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Limes (Römisches Reich)

Neben der Funktion als militärisches „Frühwarnsystem“ dienten die limites als Zollgrenzen und ihre Grenzübergänge als „Marktplätze“ für den Außenhandel mit dem …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundfunktion
  2. 2. Überwachung, Truppen und Abwehr
  3. 3. Entwicklung bis zur Krise des 3. Jahrhunderts
  4. 4. Reorganisation in Spätantike
  5. 5. Befestigungen und wichtige europäische Abschnitte
  6. 6. Orient, Nordafrika und Ende des Limes

Begriff und Grundfunktion

Der Limes bezeichnet die vom Römischen Reich zwischen dem 1. und 6. Jahrhundert n. Chr. angelegten Grenzwälle und militärischen Grenzsicherungssysteme in Europa, Vorderasien und Nordafrika. Im militärischen Sinn konnte ein Limes zunächst auch eine Straße oder Schneise zur Erschließung strategisch wichtiger Gebiete und des Feindeslandes sein. Im Lauf der Zeit entwickelte er sich von einer Marsch- und Patrouillenlinie zu einer Grenzzone mit Kontroll-, Überwachungs- und Verkehrsaufgaben.

Die Ausführung hing von Landschaft, Siedlungsdichte und Bedrohung ab. Rhein, Donau, Euphrat und Tigris bildeten natürliche Flussgrenzen, die als ripa oder „Flusslimes“ bezeichnet werden. In Nordafrika und im Osten bestanden oft lockere Ketten aus Kastellen, Wachtürmen, Straßen und Sperrwerken. In Britannien und teilweise in Raetien entstanden durchgehende Steinmauern; in Obergermanien und Raetien gab es auch Palisaden, Gräben und Erdwälle.

Der Limes war keine reichsweit einheitlich geplante oder überall undurchlässige Verteidigungslinie. Er sollte vor allem den täglichen Waren- und Personenverkehr auf bestimmte Übergänge lenken, Zölle ermöglichen, Nachrichten übermitteln und die Reichsgrenze sichtbar machen. Grenzübergänge dienten zugleich als Kontrollstellen und Marktplätze für den Handel mit dem Barbaricum. Deshalb wird der Limes heute überwiegend als politische, wirtschaftliche und bevölkerungspolitische Steuerungs- und Kontrolllinie verstanden, nicht nur als Bollwerk gegen Angriffe. Er förderte außerdem die Romanisierung und die Entstehung von Städten und neuen Gesellschaftsstrukturen in den Grenzregionen.

Überwachung, Truppen und Abwehr

Die unmittelbare Grenzüberwachung übernahmen Hilfstruppen (auxilia). Infanterieeinheiten waren in Kohorten, Reitereinheiten in Alen organisiert; kleinere, leicht bewaffnete Numeri wurden aus der einheimischen Bevölkerung rekrutiert und häufig in Kleinkastellen und Wachtürmen eingesetzt. Die Legionen lagen meist im Hinterland und wurden bei Großangriffen oder Feldzügen eingesetzt. An Rhein und Donau unterstützten Flotten sowie Infanterie- und Reitertruppen die Überwachung.

Wachtürme standen in Sichtverbindung. Bei Gefahr wurden Signale mit tubae, Spiegeln, Rauch oder Fackeln an benachbarte Türme und Kastelle weitergegeben. Ein Turm konnte bis zu acht Mann Besatzung haben, die mehrere Wochen Dienst versahen und Patrouillen durchführten. Vor Befestigungen lagen teilweise Annäherungshindernisse wie zugespitzte Holzpflöcke in Gruben, die Lilia.

Eine lückenlose Abwehr war wegen der großen Entfernungen nicht möglich. Rom kombinierte daher militärische Präsenz mit Diplomatie, Bündnissen (foedera), Geldzahlungen, Waffenlieferungen und Pufferzonen unter romfreundlichen Königen oder Stammesführern. Kleinere Einfälle sollten durch lokale Einheiten und rasch zusammengezogene Truppen abgefangen werden; größere Bedrohungen beantwortete Rom mit Expeditions- oder Vergeltungsfeldzügen. Im 1. und 2. Jahrhundert umfassten die meisten Angriffe wahrscheinlich nur einige hundert Krieger, doch ein Angriff auf breiter Front konnte die Grenztruppen überfordern.

