Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Barockliteratur

In der Barockdichtung trat das Deutsche an die Stelle des Lateinischen, welches die Sprache der bedeutendsten deutschen Lyriker im 16. Jahrhundert gewesen war.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Zeitraum und Grundlagen
  2. 2. Zentrale Motive und Gegensätze
  3. 3. Lyrik, Formen und Stilmittel
  4. 4. Prosa und Predigt
  5. 5. Spanien und Lateinamerika
  6. 6. Kritik und Ende der Epoche

Begriff, Zeitraum und Grundlagen

Barockliteratur bezeichnet in der deutschen Literaturgeschichte die literarische Produktion Europas zwischen etwa 1600 und 1720, besonders in Italien, Spanien und Deutschland. Der Begriff muss vom barocken Stil unterschieden werden: Auch Werke aus anderen Ländern oder Zeiten können typische Merkmale wie auffällige Metaphern, religiöse und mythologische Allegorien oder einen schwülstigen, stark ausgeschmückten Ausdruck verwenden. In Frankreich heißt die Literatur dieser Epoche klassisch oder klassizistisch; auch in England wurden im 17. Jahrhundert barocke Stilmittel genutzt, ohne dass man gewöhnlich von englischer Barockliteratur spricht.

In der deutschen Dichtung trat die deutsche Sprache an die Stelle des zuvor vorherrschenden Lateins. Träger der Literatur blieb jedoch eine humanistisch gebildete, an lateinischen Werken geschulte Elite. Deshalb knüpfte die deutsche Barockdichtung stärker an die lateinische Dichtung als an ältere deutschsprachige Traditionen wie die Meistersinger um Hans Sachs an. Entscheidend für die Reform war Martin Opitz’ Buch von der Deutschen Poeterey von 1624, die erste Poetik in deutscher Sprache. Eine Poetik ist eine Lehre von den Regeln und Formen des Dichtens.

Wichtige deutsche Autoren sind unter anderem Martin Opitz, Andreas Gryphius, Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, Paul Fleming, Paul Gerhardt, Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, Daniel Casper von Lohenstein, Sibylla Schwarz und Angelus Silesius. Wegen ihrer bewusst kunstvollen Gestaltung erschließt sich Barockliteratur häufig nicht durch unmittelbare Einfühlung. Kritiker der frühen und mittleren Aufklärung bewerteten ihre fehlende „Natürlichkeit“ deshalb gering.

Zentrale Motive und Gegensätze

Das Lebensgefühl der Barockliteratur wurde wesentlich durch den Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 geprägt. Gewalt, Zerstörung und die Angst vor dem Tod spiegeln sich in drei Leitmotiven:

• Memento mori bedeutet „Bedenke, dass du sterben musst“. Das Motiv erinnert an den nahen Tod und richtet den Blick stärker auf Sterben und Tod als auf das gegenwärtige Leben. Ein Beispiel ist Andreas Gryphius’ Thränen deß Vaterlandes Anno 1636.

• Vanitas bedeutet unter anderem „Nichtigkeit“ und „Vergänglichkeit der Welt“. Im Mittelpunkt steht nicht der Tod selbst, sondern die Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit des Menschen und alles Irdischen. Damit verbindet sich die Transzendenz, also die christliche Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits. Beispiele sind Es ist alles eitel von Gryphius und Die Welt von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau aus dem Jahr 1679.

• Carpe diem bedeutet „Nutze“ oder „Genieße den Tag“. Das auf den römischen Dichter Horaz zurückgehende Motiv fordert dazu auf, bewusst zu leben und sich von der Vergänglichkeit nicht überwältigen zu lassen. Da es auf die Hoffnung auf ein Jenseits verzichtet, widerspricht es der christlichen Weltsicht. Deshalb ist umstritten, ob es tatsächlich ein zentrales Barockmotiv ist. Martin Opitz’ Ode Ich empfinde fast ein Grawen von 1624 erhielt den Titel „Carpe diem“ erst bei einem Nachdruck im 19. Jahrhundert.

Diese Motive konnten gemeinsam zum Lebensgenuss auffordern, an Tod und Nichtigkeit erinnern und die Hinwendung zum Glauben empfehlen. Typisch ist die Antithetik, also die Darstellung scharfer Gegensätze: Diesseits und Jenseits, Schein und Sein, Spiel und Ernst, Wollust und Tugend, Erotik und Askese, irdisches und himmlisches Leben sowie Ewigkeit und Vergänglichkeit. Solche Gegensätze prägen Gedichte, Erzählwerke und Dramen. Weitere Stoffe stammen aus der Antike oder behandeln christliche Märtyrer, Liebe und Frauenpreis.

