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Rolf Peter Sieferle
August 1949 in Stuttgart; † 17. September 2016 in Heidelberg) war ein deutscher Historiker. Sieferle etablierte den energetischen Ansatz der Umweltgeschichte.
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Wer Sieferle war
Rolf Peter Sieferle (* 5. August 1949 in Stuttgart; † 17. September 2016 in Heidelberg) war ein deutscher Historiker. Er gilt vor allem als wichtiger Vertreter der Umweltgeschichte, also der historischen Forschung über die Wechselwirkungen zwischen Menschen, Gesellschaften, Energie, Stoffströmen und Natur. Besonders prägend war sein „energetischer“ Ansatz: Er untersuchte, wie Energiequellen wie Holz oder Steinkohle gesellschaftliche Entwicklung, Industrialisierung und Umweltveränderungen ermöglichten oder begrenzten.
Seine Arbeitsschwerpunkte lagen zunächst in der Struktur- und Ideengeschichte der Industrialisierung, der Umweltgeschichte und der Universalgeschichte. Später beschäftigte er sich zunehmend mit politisch-konservativen Deutungen historischer Entwicklung. Sein postum 2017 erschienenes Buch „Finis Germania“ machte ihn über die Fachwelt hinaus bekannt, weil es wegen als antisemitisch und vielfach rechtsradikal bewerteter Inhalte sowie wegen seiner Behandlung in Sachbuch- und Bestsellerlisten starke öffentliche Diskussionen auslöste.
Ausbildung und akademische Laufbahn
Sieferle wurde in Stuttgart geboren und wuchs mit seiner Mutter in Heidelberg auf. Ab 1968 studierte er Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie an den Universitäten Heidelberg und Konstanz. In Heidelberg war er zeitweise Vorstand des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), distanzierte sich aber später von der Studentenbewegung, die er als „tief illusorisch“ bezeichnete.
1977 wurde er an der Universität Konstanz mit einer Dissertation über den Revolutionsbegriff in der Theorie von Karl Marx zum Dr. phil. promoviert. 1984 habilitierte er sich in Konstanz für Neuere Geschichte. Von 1988 bis 1993 war er Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 1989 erhielt er eine Privatdozentur an der Universität Mannheim, 1991 wurde er dort außerplanmäßiger Professor.
Von 1980 bis 1984 arbeitete Sieferle an der Universität-Gesamthochschule Essen in der Arbeitsgruppe Umwelt, Gesellschaft, Energie. Dort war er am Forschungsprojekt „Die Sozialverträglichkeit verschiedener Energiesysteme in der industriegesellschaftlichen Entwicklung“ beteiligt. Außerdem wirkte er im Umfeld der Enquete-Kommission „Zukünftige Kernenergie-Politik“ (1979–1983) des Deutschen Bundestages mit.
Später hatte er Gastprofessuren an der ETH Zürich und in Wien. Im Umfeld des Wiener Instituts für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung unterstützte er eine umfassende Quantifizierung gesellschaftlicher Stoff- und Energieströme, den sogenannten MEFA-Ansatz. Von 2000 bis 2004 war er ständiger Gastprofessor an der Universität St. Gallen, 2005 wurde er dort ordentlicher Professor für Allgemeine Geschichte. 2012 wurde er emeritiert.
Umweltgeschichte und zentrale Fachbeiträge
Sieferles Buch „Der unterirdische Wald. Energiekrise und industrielle Revolution“ erschien 1982. Es gilt als Standardwerk zum Übergang vom Energieträger Holz zur Steinkohle und zur Bedeutung dieses Übergangs für die Industrialisierung. Der Titel meint die Steinkohle als eine Art gespeicherten, „unterirdischen“ Wald: Durch sie stand Energie in einer Form zur Verfügung, die nicht mehr unmittelbar von aktuellen Waldflächen abhängig war. Das Werk wurde als Pionierarbeit des energetischen Ansatzes in der Umweltgeschichte bezeichnet.
In „Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart“ (1984) untersuchte Sieferle frühe und neuere Kritik an Technik, Industrie und Fortschrittsglauben. Im Zusammenhang damit veröffentlichte er auch populärwissenschaftliche Beiträge sowie 1987 die Schrift „Wege aus der Krise? Alte und neue Muster der Technikkritik“.
Mit „Rückblick auf die Natur: Eine Geschichte des Menschen und seiner Umwelt“ (1997) entwarf Sieferle eine breite Darstellung von der Altsteinzeit bis zur Gegenwart. Dabei ging es weder nur um Menschen, die in ihre Umwelt eingreifen, noch nur um Natur als Ursache menschlicher Kulturen, sondern um gegenseitige Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt. Das Buch wurde als essayistisch und populär, aber zugleich kenntnisreich beschrieben.
Auch institutionell prägte Sieferle die Umweltgeschichte: Seit 2004 war er Mitherausgeber der Reihe „Umwelthistorische Forschungen“ im Böhlau Verlag. 2010 legte er eine von drei externen Expertisen für das Hauptgutachten „Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen vor.
