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Kantate

Die Kantate (lat. cantare „singen“) bezeichnet in der Musik eine Formenfamilie von mehrsätzigen Werken für eine oder mehrere Gesangsstimmen und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und barocke Kirchenkantate
  3. 3. Von Klassik und Romantik zur Moderne
  4. 4. Politische und vielfältige Kantaten seit 1933
  5. 5. Wichtige Formen

Begriff und Bedeutung

Eine Kantate ist eine Formenfamilie mehrsätziger Musikwerke für eine oder mehrere Gesangsstimmen mit Instrumentalbegleitung. In ihr können sich Rezitative, Arien, Ariosi, Chorsätze, Choräle sowie instrumentale Vor- und Zwischenspiele in beliebiger Anzahl abwechseln. Ein Rezitativ ist ein sprachnahe vorgetragener Gesang, eine Arie ein stärker melodisch ausgearbeiteter Solosatz, ein Choral ein geistliches Kirchenlied.

Kantaten können geistlich oder weltlich sein. Ihre größte Bedeutung hatten sie als Teil der Verkündigung im Gottesdienst, besonders in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Eine Kammerkantate ist seit dem 17. Jahrhundert für nur eine Singstimme, Generalbass und gelegentlich wenige Melodieinstrumente bestimmt. Weihnachtskantaten werden bis heute geschrieben.

Entstehung und barocke Kirchenkantate

Im Frühbarock war die begleitete Monodie, also ein Solostück mit Begleitung, im kirchlichen Bereich zunächst umstritten. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich daraus das Geistliche Konzert. Die stärker am Text orientierten, formal freieren Formen wurden zum Rezitativ; die lyrisch-gesanglichen Formen zur Arie. Die für Kantaten typische Folge klar voneinander getrennter Einzelsätze trat besonders in Werken von Wolfgang Carl Briegel hervor und verbreitete sich im mitteldeutschen Raum.

Die deutsche Kirchenkantate entstand für den lutherischen Gottesdienst. Sie folgte dem Evangelium oder umrahmte bei zweiteiligen Werken die Predigt. Sie galt als Wortverkündigung durch Musik, deshalb war eine eindringliche Deklamation des Textes besonders wichtig. Eine typische Kantate der Bach-Zeit kann aus einem Instrumentalvorspiel und Eingangschor, einer Folge von Rezitativen, Arien, Ariosi, Chorälen und gegebenenfalls weiteren Chören sowie einem Schlusschoral bestehen. Als Texte dienten Bibelstellen, deren Paraphrasen, freie zeitgenössische Dichtung und Choräle.

Wichtige Komponisten des Barock waren Dieterich Buxtehude, Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann. Bach schrieb auch Choralkantaten; bei seinem ab Trinitatis 1724 begonnenen zweiten Leipziger Kantatenzyklus bildet jeweils genau ein Choral die Grundlage. Meist blieben nur die Außenstrophen in Wortlaut und Melodie erhalten, während Binnenstrophen zu Rezitativen und Arien umgedichtet wurden. BWV 137, Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, vertont dagegen ausschließlich alle fünf Strophen von Joachim Neanders Hymne. Eine umfangreiche Form ist Bachs Weihnachts-Oratorium, ein Zyklus mehrerer Kantaten. Die Solo-Kantate für eine Stimme mit Continuo oder Orchester war ebenfalls bedeutsam; Alessandro Scarlatti galt als Meister dieser auch weltlich verwendeten Form.

Nach Bach verlangte die Aufklärung eine leichte Verständlichkeit, klare rhythmische Folge, einfache kräftige Harmonie und gefühlvolle Melodie. Später geriet die Kirchenkantate fast außer Gebrauch, auch weil Johann Gottfried Herder dramatisierte biblische Geschichten und selbständig glänzende Arien, Duette oder Terzette in der Kirchenmusik ablehnte.

Von Klassik und Romantik zur Moderne

In der Wiener Klassik spielte die Kantate nur eine geringe Rolle. In der Romantik wurde sie vereinzelt neu aufgegriffen, etwa von Felix Mendelssohn Bartholdy mit Lobgesang sowie Psalmen- und Choralkantaten. Seit Beethovens 9. Sinfonie führte die Verbindung von Sinfonie und Kantatenelementen zur Sinfoniekantate. Mendelssohns Lobgesang B-Dur op. 52 von 1840 ist ein wichtiges Beispiel.

Im 19. Jahrhundert entstanden geistliche und weltliche Werke verschiedener Größe: Johannes Brahms vollendete 1868 die weltliche Kantate Rinaldo op. 50 für Tenor, Männerchor und Orchester auf Texte von Johann Wolfgang von Goethe. Gustav Mahlers 1880 vollendetes Das klagende Lied verwendet ein sehr großes Orchester, Chor und Solisten; diese orchestrale Dimension wurde für Komponisten des 20. Jahrhunderts zum Vorbild. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Bachkantaten zudem wieder stärker in Gottesdienste aufgenommen, unter anderem in Leipzig.

Seit 1900 wurde die Kantate als verkleinerte Kunstform des Oratoriums wieder häufiger gepflegt. Außermusikalische Vorgänge und literarische oder politische Texte gewannen an Gewicht. Beispiele reichen von Sergej Rachmaninows Der Frühling op. 20 für Bariton, gemischten Chor und Orchester (1902) bis zu Béla Bartóks Cantata profana von 1930, einer allegorischen Kantate nach rumänischer Volkspoesie ohne Verwendung von Volksmusik. Die 1929 für das Radio geschaffene Kantate Lindberghflug von Bertolt Brecht, Kurt Weill und Paul Hindemith bezog auch Sende- und Motorengeräusche ein. Erwin Schulhoff vertonte 1932 das Manifest der Kommunistischen Partei als Kantate.