Lyrik, Formen und Stilmittel

Das Gedicht war die bevorzugte Literaturform des Barocks, besonders das Sonett. Ein Sonett ist ein Gedicht mit festgelegter Gliederung und insgesamt 14 Versen. Als Versmaß wurde häufig der Alexandriner verwendet: ein sechshebiger Jambus mit einer starken Zäsur, also einem deutlichen Einschnitt, meist in der Versmitte.

Äußere Ästhetik und Wohllaut waren besonders wichtig. Zu den häufigen Stilmitteln gehören Anapher, Metapher, Antithetik, Hyperbel, Allegorie und Repetitio. Eine Anapher wiederholt Wörter am Anfang aufeinanderfolgender Sätze oder Verse; eine Hyperbel ist eine starke Übertreibung. Metaphern und Symbole machen abstrakte Fragen wie das Verhältnis von Diesseits und Jenseits oder die Stellung des Menschen anschaulich. In Gryphius’ Gedicht Abend steht beispielsweise der „Port“, also der Hafen, bildlich für die Heimkehr zu Gott.

Auch Embleme und Allegoresen waren verbreitet. Sie sollten hinter sichtbaren Dingen, Namen und Bildern eine tiefere, verborgene Bedeutung erschließen. Bekannte Beispiele der deutschen Barocklyrik sind Gryphius’ Gedichte Es ist alles eitel und Tränen des Vaterlandes. Zu ihr zählen außerdem Kirchenlieder Paul Gerhardts wie Geh aus, mein Herz, und suche Freud.

Prosa und Predigt

Ein bedeutendes Prosawerk ist Grimmelshausens Schelmenroman Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch von 1668. Ein Schelmenroman erzählt gewöhnlich die Erlebnisse einer gesellschaftlich niedrig stehenden oder unangepassten Hauptfigur. Das Werk unterscheidet sich vom schwülstigen Stil vieler anderer Barocktexte: Es ist volkstümlich und von drastischem Witz geprägt. Gelehrsamkeit und Latinismen, also aus dem Lateinischen übernommene Ausdrücke, werden meist ironisch übertrieben. Ähnliches gilt für Christian Reuters Schelmuffsky von 1696/97. Die christliche Prägung vieler Autoren zeigt sich in der Aufforderung, die schlechte Wirklichkeit verantwortlich zu verbessern, und in der Hoffnung auf eine bessere Ordnung und ein besseres Leben bei Gott.

Die Barockpredigt sollte religiös belehren und zugleich anschaulich wirken. Fabeln und Märchen vermittelten moralische Lehren; außerdem nutzten Prediger Vergleiche, Schwänke, Sprichwörter und Sprachbilder aus der Bibel und aus antiken Werken. Inhaltlich reichten die Predigten von theologischen Problemen bis zur Bibelexegese, also zur Auslegung biblischer Texte. Abraham a Sancta Clara gilt als bekanntester katholischer Barockprediger des deutschsprachigen Raums. Georg Scherer wandte sich häufig gegen die Reformation. Der bekannteste polnische Prediger der Zeit war der Jesuit Piotr Skarga (1536–1612), unter anderem mit den Parlamentpredigten von 1597, den Heiligengeschichten von 1579 und den Militärmessen von 1618.

Spanien und Lateinamerika

Das spanische Theater erreichte mit Pedro Calderón de la Barca einen Höhepunkt. Von ihm sind etwa 120 Dramen, sogenannte Comedias, und 80 Fronleichnamsspiele, sogenannte Autos sacramentales, überliefert. Seine streng geformten und philosophisch angeregten Stücke waren allerdings wenig volkstümlich. Breitenwirksamer war das Jesuitendrama, das der religiösen Erbauung und Unterweisung der weitgehend analphabetischen Bevölkerung diente. Hunderttausende solcher Stücke wurden verfasst, darunter Passionsspiele und die in Mexiko besonders beliebten Fronleichnamsspiele.

Eine besondere spanische und hispanoamerikanische Form barocker Lyrik und Prosa war der nach Luis de Góngora benannte Gongorismus. Kennzeichnend sind Periphrasen, also umständliche Umschreibungen, geschraubte Metaphern und eine äußerst komplexe Satzstruktur. Einfache Inhalte wurden mit möglichst vielen Worten ausgedrückt. Góngoras Formulierung „Era del año la estación florida“ bedeutet etwa „Es war die blühende Zeit des Jahres“, also: Es war Frühling.

