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Sprechwissenschaft
Die Sprechwissenschaft ist eine wissenschaftliche Disziplin, die sich im Rahmen des Themenfeldes mündliche Kommunikation – als Schwesterdisziplin der …
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Gegenstand und Ziel
Die Sprechwissenschaft erforscht und lehrt das gesprochene Wort und die Sprechkommunikation. Sie gehört zum Themenfeld der mündlichen Kommunikation und ist eine Schwesterdisziplin der Sprachwissenschaft. Wichtig ist sie, weil Verständigung nicht nur vom Wortinhalt abhängt, sondern auch davon, wie Menschen sprechen und hören.
Ausgehend von der Sprechsituation untersucht sie Kommunikatoren, Gegenstand, Inhalt und Modalitäten eines Gesprächs. Im Mittelpunkt stehen Sprechen und Hören zwischen miteinander sprechenden Personen. Diese grundlegenden Verständigungsprozesse werden physisch, physiologisch, physikalisch, linguistisch, sozial und psychosozial betrachtet. Auch kultur- und gesellschaftshistorisch bedingte Sprach- und Sprechprozesse werden analysiert.
Meist arbeitet die Disziplin auf empirisch-theoretischer Basis; für die Bedeutung des Gesprochenen sind auch induktive und deduktive Zugänge möglich. Sie entwickelt Modelle für situationsbezogene Kommunikationsvorgänge, die auf Kompetenz oder Performanz gerichtet sind. Zugleich vermittelt sie Methoden für bessere Gesprächsführung und wirksame Verständigung.
Sprechwissenschaft ist vor allem theoriebildend, Sprecherziehung stärker didaktisch und methodologisch ausgerichtet. Beide gelten heute meist als zusammengehörig und lassen sich wegen ihrer engen Verbindung von Theorie und Didaktik nicht eindeutig trennen. Sie arbeitet interdisziplinär, unter anderem mit Germanistik, Linguistik, Kommunikationswissenschaft, Physik, Medizin, Soziologie und Verhaltenswissenschaft zusammen.
Zentrale Teilbereiche
Die Sprechbildung entwickelt individuelle sprecherische Fähigkeiten und Fertigkeiten, häufig mit professioneller Begleitung. Sie umfasst Stimmbildung und Artikulationsschulung. Stimmbildung bildet die Sprechstimme besonders für stimmintensive Berufe aus. Grundlage sind die Elementarprozesse „Atmung, Lautbildung, Stimmerzeugung, Sprechausdruck, Sprechdenken, Hörverstehen, Körperausdruck, Körperhaltung, Körperspannung, Intentionalität“. Ziele sind Standardaussprache, eine belastbare Kraftstimme, der gezielte Einsatz von Sprechausdrucksmitteln sowie stimmliche, gestische und körpermotorische Fähigkeiten für Auftritte, Bühne und Mikrofon.
Phonetik beschreibt die konkrete Realisierung von Lauten und Lautfolgen; Phonologie untersucht abstrakte Merkmale des Sprachsystems. Die Artikulatorische Phonetik erfasst Laute, Lautsysteme und Lautkombinationen, die Akustische Phonetik Sprachschallstrukturen. Weitere Bereiche sind Normphonetik mit Ausspracheregeln für Wörterbücher, Korrektive Phonetik zur Erkennung und Verbesserung von Ausspracheabweichungen, Kontrastive Phonetik zum Vergleich von Sprachen und Forensische Phonetik zur Sprechererkennung. Phonologie klassifiziert Phoneme, also bedeutungsunterscheidende und bedeutungskonstituierende lautliche Einheiten. Sie behandelt außerdem Vokale, Konsonanten, Phonem-Graphem-Korrespondenzen sowie Melodie, Lautheit, Tempo, Rhythmus, Akzent, Intonation und Paraverbalität.
Rhetorische Kommunikation beschreibt und vermittelt Rede- und Gesprächskunst. Rhetorik ist ein erlernbares Methodeninventar für wirkungs- und zielgerichtete Kommunikation, etwa zur öffentlichen Vertretung eines Standpunkts. Als rhetorische Ereignisse können auch Vorträge, Moderationen, Versammlungen, Beratungs- und Verkaufsgespräche gelten, wenn sie für die Zielgruppe hohe Relevanz besitzen. Neben dem Inhalt werden materielle, soziale und psychische Einflüsse sowie Sprechweise, Stimmklang, Intonation, Mimik, Gestik und Körperhaltung bewertet.
