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Umweltgeschichte

Die Umweltgeschichte ist eine Disziplin der Geschichtswissenschaft, die sich mit der langfristigen Entwicklung der Wechselwirkungen von Menschen mit ihrer …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Fragestellungen
  2. 2. Umwelt und Gesellschaft in der Antike
  3. 3. Mittelalter bis 19. Jahrhundert
  4. 4. Umweltprobleme der Moderne
  5. 5. Forschungsgebiet und Institutionen

Gegenstand und Fragestellungen

Umweltgeschichte ist eine Disziplin der Geschichtswissenschaft. Sie untersucht langfristige Wechselwirkungen zwischen Menschen und ihrer natürlichen oder kultivierten Umwelt, also ihrem Habitat. Sie ist wichtig, weil Umweltbedingungen Gesellschaften beeinflussen können, Menschen ihre Umwelt aber zugleich durch Wirtschaft, Technik, Lebensweise und Regeln verändern.

Moderne Umweltgeschichte betrachtet beide Richtungen dieser Wechselwirkung. Sie fragt nicht nur – wie ein deterministischer Ansatz – danach, wie Umweltbedingungen gesellschaftliche Entwicklungen prägen. Sie untersucht ebenso, wie menschliches Handeln Umweltveränderungen hervorbringt und wie diese Veränderungen auf Gesellschaften zurückwirken.

Zu den nicht vom Menschen verursachten Veränderungen zählen Eiszeiten, Wärme- und Kältephasen wie die Kleine Eiszeit, Sturmfluten, Folgen von Meteoriteneinschlägen sowie historische Vulkanausbrüche, etwa beim Jahr ohne Sommer. Daneben untersucht die Umweltgeschichte gesellschaftliche Naturbilder, zum Beispiel religiös-mythische, technische oder ganzheitliche Vorstellungen von Natur. Weitere Themen sind die Entwicklung des Naturwissens, Umweltpolitik und Umweltrecht, Wirtschafts- und Lebensweisen sowie deren Umweltfolgen. Auch Seuchen wie Pest und Grippe oder interkontinentale Infektionen wie die Spanische beziehungsweise Französische Krankheit gehören dazu.

Ein Ziel ist die nüchterne Beurteilung früherer Kulturen: Umweltgeschichte grenzt sich von der Vorstellung eines „goldenen Zeitalters“ ab, in dem Menschen angeblich stets harmonisch mit der Natur lebten. Jared Diamond gilt mit seinem Buch Kollaps als einflussreicher Autor. Wolfram Siemann und Nils Freytag schlagen vor, Umwelt neben Herrschaft beziehungsweise Politik, Wirtschaft und Kultur als vierte Grundkategorie der Geschichtswissenschaft zu behandeln. Andere Ansätze beanspruchen einen vergleichbaren Rang jedoch auch für Kategorien wie Geschlecht oder historische Region.

Umwelt und Gesellschaft in der Antike

Schon Autoren des Altertums beschrieben schwere und nicht rückgängig zu machende Landschafts- und Umweltveränderungen. Platon beklagte in Kritias 111 Bodenerosion nach dem Kahlschlag der Wälder in den attischen Bergen, der mit dem Athener Flottenbau zusammenhing. Moderne Forschungen schreiben das Verschwinden dieser Wälder allerdings eher jüngeren Kahlschlägen zu.

Die Millionenstadt Rom hatte erhebliche Umweltprobleme: fumus, also Rauch der Feuerstellen, sowie strenge Gerüche. Auch vor Bleivergiftung im römischen Trinkwasser wurde gewarnt.

Hippokrates entwickelte in Über Lüfte, Wasser, und Lebensräume, Kapitel 16, eine deterministische Klimatheorie, um Unterschiede zwischen Griechen und Barbaren zu erklären. Nach dieser Theorie müssten Menschen im Norden so sehr ums Überleben kämpfen, dass keine Möglichkeit für höhere Kultur bleibe; Asiaten seien wegen ihres zu gleichmäßigen Klimas schlaff und feige. Aristoteles führte in Politik 7.6 die freiheitliche Lebensweise der Griechen ebenfalls teilweise auf die Umwelt zurück. Viele Historiker verbinden auch heute die Zerklüftung der griechischen Landschaft mit der Entstehung freier Poleis. Im Hellenismus entstanden Meteorologie und die Vorstellung von Klimazonen, deren unterschiedliche Sonneneinstrahlung verschiedene Lebensräume schaffe.

Kyle Harper betrachtet für das 3. bis 9. Jahrhundert Klimawandel und drei große Pandemien gemeinsam. Für 150 bis 450 n. Chr. nimmt er ein Klimaoptimum, das Roman Climate Optimum, an: Größere Ernten und Bevölkerungswachstum seien dessen Folgen gewesen. Der anschließende Wandel sei eine Ursache späterer politischer Veränderungen. Von 536 bis 545 habe die kälteste Dekade, das Pessimum der Spätantike, gelegen; möglicherweise wurde sie durch vulkanische Aktivität oder einen Meteoriteneinschlag ausgelöst. Danach raffte die Justinianische Pest im Oströmischen Reich etwa ein Drittel der angegriffenen Bevölkerung weg.

