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Raga
Der Raga schreibt vor, welche Töne zu einem Musikstück passen. Ferner gibt der Raga bestimmte melodische und ornamentale Elemente sowie für einige Töne geltende …
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Grundidee und Aufbau
Ein Raga oder Rag ist eine melodische Grundstruktur der klassischen indischen Musik. Er ist keine feste Melodie, sondern eine Art „Klangpersönlichkeit“, die einer bestimmten Tonskala zugeordnet ist, ähnlich wie westliche Kirchentonarten. Ein Raga legt fest, welche Töne zu einem Musikstück passen, welche melodischen Wendungen typisch sind und welche Verzierungen oder Spielregeln für einzelne Töne gelten.
Wichtig sind zwei Haupttöne: der Vadi, also der 1. Hauptton, und der Samvadi, der 2. Hauptton. Auf ihnen beginnen und enden viele Melodiefiguren; sie prägen auch den Ausdruck des Raga. Viele Ragas sind außerdem bestimmten Tageszeiten oder Situationen zugeordnet, zum Beispiel Todi als Morgen-Raga, Desh für 21–24 Uhr, Megh als Regen-Raga oder Basant für den Frühling. Diese Zuordnungen sollen zur emotionalen Qualität des jeweiligen Zeitpunkts oder Anlasses passen.
Auch eine Musikform, die einen Raga entfaltet, wird Raga genannt. Ihre Einleitung heißt Alap: Dort werden die charakteristischen Merkmale des Raga vorgestellt und ausgeschmückt, etwa wichtige Töne, typische Phrasen und der Tonbereich. Der Hauptteil heißt Gat. In ihm setzen die Rhythmusinstrumente ein, und der Raga wird innerhalb seiner Regeln frei improvisierend genutzt. Zu Gruppen zusammengestellte Ragas heißen nach symbolisch-ästhetischen Traditionen Ragamala.
Historische Entwicklung
In der altindischen Musiklehre Gandharva zur religiösen Musik wurden schon zentrale Begriffe genannt, die bis heute wichtig sind. Bharata Muni trug sie um die Zeitenwende im Werk Natyashastra zusammen. Dazu gehörten tala, die umfassende Zeiteinheit, svara, die Tonhöhe, und pada, der gesungene Text. Der Begriff raga kommt dort noch nicht vor.
Erstmals erwähnt wird raga im Werk Brihaddeshi, das Matanga Muni zugeschrieben wird und aus dem 6. bis 8. Jahrhundert stammt. Ab dem 14. Jahrhundert wurden Ragas nach Ähnlichkeiten in ein Schema geordnet. Grundlage waren sechs männliche Ragas und sechs weibliche Raginis; weitere Ragas wurden daraus abgeleitet. Da einzelne Ragas schon früher männliche und weibliche Namen hatten, könnte diese Geschlechtereinteilung noch älter sein.
Um 1620 entwickelte Venkatamakhin für die südindische Musik ein Skalensystem mit 72 Melakartas, also grundlegenden heptatonischen Skalen mit sieben Tönen. Ende des 19. Jahrhunderts verwarf der Musiktheoretiker Vishnu Narayan Bhatkhande ältere Einteilungen und legte die Grundlage für eine bis heute gültige Klassifikation, die sich an einer neuen Notenschrift orientierte.
Töne, Grundton und Tonleiter
Westliche Tonleitern verwenden höchstens 12 Töne pro Oktave. Die indische Musik orientiert sich dagegen an Shrutis, also Mikrointervallen: Eine Oktave wird in 22 Schritte unterteilt. In einer verwendeten Skala gibt es 7 Haupttöne, die Svaras heißen: Sa, Ri, Ga, Ma, Pa, Dha, Ni, Sa.
Das Sa hat die Rolle des Grundtons. Alle anderen Svaras beziehen sich auf dieses Sa. Die Svaras entsprechen ungefähr den westlichen Solmisationssilben Do, Re, Mi, Fa, Sol, La und Si. Eine genaue Eins-zu-eins-Zuordnung ist aber nicht möglich. Die Tonhöhe hängt vom jeweiligen Raga ab, und außerdem hat jeder Musiker sein eigenes Sa.
