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Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Religionsloses Christentum

Sie bezeichnen eine neue Auffassung des christlichen Glaubens, die Bonhoeffer in diesen Briefen skizziert.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Religionsverständnis
  2. 2. Glaube in einer mündigen Welt
  3. 3. Entstehung unter Haftbedingungen
  4. 4. Deutungen und Weiterentwicklungen
  5. 5. Grenzen und heutige Beispiele

Grundidee und Religionsverständnis

„Religionsloses Christentum“ und „nicht-religiöse Interpretation“ sind Schlagworte des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer. Er verwendete sie zwischen dem 30. April und dem 23. August 1944 in Briefen aus dem Wehrmacht-Untersuchungsgefängnis Berlin-Tegel an Eberhard Bethge. Gemeint ist der Versuch, den christlichen Glauben in einer durch die Aufklärung „mündig“ gewordenen Welt neu zu verstehen und auszudrücken. Bonhoeffers Leitfrage lautete, „was das Christentum oder auch wer Christus heute für uns eigentlich ist“.

Bonhoeffer hielt nicht den Glauben an Gott oder die Gemeinschaft der Kirche für überholt, sondern eine bestimmte neuzeitliche Form von Religion. Deren Wurzeln sah er im englischen Deismus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Religion wurde nun vor allem als Innerlichkeit, Gefühl und menschliche Möglichkeit zur Beziehung mit Gott verstanden. Ein „religiöses Apriori“ bezeichnet dabei die angeblich allgemein-menschliche Fähigkeit und Bereitschaft, die absolute Wahrheit eines transzendenten Gottes zu erkennen.

Mit diesem Religionsverständnis verband Bonhoeffer außerdem Metaphysik, also die Vorstellung einer jenseitigen Fortsetzung oder Ergänzung der sichtbaren Welt, sowie die Aufteilung des Lebens in einzelne Bereiche, von denen Religion nur einer sei. Unter dem Einfluss Wilhelm Diltheys betrachtete er diese Form von Religion als historisch überholt. Die meisten Menschen suchten Gott nicht mehr hinter den Dingen oder im Jenseits und beschäftigten sich nicht mehr in gleicher Weise mit individueller Gewissensnot, Seelenheil und Erlösung. Auch der Zweite Weltkrieg habe keine größere religiöse Bewegung ausgelöst.

Glaube in einer mündigen Welt

Bonhoeffer unterschied zwischen Glaube und Religion. Religion bezeichnet für ihn den menschlichen Weg zu Gott und den Versuch, Gott für natürliche Anlagen, Normen, Gesetze oder Zukunftshoffnungen verfügbar zu machen. Gott sei jedoch weder metaphysisch verfügbar noch innerlich beweisbar. Bonhoeffer deutete deshalb eine „negative Theologie“ an: Aussagen über Gott seien nur mit größter Vorsicht möglich; Glaubensinhalte könnten als Geheimnis im Sinne einer Arkandisziplin geschützt werden. Seine zugespitzte Formel lautet: „Vor Gott und mit Gott leben wir ohne Gott.“

Der Glaube an den Gott Jesu Christi kritisiert nach Bonhoeffer sowohl bestehende Religion als auch die Kirche. Er knüpfte damit an Karl Barths Unterscheidung von Glaube und Religion sowie an die protestantische Gegenüberstellung von Gesetz und Evangelium an. Zugleich ging er über Rudolf Bultmanns Programm der „Entmythologisierung“ hinaus. Nicht nur Vorstellungen wie Wunder oder Himmelfahrt, sondern auch religiöse Begriffe wie „Gott“ und „Glauben“ seien problematisch. Bonhoeffer wollte die Bibel dennoch nicht auf abstrakte, zeitlose Aussagen verkürzen, sondern den Kern ihrer Erzählungen und Begriffe für Menschen der Gegenwart verständlich machen.

Dieser Kern liegt für ihn in der Diesseitigkeit des christlichen Glaubens. Durch die Menschwerdung, die Inkarnation, ist Jesus Christus in der Welt gegenwärtig. Christus gehört nicht zu einem religiösen Sonderbereich, zu dem Christen einen bevorzugten Zugang hätten. Der Glaube umfasst vielmehr alle Lebensbereiche; die Welt ist „Hülle Gottes“. Von Gott kann daher nur weltlich und nicht an dem Mensch gewordenen Christus vorbei gesprochen werden.

