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Behavioralismus
Der Behavioralismus ist ein streng individualistischer Forschungsansatz innerhalb der Politikwissenschaft, der individuelles politisches Verhalten und …
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Kern und wissenschaftliche Ausrichtung
Der Behavioralismus ist ein streng individualistischer Forschungsansatz der Politikwissenschaft. Er versucht, individuelles politisches Verhalten und kollektive politische Erscheinungen kausal mithilfe des methodologischen Individualismus zu erklären. Dazu nutzt er vor allem die Verhaltens- und die Handlungstheorie.
Behavioralistische Ansätze sind empirisch-analytisch, also deskriptiv und wertneutral, ausgerichtet. Sie wollen politische und gesellschaftliche Phänomene nach dem Vorbild der Naturwissenschaften beobachten, systematisch analysieren, erklären und vorhersagen. Im Mittelpunkt stehen daher beobachtbare und möglichst quantifizierbare Daten. Normative Fragen gelten als wissenschaftlich nicht entscheidbar. Häufig geht es um angewandte Forschung, die zur Lösung politischer Probleme beitragen soll.
Der Behavioralismus ist interdisziplinär und steht besonders der Soziologie und Psychologie nahe. Typisch sind Befragungen und „large-N studies“, also statistisch auswertbare, häufig repräsentative Datensätze mit vielen Befragten. Untersucht werden vor allem politisches Verhalten und politische Partizipation, besonders das Wahlverhalten. Weitere Anwendungsfelder sind die Analyse und der Vergleich politischer Systeme, Einstellungs-, Konflikt-, Parteien- und Verbändeforschung sowie Policy-Analyse.
Verhaltens- und Handlungstheorie
Verhaltens- und Handlungstheorien erfassen Eigenschaften von Personen und entwickeln daraus Vorhersagen. Die Verhaltenstheorie nimmt eher deterministische Kausalzusammenhänge an: Ein äußerer Reiz führt unter bestimmten Bedingungen notwendig zu einer Reaktion. Die Handlungstheorie versteht Kausalität dagegen wahrscheinlichkeitstheoretisch und betont Intention, Zielorientierung und freien Willen.
Der klassische Behaviorismus wird mit Pawlows Hunde-Experiment und dem Modell der klassischen Konditionierung verbunden. Ein Hund zeigte Speichelfluss bereits beim Ertönen einer Glocke, nachdem das Läuten zuvor mehrfach mit Fütterung verbunden worden war. Dieses Modell wird als Reiz-Reaktionsschema oder Stimulus-Response-Konzept (S-R) bezeichnet.
Im modifizierten Behaviorismus wirken neben äußeren Reizen auch mentale Zustände wie Emotionen und Bewusstsein. Kognitive Verhaltenstheorien beziehen zusätzlich Wünsche, Bedürfnisse, Wahrnehmungen und Überzeugungen ein. Diese inneren Zustände verändern die Reaktion und werden im Stimulus-Organismus-Response-Konzept (S-O-R) berücksichtigt. Verhalten kann durch Reize erlernt werden; Belohnungen und Bestrafungen, also positive und negative Sanktionen, verstärken oder schwächen bestimmte Verhaltensweisen.
Die Verhaltenstheorie formuliert unter anderem folgende Hypothesen: Je eher ein Verhalten belohnt wird und je höher der Wert der Belohnung ist, desto eher wird es gezeigt. Je geringer eine Bestrafung ist, desto häufiger, und je höher sie ist, desto seltener tritt das Verhalten auf. Bei regelmäßiger gleicher Belohnung sinkt deren Wert durch den Grenznutzen und durch Sättigung. Unregelmäßige Belohnungen fördern Verhalten eher. Wird eine frühere Belohnung beendet, nimmt das Verhalten durch Löschung oder Extinktion ab. Die Löschung fällt umso geringer aus, je häufige, wertvoller oder unregelmäßiger die vorherige Belohnung war.
Die Theorie der kognitiven Dissonanz nach Leon Festinger (1957) erklärt, warum Menschen widersprechende Erfahrungen nicht immer rational miteinander verrechnen. Ein Verhalten kann etwa im Freundeskreis belohnt, von den Eltern aber bestraft werden. Menschen verfügen nicht über eine vollständig klare und widerspruchsfreie Präferenzhierarchie. Nicht übereinstimmende Kognitionen werden daher teilweise ignoriert oder verdrängt, weil sie innere Spannungen und eine Bedrohung des Selbstbildes erzeugen können.
