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Religionsgemeinschaften im Irak
Als in der Mehrheit lebende Konfession (63 % der Iraker sind Schiiten) geben die Schiiten zu verstehen, dass sie ein Mitspracherecht bei der Planung des neuen …
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Religiöse und politische Ordnung
Nach dem Sturz Saddam Husseins wurden Religionsgemeinschaften im Irak wieder wichtige politische Akteure. Neue Parteien und religiöse Bewegungen, aus dem Exil zurückgekehrte Religionsführer sowie der Einfluss angrenzender Staaten führten dazu, dass sich politische und religiöse Strukturen häufig überschnitten. Viele Gruppen versuchten, ihren Platz im zukünftigen Staat zu sichern.
Die Schiiten bilden mit 63 % der Iraker die größte religiöse Gruppe. Nach ihrer Unterdrückung unter Saddam Hussein forderten sie durch Massenkundgebungen und eine starke Organisation an der Basis politische Mitsprache. Ein Teil der Schiiten strebte einen muslimischen Staat oder eine theokratische Ordnung an und verlangte den schnellen Abzug der Koalitionstruppen. Andere religiöse Führer vertraten moderatere Positionen. Umstritten waren außerdem der Einfluss Irans und der libanesischen Hisbollah.
Die Sunniten stellen 34 % der Bevölkerung. Da sie unter der Baath-Partei als machttragende Gruppe gegolten hatten, verloren sie durch den Sturz Saddams ihre frühere politische Stellung. Bei ihrer Neuorganisation gewannen auch wahhabitische und al-Qaida-nahe, antiwestliche Kräfte Einfluss. Eine Annäherung zwischen Sunniten und Schiiten entstand nach Einschätzung verschiedener Beobachter vor allem als vorübergehendes Bündnis einzelner Gruppen mit dem gemeinsamen Ziel, die politische Souveränität über den Irak zurückzugewinnen.
Die christlichen Gemeinschaften erklärten ihre Solidarität mit der irakischen Bevölkerung und unterstützten den Aufbau eines neuen Irak. Ihr soziales Engagement, besonders durch die Caritas, kam auch nichtchristlichen armen Familien zugute.
Schiitische Bewegungen und Führer
Die Dawa-Partei wurde 1950 gegründet und gilt als älteste schiitische Bewegung im Irak. Nachdem mehrere ihrer Anführer unter Saddam Hussein ermordet worden waren, wurde sie unterdrückt; viele Schiiten lebten deshalb im Untergrund. Nach dem Krieg kehrte Scheich Muhammad Nasseri aus dem Exil im Iran zurück. Zwei Dawa-Vertreter gehörten dem Regierungsrat an. Die Partei trat bei der Wahl am 30. Januar 2005 in der Vereinigten Irakischen Allianz (UIA) an und stellte mit Ibrahim al-Dschafari den Ministerpräsidenten.
Der Oberste Rat für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI) wurde zunächst von Muhammad Baqir al-Hakim geführt, der im August 2003 bei einem Attentat in Nadschaf getötet wurde. Sein Bruder Abd al-Aziz al-Hakim übernahm die Führung und unterhielt enge Beziehungen zum Iran. Der bewaffnete Flügel des SCIRI, die Badr-Organisation, umfasste schätzungsweise 4.000 bis 10.000 Männer. Der SCIRI trat ebenfalls in der UIA an und stellte unter anderem den stellvertretenden Präsidenten Adil Abd al-Mahdi sowie den Innenminister Bayan Baqir Sulagh.
Der wichtigste schiitische Führer war der 85-jährige Großajatollah Ali al-Sistani. Er hatte sich unter Saddam geweigert, ins Exil zu gehen, und viele Jahre im Gefängnis verbracht. Sistani befürwortete die Trennung von Staat und Religion und lehnte den Einsatz von Waffen ab. Zugleich verlangte er die Einhaltung der Fristen für die Machtübergabe an die Iraker. Seine Haltung wurde als abwartend beschrieben: Er wollte keinen offenen Konflikt mit den Koalitionskräften, erwartete aber, dass die zahlenmäßige Mehrheit der Schiiten in einer gewählten Regierung politisch wirksam werden konnte.
