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Französische Literatur
Die französische Literatur im engeren Sinne ist die auf Französisch geschriebene Literatur des Mutterlandes Frankreich. Besonders wichtige Werke entstanden …
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Gegenstand, Sprache und mittelalterliche Anfänge
Französische Literatur im engeren Sinn ist die auf Französisch geschriebene Literatur des Mutterlandes Frankreich. Wichtige Werke entstanden besonders im Hochmittelalter, im Absolutismus, in Aufklärung und Moderne. Zum üblichen Begriff zählen neben Dichtung und Romanen auch Philosophie, Theologie, Literatur- und Kunstkritik, Memoiren, Biographien, öffentliche Rede, Chanson und Comic. Die Darstellung bezieht sich auf das Gebiet des heutigen französischen Staates; französischsprachige Literaturen etwa aus Kanada, Belgien oder ehemaligen Kolonien werden nicht behandelt. Die Literatur des 21. Jahrhunderts wird jedoch zunehmend durch Zuwanderer aus Afrika und der Karibik geprägt.
Französisch ist eine romanische Sprache, die sich aus dem Galloromanischen entwickelte, einem lateinischen Dialekt im spätantiken Gallien. Es enthält vor allem altfränkische, daneben skandinavische und gotische, außerdem einige keltische Elemente. Neben dem Französischen entstand das Okzitanische, die langue d’oc des Südens. Altfranzösisch war bis ins 14. Jahrhundert stark dialektal geprägt; das Franzische der Île-de-France setzte sich mit der wachsenden politischen und kulturellen Bedeutung von Paris durch. Die Sprache des späten 14. und 15. Jahrhunderts heißt Mittelfranzösisch, ab Beginn des 16. Jahrhunderts Neufranzösisch.
Der älteste erhaltene französische Text ist die französische Fassung der Straßburger Eide von 842. Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle schlossen darin ein Bündnis gegen Lothar I.; die Texte sind in Nithards lateinischer Chronik überliefert. Eine eigenständige französische Schriftsprache gab es damals noch nicht, weil aufschreibenswerte Texte meist auf Latein verfasst wurden. Kennzeichnend für das Mittelalter sind christliche Texte, Heldenepen, höfische Romane und höfische Lyrik.
Das Konzil von Tours bestimmte 813, Predigten in der Volkssprache zu halten. Früh entstanden Bibelübertragungen und Heiligenlegenden, etwa die Eulalia-Sequenz um 880 über das Martyrium der 304 in Mérida gestorbenen Eulalia. Das Jeu d’Adam, zwischen 1146 und 1174 entstanden, ist das erste überlieferte französischsprachige Theaterstück und behandelt Erbsünde und Erlösung. Chansons de geste sind zunächst mündlich überlieferte Heldenepen in assonierenden Zehnsilblern, meist über Karl den Großen, seine Paladine und Nachfolger. Zu ihren Zyklen gehören der Karlszyklus mit dem zwischen 1075 und 1100 entstandenen Rolandslied, der Wilhelm-, Empörer- und Kreuzzugszyklus.
Im 12. Jahrhundert wurden antike Stoffe neu bearbeitet. Der Roman d’Alexandre von Alexandre de Bernay umfasst etwa 15.000 Verse über Alexander den Großen und verwendet den nach ihm benannten Alexandriner. Der höfische Roman verbindet Ritter- und Liebesabenteuer mit dem Hof als Rahmen. Sein bedeutender Autor Chrétien de Troyes schrieb unter anderem Érec et Enide, Lancelot, Yvain und den unvollendeten Conte del Graal mit der Figur Perceval. Beim Schicksalsroman fehlt die höfische Rahmenhandlung; Floire et Blancheflor erzählt beispielsweise von zwei gemeinsam aufgewachsenen Kindern, die nach Schwierigkeiten zusammenfinden.
Die südfranzösische Trobadordichtung ist älter als die nordfranzösische der Trouvères. Hauptthema ist häufig die unerfüllbare Liebe zu einer verheirateten oder sozial unerreichbaren „Herrin“. Formen sind etwa Canzo, Sirventes, Alba als Tagelied, Pastourelle und Tenso als Dialoglied. Zwischen dem späten 12. Jahrhundert und 1300 hinterließen etwa 450 Trobadors ungefähr 2500 Texte; nach 1250 erlosch diese Kunst im Süden allmählich.
Renaissance: Humanismus und neue Gattungen
Die französische Renaissance wird zwischen 1494, dem Beginn der Italienkriege, und 1598, dem Edikt von Nantes, eingeordnet. Sie war von Humanismus, Reformation, Religionskonflikten und Buchdruck geprägt. Die Bartholomäusnacht von 1572 markiert dabei einen Höhepunkt der Machtkämpfe. Humanistische Ideen, verbunden mit Petrarca, Boccaccio und Bruni, wirkten unter anderem auf Erasmus, Clément Marot und François Rabelais. Der Buchdruck verbreitete französischsprachige Werke stark: Von 1501 bis 1585 stieg ihre Zahl von 7 auf 245 Bücher, also auf mehr als die Hälfte aller gedruckten Titel.