Die Handlungstheorie betrachtet den Menschen als Person, die sich bewusst und schöpferisch mit ihrer Umwelt auseinandersetzt. Gesellschaftliche Phänomene werden aus Intentionen, Situationsdefinitionen, Handlungen und Interaktionen der Individuen erklärt. Eine Person entsteht durch Sozialisationsprozesse, in denen Fähigkeiten, Handlungsmotivationen, Verhaltenserwartungen und Rollen geprägt werden. Präferenzen ordnen die verschiedenen Ziele, die Menschen gleichzeitig verfolgen.
Handlungen finden unter Restriktionen statt, etwa durch Knappheit von Geld, Zeit und Raum, durch das Handeln anderer Personen sowie durch soziale Normen und Gesetze. Menschen handeln jedoch nicht aufgrund einer objektiv gegebenen Situation, sondern aufgrund ihrer subjektiven Situationsdefinition. Deshalb vollzieht sich menschliches Handeln unter Unsicherheit. In strategischer Interaktion können Individuen ihre Handlungen koordinieren und kooperieren. Gemeinsame Regeln, Rechte und Normen begrenzen zwar Handlungsmöglichkeiten, geben aber zugleich Orientierung und machen erwartbare Reaktionen wahrscheinlicher.
Zu den Rationalitätsmodellen gehören Max Webers Zweckrationalität und Wertrationalität, die Theorie der rationalen Entscheidung mit Utilitarismus und Nutzenmaximierung sowie die Organisationssoziologie mit „satisficing“ und „bounded rationality“ bei Simon und March/Olsen. Interaktionsmodelle sind unter anderem Blumers symbolischer Interaktionismus, Parsons’ soziologische Systemtheorie und Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns.
Erklärungsfaktoren politischen Verhaltens
Politisches Verhalten ist Verhalten, das vom Individuum politisch gemeint ist und politische Wirkung hat. Zur Erklärung werden drei grundlegende Faktoren unterschieden: psychische Persönlichkeitsmerkmale, soziale Faktoren und politische Reize.
Zu den psychischen Merkmalen zählen Triebstrukturen wie Aggressionen, Motivationen wie Präferenzen und Leistungsbereitschaft, Wahrnehmung, kognitive Fähigkeiten und Wertüberzeugungen. Harold Lasswell beschrieb den demokratischen Bürger als offen, tolerant, vertrauensvoll und angstfrei. Theodor W. Adorno kennzeichnete die autoritäre Persönlichkeit durch Intoleranz, Konfliktscheue, undifferenziertes Denken und fehlendes Vertrauen. Milton Rokeach sowie Erwin Scheuch und Hans Dieter Klingemann zeigten empirisch, dass solche Merkmale und die starke Orientierung an der Gegenwart für verschiedene extremistische Orientierungen typisch sind. Eine ausgereifte Theorie politischen Verhaltens liegt jedoch noch nicht vor. Geringes Selbstwertgefühl und geringe Flexibilität gehen beispielsweise häufig mit Apolitizität einher; treten Rigidität und geringes Selbstwertgefühl gemeinsam auf, kann daraus aber auch aktives politisches Verhalten entstehen.
Bei den sozialen Faktoren wird zwischen Primärbeziehungen, etwa Eltern, Familie und Freunden, und Sekundärbeziehungen, etwa Gewerkschaften, Kirchen und anderen Organisationen, unterschieden. Paul Lazarsfeld zeigte, dass die Parteibindungen kleiner nichtpolitischer Gruppen für den Erfolg von Parteien besonders wichtig sind. Die Sozialisationshypothese besagt, dass Kinder politisch meist ähnlich wie ihre Eltern eingestellt sind. Nach der Selektionshypothese suchen sich Menschen häufig, auch unbewusst, politisch ähnlich gesinnte Freunde. Sekundärorganisationen beeinflussen politisches Verhalten besonders dann, wenn sie selbst politische Positionen vertreten. Schichtzugehörigkeit, Einkommen, Bildung, Beruf und Wohngegend erzeugen Gemeinsamkeiten bei Werten und Überzeugungen, die indirekt auf Verhalten wirken.
Politische Reize sind insbesondere institutionelle Restriktionen wie Wahlrecht, Parteiensystem und Partizipationsmöglichkeiten sowie politische Kultur und Ideologie. Entscheidend ist die subjektiv erlebte und interpretierte Situation. Politische Kultur bezeichnet die Summe vorherrschender individueller Gefühle, Bewertungen und Wissensbestände über Politik. Sie wirkt als unabhängige Erklärungsvariable, weil Menschen im Allgemeinen ungern Außenseiter sind. Ideologien sind verfestigte politische Normen mit politisch-normativem Gestaltungsanspruch; sie beeinflussen die Situationsbewertung und bilden dadurch eine Motivationsgrundlage.
