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Ritterlichkeit
Ritterlichkeit umfasst einen Katalog von tugendhaftem Verhalten oder bestimmten Tugenden; manchmal sogar ein Ethos. Es stammt vom mittelhochdeutschen …
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Begriff und Bedeutung
Ritterlichkeit bezeichnet einen Katalog tugendhaften Verhaltens und bestimmter Tugenden, teilweise auch ein umfassendes Ethos. Ursprünglich meinte sie das Verhalten, das einem Ritter angemessen war. Im Mittelalter war Ritterlichkeit vor allem ein Ideal des Rittertums und des Adels. Sie regelte persönliche Eigenschaften ebenso wie den Umgang mit anderen und sollte dadurch sowohl das Ansehen des Adels als auch die soziale Ordnung sichern.
Die Vorstellungen von Ritterlichkeit waren größtenteils Idealisierungen der höfischen Literatur. Sie wurden in festgelegten Umgangsformen, höfischen Ritualen, Ritterepen und im Minnesang dargestellt. Ritterlichkeit beruhte zwar auf militärischen Grundtugenden wie Treue und Tapferkeit, ging aber deutlich über diese hinaus. Sie war außerdem eng mit christlichen Tugenden wie Hilfsbereitschaft, keuscher Zucht und Askese verbunden.
Tugenden und höfisches Ideal
Während des Hochmittelalters von 1170 bis 1250 umfasste das ritterliche Ideal insbesondere folgende Tugenden:
- diemüete: Demut
- êre: ritterliches Ansehen und Würde
- güete: Freundlichkeit
- hôher muot: seelische Hochstimmung
- höveschkeit: Höfischkeit und Höflichkeit
- manheit: Tapferkeit
- mâze: maßvolles Leben und Zurückhaltung
- milte: Freigiebigkeit und Großzügigkeit
- minne: dienstbare, hingebungsvolle Liebe
- stæte: Beständigkeit und Festigkeit
- triuwe: Treue
- werdekeit: Würde
- zuht: Erziehung nach festen Regeln, Anstand und Wohlerzogenheit
Dabei galten diemüete, êre, güete, höveschkeit, manheit, milte und triuwe als soziale Normen; hôher muot, mâze, minne, stæte, werdekeit und zuht wurden als persönliche Normen eingeordnet. Die sozialen Tugenden sollten Beziehungen ordnen und das Ansehen des Rittertums erhalten. Die persönlichen Tugenden beschrieben die innere Haltung und das Verhalten des Einzelnen. Zusammen legitimierten sie den Adel als vornehmsten Stand.
Höveschkeit bezeichnete ursprünglich besonders die Umgangsformen am Hof. Dazu gehörten gesittetes Verhalten und musische Bildung. Im Minnesang, vor allem in der Hohen Minne, wurde Ritterlichkeit stark ritualisiert: Das lyrische Ich stellte die geliebte Frau als unerreichbares Ideal dar und versicherte ihr regelmäßig seinen hôhen muot, seine stæte, diemüete und triuwe. Auch in Ritterepen erreichen die Ritter ihr Ziel nur durch mâze und stæte.
Die höfische Literatur zeigte dieses Ideal unter anderem in Erec, Parzival und Iwein. Der Figurentyp des höfischen Ritters ist dabei vom Helden zu unterscheiden. Siegfried aus der Nibelungensage wird zwar als mutig beschrieben, gilt aber zugleich als ungehobelt und erfüllt nicht die Kriterien von êre und höveschkeit. Auch König Artus als Held der älteren keltischen Artussage entspricht zunächst nicht dem späteren Ideal höfischer Ritterlichkeit. Die Artussage wurde erst durch ihre Rezeption in Frankreich im 12. Jahrhundert für die höfisch-ritterliche Dichtung besonders wichtig.
Verklärung und Niedergang
Im Spätmittelalter wurden die hochmittelalterlichen Vorstellungen von Ritterlichkeit nachträglich glorifiziert. Ein Beispiel ist Thomas Malory (um 1405–1471), der in seinen Geschichten von König Arthus und den Männern der Tafelrunde den keltischen Artussagenkreis zu einem Prosa-Heldenepos verband.