In der Lyrik wurde die mittelalterliche Tradition sprachlich verfeinert. Die Pléiade wandte sich von mittelalterlichen Vorbildern ab und orientierte sich an antiken sowie italienischen Formen wie Ode, Ekloge, Hymne und Sonett. Ihr Programm formulierte Joachim du Bellay 1549 in Deffence et illustration de la langue françoyse; zugleich sollte die französische Muttersprache gepflegt werden. Zu den wichtigen Autoren zählen du Bellay und Pierre de Ronsard. Ronsard versuchte mit der unvollendeten Franciade, begonnen 1550 und nach vier Büchern abgebrochen, ein nationales Epos zu schaffen.
In der erzählenden Literatur standen Übersetzungen, Novellen und der Roman im Vordergrund. Margarete von Navarra schrieb philosophische, religiöse und lyrische Werke sowie L’Heptaméron des nouvelles (1540–1549), das sich an Boccaccios Decamerone anlehnt. Der bedeutendste Autor der Zeit ist François Rabelais. Sein Zyklus Gargantua und Pantagruel erzählt Geburt, Kindheit, Jugend und Abenteuer der Riesen Pantagruel und Gargantua. Der fünfte Band erschien 1564 posthum; seine vollständige Autorschaft wird angezweifelt. In den Bänden 3 bis 5 nahm Rabelais zunehmend zeitgeschichtliche Ereignisse satirisch auf.
Das Drama orientierte sich erst später, im 17. Jahrhundert, stärker an antiken Formen. Wichtige Vorläufer waren Théodore de Bèze mit Abraham sacrifiant (1550), Étienne Jodelle und Robert Garnier. Garnier schrieb Römerdramen und mit Bradamante (1571–1573) früh ein Werk der Tragikomödie, einer Mischgattung.
Michel de Montaignes Essais (1580–1588) sind das erste Werk, das „Essay“ im Titel trägt. Die drei Bände enthalten 107 Essays. Ein Essay ist hier ein „Probe, Versuch, Übung“ und ein Prozess der Selbstfindung: Montaigne verbindet vielfältige Themen mit eigenen Erlebnissen und Meinungen.
Klassisches Jahrhundert
Das 17. Jahrhundert, le siècle classique, wird von 1598 bis 1715, dem Todesjahr Ludwigs XIV., angesetzt. Es lässt sich in Barock (1598–1661) und Klassik (1661–1715) gliedern. Die Hochklassik von etwa 1660 bis 1685 brachte die meisten und qualitativ hochwertigsten Werke hervor. Buchproduktion und Salons erweiterten das Publikum, auch wenn Auflagen von 1000–1500 Stück niedrig blieben.
Die Barockliteratur umfasst unter anderem Jean Rotrou, Cyrano de Bergerac und Honoré d’Urfé mit dem einflussreichen Schäferroman L’Astrée. Alain-René Lesage schrieb den Schelmenroman Gil Blas und war der erste französische Autor, der von seinen literarischen Einnahmen leben konnte.
Die Klassik reagierte gegen als gekünstelt und metaphernreich empfundene Barockdichtung. Sie strebt künstlerische Perfektion, gedankliche Präzision und hohe Moral an, greift auf antike Literatur und Mythologie zurück und sucht ein Gleichgewicht zwischen Natur und Mensch. Im Zentrum stehen Werke der Dramatiker Pierre Corneille mit Le Cid, Molière mit Don Juan, Tartuffe und Le Malade imaginaire sowie Jean Racine mit Phèdre. Weitere wichtige Gattungen sind La Fontaines Fabeln, die moralisch-philosophische Literatur von La Rochefoucauld und Pascal sowie der moderne Roman mit Mme de La Fayettes La Princesse de Clèves. Seit etwa 1690 bereitet sich die Aufklärung vor. Märchen wurden durch Charles Perrault und Marie-Catherine d’Aulnoy zu einer bedeutenden Gattung.
Aufklärung und ihre Literaturformen
Die Literatur des Siècle des Lumières verbindet Philosophie und Literatur eng. Romane und Theaterstücke sollten aufklärerische Gedanken vermitteln: Kritik an absolutistischer Monarchie und katholischer Kirche sowie die Aufforderung, dem eigenen Verstand und der Wissenschaft zu vertrauen. Bedeutende Vertreter sind Montesquieu mit Lettres Persanes und L’Esprit des Lois, Rousseau mit Discours sur l'inégalité und La Nouvelle Héloïse, Voltaire mit Dictionnaire philosophique und Candide, ou l'optimisme sowie Diderot als Leiter der L’Encyclopédie und Autor von Jacques le fataliste. Die Autoren gelten als Wegbereiter der Französischen Revolution.
