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Klassische indische Musik
Der der Musik zugrundeliegende Bordun wird normalerweise von der Langhalslaute tanpura geliefert; an seine Stelle tritt heute oft die shrutibox oder das …
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Grundzüge und regionale Traditionen
Klassische indische Musik ist eine in Indien theoretisch ausführlich behandelte Kunstmusik, die historisch vor allem an Fürstenhöfen zur Oberschicht gehörte und seit dem 20. Jahrhundert auch vom Bildungsbürgertum gehört und praktiziert wird. Sie ist grundsätzlich einstimmig: Es gibt keine Harmonik und keine wechselnden Akkorde. Stattdessen entfaltet sich die Musik aus statischen Tonskalen, melodischen Regeln und Verzierungen innerhalb zahlreicher Ragas.
Es gibt zwei eng verwandte Hauptrichtungen: die hindustanische Musik im Norden Indiens sowie in Pakistan und Bangladesch und die karnatische Musik im Süden, besonders in Andhra Pradesh, Karnataka, Kerala und Tamil Nadu. Sie unterscheiden sich unter anderem in Terminologie, Instrumenten und bevorzugten Spielweisen. Der karnatischen Musik werden besonders reiche Verzierungen, eine stärkere Orientierung an Vokalmusik und etwas weniger Improvisation zugeschrieben.
Klassische Aufführungen finden meist mit kleinen Ensembles statt. Die drei Aufgaben sind melodische Führung, Perkussion und Bordun. Die Melodie übernimmt eine Stimme oder ein Melodieinstrument, die Perkussion etwa Tabla oder Mridangam, und der Bordun liefert die klangliche Grundlage. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ist außerdem das Jugalbandi verbreitet, ein gleichberechtigtes Zusammenspiel zweier Solisten, auch aus der karnatischen und hindustanischen Tradition.
Töne, Bordun und Rhythmus
Es gibt keine absolute Referenzfrequenz wie den westlichen Kammerton. Die Ausführenden einigen sich für jede Aufführung auf einen Grundton. Dieser bleibt durchgehend hörbar als Bordun, meist auf Tanpura, indischem Harmonium oder Shrutibox, oft in zwei Oktavlagen zusammen mit Quinte oder Quarte.
Das heptatonische System hat sieben Tonstufen (Saptak): Sa, Re oder Ri, Ga, Ma, Pa, Dha und Ni. Die Tonsilben heißen zusammen Sargam und stehen für Shadya, Rishaba, Gandhara, Madhyama, Panchama, Dhaivata und Nishad. Als Svaras gelten diese Töne, wenn sie Grundlage von Skalen sind. Sa und Pa sind unveränderlich. Re, Ga, Dha und Ni können erniedrigt (komal) vorkommen; Ma kann erhöht (tivra) sein. Dadurch stehen zwölf Tonstufen zur Skalenbildung bereit.
Das System der 22 Shruti bestimmt relative Tonhöhen und Intervalle genauer. Nach westlichem Verständnis wird der Tonraum dabei in 22 Mikrointervalle gegliedert. Sa und Pa haben jeweils eine feste Shruti-Position; die fünf variablen Tonstufen verfügen über jeweils vier Intonationsvarianten. Die genaue theoretische Herleitung und Lage dieser Varianten ist umstritten und Gegenstand verschiedener Spekulationen und praktischer Ausführungen.
Rhythmus ist in Talas organisiert, also Zyklen, die mit westlichen Takten vergleichbar sind, aber meist 10 bis 20, in Einzelfällen bis etwa 100 Schläge umfassen. Im Norden beruht ein Tala auf einer Schlagfolge mit Merksilben, den Bols. Der häufigste Tala ist Tintal mit 16 Schlägen: „dha dhin dhin dha | dha dhin dhin dha | dha tin tin ta | ta dhin dhin dha“. Im Süden werden Schlagzahlen häufig durch kanonisierte Handgesten dargestellt; das verbreitetste Talam ist Adi mit 4+2+2.
Melodie, Raga und Instrumente
Die indische Musik versteht sich traditionell vor allem als Vokalmusik. Instrumente sollen Eigenschaften des Gesangs nachbilden, insbesondere stufenlose Tonhöhenübergänge. Das ermöglichen etwa bundlose Griffbretter bei Violine und Sarod, die Bünde von Sitar und Vina oder teilweise bedeckte Grifflöcher bei Blasinstrumenten.
Gamakas sind vokale und instrumentale Techniken der Ornamentik. Sie sind kein bloßes Beiwerk, sondern notwendig, damit ein Raga regelgerecht gestaltet wird und sein Rasa, also seine ästhetische und emotionale Dimension, erkennbar wird.
Ein Raga, im Süden Ragam, ist das zentrale melodische Ordnungsmuster. Jede Komposition oder Improvisation gehört zu einem benannten Raga. Dieser umfasst auf- und absteigende Skalen aus fünf bis sieben Tönen, die sich in Tonmaterial und Tonanzahl unterscheiden können. Er ordnet Tönen Funktionen zu: den Hauptton Vadi, den Nebenton Samvadi und weitere Rollen. Auch Häufigkeit, Verzierung und Verwendung eines Tons, etwa nur als Durchgangsnote, sind geregelt. Ragas sind mit Emotionen und bevorzugten Tageszeiten verbunden. Ein Stück beruht grundsätzlich auf nur einem Raga; Ragamalikas bilden die Ausnahme, indem mehrere Ragas nacheinander auftreten.
