Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Verzierung (Musik)
Verzierungen ändern im Gegensatz zum Tonhöhenwechsel wie beim Vorhalt nichts am harmonisch-melodischen Gefüge eines Musikstücks, können jedoch die Stimmführung …
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und Funktion
Verzierungen, auch Ornamente, Agréments oder Manieren genannt, sind ausschmückende Abwandlungen von Melodien oder Akkorden. Sie können in Notenschrift oder Tabulatur durch besondere Zeichen notiert sein, gehören aber auch unnotiert oft zur Aufführungspraxis. Beim Ausführen bleibt dem Interpreten ein gewisser Raum zur Improvisation.
Wichtig ist die Abgrenzung: Verzierungen verändern im Gegensatz zu einem Tonhöhenwechsel wie beim Vorhalt nicht das harmonisch-melodische Gefüge eines Musikstücks. Sie können aber die Stimmführung beleben, Töne verlängern, den Klang schmücken oder eine melodische Linie beweglicher machen.
Historische Entwicklung
Musikalische Verzierungen finden sich in weitem Sinn überall dort, wo musiziert wird. Ihre Entstehung wurde teilweise mit Zupf- und frühen Tasteninstrumenten erklärt: Bei Laute, Cembalo und Clavichord verklingen Töne rasch, sodass Triller und andere Verzierungen helfen konnten, Töne zu verlängern. Als wahrscheinlicher gilt jedoch, dass viele Verzierungen ursprünglich aus der Vokalmusik stammen und im 15. und 16. Jahrhundert von der Gesangstechnik auf die Instrumentalmusik übergingen.
Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts galt besonders die Gesanglichkeit als Maßstab für geschmackvolle Verzierungen, auch bei Instrumentalmusik. Später wurden Verzierungen stärker zur Demonstration technischer Brillanz oder als Klangeffekt eingesetzt. Zwischen dem 16. Jahrhundert und der Mitte des 18. Jahrhunderts entstand in Europa eine besonders reiche Verzierungskultur mit vielen regionalen Ausprägungen und Zeichen, etwa Kreuzen, Halbmonden, Bogenstrichen, Schrägstrichen, Punkten und Sternen.
Man unterscheidet wesentliche Verzierungen wie Vorschläge, Triller, Mordente und Doppelschläge von willkürlichen Verzierungen, die durch Improvisation entstehen. Frankreich entwickelte seit der Zeit Ludwigs XIV. einen besonders großen und fein ausgearbeiteten Bestand an wesentlichen Verzierungen. Jean-Henri d’Anglebert veröffentlichte 1689 in seinen Pièces de clavecin eine Verzierungstabelle mit insgesamt 29 Verzierungsarten. Einflussreich waren auch François Couperins Pièces de Clavecin, deren erster Band 1713 erschien. In Italien waren neben wesentlichen Manieren und Trillern besonders improvisierte Verzierungen durch Diminution wichtig, also durch Aufteilung einer gegebenen Melodie in kleinere Notenwerte. Seit der Wiener Klassik wurde die improvisatorische Verzierung durch Interpreten immer weniger wichtig, weil Komponisten ihre Vorstellungen genauer notierten. Im 20. Jahrhundert entstanden vor allem aus afroamerikanischer Musik wie Jazz, Spiritual, Gospel, Rhythm ’n’ Blues, Blues und Rock neue Varianten und rhythmische Neuerungen, die sich nur teilweise in der Notation niedergeschlagen haben.
Barock und Klassik
Eine wichtige Quelle zu Johann Sebastian Bachs Verzierungspraxis ist das Klavierbüchlein für Wilhelm Friedemann Bach, das Bach am 22. Januar 1720 für seinen ältesten Sohn anlegte. Es enthält am Anfang eine Tabelle mit den für Bach wichtigsten Verzierungen, jeweils als Zeichen und als Notenbeispiel. Genannt werden unter anderem Triller beziehungsweise Pralltriller, Mordent, Triller mit Nachschlag, Doppelschlag, Triller mit vorhergehendem Doppelschlag von unten und von oben, steigender und fallender Vorhalt sowie Verbindungen von Vorhalt, Mordent und Triller. Dass diese Tabelle direkt nach der Erklärung der Schlüssel steht, zeigt die große Bedeutung der spätbarocken Clavier-Ornamentik im Unterricht.
