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Ralph Vaughan Williams
Sein in über 60 Jahren entstandenes Werk umfasst Opern, Ballette, Kammermusik ... Beeinflusst von Musik der Tudorzeit, traditionellen Folk Songs sowie Werken …
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Komponist und Bedeutung
Ralph Vaughan Williams (* 12. Oktober 1872 in Down Ampney, Gloucestershire; † 26. August 1958 in London) war ein englischer Komponist und Dirigent. In einem Schaffen von über 60 Jahren schrieb er Opern, Ballette, Kammermusik, religiöse und weltliche Vokalwerke sowie Orchesterwerke, darunter neun Sinfonien.
Seine Musik gab der britischen Musik, die lange vor allem von deutschen Einflüssen geprägt gewesen war, eine eigenständige Stimme. Wichtige Grundlagen seines Stils waren Musik der Tudorzeit, also der englischen Renaissance, traditionelle englische Folk Songs und Werke der englischen Literatur. Besonders deutlich zeigt sich dies in der Verarbeitung von Volksliedern, alten Hymnen und literarischen Texten.
Ausbildung, Arbeit und Lebensweg
Vaughan Williams war Sohn des anglikanischen Geistlichen Arthur Vaughan Williams und ein Großneffe Charles Darwins. Er wuchs in Leith Hill Place in Surrey auf, erhielt zuerst Unterricht von einer Tante und besuchte die Charterhouse School. Ab 1890 studierte er am Royal College of Music in London bei Hubert Parry und Charles Villiers Stanford. Von 1892 bis 1895 setzte er sein Studium bei Charles Wood am Trinity College der Universität Cambridge fort; 1896 studierte er nochmals in London. Dort begann auch seine enge Freundschaft mit Gustav Holst. 1897 nahm er Unterricht bei Max Bruch in Berlin und heiratete Adeline Fisher. Ein weiterer Studienaufenthalt bei Maurice Ravel in Paris folgte 1908.
Von 1896 bis 1899 arbeitete er als Organist in London. Er sammelte und veröffentlichte englische Volkslieder, etwa Bushes and Briars (1903), und beschäftigte sich mit englischer Renaissancemusik. Von 1905 bis 1953 war er musikalischer Leiter des Leith Hill Musical Festival. 1906 gab er das neue Kirchengesangbuch The English Hymnal heraus. Von 1919 bis 1938 lehrte er Komposition am Royal College of Music; den Londoner Bach-Chor leitete er von 1920 bis 1928. Außerdem dirigierte er zunehmend eigene Werke.
Im Ersten Weltkrieg diente er als Soldat in Frankreich. Der Geschützlärm schädigte sein Gehör und führte später zur Taubheit. Seine Kriegserfahrungen wirkten besonders auf die Pastoral Symphony. 1951 starb Adeline Vaughan Williams nach langer, schwerer Krankheit; 1953 heiratete er Ursula Wood. Nach seinem Tod wurde seine Asche im Poets’ Corner der Westminster Abbey in London beigesetzt.
Sinfonien und Orchesterwerke
Die neun Sinfonien bilden einen zentralen Teil seines Werks. A Sea Symphony (Sinfonie Nr. 1, 1910) ist eigentlich eine groß angelegte Kantate für Sopran, Bariton, Chor und Orchester nach Walt Whitman. Es folgten A London Symphony (Nr. 2, 1913; 1920 bearbeitet) und die Pastoral Symphony (Nr. 3, 1921) für Sopran und Orchester. Skizzen zu ihr entstanden bereits 1916; ihre Uraufführung erfolgte 1922.
Die Sinfonie Nr. 4 f-Moll entstand 1931–34 und fällt durch Dissonanz auf. Dissonanz bezeichnet einen Zusammenklang, der als spannungsvoll oder nicht aufgelöst wirkt. Die Sinfonien Nr. 5 D-Dur (1938–43) und Nr. 6 e-Moll (1944–47) entstanden während beziehungsweise in den Jahren des Zweiten Weltkriegs. Sinfonia antartica, die Sinfonie Nr. 7 (1949–52), entwickelte Vaughan Williams aus seiner Filmmusik zu Scotts letzte Fahrt. Die Reihe schließt mit Nr. 8 d-Moll (1953–55) und Nr. 9 e-Moll (1956–57).
