Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Rita Süssmuth
Rita Süssmuth (* 17. Februar 1937 als Rita Kickuth in Wuppertal; † 1. Februar 2026 in Neuss) war eine deutsche Pädagogin, Hochschulprofessorin und …
Inhalt5 Abschnitte
Überblick
Rita Süssmuth (* 17. Februar 1937 in Wuppertal; † 1. Februar 2026 in Neuss) war eine deutsche Pädagogin, Hochschulprofessorin und CDU-Politikerin. Sie gehörte von 1987 bis 2002 dem Deutschen Bundestag an. Ihre wichtigsten politischen Ämter waren das der Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit von 1985 bis 1988 sowie das der Präsidentin des Deutschen Bundestages von 1988 bis 1998. Damit leitete sie das Parlament in der Zeit der deutschen Wiedervereinigung.
Süssmuth setzte sich besonders für Familien-, Frauen-, Gesundheits-, Bildungs- und Migrationspolitik ein. Bekannt wurde sie unter anderem durch ihren Einsatz für Aufklärung und Kondome zur AIDS-Prävention, für eine stärkere Stellung von Frauen und für lebenslanges Lernen.
Ausbildung und Weg in die Politik
Süssmuth legte im Februar 1956 ihr Abitur am Emsland-Gymnasium in Rheine ab. Danach studierte sie Philologie mit Französisch, Geschichte und Pädagogik in Münster, Tübingen und Paris. Am 20. Juli 1961 bestand sie in Münster das erste Staatsexamen in Französisch und Geschichte. Es folgte ein Postgraduiertenstudium in Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie.
Im Dezember 1964 promovierte sie an der Universität Münster bei Ernst Lichtenstein. Ihre Dissertation hieß Studien zur Anthropologie des Kindes in der französischen Literatur der Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung François Mauriacs. Sie arbeitete anschließend in der Hochschullehre und wurde 1971 ordentliche Professorin für Erziehungswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Ruhr. 1973 nahm sie einen Ruf an die Universität Dortmund an. Von 1982 bis 1985 leitete sie das Institut Frau und Gesellschaft in Hannover.
1981 trat sie in die CDU ein. Sie wurde 1983 Vorsitzende des Bundesfachausschusses für Familienpolitik, von 1986 bis 2001 Bundesvorsitzende der Frauen Union und von 1987 bis 1998 Mitglied des CDU-Präsidiums. 1996 sprach sie sich innerhalb der CDU für die Einführung einer Frauenquote aus.
Gesundheits- und Familienministerin
Am 26. September 1985 berief Bundeskanzler Helmut Kohl Süssmuth zur Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit. Ab dem 6. Juni 1986 trug das Ressort den Namen Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit. Nach ihrer Wahl zur Bundestagspräsidentin verließ sie am 25. November 1988 die Bundesregierung.
Sie verlangte einen möglichst weit gefassten Gesundheitsbegriff und wandte sich gegen die Aufhebung des kassenärztlichen Schutzes bei Abtreibung. In der Aids-Krise setzte sie auf ärztliche Aufklärung und Beratung. Gegen Widerstände in der eigenen Partei warb sie für Kondome zur Prävention, also zur Verhinderung einer HIV-Übertragung. Kritik erhielt sie, weil ungeprüfte Medikamente für Bluter nicht zurückgerufen wurden. Durch diese Medikamente wurden zahlreiche Bluter mit HIV infiziert und starben; genaue Zahlen sind laut Artikel nicht bekannt. Der Spiegel nannte 1987 eine Zahl von 1500 bis 2200 HIV-infizierten Blutern.
1987 initiierte Süssmuth die Gründung der Nationalen AIDS-Stiftung. Sie unterstützte 1996 deren Fusion mit der Deutschen AIDS-Stiftung Positiv leben und war zunächst Vorsitzende des Stiftungskuratoriums, später Ehrenvorsitzende.
Präsidentin des Bundestages
Am 25. November 1988 wurde Süssmuth Präsidentin des Deutschen Bundestages. Sie folgte Philipp Jenninger, der nach einer missglückten Rede zur Reichspogromnacht zurückgetreten war. Ihre fast zehnjährige Amtszeit endete mit der Wahl Wolfgang Thierses am 26. Oktober 1998. Sie war damit die drittlängste Präsidentin beziehungsweise der drittlängste Präsident in der Geschichte des Bundestages; nur Eugen Gerstenmaier und Norbert Lammert hatten das Amt länger inne.