Entwicklung bis zur Krise des 3. Jahrhunderts

Feste Grenzanlagen wurden notwendig, als die römische Expansion im beginnenden Prinzipat an Grenzen stieß. Nach der Eroberung Galliens bis zum Rhein und der Annexion von Gebieten an der Donau verlegte Augustus die Legionen in feste Grenzgarnisonen. Die Varusschlacht von 9 n. Chr. beendete die dauerhafte Eroberung Germaniens östlich des Rheins; um 16 n. Chr. zogen sich die Römer hinter Rhein und Donau zurück. In Britannien begann die Eroberung 43 n. Chr.; in Nordafrika, am Euphrat und Tigris mussten ebenfalls große, dünn besiedelte Räume kontrolliert werden.

Im 1. Jahrhundert entstanden an Rhein und Donau Kastell- und Wachturmk||||ketten. Die flavischen Kaiser annektierten das Dekumatland und sicherten es mit Schneisen, Straßen, Kastellen und Wachtürmen. In Britannien folgten auf die Gask Ridge und die Stanegatestraße der Antoninuswall und später der Hadrianswall. Im Osten blieb der Limes wegen Wüsten, wechselnder Gebietsgewinne und der Kämpfe mit Parthern und später Sassaniden meist eine offene Kette von Straßen, Städten und Stützpunkten.

Unter Hadrian (117–138) nahm der Limes seine für die Folgezeit prägende Gestalt an. Hadrian gab wenig profitable Eroberungen auf und setzte auf die Sicherung bestehender Grenzen. 120 besuchte er die Rheingrenze und überprüfte persönlich die Legionen. Bis zu seinem Tod 138 war ein weit ausgebautes Netz aus Straßen, Kastellen und Wallanlagen entstanden. Im späten 2. Jahrhundert erschütterten die Antoninische Pest und die Markomannenkriege dieses System. 172 gewann Rom die Initiative zurück, musste aber zunehmend germanische Gruppen als Siedler, coloni, und Soldaten einsetzen. Commodus ließ um 185 an der unteren Donau weitere Kastelle gegen die „clandestini latrunculi“ errichten.

Reorganisation in Spätantike

Im 3. Jahrhundert verschärften sich die Probleme durch koordinierte germanische Beutezüge, Angriffe der Sassaniden und römische Bürgerkriege. 224–226 entstand das Sassanidenreich; 231 drangen persische Armeen bis nach Kappadokien vor. Als Truppen aus dem Norden abgezogen wurden, überschritten Alamannen 233 den Limes in Obergermanien und Raetien. 235 begann die Zeit der Soldatenkaiser. 260 geriet Kaiser Valerian in persische Gefangenschaft; danach brach die Grenzverteidigung in Raetien weitgehend zusammen, und das Dekumatland wurde aufgegeben.

Diokletian (284–305) leitete die Neuordnung ein. Ab etwa 290 entstanden neue Befestigungen an Rhein, Donau und Iller. Die Grenze wurde von exponierten Gebieten wie Dakien und dem Dekumatland auf leichter zu sichernde Flusslinien zurückgenommen. Um 300 wurde das Heer endgültig in stationäre Limitanei beziehungsweise Ripenses an Flussgrenzen und mobile Comitatenses geteilt. Die Grenztruppen sollten kleinere Überfälle abwehren und wichtige Kastelle, Städte und Passübergänge halten; das Bewegungsheer sollte größere Einbrüche bis ins Reichsinnere verfolgen.

Die Truppenstärke stieg unter Diokletian schätzungsweise von 300.000 auf 435.000 Soldaten und später möglicherweise bis zu 600.000. Konstantin I. (306–337) setzte die Grenzkriege fort und förderte den Festungsbau. Unter Valentinian I. wurden die westlichen Grenzen um 370 erneut verstärkt. Der Donau-Iller-Rhein-Limes diente nun vor allem Verteidigungszwecken: Seine Kastelle hatten starke, an das Gelände angepasste Mauern und wurden durch Burgi, Wach- und Signaltürme ergänzt. Die Reformen verbesserten die Reaktionsfähigkeit, konnten aber die strukturellen und finanziellen Belastungen des Reiches nicht dauerhaft lösen.

Befestigungen und wichtige europäische Abschnitte

Die Römer verwendeten örtlich verfügbares Holz, Stein, Lehm, Ziegel, Schilf und Mörtel. Eine reichsweite Norm gab es nicht; Kastelle und Türme unterschieden sich je nach Landschaft und Aufgabe. In der Spätantike wurden Anlagen meist kleiner, aber stärker befestigt. Vorkragende Hufeisen- und Fächertürme ermöglichten den Einsatz von balistae gegen Angreifer.