Cervantes’ Don Quijote bildet dagegen den Abgesang auf die idealisierte Ritterlichkeit. Cervantes lebte von 1547 bis 1616. Zu seiner Zeit war das Rittertum durch die Erfindung des Schießpulvers militärisch überholt und wirtschaftlich verarmt. Mit der Figur des „Ritters von der traurigen Gestalt“ machte Cervantes die Vorstellungen einer neuen Ritterlichkeit lächerlich und stellte heraus, dass die Zeit der Ritter vorbei war.
Ritterlichkeit in der Romantik
In der Romantik wurden ritterliche Ideale besonders stark aufgenommen und wiederbelebt. Die feudale Ordnung mit ihren Tugenden erschien als rückwärtsgewandte Utopie, die einen Ausweg aus der neuen bürgerlichen Gesellschaft versprach. Ritterromane des 19. Jahrhunderts vermittelten daher häufig das Bild einer heilen Welt der Ritterlichkeit, etwa die Werke von Friedrich de la Motte-Fouqué.
Heinrich Heine wies am 18. August 1820 in einem Artikel mit dem Titel Die Romantik auf den Zusammenhang von Christentum, Rittertum und romantischer Dichtung hin. Er kritisierte, dass manche Autoren Christentum und Rittertum in ihre Dichtungen einmischten, um ihnen einen romantischen Charakter zu geben. Auch in seiner Schrift Die Romantische Schule behandelte Heine diesen Zusammenhang. In die Zeit der Romantik fallen außerdem Ludwig Tiecks Ritter Blaubart und die Herausgabe der Deutschen Sagen durch die Brüder Grimm.
Ob diese Werke tatsächlich ein Wiederaufleben des ritterlichen Ideals und der Ritterlichkeit bewirkten, ist in der Forschung umstritten und wird zunehmend abgelehnt.
Bedeutung in der jüngeren Gegenwart
Als ständische Tugend verlor Ritterlichkeit mit dem Ende der Ständeordnung ihre frühere gesellschaftliche Grundlage. Heute wird sie allenfalls noch innerfamiliär, etwa im Adel, als Tugend anerzogen. In der Umgangssprache bedeutet Ritterlichkeit vor allem gerechtes, rücksichtsvolles und höflich-zuvorkommendes Verhalten, besonders gegenüber Frauen. Der Begriff wird allerdings zunehmend seltener verwendet. Die Frauenbewegung beurteilt ihn teilweise kritisch, weil die Vorstellung einer männlichen Tugend Frauen als von Natur aus schwächer darstellen und diese Sichtweise verstärken könne.
Ritterorden, die aus dem Ethos der Ritterlichkeit hervorgegangen sind, besitzen weiterhin weltweit kulturelle und soziale Bedeutung. Auch bei den Pfadfindern gehört Ritterlichkeit zu den Idealen. Dies geht auf Robert Baden-Powell, den Begründer der Pfadfinderbewegung, zurück. In seinem Buch Scouting for Boys forderte er Pfadfinder auf, „Ritter der Neuzeit“ zu sein; ein entsprechender Bezug findet sich im Pfadfindergesetz.
Mit der Industrialisierung des Krieges verlor Ritterlichkeit außerdem die Möglichkeit, dass sich Einzelpersonen im Kampf persönlich auszeichneten. Im Ersten Weltkrieg wurde der Begriff noch propagandistisch auf den Luftkampf zwischen Piloten angewandt, beispielsweise auf das angeblich faire Verhalten des „Roten Barons“ Manfred von Richthofen.
In der heutigen Literatur spielt das Ideal nur noch eine untergeordnete Rolle; eine Ausnahme ist der Fantasy-Bestseller Die Nebel von Avalon. In Film und Fernsehen wird Ritterlichkeit vor allem in Historien- und Fantasy-Filmen aufgegriffen.