Johann Joachim Quantz beschrieb 1752 in seinem Lehrwerk Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen die Verzierungstechnik seiner Zeit ausführlich. Das VIII. Hauptstück behandelt Vorschläge und kleine Manieren, das IX. Hauptstück die Triller. Quantz sah Vorhalte nicht nur als Zierrat, sondern auch als notwendig, um eine Melodie aufzuwerten und sie „galant aussehen“ zu lassen. Im galanten Stil überwogen nach seiner Darstellung Konsonanzen gegenüber Dissonanzen; weil lange Folgen von Konsonanzen den Zuhörer ermüden könnten, sollten Dissonanzen die Melodie beleben. Auch Triller hielt Quantz für unentbehrlich, da sie dem Spiel „einen großen Glanz“ geben. Ihre Geschwindigkeit sollte sich nach dem Raumklang und dem Charakter des Stückes richten.
Wichtige klassische Verzierungen
Der Vorschlag ist eine kleine Note vor einer Hauptnote. Beim kurzen Vorschlag, auch Acciaccatura, sagt die geschriebene Dauer der Vorschlagsnote grundsätzlich nichts Sicheres über die Ausführung. Je nach Genre, Epoche und Interpret kann der Vorschlag kurz vor der Zählzeit erklingen, auf der Zählzeit liegen oder sogar gleichzeitig mit der Hauptnote gespielt werden. Beim langen Vorschlag, auch Appoggiatura, erklingt zuerst der Vorschlagston, dann der Hauptton. Seine Länge beträgt die Hälfte eines zweizeitigen Haupttons oder zwei Drittel bei einer punktierten beziehungsweise dreizeitigen Hauptnote. Der Hauptton beginnt entsprechend später. Ein langer Vorschlag hat meistens die Funktion eines Vorhalts. Doppelvorschlag bedeutet zwei kurze Vorschläge vor dem Hauptschlag; ein Schleifer besteht aus drei oder mehr kurzen Vorschlägen.
Ein Tremolo ist die rasche Wiederholung eines Tons. Beim ausgeschriebenen Tremolo sind Notenzahl oder Geschwindigkeit genau festgelegt; beim nicht ausgeschriebenen Tremolo ist die Bewegung meist schneller und rhythmisch nicht genau ausgezählt. Dieses wird üblicherweise in Abkürzungsnotation mit einem dreistrichigen Notenhals notiert. Tonrepetitionen kommen unter anderem bei Streichern, Schlaginstrumenten, Zupfinstrumenten, im Gesang des 17. Jahrhunderts und bei Blasinstrumenten als Flatterzunge vor. Aus harmonischer und melodischer Sicht sind Tonrepetitionen keine Verzierung, sondern entsprechen Haltetönen beziehungsweise dem Orgelpunkt.
Der Triller besteht aus der Hauptnote und ihrer oberen Nebennote, die für die Dauer der Hauptnote rasch abwechseln. Moderne Notation kann die Nebennote zusätzlich als eingeklammerten kleinen Stich angeben; dadurch sind auch chromatische Veränderungen und andere Intervalle möglich. Bis zum Ende des Barock beginnt der Triller mit der oberen Nebennote, ab der Klassik mit der Hauptnote. Für die Frühklassik gibt es Streitpunkte, weil sich klassischer Satz mit älterer Verzierungspraxis mischt. Bernard Viguerie beschrieb um 1796, dass ein Triller je nach Geschmack mit oberer Nebennote, Hauptnote oder unterer Nebennote beginnen könne, sofern der Komponist es nicht genauer angibt. Johann Nepomuk Hummel schrieb 1828 dagegen, der Triller beginne, wenn nicht anders vorgeschrieben, mit der Hauptnote und ende auch mit ihr. Wann sich diese moderne Auffassung allgemein durchsetzte, ist nicht eindeutig zu bestimmen.