In ihre Amtszeit fielen die friedliche Revolution in der DDR, der Fall der Mauer, das Ende des Ostblocks und die Wiedervereinigung. Gemeinsam mit Sabine Bergmann-Pohl, der Präsidentin der DDR-Volkskammer, und den Abgeordneten der Volkskammer wirkte sie an den Vorbereitungen der Wiedervereinigung mit, die am 3. Oktober 1990 um 0 Uhr in Kraft trat. Im Dezember 1989 trat sie für eine gemeinsame Erklärung beider deutscher Staaten zur Anerkennung der polnischen Westgrenze ein.
Süssmuth beteiligte sich an der Debatte über § 218, den Paragraphen zum Schwangerschaftsabbruch. Im Juli 1990 schlug sie einen „Dritten Weg“ zwischen Indikations- und Fristenlösung vor. 1992 kritisierten CDU-Bundestagsfraktion und Helmut Kohl ihre Initiative mit dem Satz „Die letzte Entscheidung muss bei der Frau liegen“.
Sie stieß auch Reformen des Bundestages an. Eine von ihr verlangte „Diätennullrunde“, also das Aussetzen einer Erhöhung der Abgeordnetenbezüge, scheiterte 1992 am Widerstand der eigenen Fraktion. 1993 unterstützten dagegen alle Fraktionen ihren Vorschlag, die Zahl der damals rund 660 Bundestagsmitglieder auf 500 zu senken. Weitere wichtige Bundestagsentscheidungen dieser Zeit betrafen Berlin als Bundeshauptstadt, die Verhüllung des Reichstags 1994 und die Debatte über die Wehrmachtsausstellung 1997.
Zwei Vorwürfe beschädigten ihre Popularität: die Dienstwagen-Affäre 1991 und der Vorwurf privater Flüge in die Schweiz. Die Bundestagsverwaltung erklärte die Nutzung des Fahrdienstes durch ihren Ehemann für rechtmäßig; 1997 entlastete der Ältestenrat sie auch vom Vorwurf der privaten Nutzung der Flugbereitschaft.
Weitere Arbeit und persönliches Leben
Neben der Politik übernahm Süssmuth zahlreiche Aufgaben in Bildung, Migration, internationaler Zusammenarbeit und Zivilgesellschaft. Von 1988 bis 2015 war sie Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes und danach Ehrenpräsidentin. Dort setzte sie sich für Erwachsenenbildung und lebenslanges Lernen ein.
Von September 2000 bis Juli 2001 leitete sie die 21-köpfige Unabhängige Kommission Zuwanderung; Hans-Jochen Vogel war ihr Stellvertreter. Die Kommission sollte ein Gesamtkonzept für ein neues Ausländerrecht entwickeln. Ihr Bericht von Juli 2001 trug den Titel Zuwanderung gestalten – Integration fördern und umfasste 323 Seiten. Außerdem war Süssmuth unter anderem in der Beratenden Kommission für die Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts tätig, die bei Streit über Raubkunst vermittelt, sowie Präsidentin des Konsortiums der Türkisch-Deutschen Universität in Istanbul.
Für ihr Engagement, besonders gegen AIDS sowie für Bildung, Frauenrechte und internationale Zusammenarbeit, erhielt sie zahlreiche Ehrungen, darunter 1990 das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, 2007 den Theodor-Heuss-Preis und 2022 den Marie Juchacz-Frauenpreis für ihr Lebenswerk. 2022 wurde sie Ehrenbürgerin von Neuss.
Süssmuth war römisch-katholisch, seit 1964 mit dem Hochschullehrer Hans Süssmuth verheiratet und hatte eine Tochter sowie fünf Enkelkinder. Im Juni 2024 machte sie eine Brustkrebserkrankung öffentlich. Sie starb am 1. Februar 2026 in Neuss und wurde am 17. Februar 2026 neben ihrem Ehemann auf dem Neusser Hauptfriedhof beigesetzt.