Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Rathaus Münster
Der Westfälische Friede wurde jedoch weder im Rathaus verhandelt noch ratifiziert. Allenfalls der Friede von Münster vom 15. Mai 1648 wurde in der …
Inhalt6 Abschnitte
Bedeutung und heutige Nutzung
Das historische Rathaus von Münster am Prinzipalmarkt 10 ist neben dem St.-Paulus-Dom ein Wahrzeichen der Stadt und ein bedeutendes profanes Baudenkmal der Gotik. Besondere europäische Bedeutung besitzt es als Erinnerungsort des Westfälischen Friedens von 1648, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Im Rathaus wurde der Frieden allerdings weder vollständig ausgehandelt noch ratifiziert. In der Ratskammer wurde am 15. Mai 1648 durch den Austausch unterzeichneter Verträge der Frieden zwischen Spanien und den sieben niederländischen Provinzen beschworen. Damit endete der Achtzigjährige Krieg und die Unabhängigkeit der Niederlande wurde anerkannt. Zugleich schied die Schweiz aus dem Heiligen Römischen Reich aus.
Heute dient das Rathaus vor allem kulturellen und repräsentativen Zwecken. Gelegentlich tagt der Stadtrat im Festsaal; Oberbürgermeister und Stadtverwaltung haben ihren Amtssitz jedoch seit 1907 in einem anderen Gebäudekomplex. Zu den Veranstaltungen gehören Empfänge, Preisverleihungen, das Kramermahl und die Bekanntgabe von Wahlergebnissen. Am 3./4. November 2022 fand im Friedenssaal ein Treffen der Außenminister der G7-Staaten statt. 2012 wurden rund 120.000 Besucher gezählt. Seit dem 15. April 2015 tragen die Rathäuser von Münster und Osnabrück als „Stätten des Westfälischen Friedens“ das Europäische Kulturerbe-Siegel.
Entstehung, Friedenskongress und Wiederaufbau
Nach der Verleihung des Stadtrechts um 1170 entstand gegenüber dem Zugang zur Domburg zunächst ein einfacher Fachwerkbau für Ratssitzungen und Gerichte. Vermutlich noch vor 1200 ersetzte ihn ein 14,50 m × 18 m großer Steinbau, der 1250 erstmals als Versammlungsort der Schöffen belegt ist. Sein unterer Raum wurde zur Ratskammer, dem späteren Friedenssaal. Um 1320 oder 1335 kam an der Marktseite die Bürgerhalle hinzu. Wahrscheinlich um 1395 wurde das Gebäude durch einen etwa 4 m langen, von fünf Rundpfeilern getragenen Vorbau mit Schaugiebel erweitert. Lage und prachtvolle Gestaltung gegenüber Dom und bischöflichem Bereich machten den Anspruch der wohlhabenden Bürgerschaft auf Selbstverwaltung sichtbar. Weil das städtische Archiv während der Täuferherrschaft 1534/35 vernichtet wurde, sind frühe Datierungen teilweise unsicher.
Während des Westfälischen Friedenskongresses von 1643 bis 1648 war Münster neutral. Mehr als 150 Gesandte wurden in der Ratskammer empfangen und tranken zur Begrüßung aus dem „Goldenen Hahn“. Everhard Alerdinck erneuerte 1646 die farbliche Gestaltung des Giebels. Die Bezeichnung Friedenssaal setzte sich im 18. Jahrhundert durch.
Am 28. Oktober 1944 trafen Bomben das Rathaus; es brannte aus, und der Schaugiebel stürzte gegen 18:25 Uhr auf den Prinzipalmarkt. Die zuvor ausgelagerte Holzvertäfelung, Decke und Ausstattung des Friedenssaals blieben erhalten, nicht aber dessen Fenster und Kamin. 1948 wurde der Friedenssaal wiederhergestellt. Der Wiederaufbau des Gesamtgebäudes begann nach einer bürgerschaftlichen Initiative 1950. Über 30.000 Menschen nahmen am 9. Juli an der Grundsteinlegung teil. Acht Rathauslotterien brachten 873.000 DM ein, fast die Hälfte der Gesamtkosten. Der Neubau verwendet Betonträger, Backsteinwände und dünne Sandsteinplatten; nur der Giebel besteht aus echtem Baumberger Sandstein. Am 30. Oktober 1958 war das Rathaus fertig. Die Rekonstruktion wurde wegen ihrer historisierenden Form auch kritisiert, galt aber als Symbol für die Überwindung der Kriegszerstörung. Der Versuch, UNESCO-Weltkulturerbe zu werden, scheiterte unter anderem an der nicht originalen Bausubstanz. Restaurierungen folgten mehrfach; 2013 wurde das 840 m² große, 15 m hohe Dach neu gedeckt. Nach acht Farbangriffen ab August 2024 dauerten aufwendige Sanierungen bis 2026.