Der Roman festigte sich als wichtige Gattung und differenzierte seine Formen und Themen aus. Besonders wichtig sind Briefroman und Memoirenroman. Im Briefroman wird die Handlung durch Briefe vermittelt, etwa in Lettres Persanes (1721), La Nouvelle Héloïse (1761) und Liaisons dangereuses (1782). Im Memoirenroman berichtet ein Erzähler rückblickend über sein Leben, etwa in La Vie de Marianne (1731) und Justine ou les infortunes de la vertu. Weitere Untergattungen sind Gesellschaftsroman, philosophischer Roman, libertiner Roman, utopischer Roman, imaginärer Reisebericht und Schauerroman.
Das Theater führte klassische Traditionen fort, etwa Voltaires formal klassische Tragödien, entwickelte aber auch neue Formen: Marivaux schrieb kurze Stücke zu aufklärerischen Fragen, Diderot das bürgerliche Trauerspiel, le drame bourgeois, und Beaumarchais setzte neue Schwerpunkte. Poesie diente im 18. Jahrhundert häufig zur Vermittlung philosophischer Gedanken, verband aber auch rationale und sentimentale Aspekte, beispielsweise bei Jacques Delille und André Chénier.
Übersetzungen von Tausendundeine Nacht beeinflussten Märchen und Legenden. Gabrielle-Suzanne de Villeneuve veröffentlichte 1740 La Belle et la Bête. Das von 1785 bis 1789 erschienene Cabinet dés Feés umfasste 41 Bände und verbreitete sich in günstiger Form als Bibliothèke bleue. Anders als etwa in Deutschland liegt in Frankreich ein stärkerer Schwerpunkt auf Schwänken und Lügenmärchen, während Magie eine kleinere Rolle hat.
Strömungen des 19. Jahrhunderts
Das 19. Jahrhundert war in Frankreich politisch und literarisch besonders beweglich: Es gab sieben Regierungs- und Verfassungsformen, außerdem Konflikte zwischen Laizismus und politischem Katholizismus. Bis etwa 1835 war die Romantik die wichtigste Strömung; bedeutende Namen sind Victor Hugo, François-René de Chateaubriand, Lamartine und Germaine de Staël.
Danach prägte bis etwa 1880 der Realismus die Literatur. Die industrielle Revolution und der Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat rückten Gesellschaft und bürgerliche Werte in den Mittelpunkt. Stendhal, Flaubert und Balzac sind wichtige Romanautoren; Balzac entwirft in 91 Romanen und Erzählungen ein Bild aller Gesellschaftsklassen. Jules Verne gilt mit Romanen wie Reise um die Erde in achtzig Tagen und Die Reise zum Mittelpunkt der Erde als einer der Begründer der Science-Fiction.
Von 1875 bis 1900 standen Naturalismus und Symbolismus nebeneinander. Der Naturalismus erklärt den Menschen als Produkt seines genetischen Erbes und seines Milieus und verband dies mit Sozialkritik; Émile Zola und Maupassant sind wichtige Vertreter. Der Symbolismus betont Atmosphäre, Traum, Fantastisches und Dekadenz; Wirklichkeit wird als Symbolwelt verstanden. Zu seinen wichtigsten Autoren gehören Baudelaire, Verlaine, Rimbaud und Stéphane Mallarmé. Gegen Ende des Jahrhunderts wandte sich der renouveau catholique, teils von mystischen Erfahrungen geprägt, gegen Naturalismus, Positivismus und Laizismus.
Literatur seit 1900
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen nationalistisch-konservative, katholische und liberal-republikanische Autoren einander gegenüber. Vor dem Ersten Weltkrieg dominierten Patriotismus und Heroenkult. Während des Krieges gewannen antibürgerliche Strömungen wie Expressionismus, Dadaismus und Surrealismus an Gewicht. Sie behandelten Verlust von Werten, Anonymität der Großstadt und Religion und experimentierten mit neuen Formen. Bedeutende Autoren sind Marcel Proust, André Gide, Paul Valéry, Paul Claudel, François Mauriac, Julien Green und Georges Bernanos.
Von 1935 bis 1950 waren die Literatur der beiden Kriege, etwa bei Céline oder Saint-Exupéry, und der Existenzialismus wichtig. Existenzialismus ist hier eine literarisch-philosophische Strömung, deren bekannteste französische Vertreter Jean-Paul Sartre und Albert Camus sind. Sartre lehnte 1964 den Literaturnobelpreis ab; Camus erhielt ihn 1957. Zwischen 1950 und 1975 kritisierten viele Schriftsteller Konsumzeitalter, Familienzerfall, das Leben Unterprivilegierter und die Erschütterung des bürgerlichen Ichs. Das Théâtre de l’absurde übte mit Beckett, Ionesco und Schehadé soziale Kritik am totalitären Zugriff auf die Massengesellschaft.
Nach der Jahrtausendwende werden unter anderem Jonathan Littell, Marie NDiaye, Amélie Nothomb, Frédéric Beigbeder, Michel Houellebecq und Leila Slimani als viel gelesen und preisgekrönt genannt. Seit 2000 erhielten Gao Xingjian, Jean-Marie Gustave Le Clézio, Patrick Modiano und Annie Ernaux den Nobelpreis für Literatur. Im Drama wird Yasmina Reza mit Der Gott des Gemetzels hervorgehoben.