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Rückkehr nach Reims
Rückkehr nach Reims (Original: Retour à Reims) ist ein autobiografisch-politisches Buch des französischen Soziologen und Schriftstellers Didier Eribon.
Inhalt6 Abschnitte
Werk und zentrale Fragestellung
„Rückkehr nach Reims“ (französisch: „Retour à Reims“) ist ein autobiografisch-politisches Buch des französischen Soziologen und Schriftstellers Didier Eribon. Es erschien 2009 auf Französisch und 2016 in der deutschen Übersetzung von Tobias Haberkorn; in Frankreich und Deutschland wurde es ein Bestseller.
Eribon verbindet seine eigene Lebensgeschichte mit einer Untersuchung seines Herkunftsmilieus: der nordfranzösischen Arbeiterschaft. Er fragt, wie Homosexualität, soziale Herkunft, Bildung, Scham und politische Einstellungen zusammenhängen. Dabei erklärt er den Wechsel vieler Angehöriger der „populären Klassen“ von linken zu rechten politischen Orientierungen auch als Folge eines Versagens der Linken. Seine Überlegungen knüpfen unter anderem an Pierre Bourdieu, Jean-Paul Sartre, Michel Foucault, Antonio Gramsci, Paul Willis und Stuart Hall an.
Herkunft, soziale Scham und Bildungsweg
Nach Eribon wird ein Mensch mit einer sozialen Vergangenheit geboren. Familie und Milieu weisen ihm einen Platz zu und prägen damit den Rahmen seiner individuellen Entwicklung. Diese Herkunft lasse sich nicht einfach aus der Biografie entfernen, sondern müsse in die eigene Lebensgeschichte eingebaut werden. Eribon kritisiert deshalb neoliberale Vorstellungen, nach denen allein individuelle Leistung und Chancengleichheit über Erfolg entscheiden. Das „soziale Kapital“ der Oberschicht – etwa Strategien, Verbindungen und Vorbilder – verschaffe ihr tatsächlich Vorteile.
Eribon beschreibt, dass er die Scham über seine Unterschichtsherkunft stärker erlebt habe als die Scham über seine von Heteronormen abweichende Homosexualität. Zwar habe er in Paris Diskriminierung und Gewalt erfahren. Doch eine gehobene Sprache sowie Interesse an Kunst und Musik habe er erst spät und mit großer Anstrengung erwerben müssen.
Homosexualität und Ausschluss aus Bildung
Die Homosexualität erscheint als sichtbarer Anlass für Eribons Bruch mit dem homophoben Familienmilieu. Als entscheidender bezeichnet er jedoch seine Bildungsorientierung, die durch seine Homosexualität verstärkt worden sei. Wichtig sei ein Jugendfreund aus der Oberschicht gewesen, in den er heimlich verliebt war.
Gleichzeitig berichtet Eribon, dass auch er sich beinahe selbst aus der Schule ausgeschlossen hätte. Damit wäre ihm eine für viele Altersgenossen aus seinem Milieu typische Schulkarriere widerfahren. Seine Geschichte zeigt somit, dass der Zugang zu Bildung nicht allein von Begabung oder persönlichem Willen abhängt.
Selbstreproduktion sozialer Unterordnung
Bildung wirkt für Eribon als Distinktionsmerkmal, also als Mittel zur Abgrenzung sozialer Gruppen, und als Ausschlussprinzip. Die schulische Auswahl erscheine zwar als persönliche Entscheidung, beruhe aber oft auf „Selbstexklusion“ und „Selbsteliminierung“: Betroffene deuten ihren Ausschluss als Folge ihrer eigenen freien Wahl. Eine lange Schulzeit gelte dann als etwas „für die anderen“, für diejenigen, die sie sich leisten könnten und scheinbar mehr Freude am Lernen hätten.
Diese Selbsteliminierung kann nach Eribon dazu führen, dass Unterschichtkinder stolz auf die Verweigerung sozialen Aufstiegs sind. Freude an Bildung sei gesellschaftlich ungleich verteilt und stark von Umfeld und sozialer Zugehörigkeit abhängig. Erst wer die Grenze zwischen den sozialen Lagern überschreitet, könne diese als ungerecht erkannte Chancenverteilung besonders deutlich wahrnehmen.
Rechtswendung und Verantwortung der Linken
Die Zugehörigkeit zu einem sozialen Lager führt laut Eribon nicht automatisch zu einer linken politischen Haltung. Das „spontane Bewusstsein“ der Unterschichten sei widersprüchlich und labil. Es könne erst durch politische Begriffe und Deutungen in eine linke oder rechte Orientierung überführt werden. Nationalismus, Rassismus, Chauvinismus und Homophobie beschreibt Eribon als im Milieu mögliche Bestandteile dieses Bewusstseins. Den Chauvinismus und die Homophobie männlicher Arbeiter deutet er auch als Versuch, einen fragilen und bedrohten Stolz zu verteidigen.
Am Beispiel seiner Eltern beschreibt er früheres Linkssein der unteren Schichten als praktischen Protest gegen das, worunter man im Alltag litt, nicht als umfassendes politisches Projekt. Als linke Kräfte nach seiner Darstellung zunehmend „die Sprache der Regierenden“ statt die der Regierten gesprochen hätten, sei eine Repräsentationslücke entstanden. Die Rechte habe diese Lücke gefüllt und ein nationales „Wir“ als Quelle von Würde, Stolz und Selbstachtung angeboten.
Eribon erklärt die Attraktivität der Rechten vor allem mit der Hinwendung der Linken zur neoliberalen Politik. Begriffe wie Klasse, Interessen, Ausbeutung und Widerstand seien aus ihrem Vokabular verschwunden und durch „notwendige Reformen“, „Eigenverantwortung“ und „Zusammenleben“ ersetzt worden. Auch der Rückbau des Wohlfahrtsstaates sei so legitimiert worden. Eine politische Umkehr sei nur möglich, wenn die Linke wieder um Bewusstsein und eine linke Hegemonie kämpfe: Die Gegensätze oben und unten sowie rechts und links müssten wichtiger werden als Einteilungen nach Ethnie, Hautfarbe oder Geschlecht. Den spontanen Erzählungen von Chauvinismus, Rassismus, Patriarchalismus und Homophobie müsse sie einen zusammenhängenden linken Diskurs entgegensetzen.
Verfilmung
2020 entstand die 83 Minuten lange Verfilmung „Rückkehr nach Reims“ unter der Regie von Jean-Gabriel Périot. Die deutsche Sprecherin ist Nina Hoss; zu den Produzenten gehört Arte France Cinéma.