Bauform und gotische Fassade
Das Rathaus besitzt Keller, Arkadengeschoss, Hauptgeschoss und Dachboden. Im Erdgeschoss folgen aufeinander Bogenhalle, Bürgerhalle und Ratskammer. Im Hauptgeschoss liegen vorne der Festsaal und hinten die Rüstkammer.
Die 31 m hohe Fassade aus Baumberger Sandstein gliedert sich in Arkaden-, Haupt- und Giebelgeschoss. Das Arkadengeschoss besteht aus vier Spitzarkaden auf fünf Rundsäulen. Ursprünglich zeigten deren Kapitelle Tiere und Pflanzen als Sinnbilder für Tugenden und Laster, darunter Eichenlaub für Beständigkeit, Weinlaub für Mäßigkeit und Weisheit sowie Fabelwesen als Bilder für Betrug, Tod, Sünde und Falschheit. Nach der Kriegszerstörung entstanden 1963/64 neue Darstellungen, unter anderem der vier Elemente, der Täuferführer und der vier Lebensalter. Frühere Malereien zwischen den Bögen wurden 1824 übermalt.
Das Hauptgeschoss wird von vier großen gotischen Maßwerkfenstern bestimmt. Seit dem Wiederaufbau fehlen die früheren Figuren zwischen den Fenstern. Johann Katmann hatte dort um 1646 lebensgroße Statuen von Jesus Christus, Maria, dem Erzengel Michael sowie den Bischöfen Ludgerus und Lambertus angebracht. Nur die 1865/66 erneuerten Bischofsfiguren überstanden den Krieg und befinden sich heute an den Seitenwänden.
Das Giebelgeschoss besitzt sieben ansteigende Achsen, sechs Blendfenster, drei mittlere Nischen und acht mit Fialen abgeschlossene Pfeiler. Auf ihnen stehen Engel, zwei weitere Gestalten sowie ein blasender und ein Ausschau haltender Wächter. Das oberste Bild wird häufig „Marienkrönung“ genannt; diese Deutung ist fraglich, weil Maria bereits gekrönt neben Christus sitzt. Darunter steht ein König, der unterschiedlich als Salomon oder Karl der Große gedeutet wird. Es folgen der Doppeladler des Heiligen Römischen Reiches und zwei von Greifen gehaltene Stadtwappen. Die theologische Gesamtbedeutung ist nicht abschließend geklärt. Josef Vennemann deutete das Programm 1958 als Abfolge von Erwartung, Verheißung und Erfüllung der Ankunft des Messias. Diese Interpretation ist ein Deutungsmodell, keine gesicherte Erklärung.
Innenräume und Friedenssaal
Die um 1335 entstandene Bürgerhalle ist ein großer, von vier Pfeilern getragener Raum. Sie dient Veranstaltungen, Ausstellungen und der Touristeninformation. Über der Tür zum Friedenssaal steht „Pax Optima Rerum“ – „Frieden ist das höchste Gut“. Ausgestellt sind unter anderem Rüstungen, historische Waffen, alte Giebelfiguren, das Modell einer Hansekogge und eine Replik des gestohlenen Sendschwertes.
Der knapp 10 m × 15 m große Friedenssaal ist rundum mit Renaissance-Holzvertäfelungen ausgestattet. Die 1577 entstandenen Längswände wurden von Hermann tom Ring entworfen. Bilder von Christus, Aposteln, Evangelisten, Moses, den sieben freien Künsten sowie biblische Szenen, Heilige, Wappen und Darstellungen menschlicher Laster verbinden christliche Ordnung, Recht und Bildung. Vor dem auf 1540 datierten Kreuz in der nördlichen Schrankwand wurden und werden Amtsträger vereidigt. Eine Gerichtsschranke und die Mahnung „Audiatur et altera pars – Men hoere beide Parte“ erinnern an die frühere Rechtsprechung und bedeuten, dass beide Parteien gehört werden sollen.
Der ursprüngliche Kamin von 1577 wurde 1944 zerstört und durch einen Kamin von 1621 aus dem Krameramtshaus ersetzt. Seine Ofenplatte erinnert mit der Inschrift „Anno 1648. Pax optima rerum, 24. Oct.“ an den Friedensschluss. An den Wänden hängen 37 Porträts von Herrschern, Vermittlern und Gesandten des Westfälischen Friedens. 34 stammen von Anselm van Hulle oder seinem Gehilfen Jan Baptist Floris. Von 1826 bis 1862 tagte hier außerdem der Landtag der preußischen Provinz Westfalen.