Manchmal wird das westliche C als Sa verwendet, doch Sa kann auch höher oder tiefer liegen. Wenn mehrere Musiker zusammen spielen, werden alle Instrumente auf den Grundton des dominierenden Musikers gestimmt. Besonders in der Vokalmusik kann Sa um mehrere Ganztöne verschoben sein. Im Gruppenunterricht wird oft aus Erfahrung Gis als Grundton verwendet, weil in stimmlich gemischten Gruppen meist G oder Gis eine angenehme gemeinsame Lage ergibt.
Intervalle und Klangweise
Die indische Musik besitzt keine echte Polyphonie, also keine mehrstimmige Satzweise wie viele Formen westlicher Musik. Sie legt weniger Gewicht auf Akkorde. Stattdessen stehen einzelne Töne und ihre Beziehungen zueinander im Mittelpunkt. Besonders wichtig ist das Intervall, also der Abstand zwischen zwei Tönen, sowohl untereinander als auch im Verhältnis zum Grundton.
Darum ist in der indischen Musik das Nacheinander der Töne, also die Melodie, wichtiger als die Gleichzeitigkeit mehrerer Klänge, die in der westlichen Harmonik eine große Rolle spielt. Häufig erklingt während eines ganzen Musikstücks der Grundton als Bordun, also als dauerhafter „Klangteppich“. Dadurch kann man die Spannung zwischen den einzelnen Tönen und dem Grundton besonders deutlich wahrnehmen.
Notation
Kompositionen der indischen Musik werden grundsätzlich mündlich weitergegeben. Deshalb gibt es keine präzise Notenschrift wie in vielen westlichen Traditionen. Die Töne werden meist nur mit Buchstaben festgehalten. Um die 22 verschiedenen Shrutis zu unterscheiden, werden die Svaras unterschiedlich notiert, zum Beispiel durch Groß- und Kleinschreibung, Unterstreichung oder nachgestellte Zahlen.
Der Artikel zeigt zwei Notationsweisen, eine nach Ali Akbar Khan und eine nach Amjad Ali Khan, wobei C als Grundton angenommen wird. Dabei entsprechen zum Beispiel C dem Sa, D dem Ri, E dem Ga, F dem ma oder Ma je nach System, G dem Paa oder Pa, A dem Da, H dem Ni und das obere C dem Sa^. Für Zwischentöne werden abweichende Schreibungen wie ri, ga, da oder ni verwendet. Eine weitere Notationsweise mit nachgestellten Zahlen wird im Artikel Shruti beschrieben.
Nordindisches Skalensystem
Für Nordindien wurde Anfang des 20. Jahrhunderts ein verbindliches Skalensystem entwickelt. Seine heutige Fassung geht auf den Musikwissenschaftler Vishnu Narayan Bhatkhande zurück. Er hielt die Skalen von zehn Ragas für ausreichend, um alle nordindischen Melodietypen einzuordnen. Diese Gruppen heißen That-Gruppenbildner und erscheinen in seinem Werk Kramika Pustaka-malika, das in 6 Bänden von 1919 bis 1937 erschien.
Die zehn Gruppen sind: Kalyāṇa mit c d e fis g a h c, entsprechend dem lydischen Modus; Bilāvala mit c d e f g a h c, entsprechend Dur beziehungsweise dem ionischen Modus; Khamāja mit c d e f g a b c, entsprechend dem mixolydischen Modus; Bhairava mit c des e f g as h c, entsprechend Zigeuner-Dur; Pūrvī oder Śrī mit c des e fis g as h c, ohne Entsprechung; Māravā mit c des e fis g a h c, ungefähr als „Lydisch b9“ beschreibbar; Kāphī mit c d es f g a b c, entsprechend dem dorischen Modus; Āsāvarī oder Jaunpūrī mit c d es f g as b c, entsprechend reinem Moll beziehungsweise dem äolischen Modus; Bhairavī mit c des es f g as b c, entsprechend dem phrygischen Modus; und Toḏī mit c des es fis g as h c, ohne Entsprechung.