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Römisches Britannien

Die Insel Britannien, heute als Großbritannien bezeichnet, stand von 43 bis etwa 440 n. Chr. zu Teilen unter römischer Herrschaft. Nach zwei Feldzügen durch …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Ausgangslage
  2. 2. Eroberung und Ausbau der Provinz
  3. 3. Eroberung des Westens und Nordens
  4. 4. Grenze, Teilung und spätrömische Verwaltung
  5. 5. Krisen, Abzug und Ende der Herrschaft
  6. 6. Romanisierung, Wirtschaft und sub-römisches Britannien

Überblick und Ausgangslage

Römisches Britannien bezeichnet die Teile der Insel Britannien, die von 43 bis etwa 440 n. Chr. unter römischer Herrschaft standen. Die Provinz Britannia umfasste meist das heutige England bis zum Hadrianswall sowie Wales; die nördlicheren Gebiete blieben außerhalb direkter römischer Kontrolle.

Vor der Eroberung lebten auf der Insel verschiedene Stämme mit engen Verbindungen zu Gallien. Antike Autoren bezeichneten sie jedoch anders als die Bewohner des Festlands nicht als Kelten. Ob und wann es eine keltische Einwanderung gab und wie sich keltische Sprachen verbreiteten, ist wegen fehlender archäologischer Belege unklar. Schon zuvor bestanden Megalithkulturen mit Steinmonumenten, etwa in Wiltshire.

Caesar führte 55 und 54 v. Chr. zwei Feldzüge nach Britannien. Anlass war auch die Unterstützung britannischer Stämme für Gallier im Krieg gegen Rom. Beim ersten Feldzug setzte er mit zwei Legionen und einer Flotte von rund 80 Truppentransportern über; die Kavallerie erreichte die Insel wegen eines Sturms zunächst nicht. Nach Kämpfen, beschädigten Schiffen und der Stellung weniger Geiseln kehrte Caesar nach Gallien zurück. Der zweite, größere Feldzug war erfolgreicher, diente aber eher der Bestrafung als einer dauerhaften Eroberung. Die Stämme unter Cassivellaunus leisteten Widerstand; Caesar zog nach Tributzahlungen und Geiselstellungen wieder ab. Die Feldzüge brachten Rom laut späterer Kritik weder wirtschaftlich noch politisch einen Mehrwert.

Augustus plante zweimal eine Eroberung, führte sie aber wegen anderer Konflikte nicht aus. Britannien galt danach als wenig profitabel, da Rom auch ohne Eroberung Zölle auf den Handel erhob. Caligula bereitete erneut einen Feldzug vor, brach ihn aber ab; in Gesoriacum ließ er für spätere Überfahrten einen Leuchtturm errichten.

Eroberung und Ausbau der Provinz

Kaiser Claudius begann 43 n. Chr. die dauerhafte Eroberung. Er wollte durch einen militärischen Erfolg seine schwache Stellung bei den Truppen festigen. Als Anlass diente der Hilferuf des mit Rom befreundeten britannischen Anführers Verica.

Aulus Plautius führte vermutlich die Legio II Augusta, die Legio VIIII Hispana, die Legio XX Valeria Victrix und möglicherweise die Legio XIIII Gemina. Die Armee umfasste etwa 20.000 Legionäre sowie vermutlich ebenso viele Hilfstruppen. Richborough in Kent war wahrscheinlich der wichtigste Landungsort; nach archäologischen Deutungen könnte eine zweite Armee in Hampshire gelandet sein.

Der Widerstand wurde von Togodumnus und Caratacus, Söhnen Cunobelinus', organisiert. In der zweitägigen Schlacht am Medway wurden die Briten zur Themse zurückgedrängt. Nach dem Tod Togodumnus' traf Claudius selbst ein, brachte nach Berichten Kriegselefanten und schwere Waffen mit und ließ Camulodunum, die Residenz Cunobelinus', einnehmen. Caratacus floh nach Wales. Elf Stämme im Südosten wurden unterworfen. Claudius verließ Britannien bereits nach 16 Tagen und feierte in Rom einen Triumph.

Die Provinz wurde wohl 49 n. Chr. offiziell eingerichtet. Verwaltungsmittelpunkt war zunächst Camulodunum, eine mit Veteranen besiedelte Colonia; später wurde Londinium zum Mittelpunkt. Als Puffer zwischen Provinz und nicht eroberten Gebieten bestanden zunächst die Klientelkönigreiche der Icener unter Prasutagus und der Briganten unter Cartimandua.