Eine radikalere Richtung vertrat Muqtada as-Sadr. Er lehnte die traditionellen schiitischen Führer ab, forderte islamische Gesetze und verband dies mit irakischem Nationalstolz. Von Nadschaf aus bekämpfte er die Koalitionstruppen. Ihm wurden etwa 10.000 Milizionäre und zahlreiche Anhänger in Sadr-City zugerechnet. Er drohte mit Selbstmordattentaten, falls die Koalitionstruppen in Nadschaf oder Kerbela eindringen würden. Im neuen Kabinett saßen drei seiner Anhänger.
Sunniten und Kurden
Unter den arabischen Sunniten trat Muhsin Abd al-Hamid hervor, der der Irakischen Islamischen Partei und der Strömung der Muslimbrüder angehörte und Mitglied des Regierungsrates war. Seine gemäßigte Position führte zu Konflikten mit dem Prediger Ahmad el Kebeisey, der in der Hanifa-Moschee in Bagdad antiamerikanische Gefühle schürte und zu Protesten gegen die Koalitionstruppen aufrief.
Die Association of Muslim Scholars (AMS) entstand nach dem Krieg durch das politische und organisatorische Vakuum in den sunnitischen Reihen. Sie vermittelte bei Verhandlungen über einen Waffenstillstand zwischen sunnitischen Einheiten und amerikanischen Truppen in Falludscha und trug zur Freilassung von sieben entführten Chinesen bei. Die Vereinigung bezeichnete sich als religiös, sozial und politisch und als im Interesse des Landes handelnd. Sie war nationalistisch geprägt, wurde von wichtigen Ulema der Abi-Haanifa- und Abd-al-Kadr-Moscheen getragen und bemühte sich nach eigenen Angaben um Beziehungen zu Kurden und Schiiten.
Die Kurden sind mehrheitlich sunnitische Muslime, bilden aber keine einheitliche politische Gruppe. Die Demokratische Partei Kurdistan (KDP) unter Masud Barzani und die Patriotische Union Kurdistans (PUK) unter Dschalal Talabani verfügten jeweils über eigene Peschmerga. Beide waren im Regierungsrat vertreten und schlossen sich für die Wahl zur Demokratischen Patriotischen Allianz Kurdistans zusammen. Die PUK stellte mit Dschalal Talabani den Präsidenten.
Neben orthodoxem Islam und Sufiorden gibt es unter den Kurden Sondergruppen wie Ahl-e Haqq, Schabak und Haqqa. Wegen autonomer oder teilweise separatistischer Forderungen wurden die Kurden unter Saddam Hussein verfolgt. Nach der Einrichtung der Flugverbotszone durch die Vereinten Nationen 1991 entstand unter internationalem Schutz die Kurdische Autonome Region.
Christliche Kirchen und assyrische Identität
Die Christen im Irak wollten nach dem Sturz Saddam Husseins ihre religiöse und kulturelle Identität freier leben und sich am Aufbau eines neuen, pluralistischen Staates beteiligen. Younadem Kana war der einzige Christ im irakischen Regierungsrat. Spätere Drohungen extremistischer Gruppen, besonders in Mosul, und die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten führten dazu, dass christliche Familien Bagdad und andere Gebiete in Richtung des sicherer erscheinenden Nordens verließen.
Die Assyrische Kirche des Ostens ist eine selbstständige, autokephale Kirche, die weder mit Rom noch mit den byzantinisch-orthodoxen Kirchen uniert ist. Ihre Tradition entstand im mesopotamischen Raum und im armeno-kurdischen Bergland durch die Mission der Apostelschüler Thomas, Mar Addai und Mar Mari. Nach den Konzilien von Seleukia 410 und Markabata 424 wurde sie unabhängig; ihr Patriarch trägt auch den Titel Katholikos. Ab 1553 entwickelte sich durch die Ernennung eines chaldäischen Patriarchen die bis heute bestehende Spaltung zwischen assyrischer und chaldäischer Kirche. Seit der gemeinsamen christologischen Erklärung von Papst Johannes Paul II. und Patriarch Mar Dinkha IV. im November 1994 verbesserten sich die Beziehungen. 1997 wurde eine Dialogkommission für pastorale Zusammenarbeit eingerichtet.
Nach Fluchtbewegungen und Verfolgungen leben heute rund 70.000 Assyrer im Nordirak. Sie konnten dort ihre kulturelle, sprachliche und religiöse Identität teilweise bewahren. Seit den 1970er Jahren darf an assyrischen Grundschulen Syrisch, eine Spätform des Aramäischen, unterrichtet werden. Der 7. August wird als Tag des „assyrischen Martyriums“ begangen.
