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Stabreim
Stabreim ist der deutsche Begriff für die Alliteration in germanischen Versmaßen. Die am stärksten betonten Wörter eines Verses werden durch gleiche …
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Begriff und Grundprinzip
Stabreim ist die deutsche Bezeichnung für Alliteration in germanischen Versmaßen: Die am stärksten betonten Wörter eines Verses werden durch gleiche Anfangslaute hervorgehoben. Er war die metrische Grundlage der germanischen Langzeile sowie der Versmaße Fornyrðislag und Dróttkvætt. Wichtige stabreimende Werke sind etwa Beowulf, Heliand, Hildebrandslied und die Lieder-Edda.
Die Stabreimdichtung stammt aus mündlicher Rede. Sie knüpft an betonte Silben an, die „staben“. Eine Langzeile gliedert sich in Anvers, Zäsur und Abvers. Im Anvers können ein oder zwei Stäbe stehen. Im Abvers steht genau ein Stab, und zwar stets auf dem ersten der zwei betonten Wörter; das zweite bleibt stabfrei. Snorri Sturluson nannte den Stab im Abvers Hauptstab (hǫfuðstafr), die Stäbe im Anvers Stützen (stuðlar).
In Zeile 3 des Hildebrandsliedes, „hiltibrant enti haðubrant, untar heriun tuem“, tragen drei besonders betonte Wörter den Laut h. „tuem“ ist zwar betont, bleibt aber als zweites betontes Wort des Abverses ohne Stab.
Lautregeln und Aufbau der Langzeile
Der Stabreim verbindet den ersten Laut der Wurzelsilben besonders stark betonter Wörter. Meist ist dies ein konsonantischer Stabreim. Die Gruppen sc/sk, sp und st zählen jeweils als Einheit: Sie staben nur mit derselben Gruppe, nicht mit einfachem s oder anderen Lautverbindungen.
Auch alle Vokale können untereinander staben; dies heißt vokalischer Stabreim. Beowulf, Zeile 33, bietet das Beispiel „isig ond utfus, æþelinges fær“. Der vokalische Stabreim wird oft durch einen vor dem Vokal gesprochenen Knacklaut, den Glottisschlag, erklärt. Ob dieser Laut im Germanischen tatsächlich vorhanden war, ist jedoch zweifelhaft. In der Dichtung bevorzugte man bei Vokalstäben unterschiedliche statt gleicher Vokale; auch nach einem stabenden Konsonanten waren unterschiedliche folgende Vokale bevorzugt.
Eine Langzeile besteht aus zwei durch die Zäsur getrennten Halbzeilen. Jede Halbzeile hat zwei betonte Wörter, während die Zahl unbetonter Wörter beliebig ist. Im Anvers staben das erste, das zweite oder beide betonten Wörter; im Abvers staben immer nur das erste. Nomina, also etwa Substantive und Adjektive, werden häufiger betont und eher mit Stäben versehen als Verben. Formwörter wie Pronomen, Hilfsverben und Konjunktionen tragen nur selten einen Stab.
Überlieferung und Entwicklung
Der Stabreim war in der gesamten altgermanischen Versdichtung verbreitet, bevor ihn der Endreim ablöste. Runeninschriften sind selten; es sind kaum mehr als 500 Zeilen erhalten. Als ältester Beleg gilt meist die Inschrift auf dem Goldhorn von Gallehus in Dänemark um 400 n. Chr.: „ek HléwagastiR HóltijaR : hórna táwido.“ Sie bildet eine Langzeile mit vier Hebungen und drei Stäben. Der früheste und einzige runische Beleg im südgermanischen Raum steht auf der Gürtelschnalle von Pforzen aus dem 6. Jh.: „Áigil andi Áïlrûn : élahu gasókun“. Ihre Bedeutung ist in der Forschung umstritten.