Christliche Praxis bedeutet vor allem Nachfolge Jesu: ein Leben, das auf andere Menschen ausgerichtet ist. „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“ Als ersten Schritt sollte sie nach Bonhoeffer ihr Eigentum an Notleidende verschenken. Pfarrer sollten von freiwilligen Spenden ihrer Gemeinden oder von einem weltlichen Beruf leben. Welche neue Bedeutung Gottesdienst, Predigt und Gebet erhalten könnten, ließ Bonhoeffer offen.

Er wandte sich außerdem gegen den „Lückenbüßer-Gott“, der nur dort eingesetzt wird, wo Menschen schwach sind oder keine Erklärung besitzen. Von Gott wollte er „nicht an den Grenzen, sondern in der Mitte“, nicht nur bei Tod und Schuld, sondern im Leben und im Guten sprechen. Gottes Transzendenz bedeutet nicht bloß das Jenseits menschlicher Erkenntnis: „Gott ist mitten in unserem Leben jenseitig.“ Leiden und Tod bleiben dabei wirklich und oft widersinnig; sie werden nicht durch eine angeblich notwendige göttliche Fügung aufgelöst. Im Tod Jesu zeigt sich jedoch das „Versprechen der Wirklichkeit Gottes, die auch im Leid nicht zerschellt“. Solidarität kann Menschen dazu befreien, das Leben zu lieben und den Tod anzunehmen. Zugleich hielt Bonhoeffer offenbar bis zuletzt an einer wirklichen Auferstehung fest: Die Überwindung des Sterbens liege im Bereich menschlicher Möglichkeiten, „die Überwindung des Todes heißt Auferstehung“.

Entstehung unter Haftbedingungen

Bonhoeffer wurde am 5. April 1943 wegen seiner Verbindung zum Widerstand festgenommen. Im Gefängnis Berlin-Tegel litt er zunächst unter einem schweren Haftschock und belastenden Verhören. Ab dem 23. Mai 1943 durfte seine Familie ihn regelmäßig besuchen und mit Büchern versorgen. Ab dem 18. November ermöglichten die Unteroffiziere Holzendorf, Knobloch und Linke unter Lebensgefahr einen geschmuggelten Briefwechsel mit Eberhard Bethge.

Wie stark die Haft Bonhoeffers radikale Gedanken prägte, ist umstritten. Karl Barth führte sie unter anderem auf den Haftschock zurück. Bethge betonte dagegen, dieser sei längst überwunden gewesen, als Bonhoeffer am 30. April 1944 erstmals vom „religionslosen Christentum“ schrieb. Unstrittig ist, dass Erfahrungen und Begegnungen im Widerstand und im Gefängnis seine Theologie weiterentwickelten. Seine Arbeit war jedoch erschwert, weil ihm keine angemessene Bibliothek und kein theologischer Gesprächspartner zur Verfügung standen.

Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 verschärfte sich seine Lage. Dennoch plante Bonhoeffer eine etwa 100 Seiten lange Ausarbeitung und sandte Bethge am 3. August einen vierseitigen Entwurf. Der letzte erhaltene Brief aus Tegel stammt vom 23. August 1944; spätere Briefe musste Bethge bei seiner eigenen Verhaftung vernichten. Am 8. Oktober wurde Bonhoeffer in das Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße gebracht. Nach Aussagen von Mitgefangenen arbeitete er bis kurz vor seiner Hinrichtung am 9. April 1945 weiter. Das Manuskript ging danach verloren. Seine Überlegungen blieben deshalb fragmentarisch und enthalten offene Fragen statt einer vollständig ausgearbeiteten Lehre.

Deutungen und Weiterentwicklungen

Nach der Veröffentlichung der Tegeler Briefe durch Eberhard Bethge wurden Bonhoeffers Fragmente kontrovers interpretiert. John A. T. Robinson griff sie 1963 in „Honest to God“ auf. Er fragte, ob der Atheismus lediglich einen erdachten Gott „außerhalb der Welt“ beseitige und dadurch helfen könne, dem christlichen Glauben Sinn zu erhalten. Gott verstand er als „letzte Wirklichkeit“, deren Existenz nicht wie die eines gewöhnlichen Gegenstands bewiesen werden könne. Er verband Paul Tillichs Rede von Gott als Tiefe der Wirklichkeit mit Bonhoeffers Kritik am „deus ex machina“, dem Lückenbüßer-Gott. Begegnung und Hingabe an andere Menschen könnten Gebet sein; entscheidend sei, das gesamte Leben, die Welt und die Geschichte vor Gott zu sehen.