Eroberung des Westens und Nordens

Vespasian unterwarf im Westen weitere Stämme und erreichte Exeter, vielleicht sogar die Gegend um Bodmin. Im Norden rückte die Legio VIIII in Richtung Lincoln vor. Möglicherweise stand binnen vier Jahren das Gebiet südlich der Linie Humber–Severn unter römischer Kontrolle. Der Fosse Way folgt dieser Linie, doch ob er anfangs ein Limes war, ist nur eine Vermutung; die Grenze schwankte wohl stark.

Publius Ostorius Scapula kämpfte ab 47 gegen Stämme in Wales und im Cheshire Gap. Caratacus wurde erneut besiegt, von der mit Rom verbündeten Cartimandua an Rom ausgeliefert und damit ausgeschaltet. Unter Gaius Suetonius Paulinus wurde 60 das Druidenzentrum auf Mona zerstört. Danach führte Boudicca den Aufstand von Icenern und Trinovanten. Trotz wohl deutlicher zahlenmäßiger Unterlegenheit schlug Paulinus die Aufständischen in einer blutigen Entscheidungsschlacht. Nachfolgende Statthalter, besonders Marcus Trebellius Maximus (63–69), setzten stärker auf Ausgleich.

Unter Vespasian wurden die Eroberungen fortgesetzt: Quintus Petillius Cerialis gliederte Teile der Gebiete von Briganten und Parisiern ein, Sextus Iulius Frontinus unterwarf 76 die Silurer. Gnaeus Iulius Agricola sicherte Wales, zog nach Norden und erreichte 80 den Tay. Er ließ Schottland erkunden, besiegte laut Tacitus kaledonische Stämme am Mons Graupius – das Ausmaß dieses Erfolgs ist umstritten – und ließ unter anderem Inchtuthil anlegen. Nach seinem Rückruf zog sich Rom wieder hinter die Linie Solway Firth–Tyne zurück. Dort verlief die befestigte Straße Stanegate. Zugleich wurden Städte und Lager ausgebaut; Lindum und Glevum erhielten ebenfalls den Rang einer Colonia.

Grenze, Teilung und spätrömische Verwaltung

Hadrian ließ 122 die Nordgrenze durch den Hadrianswall markieren. Die Befestigung folgte der Linie Tyne–Solway Firth: zunächst im Osten, später auch im Westen als Steinmauer, mit Türmen, Kastellen und einem südlichen Graben. Sie sollte keine großen Angriffe abwehren, sondern Grenzübertritte und Handel kontrollieren und Plünderer abschrecken. Antoninus Pius ließ die Grenze um 142/143 an den Antoninuswall zwischen Firth of Clyde und Firth of Forth verschieben. Dieser Holz-Erde-Wall besaß Kastelle, aber keine Türme, wurde jedoch ab den mittleren 150er Jahren wohl schrittweise wieder aufgegeben. Spätestens um 180 lag die Grenze endgültig wieder am Hadrianswall.

Nach Clodius Albinus' Niederlage gegen Septimius Severus 197 wurde Britannien geteilt, damit nicht mehr drei Legionen einem Statthalter unterstanden. Klare Zeugnisse für Britannia superior mit Londinium und Britannia inferior mit Eboracum gibt es erst ab den 210er Jahren; der Widerspruch zur Datierung Herodians ist ungeklärt. Severus führte ab 208 einen Feldzug in Schottland, starb aber 211 in Eboracum. Caracalla gab die erzielten Gebietsgewinne wieder auf.

Diokletians Reform teilte das Gebiet um 300 in vier Provinzen der Dioecesis Britanniae: Britannia secunda im Norden mit Eboracum, Flavia Caesariensis im Südwesten mit Lindum Colonia, Britannia prima im Westen mit Corinium Dobunnorum und Maxima Caesariensis im Südosten mit Londinium. Nach der Befriedung 369 entstand unter Valentinian I. möglicherweise zusätzlich oder durch Umbenennung die Provinz Valentia; Lage und Status sind unklar.

In der Spätantike waren Zivil- und Militärverwaltung getrennt. Comitatenses waren mobile Feldtruppen, Limitanei stationäre Grenztruppen. Der Dux Britanniarum befehligte die Nordgrenze, der Comes litoris Saxonici per Britanniam die Kastelle an der Südostküste und der Comes Britanniarum das gesamte britannische Heer. Civitas bezeichnete eine lokale Verwaltungseinheit; die meisten Provinzgebiete wurden durch civitates verwaltet, während Wales und der Nordwesten einschließlich des Hadrianswalls weitgehend militärisch organisiert waren.