Mittelalter bis 19. Jahrhundert

Mittelalterliche Städte litten stark unter Unrat und Gestank. Als einschneidendstes Ereignis gilt die Große Pest 1348/49, die weite Landstriche entvölkerte und langfristige wirtschaftliche sowie soziale Folgen hatte. In Lateinamerika war die Dezimierung der indigenen Bevölkerung durch aus Europa eingeführte Krankheiten wie Masern und Grippe eine gravierende, aber menschengemachte demografische Katastrophe.

Im europäischen Raum folgten auf regional unterschiedliche mittelalterliche Warmperioden die Kleine Eiszeit und weitere Kältephasen. Ein Temperatursturz zwischen 1670 und 1701 könnte mit der abgeschwächten Sonnenaktivität des Maunder-Minimums zusammenhängen. Nach einer Zwischenerwärmung trat von 1730 bis 1810 erneut eine Kältephase auf. Naturkatastrophen und Seuchenzüge führten in solchen Zeiträumen zu menschlichen Reaktionen, von politischen und sozialen Unruhen bis zur Juden- und besonders zur Hexenverfolgung.

Seit dem 16. Jahrhundert nahm die Aufmerksamkeit für dauerhafte Landschaftsveränderungen durch Raubbau zu. Der wachsende Bedarf an Brenn- und Bauholz führte in vielen Teilen Europas zu ersten forstwirtschaftlichen Eingriffen; damit verbunden ist der Gedanke der Nachhaltigkeit. Zugleich wurde in wachsenden Städten der „Stoffwechsel der Stadt“ problematisch: Brenn- und Baumaterialien sowie Lebensmittel mussten beschafft, Wasser bereitgestellt und Abwasser entsorgt werden. Hygiene zur Gesundheitsvorsorge gewann an Bedeutung.

Für England sind seit dem 18. Jahrhundert langfristige Folgen der verstärkten Nutzung fossiler Energien und des Holzeinschlags für Bergwerke dokumentiert, beispielsweise der Übergang vieler Pächter zur Weidewirtschaft. Eine systematische Umweltbeobachtung entwickelte sich jedoch erst im späten 19. Jahrhundert. Seit etwa 1860 galt der natürliche Flechtenbewuchs als Indikator für die Belastung durch Luftverunreinigungen.

Umweltprobleme der Moderne

Beginnt man die Moderne mit der Dominanz des industriellen gegenüber dem agrarischen Sektor, verschärften sich mit ihr die Umweltprobleme. Ursachen waren nicht nur industrielle Produktion, sondern auch deren soziale Folgen: Urbanisierung, Mobilität und neue Mentalitäten der Konsumgesellschaft.

Dadurch entstanden komplexe Forschungsfelder. Umweltgeschichte untersucht auch soziale Bewegungen, die aus Umweltfragen und Umweltbewusstsein hervorgingen, von der Heimatbewegung bis zur Anti-AKW-Bewegung. Ebenso gehören diktatorische Großprojekte dazu, etwa der stalinistische Weißmeer-Ostsee-Kanal oder Bewässerungsprojekte nach dem amerikanischen Dust Bowl. Für Deutschland ist besonders das Verhältnis von Urbanisation, Landwirtschaft und Naturschutz ein wichtiges Thema.

Forschungsgebiet und Institutionen

Die Umweltgeschichte wurde seit den 1960er Jahren als Unterdisziplin der Geschichtswissenschaft institutionalisiert. Sie entwickelte sich rasch zu einem interdisziplinären Forschungsbereich: Sie bezieht unter anderem Philosophie- und Ideengeschichte, Wissenschaftsgeschichte wie Medizingeschichte, Geschichte des volkstümlichen Erfahrungswissens, Rechts-, Politik-, Wirtschafts- und Technikgeschichte ein. Eng verwandt sind Geographie, Umweltsoziologie und Umweltpsychologie. Trotz dieser Verbindungen bleibt Umweltgeschichte ein Teilgebiet der Geschichtswissenschaft.

Eigene Lehrstühle für Umweltgeschichte sind an historischen Instituten in Deutschland selten; das Fach wird häufig unter Bezeichnungen wie Technikgeschichte oder Stadtgeschichte behandelt. Es ist Bestandteil von Lehrstuhldenominationen an der Ruhr-Universität Bochum, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Technischen Universität Darmstadt und der Universität Augsburg. Das Institut für Umweltgeschichte und Regionalentwicklung an der Hochschule Neubrandenburg setzt einen Schwerpunkt auf Umwelt- und Naturschutzgeschichte der DDR.

1977 wurde die American Society for Environmental History (ASEH) gegründet, 1999 die European Society for Environmental History (ESEH). Die ESEH veröffentlicht vierteljährlich den Newsletter ESEH Notepad und veranstaltet seit 2001 alle zwei Jahre Konferenzen. ASEH und ESEH betreiben gemeinsam das Internet-Diskussionsforum H-Environment.

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