Politische Partizipation und Wahlverhalten
Politische Partizipation umfasst unter anderem die Teilnahme an Wahlen, Parteimitgliedschaften, den Besuch politischer Veranstaltungen, die Besetzung politischer Ämter sowie Aktivitäten in Bürgerinitiativen oder NGOs. Ihr Ziel ist es, Einfluss auf politische Entscheidungen auszuüben.
Verba und Nye zeigten, dass die Partizipationsbereitschaft vom sozioökonomischen Status abhängt: Je höher der Status, desto höher ist grundsätzlich die Bereitschaft zur Partizipation. Ökonomisch gut situierte Bürger haben häufig auch deutlichere politische Einstellungen. Daraus ergeben sich demokratietheoretische Konsequenzen für eine Ausweitung direkter Bürgerbeteiligung; Bildungsangebote können dabei eine wichtige Begleitung sein.
Gut ausgebildete Bürger gehören außerdem zu den Trägern des von Ronald Inglehart beschriebenen Wertewandels. In westlichen Gesellschaften zeigt sich danach eine stärkere Orientierung an „postmateriellen Werten“ wie Selbstbestimmung, Umweltschutz und Frieden. Diese Gruppe weist zugleich eine erhöhte Partizipationsbereitschaft auf. Eine solche Beteiligung wurde zunächst mit Unzufriedenheit über das politische System erklärt. Empirisch unterscheiden Bürger jedoch zwischen ihrer Bewertung konkreter Politik, des politischen Systems und der dahinterstehenden Prinzipien. Erhöhte Beteiligungsabsichten beruhen meist auf Unzufriedenheit mit konkreter Politik.
Wahlen gelten als wichtigster Legitimationsmechanismus in Demokratien. Zentrale behavioralistische Ansätze zur Erklärung des Wahlverhaltens sind:
- Der soziologische Ansatz von Paul Lazarsfeld: Einzelne wählen ähnlich wie ihr soziales Umfeld.
- Das sozialpsychologische Ann-Arbor-Modell: Die Wahlentscheidung hängt vor allem von der Parteiidentifikation ab. Diese umfasst Kandidatenorientierung und Sachfragenorientierung. Philip E. Converse unterscheidet die stabile Normalwahl von Ausnahmesituationen, in denen der Ansatz weniger greift, etwa bei der ersten Wahl im wiedervereinigten Deutschland.
- Die „Cleavage“-Abhängigkeit von Seymour Lipset und Stein Rokkan: Gesellschaftliche Konfliktlinien, beispielsweise Konfession oder soziale Klasse, prägen das Wahlverhalten.
- Die rationalistische Theorie von Anthony Downs in An Economic Theory of Democracy (1957): Wähler vergleichen Kosten und Nutzen. Das Parteiendifferential führt bei einem indifferenten Ergebnis zur Wahlenthaltung; andernfalls wird die Partei gewählt, die den individuell größten Nutzen verspricht.
- Der Wertewandel- und Lebensstilansatz, etwa bei Ronald Inglehart: Veränderungen von Werten und Lebensstilen fördern ein flexibleres Wahlverhalten und eine Zunahme der Wechselwähler.
Kritik und Grenzen
Kritiker wenden ein, dass die politikwissenschaftliche Substanz wichtiger bleiben müsse als teilweise sehr mathematische Forschungstechniken. Die Spezialterminologie sei teilweise stark abstrakt. Ohne Wertmaßstäbe könne der technokratische Praxisbezug außerdem dazu beitragen, die herrschenden Verhältnisse zu stabilisieren.
Trotz einer großen Zahl von Forschungsansätzen und Detailuntersuchungen fehle es an zusammenhängenden Überblicken und Synthesen. Klaus von Beyme bemängelte dieses Fehlen. Außerdem werde die Auswahl enger Forschungsausschnitte häufig stärker durch die vorhandene Datenlage als durch das eigentliche Erkenntnisinteresse bestimmt.
Die besonders häufig eingesetzten Umfragemethoden sind mit hohen Kosten, der Gefahr von Suggestivfragen und der Beschränkung auf Individuen verbunden. Zudem bleibt teilweise unklar, ob sie vor allem Meinungen erfassen oder auch Verhalten vorhersagen können. Viele Studien betrachten politische Einstellungen statisch; es gibt zu wenige Longitudinal-Studien.
Auch Rationalitätsmodelle haben Grenzen. Menschliche Handlungen und Wahlentscheidungen beruhen häufig eher auf Routine als auf einer vollständig rationalen Begründung. Außerdem stellen solche Modelle für den Durchschnittsmenschen teilweise zu hohe Anforderungen an Information, Berechnung und Rationalität.