Ab dem 8. Jh. schrieben vor allem Geistliche in lateinischer Schrift; viele überlieferte Stabreimverse sind daher christlich geprägt. Der Heliand erzählt Jesus Christus in der Form eines Heldenlieds. Insgesamt sind etwa 63.000 Zeilen erhalten, sehr ungleich verteilt: 200 althochdeutsche, 6.000 altsächsische, 30.000 altenglische sowie 7.000 altnordische Zeilen im Fornyrðislag und 20.000 im Dróttkvætt. Stabreimverse dienten religiösen und weltlichen Texten, etwa Götterliedern, Zaubersprüchen, Gebeten, Heldenliedern, Epen und Grabinschriften. Sie sind stilisierte und nachdrücklich gesteigerte Prosarede, mit der Worten besonderes Gewicht gegeben wurde.
In Deutschland setzte sich der Endreim mit dem Evangelienbuch des Otfrid von Weißenburg durch. Sprachliche Eigenschaften des Althochdeutschen erschwerten zusätzlich die metrischen Anforderungen. In England endete die regeltreue Tradition nach 1066, der Schlacht bei Hastings; die letzten regeltreuen Verse stammen aus einer Chronik des Jahres 1065. Skandinavien öffnete sich im 13. Jh. dem Endreim. Nur in Island verbanden die Rímur Stabreim, weitere skaldische Mittel, Endreim und alternierenden Rhythmus; sie lebten in der volkstümlichen Dichtung bis ins 20. Jahrhundert fort.
Nordische Versmaße
Die germanische Langzeile ist das ursprünglichste germanische Stabreimversmaß und Vorbild späterer eddischer und skaldischer Formen. Das Fornyrðislag steht ihr besonders nahe und erscheint fast nur in den Helden- und Götterliedern der Edda. Es unterscheidet sich vor allem durch die Strophenform. Während frühe Langzeilen häufig einen vollständigen Satz bildeten, können Sätze im Fornyrðislag über vier oder mehr Zeilen reichen.
Ljóðaháttr kommt in Spruch- und Merkdichtung der Edda vor, etwa im Hávamál. Eine Strophe verbindet jeweils eine Langzeile mit einer Vollzeile. Die Vollzeile hat keine Zäsur und stabt innerhalb der Zeile. Zwei oder mehr solcher Paare bilden eine Strophe. Wie das Fornyrðislag zeigt auch dieses Versmaß eine typisch nordische Verringerung der Silbenzahl, sodass Halbverse teilweise nur zwei Silben haben.
Dróttkvætt, der „Hofton“, ist das wichtigste Versmaß der skaldischen Dichtung und macht über 80 % von deren 20.000 Zeilen aus. Eine Strophe besteht grundsätzlich aus zwei stabreimenden Langzeilen, folgt aber strengen Zusatzregeln: Jeder Halbvers hat einen Binnenreim, genau sechs Silben und einen trochäischen, also fallenden, zweisilbigen Versschluss (—◡). Im Anvers müssen beide betonten Wörter staben; ein einzelner Stab ist verboten. Das erste Wort des Abverses muss stets staben. Weitere skaldische oder eddische Versmaße sind Kviðuháttr, Tøglag, Haðarlag, Runhent, Hrynhent, Málaháttr und Galdralag. Kviðuháttr diente wohl genealogischer Merkdichtung, Galdralag mit seinen Wiederholungen Zaubersprüchen.
Fortleben der Alliteration
Reste finden sich besonders in stabilen Sprachformen wie Sprichwörtern, Formeln, Hausinschriften und der Rechtssprache. Ohne die Einbindung in einen Vers ist jedoch nicht vom Stabreim, sondern nur von Alliteration zu sprechen. Solche Zwillingsformeln gibt es in allen germanischen Sprachen, zum Beispiel deutsch „Kind und Kegel“, englisch „friend or foe“ und isländisch „hús og heim“.
Im 19. Jahrhundert griffen Dichter und Gelehrte den Stabreim wieder auf. Richard Wagner verwendete ihn, hielt aber die ursprüngliche Regel des einzelnen Stabs im Abvers nicht ein. Auch J. R. R. Tolkien ließ die Rohirrim in Der Herr der Ringe stabreimende Verse sprechen.