Pralltriller und Mordent sind kurze Wechsel mit einer Nebennote. Der Pralltriller ist ein einmaliger kurzer Wechsel mit der nächsthöheren leitereigenen Note, der Mordent ein ein- oder mehrmaliger kurzer Wechsel mit der nächstunteren leitereigenen Note. Ältere Ausführungsweisen, besonders vor 1800, unterscheiden sich von späteren. Der Doppelschlag, auch Gruppetto, umspielt die Hauptnote mit oberer und unterer Nebennote. Er wird durch ein liegendes S oder ein gespiegeltes liegendes S notiert; in älteren Ausgaben werden die Varianten aber oft nicht unterschieden. Vorzeichen für den oberen Ton stehen darüber, für den unteren darunter. Ein Nachschlag folgt auf eine vorhergehende Note: Die vorhergehende Note wird um die Dauer der Nachschlagnote oder der beiden Nachschlagnoten verkürzt, während die folgende Note auf der Zählzeit beginnt.
Weitere wichtige Formen sind die Roulade, eine Folge schneller auf- oder absteigender Noten auf einer Silbe besonders in der Vokalmusik; das Portamento, eine kurze chromatische Verbindung oder ein kurzes Glissando zwischen zwei Tönen; und das Arpeggio, bei dem die Töne eines Akkords nicht gleichzeitig, sondern kurz nacheinander angeschlagen werden.
Verzierungen in Jazz, Pop und Folk
Im weiteren Sinn gehören auch viele Verzierungen aus Jazz, Pop und Folk dazu. Der Shake bezeichnete in der englischen Musik des 17. und 18. Jahrhunderts einen Triller oder Pralltriller und wurde mit zwei parallelen Querstrichen notiert. Im Bigband-Jazz ist ein Shake ebenfalls eine trillerähnliche Verzierung aus schnell abgewechselten Tönen, allerdings mit größerem Intervallabstand; die Notation ist nicht eindeutig und ähnelt der Trillerschlange.
Ein Rip ist eine schnelle aufsteigende, oft dramatisch akzentuierte Figur, die nicht zwingend chromatisch ist. Er ist besonders bei Waldhörnern als dramatische, jagdhornartige Geste üblich. Ein Drop-off ist eine schnelle absteigende Figur. Der Fall ist in Jazz und Popmusik verbreitet: Die Anfangshöhe eines Tons wird nur angedeutet, dann sackt der Ton sofort in eine unbestimmte Tiefe. Der Doit funktioniert ähnlich, führt aber glissandoartig nach oben.
Der Growl kommt bei Blasinstrumenten wie Trompete oder Posaune vor. Er entsteht durch eine bestimmte Zungentechnik, nicht vollständig gedrückte Ventile und einen Plunger-Dämpfer vor dem Schalltrichter; das Ergebnis ist ein brüllend-gurgelnder, rauer Klang. Der Slide, also das Anschleifen, ähnelt einer Vorschlagsnote, ist aber ein noch kürzerer Rutscher vom Vorschlagston zum Hauptton. Der Effekt liegt oft im Loslassen des Vorschlagtons. Eine Crushed Note rollt eine ganze Tonfolge, oft einen Akkord von unten nach oben, vor dem Hauptton ab.
Hammering ist eine im Pop gebräuchliche Verzierung, die als kurzer Vorhalt oder Slide in einem Dreiklang beschrieben wird. Die Technik wurde von der Gitarre auf das Klavier übertragen. Als Beispiel nennt der Artikel verschiedene Hammerings in G-Dur, häufig mit großen Sekunden, besonders typisch aber den Quart-Terzvorschlag mit kleiner Sekunde. Hammering wird vor allem in melodischem Akkordbrechungsspiel eingesetzt.
Der Roll ist im Folk häufig. Er ist eine Wendung auf eine Dreiviertelnote, die auf dem Zielton beginnt und nach je einem Viertel kurz die obere und untere Hilfsnote anschlägt. Die Hilfsnoten sind so kurz, dass der rhythmische Effekt wichtiger ist als der genaue Notenwert. Bei einem Roll auf einer Viertelnote spricht man von einem Short Roll. Für Betonung und Spielweise gibt es große Freiheit; verbindlich ist vor allem, dass sich der Roll rhythmisch in die Melodie einfügt.