Der Raga Bhupala ist ein heiterer Vormittagsraga. Seine fünftönige Skala lautet auf- und absteigend S R1 G1 P Dh1 (c, des-, es-, g, as-). Dha ist Vadi, Ga Samvadi. Aufsteigende Linien beginnen auf dem tiefen Dha, Phrasen enden oft in Sa und Pa. Seine charakteristische Floskel lautet „Ri ´Ga Ri~ Sa“; ´ und ` bezeichnen Kans, kurze Vorschläge von oben beziehungsweise unten, und ~ ein Andolan, ein weites langsames Vibrato.
Wichtige hindustanische Melodieinstrumente sind Sitar, Sarod, Rudra Vina, Sarangi, Bansuri und Shehnai. In der karnatischen Musik prägen Violine, Sarasvati Vina, Venu und Nadaswaram das Melodiespiel. Die Tabla ist im Norden besonders häufig, im Süden meist Mridangam und Ghatam. Das Harmonium kann zwar als Melodieinstrument dienen, gilt vielen aber nicht als vollwertig, weil es indische Mikrotöne nicht wiedergeben kann.
Wichtige Formen und Aufführungsabläufe
Die ausgedehnte, überwiegend improvisierte Raga-Präsentation kann über eine Stunde dauern. Im Norden heißt sie Raga, im Süden meist Ragam Tanam Pallavi. Zuerst folgt der Alap beziehungsweise Alapana: Melodieinstrument oder Stimme führt die Töne und typischen Verzierungen rhythmisch frei vor; die mittlere Oktave erscheint zuerst, danach die tiefe und hohe. Ein Text wird dabei normalerweise nicht gesungen.
Der anschließende Mittelteil heißt im Norden Jod oder Jor und Jhala, im Süden Tanam. Ein rhythmischer Puls entsteht, jedoch noch keine Tala-Ordnung. Im nordindischen Jhala wird dies schnell und rhythmisch komplex; Saiteninstrumente unterstreichen das Metrum mit Resonanzsaiten. Der südindische Tanam bleibt im mittleren Tempo und entwickelt rhythmische, nach Tieren benannte Figuren. Erst im dritten Teil treten Thema, Schlaginstrument und Tala hinzu: Gat bei instrumentaler, Bandish bei gesungener nordindischer Musik und Pallavi im Süden. Das kurze Thema wechselt rondoartig mit Improvisationen. Das Tempo kann sich von Vilambit über Madhya Laya bis Drut steigern.
Der Kriti ist die wichtigste Kunstform Südindiens: eine ausgeweitete Liedkomposition mit komponierten Variationen und Improvisation. Nach optionaler Alapana folgen Pallavi als Refrain, Anupallavi als melodisch leicht kontrastierender nächster Textteil, eventuell ein Cittasvaram in Tonsilben, erneut Pallavi, dann Charanam und meist ein schnelleres Cittasvaram. Ein Varnam eröffnet gewöhnlich ein karnatisches Konzert; es ähnelt dem Kriti, enthält aber fast keine Improvisation. Das Gitam ist eine schlichtere Liedform mit Pallavi, Anupallavi und Charanam.
Der hindustanische Dhrupad wird meist von einer Männerstimme mit Pakhawaj begleitet. Er beginnt mit Glissandi, entwickelt schnelle Verzierungen und lässt nur begrenzt Improvisation zu. Seine Teile sind Alap, Sthayi, Antara, Samcari und der beschleunigte Abhoga. Der Khyal bildet den Gegenpol: Er betont Virtuosität und Improvisation, ist reich verziert und weitgehend textlos. Sarangi oder Harmonium spielen Phrasen nach oder treten in Dialog mit dem Sänger; Sthayi und Antara wechseln mit Variationen wie Boltan und Tan.
Historische Entwicklung
Die Wurzeln liegen in religiösem Sprechgesang: Seit den Jahrhunderten um 1000 v. u. Z. rezitieren Brahmanen vedische Texte als Samagan mit drei Tonhöhen und zwei Tondauern. Die drei Töne heißen Udatta, Anudatta und Svarita; später entstand ein System mit sieben Svaras. Das Natyashastra, das Bharata Muni zugeschrieben wird und zwischen 200 vor und 300 nach unserer Zeitrechnung entstand, beschreibt Shrutis, Saptak und Svaras sowie Jatis als Vorformen späterer Ragas. Das Brihaddesi des Matanga aus dem 9. Jahrhundert arbeitet das Raga-System ausführlich aus.
Das Sangita Ratnakara des Sarangadeva (1210–1247) ist der letzte musiktheoretische Text, auf den sich beide Traditionen beziehen. Es behandelt alle Bereiche der Musiktheorie, beschreibt 264 Ragas und skizziert eine Notation. Der zunehmende Einfluss muslimischer Reiche im Norden verstärkte außerindische Einflüsse und trug zur Ausbildung nördlicher und südlicher Spielweisen bei. Amir Chosrau (1253–1325) bereicherte indische Musik mit persischen und arabischen Elementen; die Zuschreibungen, er habe Sitar oder Tabla erfunden, werden im Artikel als wohl fälschlich beziehungsweise als Legende bezeichnet.
Im Süden entwickelte Venkatamakhi 1660 das bis heute verwendete Melakarta-System mit 72 Haupt-Ragas. In der hindustanischen Musik systematisierte Vishnu Narayan Bhatkhande (1860–1936) Ragas in zehn Skalentypen, Thatas. Dieses Referenzsystem wird trotz Kritik als zu grob vereinfachend und teilweise fehlerhaft allgemein verwendet.
Im 20. Jahrhundert wandelte sich klassische indische Musik von einer vorwiegend höfischen und tempelgebundenen Elitepraxis zu einem Teil der kulturellen Identität der wachsenden Mittelschicht. Staatliche Förderung, All India Radio, Universitätsstudiengänge, Schallplatten und Konzertsaalaufführungen unterstützten diese Entwicklung. Seit den 1950er Jahren wurde die Musik auch im Westen stärker bekannt.