Der Gongorismus stand im Konflikt mit dem Conceptismo, besonders mit Francisco de Quevedo. Dieser verband ein einfaches Vokabular mit geistreichen Wortspielen. Gegner nannten den Gongorismus auch Culteranismo, „kultivierter Lutheranismus“, weil sie ihn als häretischen Verstoß gegen die klassischen Regeln der Dichtkunst betrachteten.

Kritik und Ende der Epoche

Am Ende der Barockzeit geriet der modisch gewordene schwülstige Stil zunehmend in die Kritik. Liselotte von der Pfalz beklagte 1721, dass man früher „viel in wenig worten sagte“, nun aber viele bedeutungslose Wörter für schön halte. Die Frühaufklärung kündigte sich zunächst in Satiren auf die „parfümierte“ Barockliteratur und das höfische Leben an, obwohl diese Texte selbst noch barocke oder klassizistische Formen verwendeten.

Johann Christoph Gottsched kritisierte 1729 aus rationalistischer Sicht das handwerkliche Dichtungsverständnis des französischen Klassizismus. Die Vorstellung, Dichtung lasse sich durch starre Regeln lehren und lernen, sowie die ausgefeilte Bildersprache und der typisierte Gefühlsausdruck erschienen ihm unoriginell und stilistisch überladen. Lessing lehnte die barocke Regelpoetik noch entschiedener ab und verlangte eine gehobene Alltagssprache.

Hinzu kamen der moderne Sensualismus und die Empfindsamkeit, die einen „natürlichen“ Ausdruck von Gefühlen forderten. Der Blick richtete sich stärker auf die wirkliche Welt: Fortschrittsdenken trat an die Stelle der Todessehnsucht, konkrete Naturbeschreibungen ersetzten Metaphysik und überreiche Metaphorik, und Vorreden an ein bürgerliches Publikum verdrängten Widmungen an Herrscher und Gönner. Der an Shakespeare orientierte Geniekult brach bewusst mit festen Regeln und beendete die barocke Regelpoetik endgültig.

Erst im 20. Jahrhundert wuchs das Interesse an der Epoche wieder. Als Grund gelten strukturelle Ähnlichkeiten mit der Postmoderne, besonders die kreative Übersteigerung und Wiederverwendung vorhandenen Sprachmaterials. Auch der lateinamerikanische Magische Realismus weist neobarocke Züge auf.

Weiterlesen

Barock Das Barock entwickelte sich etwa ab der Mitte des 16. Jahrhunderts aus der Renaissance. · Parallel zu Architektur und Kunst schuf man im Barock auch Regeln und … Martin Opitz August 1639 in Danzig) war der Begründer der Schlesischen Dichterschule, deutscher Dichter und ein bedeutender Theoretiker des Barock und des Späthumanismus. Aufklärung Es wird meist auf etwa 1650 bis 1800 datiert. Aufklärung und Barock, die oft als Gegensätze gesehen werden, entwickelten sich über Jahrzehnte gleichzeitig im … Dreißigjähriger Krieg Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 war ein Konflikt um die Hegemonie im Heiligen Römischen Reich und in Europa, der als Religionskrieg begann und … Andreas Gryphius Andreas Gryphius (* 2. Oktober 1616 in Glogau, Fürstentum Glogau; † 16. Juli 1664 ebendort; eigentlich Andreas Greif) war ein deutscher Dichter und … Askese Seit der Antike bezeichnet er eine Übungspraxis im Rahmen von Selbstschulung aus religiöser oder philosophischer Motivation. Angestrebt wird damit die Erlangung … Caspar Ziegler Ziegler formulierte Richtlinien für Umfang, Verslänge und Reimschemata des Madrigals, dessen Reiz allerdings gerade in der Freiheit der Form liegt. Der … Sonett Dessen Kadenz kann weiblich (11 Silben) oder männlich (10 Silben) sein und weist folgendes Reimschema auf: [abba abba cdc dcd]. oder. [abba cddc eef ggf]. In … Jambus Nach Gottfried August Bürger ist der Jambus „das einzige, wahre, echte, natürliche, heroische Metrum unserer Sprache“, ein kerndeutscher Versfuß also … Metapher ... adverbiale Bestimmung lautet „im übertragenen Sinn(e)“. Im religionswissenschaftlichen Kontext findet auch der Begriff „Bilderrede“ Anwendung. Hyperbel (Sprache) In der Sprachwissenschaft wird als Hyperbel das rhetorische Stilmittel der Übertreibung bezeichnet. Das zugehörige Adjektiv ist hyperbolisch. Allegorie Unter Allegorese (allegorische Deutung) versteht man die Deutung von Allegorien jeder Art, so etwa spricht man von Buchstaben-, Edelstein-, Farb-, Kleider- und …