Daneben wurde versucht, besonders zu Weihnachten und Ostern weniger aufwendige Kantaten für den kirchlichen Gebrauch zu bewahren. Beispiele aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind Ottorino Respighis biblische Kantate Christus (1900), Igor Strawinskis Le Roi des étoiles (1911/12), Frank Martins Cantate pour le temps de Noel (1929/30) und Ralph Vaughan Williams’ Friedensbitte Dona nobis pacem (1936).

Politische und vielfältige Kantaten seit 1933

Während der Zeit des Nationalsozialismus konnte die Gattung politisch instrumentalisiert werden, besonders bei Massenveranstaltungen wie Sportfesten, Parteitagen und Heldengedenken. Dazu gehören beispielsweise Kurt Thomas’ Kantate zur Olympiade op. 28 (1936) und Werner Egks Olympiakantate Altius – citius – fortius (1936). Gleichzeitig entstanden Werke im Exil, darunter Ernst Tochs Cantata of the Bitter Herbs (1937), Kurt Weills The Ballad of Magna Carta (1940) und Hans Gáls De profundis (1936/37). Zikmund Schul komponierte nach seiner Deportation nach Theresienstadt dort 1942 die Cantata Judaïca op. 13. Franz Schmidt erhielt den Auftrag zu Deutsche Auferstehung, ließ die Komposition aber unvollendet.

Nach 1945 entstanden besonders viele kirchenmusikalische Kantaten, etwa Rudolf Mauersbergers Eine kleine Weihnachtskantate (1948), Benjamin Brittens Saint Nicolas Cantata (1948) und Arthur Honeggers Cantate de Noël (1953). Die Gattung und das Geistliche Konzert wurden in dieser Epoche laut Adam Adrio gleichbedeutend nebeneinander gebraucht. Religiöse Texte, Choräle und Bibelstoffe blieben wichtig, zugleich behandelten Kantaten existenzielle und politische Themen wie Krieg und Frieden, Auschwitz, Hiroshima und Tschernobyl. Felicitas Kukucks Und es ward: Hiroshima. Eine Collage über Anfang und Ende der Schöpfung wurde am 11. August 1995 in Hamburg uraufgeführt.

Auch weltliche Texte und Themen blieben verbreitet: Bohuslav Martinůs Gilgamesch (H 351, Uraufführung 1958) steht im Übergang zum Oratorium; Gottfried von Einems An die Nachgeborenen op. 42 für Mezzosopran, Bariton, Chor und Orchester wurde zum 30. Jahrestag der UNO am 24. Oktober 1975 in New York uraufgeführt. In der DDR wurden Kantaten unter anderem für politische und historische Stoffe verwendet. Günter Kochan schrieb Die Welt ist jung (1952), Die Asche von Birkenau (1965), Aurora (1966) und Die Hände der Genossen (1974); geistliche Kantaten entstanden dort ebenfalls, etwa von Johannes Weyrauch.

Die Gattung fand auch außerhalb Deutschlands neue Ausprägungen. James MacMillans Seven Last Words from the Cross ist eine geistliche Kantate für Chor und Streicher von 1993. In Israel entstanden unter anderem Josef Tals Succoth Cantata (1955) und Julius Chajes’ The promised Land zum zehnten Jahrestag der Staatsgründung Israels 1948–1958. Im 21. Jahrhundert entstehen vor allem kirchenmusikalische Kantaten, aber auch Werke zu historischen, literarischen und gesellschaftlichen Themen, etwa Hans-Peter Brauns Leben soll keine Straf sein (2014) zur Bauernbewegung Armer Konrad von 1514.

Wichtige Formen

Kinderkantaten sind für den Stimmumfang von Kinder-, Mädchen- oder Knabenchören geschrieben. Sie können szenische Anteile besitzen und religionspädagogischen Zielen dienen. Eine Choralkantate folgt in Inhalt und musikalischer Anlage vor allem einem geistlichen Choral. Ihr Choranteil ist meist größer als bei anderen Kantaten. Bei einer Per-omnes-versus-Kantate werden sämtliche Strophen eines Chorals in unterschiedlichen Sätzen verarbeitet.

Als biblische Kantate bezeichnet man Werke auf Texten des Alten oder Neuen Testaments. Der Begriff Kirchenkantate betont eher Aufführungsort oder -zweck, während biblische Kantate und Choralkantate die Textgrundlage hervorheben. Eine Blueskantate verwendet Stilmittel des Blues; als Beispiel nennt der Artikel Nis-Edwin List-Petersens Utopia von 1989 auf einen Text von Wilhelm Willms.

Bei sinfonischen Kantaten und Sinfoniekantaten wird ein sinfonisches Orchester besonders stark einbezogen; der Orchesterpart erhält meist eine herausragende Rolle. Anders Eliassons Quo Vadis für Tenor, Chor und großes Orchester wurde am 15. Mai 2009 in Stockholms Berwaldhalle uraufgeführt. Das knapp einstündige, pausenlos zu spielende Werk verbindet sieben vokale mit sieben rein orchestralen Passagen. Der Komponist akzeptierte dafür die Bezeichnung symphonische Kantate, obwohl die Vokaltexte für ihn nicht die Hauptsache sind.

Szenische Kantaten stehen zwischen Kantate, Oper und Musical: Zur Musik tritt eine zurückhaltende Darstellung auf der Bühne. Beispiele sind Carl Orffs Carmina Burana (1935/1936) und Felicitas Kukucks Wer war Nikolaus von Myra? von 1995. Eine dramatische Kantate ist ähnlich angelegt; Heinrich Konietzny bezeichnete Die Toten von Parga von 1963 so.

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