Der Festsaal wurde 1861 für Empfänge eingerichtet. Sein damaliges gotisches Tonnengewölbe ging 1944 verloren; beim Wiederaufbau erhielt er eine flache Holzbalkendecke nach der Form des 14. Jahrhunderts. Die frühere Rüstkammer über dem Friedenssaal ist heute ein Kaminraum. Die Keller dienten ab 1545 als Weinlager und fassten zeitweise bis zu 20.000 Liter. Auf den vier Dachböden wurden Tücher, Holz und Getreide gelagert, bis der Rat dies 1774 wegen Brandgefahr verbot.
Funktionen, Sammlungen und Besonderheiten
Das mittelalterliche Rathaus war nicht nur Sitz des Rates, sondern zugleich Gerichts-, Kauf-, Tuch-, Korn-, Wein-, Rüst-, Spiel- und zeitweise Wachhaus. Händler nutzten Hallen, Keller und Dachböden. An diese wirtschaftliche Funktion erinnert eine an der Nordwand angebrachte „Preußische Halbe Ruthe“, die gesetzliche Längeneinheit von 1816.
Das Gebäude besitzt den Charakter einer historischen Sammlung. Nach der Niederschlagung der Täufer wurden vier bei der Hinrichtung von Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling am 22. Januar 1536 verwendete Folterzangen als Warnzeichen an der Bogenhalle gezeigt. Der Friedenssaal steht dagegen für die Bemühungen um Frieden in Europa und sollte nach einer Bestimmung König Friedrich Wilhelms III. von 1817 unverändert erhalten bleiben.
Zu den erhaltenen Waffen gehören zwei Harnische um 1550, Richt- und Schlachtschwerter, Stangenwaffen sowie ein 2,49 m langes Riesenschwert. Vom Ratssilber blieben wegen Zerstörungen, Verkäufen und Schenkungen nur drei Stücke erhalten. Weitere Gegenstände sind ein Türwärterstab, ein Spielmannswappen, ein Münzbecher, Münzprägemaschinen und 26 Sitzkissen für die 24 Ratsherren und zwei Bürgermeister.
Während des dreimal jährlich stattfindenden Sends wird seit 1578 an der nordwestlichen Ecke das Sendschwert als Zeichen des Marktrechts und der verschärften Marktgerichtsbarkeit angebracht. Seit dem Diebstahl des Originals in der Nacht zum 24. Oktober 2000 wird eine Replik verwendet. Der aus vergoldetem Silber bestehende „Goldene Hahn“ dient als Trinkgefäß für Ehrengäste; seine Entstehung wird je nach Quelle auf 1600 oder 1621 datiert. Ein Pantoffel von 1620 bis 1640 und eine konservierte Hand besitzen eine ungeklärte Herkunft; frühere Zuordnungen gelten als unsicher. Im Innenhof steht Eduardo Chillidas Plastik „Toleranz durch Dialog“ von 1993: Zwei einander zugewandte Stahlbänke sollen die Annäherung von Gegensätzen durch Gespräch ausdrücken.
Nebengebäude
Von den früheren Nebengebäuden existiert nur das 1615/16 errichtete Stadtweinhaus. Es liegt nördlich des Rathauses und ist über einen Übergang mit dessen Festsaal verbunden. Ursprünglich lagerte dort der Wein der Stadt; ab 1843 war dort auch die Stadtwache untergebracht. Heute befinden sich im Erdgeschoss eine Weinschenke und im Obergeschoss ein Saal für Sitzungen und Feiern. Der Balkon dient repräsentativen Anlässen.
Das um 1265 entstandene Gruthaus war mit dem städtischen Grutbier verbunden. „Grut“ bezeichnete eine zum Bierbrauen verwendete Pflanzenmischung. Im 14. Jahrhundert stammten etwa zwei Drittel des städtischen Haushalts aus dem Grutverkauf. Das Gebäude enthielt außerdem den städtischen Repräsentationssaal und wurde 1867/68 abgebrochen. Die Schreiberei besaß Gefängniszellen; dort wurde 1535 Jan van Leiden festgehalten. Sie wurde 1870 abgerissen. Der Schmiedeturm diente vor allem als Stadtarchiv, zeitweise aber auch als Gefängnis und später als Obdachlosenasyl. Nach seiner Zerstörung 1944 wurde er nicht wiederaufgebaut. Steveninks Hof war unter anderem Wohnsitz des Stadtsyndikus und des Stadtrichters und wurde 1851 abgebrochen. Der 1853 beseitigte Weinhof soll zuvor als Synagoge der ersten jüdischen Gemeinde Münsters gedient haben. Der erstmals 1546 erwähnte Ratsstall wurde um 1900 abgerissen und stand besonders im 16. und 17. Jahrhundert mit der städtischen Pferdezucht und dem Pferdehandel in Verbindung.