Der Hadrianswall war in seiner Endausbaustufe fast 120 km beziehungsweise etwa 80 römische Meilen lang. Er besaß insgesamt 80 Walltore, 14 Kastelle und 320 Türme. In Abständen von einer römischen Meile lagen milecastles, dazwischen jeweils zwei Wachtürme; nördlich und südlich verliefen Gräben. Der obergermanisch-rätische Limes war etwa 550 km lang und reichte von Rheinbrohl bis Hienheim an der Donau. Das Dekumatland wurde zwischen 260 und 285 geräumt.

In Britannien sicherten Gask Ridge, Stanegatestraße, Antoninuswall und Hadrianswall die nördlichen Gebiete; die Flotte Classis Britannica überwachte die Gewässer. Die Sachsenküste entstand im 3. Jahrhundert als Kette von Kastellen, Türmen und Hafenstädten gegen angelsächsische Piraten. Der niedergermanische Limes war eine ripa am Rhein mit Kastellen, Häfen und Militärstraße, aber ohne durchgehende Mauer oder Palisade.

An der Donau bildeten Noricum, Pannonien und Moesien vor allem Flussgrenzen. Pannonien besaß zusätzliche Brückenkopfkastelle und Vorfeldsicherungen; der Limes Sarmatiae bestand aus kilometerlangen Erdwällen und Gräben und sollte als Pufferzone dienen. Dakien wurde 275 nach fast 170 Jahren römischer Herrschaft aufgegeben. Der moesische Limes reichte von Belgrad bis zur Donaumündung und bestand bis ins 7. Jahrhundert, wobei die meisten Anlagen durch die Hunnen und später Awaren zerstört wurden. Die mehr als 80 km langen Claustra Alpium Iuliarum sicherten die Alpenpässe nach Italien.

Orient, Nordafrika und Ende des Limes

Im Vorderen Orient verlief der Limes vor allem an Euphrat, Tigris und Chabur sowie am Übergang von fruchtbarem Land zur Wüste. Straßen, Kastelle, Städte, Wasserstellen und Karawanenrouten waren wichtiger als eine durchgehende Mauer. Die strata Diocletiana wurde um 290 von Damaskus über Soura nach Palmyra angelegt und durch Türme und Kastelle geschützt. Die Orientarmee umfasste fünf Legionen in Samosata, Zeugma, Raphaneia, Bosra und Jerusalem sowie viele Hilfstruppen und Kataphrakten. In Armenien blieb die Grenze zwischen Rom und den Sassaniden umstritten: 387 fielen vier Fünftel des Landes an die Sassaniden, 591 annektierte Rom Persarmenien, 629 wurde die alte Grenze wiederhergestellt.

Ägypten war ein Sonderfall. Die Truppen konzentrierten sich vor allem bei Alexandria, um die Getreideversorgung Roms zu sichern; weitere Lager lagen entlang des Nils und an Wüsten- und Karawanenrouten. In Tripolitanien bestand ein tiefgestaffeltes System aus Kleinkastellen, clausurae, Türmen, Zollstationen, Wehrdörfern und befestigten Bauernhöfen. Es wurde 202–211 unter Septimius Severus ausgebaut und um 430/440 vermutlich aufgegeben. In Africa und Numidien gab es unter anderem ein fast 300 km langes, nicht zusammenhängendes Wall- und Grabensystem, das fossatum Africae. Die Mauretanien sicherten vor allem die wirtschaftlich wichtigen Küstengebiete.

Im 5. Jahrhundert schwächte der Verlust von Truppen und Steuereinnahmen den westlichen Limes. 406 überschritten Vandalen den Rhein; 435 erhielten sie Siedlungsrechte in Mauretanien und Numidien, 439 eroberten sie Karthago. Der Limes zerfiel nicht überall sofort: Am Rhein bestanden Kastelle und Truppen teilweise bis 459 oder 486/87 fort, häufig gingen Garnisonen aber in lokale Bürgerwehren über. Ostrom hielt die Grenzverteidigung länger aufrecht. Anastasius und Justinian ließen im 6. Jahrhundert zahlreiche Anlagen erneuern oder neu errichten. Um 600 beziehungsweise ab 602 überrannten Awaren und Slawen den unteren Donaulimes. Mit der Islamischen Expansion im 7. Jahrhundert endete die spätantike Phase der römischen Limites.

Lernvideos zu Limes (Römisches Reich)

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