurde 1712 im Frieden von Utrecht international anerkannt. Die preussischen Könige regierten Neuenburg von 1707 bis 1806 und erneut von 1814 bis 1857 in Personalunion, meist durch Gouverneure und mit geringer Einmischung in die inneren Angelegenheiten. 1806 übergab Preussen das Fürstentum aufgrund des Pariser Vertrages vom 15. Februar 1806 an Napoleon I.; dieser setzte Louis Alexandre Berthier als Fürsten ein. Berthier betrat Neuenburg nie. Nach Napoleons Sturz verzichtete er am 3. Juni 1814 gegen eine lebenslängliche Rente von 34'000 Talern zugunsten Preussens. Der Bundesvertrag vom 9. September 1814 trat am 7. August 1815 in Kraft; der Wiener Kongress anerkannte Neuenburg als «Schweizer Kanton und preussisches Fürstentum».
Am 1. März 1848 stürzten Republikaner aus Le Locle und La Chaux-de-Fonds mit etwa 1400 bewaffneten Bergbewohnern die royalistische Regierung und besetzten Burg und Schloss. Eine neue Verfassung im Geist der repräsentativen Demokratie wurde am 30. April 1848 vom Volk angenommen; seither bezeichnete sich Neuenburg als «République et Canton de Neuchâtel». Ein royalistischer Putsch vom 2. bis 4. September 1856 scheiterte. Im Vertrag von Paris vom 26. Mai 1857 verzichtete Preussen endgültig auf seine Ansprüche; die Schweiz gewährte den Rebellen eine Amnestie. Damit endete die mit einer Unterbrechung von 1806 bis 1814 rund 150 Jahre dauernde preussische Herrschaft staats- und völkerrechtlich.
Wirtschaft und wichtige Entwicklungen
Die frühe Uhrenindustrie und Automationstechnik kamen mit den Hugenotten nach Neuenburg; ebenso die Spitzenklöppelei. Im 18. Jahrhundert waren Kattundruck und bedruckte Stofftapeten wichtige Exportartikel. 1826 gründete Philippe Suchard in Serrières seine erste Schokoladenfabrik. Die Industrialisierung prägte besonders die Uhrenregion; 1960 arbeiteten noch 61,0 Prozent der Beschäftigten im zweiten Sektor.
2011 betrug das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner 81'661 Schweizer Franken. 2012 wurden 102'820 Beschäftigte gezählt: 2'381 im primären Sektor (Urproduktion), 35'558 im sekundären Sektor (Industrie) und 64'881 im tertiären Sektor (Dienstleistungen). Es gab 13'264 Arbeitsstätten, davon 922 im primären, 2'515 im sekundären und 9'827 im tertiären Sektor. Im Kanton wurde 2017 ein Mindestlohn eingeführt, der jährlich an den Landesindex der Konsumentenpreise angepasst wird. Für 2024 betrug er 21.09 CHF pro Stunde. Er gilt grundsätzlich für Beschäftigte, die gewöhnlich im Kanton arbeiten, unabhängig vom Wohnsitz; Ausnahmen bestehen unter anderem für bestimmte Ausbildungs-, Ferien- und geringfügige Beschäftigungen sowie für einzelne Branchen wie die Landwirtschaft.
Der Absinth war im Val de Travers ein wichtiger Industriezweig. Nach einer Volksabstimmung vom 5. Juli 1908 wurde er am 7. Oktober 1910 in der Schweiz verboten; die Familie Pernod verlegte ihre Produktion ins französische Pontarlier. Am 1. März 2005 wurde das Verbot aufgehoben. Im ersten Jahr danach wurden im Val de Travers etwa 130'000 Liter Absinth hergestellt; während der Prohibition hatte die illegale Produktion nach Schätzungen etwa 50'000 Liter pro Jahr betragen. Die Akademie von Neuenburg wurde 1838 gegründet und 1909 in die Universität Neuenburg umgewandelt.