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Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Gretchenfrage

Darin stellt die Figur Margarete, genannt Gretchen, der Hauptfigur Heinrich Faust die Frage: „Nun sag', wie hast du's mit der Religion? Du bist ein herzlich …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Funktion
  2. 2. Die Frage nach Fausts Religion
  3. 3. Fausts Dilemma und der Gegensatz der Figuren
  4. 4. Übertragene Verwendung

Bedeutung und Funktion

Eine Gretchenfrage ist als Gattungsbegriff eine direkte Frage, die an den Kern eines Problems geht. Sie soll die Absichten und die Gesinnung des Gefragten aufdecken und ihn zu einem Bekenntnis oder einer eindeutigen Stellungnahme bewegen, die er bisher nicht abgegeben hat. Deshalb ist sie für die befragte Person meistens unangenehm.

Im engeren Sinn bezeichnet „Gretchenfrage“ die Frage nach der Religiosität einer Person oder sozialen Gruppe. Im weiteren Sinn gehören dazu auch Fragen mit der ausdrücklichen oder unausgesprochenen Struktur „Wie hast/hältst du’s mit …?“. Der Begriff geht auf Johann Wolfgang von Goethes Tragödie Faust I zurück.

Die Frage nach Fausts Religion

Die Gretchenfrage wird in Goethes Faust I in der Szene „Marthens Garten“ gestellt. Das Drama erschien 1808 in Stuttgart/Tübingen. Margarete, genannt Gretchen, ist ein ungefähr 14-jähriges Mädchen und wird vom älteren Wissenschaftler Heinrich Faust umworben. Nachdem sich beide bereits mehrfach getroffen und in der Szene „Gartenhäuschen“ (V. 3205 ff.) geküsst haben, fragt Gretchen in „Marthens Garten“ (V. 3415 ff.): „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“

Faust weicht der Antwort trotz Gretchens Nachfragen aus (V. 3420–V. 3465). Er versucht zunächst zu klären, in welchem Sinn sie eine Auskunft erwartet: Geht es ihr um die tieferen Inhalte des Glaubens oder um das unhinterfragte Befolgen religiöser Traditionen? Gretchen gibt schließlich auf und kommt zu dem Schluss, Faust habe kein Christentum: „Denn du hast kein Christentum“ (V. 3468).

Fausts Dilemma und der Gegensatz der Figuren

Gretchens Schlussfolgerung ist aus ihrer Sicht begründet. Faust hat in einem Monolog in der Osternacht erklärt, dass ihm der Glaube an die Auferstehung Jesu fehlt. Er kann nicht mehr glauben, ist aber auch kein kämpferischer Atheist. Seine pantheistisch gefärbte Gefühlsreligion und seine unbestimmte Spiritualität überzeugen Gretchen nicht. Die Frage trifft damit intuitiv Fausts „wunden Punkt“; Gretchen weiß allerdings nicht, dass Faust einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat.

Goethe stellt zwei unterschiedliche Lebensentwürfe gegenüber. Gretchen stammt aus einfachen, traditionsbestimmten Verhältnissen und hat den Glauben an Gott sowie kirchliche Religiosität als Mittelpunkt ihres Selbstverständnisses übernommen. Der gelehrte Faust stellt die überlieferte Religion im Sinne neuzeitlicher Subjektivität infrage. Er meint, dieselben Gefühle für das Gute, Schöne und Anständige haben zu können wie Gretchen, ohne dass diese Werte von der Kanzel gepredigt werden müssen.

Gretchens Frage betrifft deshalb nicht nur Fausts persönliche Religion. Zur Zeit Goethes bestimmte die christliche Religion auch die Sexualmoral. Gretchen möchte daher wissen, mit welcher Haltung Faust gegenüber dem christlichen Glauben und damit gegenüber der Lebenspraxis und gesellschaftlichen Einbindung rechnen soll.

Übertragene Verwendung

Außerhalb von Goethes Faust bezeichnet „Gretchenfrage“ ein freies Lexem, also einen selbstständig verwendbaren Ausdruck. Eine solche Frage wird nicht immer ausdrücklich als Gretchenfrage benannt. Häufig werden die syntaktische Struktur oder die Einleitungsformel der Vorlage nachgeahmt.

Ein Beispiel lautet: „Wie hast du’s mit den Kommunisten?“ Diese Frage wird der Sozialistischen Partei Frankreichs von links und rechts gestellt. Manchmal spricht ein Autor die eigentliche Frage gar nicht aus, weil er sie bei den Lesern als bekannt voraussetzt; schon eine Überschrift wie „Die etwas andere Gretchenfrage“ kann auf eine solche Frage anspielen.

Im übertragenen Sinn ist eine Gretchenfrage eine Gewissensfrage oder eine Frage nach dem Willen. Sie zielt auf den Kern eines Sachverhalts und verlangt eine eindeutige Stellungnahme zu einem möglicherweise unangenehmen oder zwiespältigen Thema. Der Fragesteller ist oft misstrauisch und stellt die Frage in einem Entscheidungsmoment, um nicht „blind in die Falle zu tappen“. Auch ein Ausweichen kann Klarheit schaffen: Wer eine ehrliche Antwort vermeidet, gibt dadurch möglicherweise Hinweise auf seine Pläne. Eine Gretchenfrage ist von einer einfachen Fangfrage oder einem Fangschluss zu unterscheiden.

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