Ein weiterer Teil der irakischen Christen, die Aramäer, gehört zur Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien. Sie besitzt Erzdiözesen in Bagdad und Basra, Mosul sowie beim Kloster Mor Mattai.
Katholische Gemeinschaften
Die chaldäische Bevölkerung bildet die größte christliche Gruppe im Irak und gilt nach Arabern und Kurden als drittgrößte Volksgruppe des Landes. Die chaldäische Kirche entstand ab 1553 durch Unionen von Teilen der assyrischen Kirche mit Rom; ihr Patriarchat befindet sich in Bagdad. Die Kirche setzt sich für einen pluralistischen, laizistischen Staat ein, in dem religiöse Minderheiten respektiert werden.
Der Artikel nennt rund 800.000 Christen im Irak, etwa 3 % der Bevölkerung, und zugleich die Angabe, dass 70 % der irakischen Christen chaldäisch seien. An anderer Stelle werden über 700.000 chaldäische Christen genannt. Die Liturgie- und Theologiesprache ist eine Spätform des Aramäischen. Weil viele Gläubige Arabisch sprechen, werden Gebete, Bibelstellen und liturgische Formeln zunehmend auf Arabisch oder zweisprachig verwendet. In Bagdad gibt es ein Patriarchalseminar und das mit der Päpstlichen Urbaniana-Universität verbundene Kolleg von Babylonien. Die chaldäischen Mönche arbeiten in Schulen und im Religionsunterricht; der Artikel nennt 400 Klöster im Irak sowie weitere Einrichtungen in Rom und Amerika. Zur Zeit Saddam Husseins war die chaldäische Kirche staatstragend; ein bedeutendes Mitglied war Tariq Aziz.
Zur syrisch-katholischen Kirche gehören im Irak insgesamt 75.000 Gläubige. Rund 30.000 leben in Bagdad, etwa 45.000 in Kirkuk und Mosul; in Basra besteht eine kleinere Gemeinde. In Städten wird vor allem Arabisch liturgisch verwendet, in ländlichen Gebieten um Mosul und in Baghdida weiterhin Aramäisch. Das Patriarchat hat seinen Sitz in Beirut.
Die armenisch-katholischen Gemeinden gehen vor allem auf Auswanderer und Zwangsdeportierte von 1915 zurück. Im Irak leben rund 2.000 armenisch-katholische Gläubige. Eine Schule der armenischen Schwestern in Bagdad besuchen rund 800 Kinder, jeweils zur Hälfte armenische und muslimische Schüler. Bis in die 1990er Jahre lebten im Irak etwa 20.000 bis 30.000 armenische Gläubige verschiedener Kirchen; viele verließen das Land wegen Armut.
Die Katholiken des lateinischen Ritus umfassen rund 2.500 Menschen, größtenteils in Bagdad. Missionare und Ordensgemeinschaften arbeiten seit drei Jahrhunderten eng mit den chaldäischen Gemeinden zusammen, geben Religionsunterricht, spenden Sakramente und helfen Armen. Zu den im Irak tätigen Orden gehören unter anderem Redemptoristen, Dominikaner, Karmeliten, Salesianer und verschiedene Frauenorden.
Mandäer, Juden, Jesiden und Zoroastrier
Die Mandäer leben im südlichen Irak. Ihre Zahl wird im Artikel widersprüchlich mit „einige Tausend bis Hunderttausend“ angegeben. Da sie im Islam als „Buchreligion“ betrachtet wurden, galten sie früher als geschützte Minderheit. Unter Saddam Hussein waren sie toleriert und durch einen Religionsrat politisch vertreten. Nach dem Ende dieses Systems waren sie verstärkter Verfolgung durch islamistische Kreise ausgesetzt.
1948 lebten im Irak noch 135.000 Juden, davon die Hälfte in Bagdad. Zwischen 1946 und 1950 kam es zu zahlreichen Ausschreitungen. Ab 1950 durften Juden auswandern; bis 1952 brachte Israel 95 % der irakischen Juden per Luftbrücke nach Israel. 1958 wurde ihnen der Status als jüdische Gemeinde aberkannt. Heute leben nur noch 28 Juden im Irak.
Der Abschnitt über die Jesiden enthält im vorliegenden Artikel keine weiteren Sachangaben.
Die Zahl der Zoroastrier steigt laut Artikel besonders durch Konversionen ehemaliger Muslime. Sie bemühen sich um die Anerkennung eines offiziellen Status für ihre Religion in der Kurdischen Autonomen Region.