Krisen, Abzug und Ende der Herrschaft

Britannien blieb nicht immer ruhig: Es gehörte 260 bis 274 zum Gallischen Sonderreich des Postumus. Carausius errichtete 287 ein Sonderreich aus Britannien und einem Teil Galliens. Nach seiner Ermordung besiegte Constantius Chlorus 296 Allectus und nahm Londinium ein. 306 ließ sich Konstantin der Große nach dem Tod seines Vaters in Eboracum von seinen Truppen zum Kaiser ausrufen. Weitere Usurpationen folgten, unter anderem die des Magnus Maximus 383, der viele Soldaten nach Gallien führte. Stilicho ließ 398/399 noch gegen Pikten und Skoten vorgehen, zog aber bereits 402 wieder Truppen zur Verteidigung Italiens ab.

Im letzten Viertel des 4. Jahrhunderts setzte in Städten und Villen ein Niedergang ein. Funde von Keramik nach 400 sind selten; Münzen nach 402, besonders nach 407, fast nicht mehr vorhanden. Nach dem Rheinübergang 406 riss die Verbindung zur Regierung in Ravenna ab. Die britannischen Truppen erhoben nacheinander Marcus, Gratian und im Herbst 406 Konstantin III. zu Kaisern. Konstantin III. setzte mit fast allen verfügbaren Kampftruppen nach Gallien über. Damit endete die römische Militärpräsenz faktisch, auch wenn wahrscheinlich zunächst einzelne Grenzgarnisonen zurückblieben.

409 sagten sich die britannischen Provinzen von Konstantin III. und damit von Westrom los. Das oft als Ende geltende Jahr 410 wird heute vorsichtiger bewertet: Angehörige von Verwaltung und Garnisonen blieben offenbar noch auf der Insel. Nach traditioneller Lesart forderte Kaiser Honorius die civitates 410 auf, sich selbst zu verteidigen; einige Forschende bezweifeln jedoch, dass sich die Stelle bei Zosimos überhaupt auf Britannien statt auf Bruttium in Italien bezieht.

Romanisierung, Wirtschaft und sub-römisches Britannien

Romanisierung bedeutet die Übernahme römischer Lebensweise, Sprache und Einrichtungen. Die Römer bauten Straßen, Städte und Befestigungen aus, um Militärherrschaft und Steuererträge zu sichern. Besonders im Süden und Osten waren Urbanisierung und römischer Einfluss stark; dort setzte sich Latein bis in untere Bevölkerungsschichten durch, und ab dem 2. Jahrhundert machte die christliche Missionierung Fortschritte. Ob die Römer diese Entwicklung gezielt betrieben oder sie vor allem von lokalen Eliten ausging, ist umstritten.

Wirtschaftlich interessierten sich die Römer besonders für Zinn, Blei und Gold. Sie führten eine ertragreichere Schafrasse aus Kleinasien ein; Londinium war das wirtschaftliche Zentrum. Über den Wohlstand der Insel besteht keine Einigkeit: Autoren des 2. Jahrhunderts hielten Britannien für kostspielig, während die Insel im 3. und 4. Jahrhundert wohl römische Rheinarmeen mit Getreide versorgte und besonders der Süden prosperierte.

Für die Zeit nach 410 gibt es nur wenige zuverlässige Quellen. Die Chronica Gallica nennt 440 beziehungsweise 441 als Zeitpunkt, zu dem Britannien an die Sachsen gefallen sei. Viele Historiker sprechen dennoch von einem etwa 30 Jahre dauernden „sub-römischen Britannien“, in dem die Bevölkerung römische Lebensformen zu bewahren versuchte. Römisch-britische Herrschaften warben wahrscheinlich Angeln, Sachsen und Friesen als foederati, also verbündete Söldner, zur Verteidigung gegen Pikten und Skoten an. Diese Gruppen erhoben sich wohl um 440/441 und begannen, besonders den Osten zu erobern. Umfang und Bedeutung der germanischen Einwanderung sind umstritten.

Kontakte mit Gallien bestanden fort; um 446 baten romanisierte Briten den Heermeister Aëtius vergeblich um Hilfe. Ambrosius Aurelianus hielt um 500 das Vordringen der Angelsachsen nach einem Sieg noch für einige Jahrzehnte auf. Bis in die 570er Jahre wurden die römisch-britischen Gebiete im Wesentlichen auf Wales und Cornwall zurückgedrängt. Dort hielt sich die Bevölkerung länger, doch lateinische Sprache und römischer Kulturcharakter gingen schließlich verloren. Um etwa 600 war die sub-römische Kultur fast verschwunden; ob das Christentum in angelsächsisch beherrschten Gebieten vollständig verschwand, ist dagegen umstritten. De iure gaben die Römer ihren Anspruch auf Britannien nie auf: Noch um 540 betrachtete Justinian I. die Insel grundsätzlich als Teil des Imperiums.

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