Politische und ideengeschichtliche Werke
Seit den 1990er Jahren verschob sich Sieferles Arbeit stärker in Richtung politischer Zeitdiagnose. In „Epochenwechsel. Die Deutschen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert“ (1994) behandelte er Zukunftsfragen wie Umweltkrisen, Zuwanderung und Krise des Sozialstaats. Er argumentierte, diese Problemlagen ließen sich nicht mehr mit „humanitärem Universalismus“, sondern nur partikularistisch lösen. Kritiker bemängelten, dass er linke Aufklärungstraditionen abwerte und rechte Aufklärungskritik übernehme, ohne praktikable politische Vorschläge zu entwickeln.
1995 veröffentlichte Sieferle „Die Konservative Revolution. Fünf biographische Skizzen“ über Paul Lensch, Werner Sombart, Oswald Spengler, Ernst Jünger und Hans Freyer. Er rechnete sie der sogenannten „Konservativen Revolution“ zu und wertete auch den Nationalsozialismus als eine „reale konservative Revolution“. Das Buch wurde in Rezensionen stark kritisiert: Bemängelt wurden unter anderem eine unkritische Darstellung, fehlende demokratietheoretische Maßstäbe und eine zu große Distanzlosigkeit gegenüber rechtsintellektuellen Positionen.
2007 erschien „Karl Marx zur Einführung“. Darin stellte Sieferle auf 233 Seiten das Programm des wissenschaftlichen Sozialismus, Marx’ Analyse der bürgerlichen Gesellschaft, seine Prognosen zum Kapitalismus, politische Konsequenzen und die frühe Rezeptionsgeschichte dar. Rezensenten hoben hervor, dass Sieferle Marx’ „Kritik der Politischen Ökonomie“ analytische und vorhersagende Kraft zuschrieb, zugleich aber Marx’ Planungsoptimismus, seine ökonomische Vereinfachung sozialer Phänomene und die Vorstellung einer herrschaftsfreien Gesellschaft nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus kritisierte.
Postume Kontroversen
Nach Sieferles Tod erschienen 2017 zwei besonders umstrittene Werke. „Finis Germania“ wurde auf Veranlassung seiner Ehefrau im neurechten Verlag Antaios veröffentlicht. Aussagen über „Schuldkult“, den Holocaust als „Mythos“ und „Staatsreligion“ sowie Formulierungen zu Auschwitz wurden vielfach als rechtsradikal, antisemitisch oder geschichtsrevisionistisch bewertet. Herfried Münkler nannte das Buch ein „schlechtes Buch“, das möglicherweise strafrechtlich relevante Passagen enthalte und von antisemitischen Vorstellungen geprägt sei.
Zusätzliche Debatten entstanden durch den Umgang mit dem Buch in Listen. Es gelangte auf Platz neun der Juni-Liste der „Sachbücher des Monats“, weil ein Juror seine zwanzig Stimmpunkte auf dieses eine Buch konzentriert hatte. Später wurde „Finis Germania“ zunächst auf der „Spiegel“-Bestsellerliste geführt, dann aber trotz entsprechender Verkaufszahlen nicht mehr aufgeführt. Die Begründung lautete, das Buch sei „rechtsradikal, antisemitisch und geschichtsrevisionistisch“. Kritisiert wurde daran vor allem die Intransparenz des Vorgehens.
Ebenfalls 2017 erschien „Das Migrationsproblem: Über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung“. Sieferle behandelte darin Migrationsursachen, die Situation in Zielländern, Legitimationsnarrative, Motive der Akteure und historische Perspektiven. Er sah Tendenzen zur Selbstdestruktion, die nicht durch Einwanderung verursacht, aber durch sie verstärkt würden. Gustav Seibt hob hervor, Sieferle bestreite einen Sachzusammenhang zwischen Einwanderungsdruck und schrumpfender Bevölkerung in alten Industrieländern.
Tod, Nachrufe und Privatleben
Sieferle starb am 17. September 2016 im Alter von 67 Jahren durch Suizid. Er war verheiratet und lebte zuletzt wieder in Heidelberg. In einem Brief, der von Michael Klonovsky als eine Art Abschiedsbrief und Vermächtnis an die AfD betrachtet wurde, beklagte Sieferle eine „omnipräsente politische Alternativlosigkeit“ und sah Angela Merkel als Urheberin einer „Verschwörung gegen den offenen Diskurs“.
In Nachrufen wurde Sieferles fachliche Bedeutung für die Umweltgeschichte betont. Verena Winiwarter bezeichnete ihn als einen der „wichtigsten Pioniere“ der europäischen Umweltgeschichte. Gustav Seibt würdigte ihn als interessanten Stilisten mit großer erzählerischer und theoretischer Formulierungsfreude, kritisierte aber seine späte Schaffensphase als geprägt von „wüstes Schimpfen und Primitivität“ und sprach von „gnadenlose[m] Zynismus“. Jan Grossarth schrieb, Sieferle habe als außergewöhnlich feingeistiger Historiker gegolten, zuletzt aber „giftige, rechtsradikale Bücher“ verfasst.