Kunst, Therapie und Medien
Sprechkunst oder Ästhetische Kommunikation ist interpretierendes Textsprechen. Ein schriftlich vorliegender literarischer Text wird beim Vortrag neu gestaltet. Grundlage können Epik, Dramatik, Lyrik und Ballade sein. Im Unterschied zu Theaterwissenschaft und Schauspielkunst stehen die gesprochene Realisierung und das Hören der Literatur im Vordergrund. Sprechkunst soll ermöglichen, Sinn und Interpretation eines Textes für die Hörerschaft wahrnehmbar zu machen. Sie behandelt unter anderem Stilmerkmale, Metrik, historische Textgattungen und die Wirkung sprechkünstlerischer Äußerungen.
Die Klinische Sprechwissenschaft oder Therapeutische Kommunikation befasst sich mit Prävention, Diagnostik, Symptomatik und Therapie von Sprech-, Sprach-, Stimm- und Schluckstörungen. Dazu zählen Dyslalien (Artikulationsprozessstörungen), Dysphagien (neurogene Schluckstörungen), Dysarthrien (sprechmotorische Bewegungsstörungen), Aphasien (Sprachverarbeitungsstörungen), Redefluss-Störungen wie Stottern, Poltern und Mutismus sowie organische und funktionelle Stimmstörungen. Für Therapien sind vor allem Fachärzte für Phoniatrie und Pädaudiologie, Logopädie, Sprachheilpädagogik, Klinische Linguistik sowie Sprechwissenschaftler mit mehrjähriger klinischer Zusatzausbildung zugelassen.
Medienrhetorik untersucht, kritisiert und vermittelt mündliche, technisch vermittelte Kommunikation in Film, Radio und Fernsehen. Sie gilt als rhetorisch, weil sie absichtlich auf Wirkung gerichtet ist und auf rhetorischer techné, also vorgefertigten Mustern, beruht. Analysiert wird das Zusammenspiel von Kommunikatoren wie Redakteuren oder Moderatoren, Kommunikationspartnern wie Pressesprechern oder Politikern und Rezipienten wie Radiohörern oder Fernsehzuschauern. Kritische Medienrhetorik untersucht zudem informationspolitische Absichten und ideologische Implikationen der Berichterstattung.
Forschung und Zusammenarbeit
Sprechwissenschaft ist methodisch und inhaltlich vielfältig und eng mit anderen Fächern verbunden. Hans Krech prägte dafür die Begriffe Intradisziplinarität, also Beziehungen innerhalb eines Fachgebiets, und Interdisziplinarität, also Zusammenhänge verschiedener Disziplinen. Ihr Gegenstand ist nicht scharf abgrenzbar, weil andere Wissenschaften teilweise dieselben Themen behandeln.
Wichtige Kooperationen bestehen mit Phonetik und Phonologie, etwa bei Aussprachekodifizierung, Sprachsynthese, großen Korpora und artikulographischen Verfahren; mit Deutsch als Fremdsprache, Linguistik, Medizin, Erziehungswissenschaft, Psychologie und Neurologie. Weitere Arbeitsfelder betreffen die Wirkung von Stimme und Sprechweise auf der Bühne sowie Kontakte zu Wirtschaft, Funkmedien, Gesundheitswesen, Rehabilitations-, Erziehungs- und Neurokognitionswissenschaft. Künftige Forschung soll besonders rhetorische, phonetische, ästhetische, sprachvergleichende, kulturelle und interkulturelle Aspekte der Gesprächskommunikation sowie soziale und kulturelle Kontextfaktoren untersuchen.
Studium und Fachorganisation
Sprechwissenschaft kann in Deutschland unter anderem an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Philipps-Universität Marburg, der Universität Regensburg und der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart studiert werden. In Halle gibt es einen sechssemestrigen Ein-Fach-Bachelor of Arts mit 180 Leistungspunkten und einen viersemestrigen Ein-Fach-Master mit Spezialisierungen in Phonetik, Rhetorik, Sprechkunst oder Klinischer Sprechwissenschaft. An anderen Hochschulen existieren beispielsweise Zwei-Fach-Bachelor-, Master-, Zusatz- und Weiterbildungsstudiengänge.
Die Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (DGSS e. V.) ist ein wissenschaftlicher und berufspolitischer Verband. Sie fördert die Lehre mündlicher Kommunikation, verbindet sprechwissenschaftliche und sprecherzieherische Praxis und unterstützt die Ausbildung von Sprecherziehern. Vorsitzender ist laut Artikelstand 2024 Augustin Ulrich Nebert. Seit 2022 veröffentlicht die DGSS e. V. das kostenlose Online-Magazin „Sprechen & Kommunikation – Zeitschrift für Sprechwissenschaft“. Die Beiträge zu mündlicher Kommunikation und ihrer Didaktik werden durch ein verblindetes Gutachten überprüft.