Der Weißenseer Arbeitskreis evangelischer Theologen in der DDR berief sich ebenfalls auf Bonhoeffer. Seine „Sieben Sätze von der Freiheit der Kirche zum Dienen“ von 1963 unterschieden den Gegensatz zwischen Theismus und Atheismus vom Gegensatz zwischen Glauben und Unglauben. Die Kirche solle Gottes Liebe zur Welt bezeugen, ohne sich von philosophischen Weltanschauungen oder politischen Systemen bestimmen zu lassen.

Gerhard Ebeling definierte Religion als „geschichtlich geformte vielgestaltige Verehrung einer Manifestation des Geheimnisses der Wirklichkeit“. Anders als Bonhoeffers Prognose hält er eine völlig religionslose Zeit für wenig wahrscheinlich, sieht Religion aber in einem tiefen Umbruch. Glaube ist für ihn nicht Selbstgewissheit, sondern ein Angenommensein und Geliebtsein. Obwohl er Glaube und Religion unterscheidet, betrachtet er Religion als Lebensbedingung des Glaubens. Das Christentum als Religion ist nicht selbst mit der Wahrheit identisch; es hat nur Anteil an ihr, soweit es auf Jesus Christus bezogen wird. Deshalb ist auch die christliche Religion nicht Bedingung des Heils.

Ernst Feil stimmt der Diagnose eines Traditionsbruchs zu und bestreitet ein allgemein-menschliches religiöses Apriori. „Glaube“ sei ein besser übersetzbarer und weniger eurozentrischer Grundbegriff für das Christentum des 21. Jahrhunderts. Wesentlich seien Nachfolge Jesu und Weltverantwortung; ob Glaube sich künftig mit alten oder erneuerten Religionsformen verbindet, solle offenbleiben. Sabine Dramm sieht seit den 1950er Jahren eine zunehmende Gottes-, Kirchen- und Religionsferne, besonders in der weißen westeuropäischen Welt. Bonhoeffers Anspruch eines die ganze Wirklichkeit umfassenden Christentums sei bisher uneingelöst. Die Kirche solle Religion nicht zur gesellschaftlichen Integration, Legitimation oder psychischen Kompensation benutzen, sondern für ein politisches, widerständiges, ärmeres und ohnmächtigeres Christentum stehen.

Grenzen und heutige Beispiele

Hubert G. Locke kritisiert die weiße und westliche Perspektive der Vorstellung einer religionslosen Welt. In Teilen der westlichen Theologie wurde Bonhoeffer als Denker einer mündigen Welt verstanden, die ohne Gott auskommt. Die religiös geprägte afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung hörte dagegen seinen Ruf zum Leiden mit Christus in der Geschichte und gewann politische Kraft aus dem Glauben an den Gott des Exodus.

Weltweit ließ sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kein allgemeines Verschwinden religiöser Traditionen beobachten. Bonhoeffers Kritik entstand vor dem Hintergrund europäisch-amerikanischer Philosophie und richtete sich besonders gegen ein metaphysisches Gottesbild. Fragen nach einem abstrakten jenseitigen Gott spielen jedoch im Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus, Daoismus, Konfuzianismus und in ethnischen Religionen nicht dieselbe entscheidende Rolle. Häufig stehen Praxis, Lebenseinstellungen, gemeinsame Werte, Feste und Riten im Vordergrund. Die Formen von Religion verändern sich, behalten aber mit unterschiedlichem Gewicht in allen Gesellschaften Bedeutung.

Neuere Gemeinschaften zeigen zugleich, wie religiöse Traditionen außerhalb klassischer Religion weitergeführt werden. Die Ende 2014 in 28 Städten verbreitete „Sunday Assembly“ wollte Elemente christlicher Kirchen und anderer Religionen auch auf atheistischer Grundlage wiederbeleben. In London gehören monatliches gemeinsames Singen, Popsongs, Lesungen, Vorträge, Schweigen, gegenseitige Hilfe und soziales Engagement dazu.

Die nordamerikanischen Churches of Truth sind gegenüber verschiedenen Weltanschauungen und Bekenntnissen offen. Einige verstehen sich als Teil der Neugeistbewegung. Ihr Streben nach einer direkten persönlichen Gotteserfahrung durch Meditation, Kontemplation und bewusstes Leben neigt allerdings zu einem deistischen oder pantheistischen Religionsverständnis, das Bonhoeffer gerade als überholt kritisierte. Die seit den 1990er Jahren ohne Pfarrer organisierte Church of Truth in Victoria betont zudem Naturverbundenheit und friedlichen politischen Wandel.

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