Zu seinen bekannten Orchesterstücken gehören Fantasia on a Theme by Thomas Tallis für doppeltes Streichorchester (1910/19) und The Lark Ascending für Violine und kleines Orchester (1914). Weitere konzertante Werke, also Werke mit einem hervorgehobenen Soloinstrument und Orchester, sind unter anderem Flos Campi für Viola, Chor und kleines Orchester (1926), das Konzert für Oboe und Streicher a-Moll (1944) und das Konzert für Basstuba und Orchester f-Moll (1954). Volksliedbezüge finden sich etwa in Norfolk Rhapsodie Nr. 1, Fantasia on Greensleeves und Five Variants of „Dives and Lazarus“.
Vokal-, Kirchen- und Bühnenmusik
Vaughan Williams komponierte viele Lieder, Liederzyklen, Chorwerke und Kirchenlieder nach geistlichen und weltlichen Texten. Ein Liederzyklus ist eine zusammengehörige Gruppe von Liedern. Zu den wichtigen frühen Zyklen gehören Songs of Travel (1907) nach Robert Louis Stevenson und On Wenlock Edge für Tenor, Klavier und Streichquartett (1911). Texte von Walt Whitman vertonte er unter anderem in Toward the Unknown Region für Chor und Orchester (1905–06), A Sea Symphony und Three Poems by Walt Whitman (1925).
Die Chorwerke reichen von der Messe in g-Moll für Soli und Doppelchor (1920–21) über das Oratorium Sancta civitas (1923–25) bis zu Kantaten wie Dona nobis pacem (1936), A Song for Thanksgiving (1944) und Hodie (1953–54). Eine Kantate ist ein mehrteiliges Werk für Singstimmen und Instrumente; ein Oratorium ist ein umfangreiches Vokalwerk für Solisten, Chor und meist Orchester. A Song of Thanksgiving war ein BBC-Auftrag: Unter dem ursprünglichen Titel Thanksgiving for Victory wurde es in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs aufgenommen und am 13. Mai 1945 in einem Radio-Dankgottesdienst gesendet.
Für die Krönung von Königin Elisabeth II. arrangierte er All People That on Earth Do Dwell als Offertorium. Dies ist eine Fassung des Psalms 100 mit der Loys Bourgeois zugeschriebenen Melodie The Old 100th. Vaughan Williams wollte, dass in der abschließenden Doxologie To Father, Son, and Holy Ghost neben dem Chor auch die Gemeinde singt. Er stand dem Königshaus ansonsten eher distanziert gegenüber, lehnte mindestens einmal sowohl die Ritterwürde als auch den Titel Master of the Queen’s Music ab und bekannte sich politisch zum Sozialismus.
Unter den Bühnenwerken ragt das Ballett Job: A Masque for Dancing (1927–1930) nach der biblischen Ijob-Geschichte hervor. Seine Opern waren weniger dauerhaft erfolgreich: Hugh the Drover, Sir John in Love und weitere Werke hielten sich nicht im Repertoire. The Pilgrim’s Progress, eine oratorische Oper nach John Bunyan, an der er mehr als 40 Jahre arbeitete, wurde 1951 respektvoll, insgesamt aber verhalten aufgenommen.
Weitere Werkgruppen und spätere Anerkennung
Neben den großen Orchester- und Vokalwerken schrieb Vaughan Williams Kammermusik, Klavier- und Orgelmusik, Filmmusik sowie Musik für Military- und Brass Bands. Zur Kammermusik gehören zwei Streichquartette, ein Klavierquintett, Six Studies in English Folksong für Violoncello und Klavier (1927) und die Violinsonate a-Moll (1956). Beispiele der Klaviermusik sind Suite of Six Short Pieces (1921) und Introduction and Fugue für zwei Klaviere (1946); für Orgel schrieb er unter anderem Three Preludes on Welsh Hymn Tunes (1920).
Seine erste Filmmusik war 49th Parallel (1940–41). Es folgten unter anderem Coastal Command, The Story of a Flemish Farm und Scotts letzte Fahrt (1948), aus dessen Musik Sinfonia antartica entstand. Für Blasorchester schrieb er beispielsweise die Suite English Folk Songs (1923), Sea Songs (1923), Toccata Marziale (1924) und Variations for Brass Band (1957).
Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und wurde 1949 in die American Academy of Arts and Letters, 1953 zum Ehrenmitglied der International Society for Contemporary Music und 1957 in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Im deutschsprachigen Raum blieb sein Werk vergleichsweise unbekannt. In England werden besonders The Lark Ascending und Fantasia on a Theme by Thomas Tallis bei Hörerumfragen klassischer Radiostationen regelmäßig zu Lieblingswerken gewählt.