Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Psychopathographie Adolf Hitlers
Bereits zu seinen Lebzeiten, aber auch weit über seinen Tod hinaus wurde Hitler immer wieder mit klinisch relevanten Störungsbildern wie Hysterie, Psychopathie …
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Grundproblem
Die Psychopathographie Adolf Hitlers umfasst psychiatrische und pathographische Fachliteratur, die die These behandelt, Adolf Hitler (1889-1945) sei psychisch erkrankt gewesen. Hitler wurde bereits zu Lebzeiten und auch nach seinem Tod mit Störungsbildern wie Hysterie, Psychopathie, megalomaner und paranoider Schizophrenie in Verbindung gebracht. Zu den Autoren solcher Diagnosen gehören unter anderem Walter C. Langer und Erich Fromm; andere Forscher wie Fritz Redlich kamen dagegen zu dem Eindruck, Hitler sei nicht psychisch gestört gewesen.
Das Thema ist methodisch und ethisch problematisch. Eine Diagnostik ex post bedeutet, dass die wichtigste psychiatrische Methode, die direkte Exploration, nicht möglich ist. Hans Bürger-Prinz nannte Ferndiagnostik außergewöhnlicher Persönlichkeiten einen „verhängnisvollen Missbrauch der Psychiatrie“. Bei Hitler kommt hinzu, dass dünn belegte Spekulationen leicht öffentlich wirksam werden können. Außerdem warnen manche Autoren, eine Pathologisierung könne Hitler teilweise von Verantwortung entlasten; andere befürchten umgekehrt, die Schuld werde zu stark auf den „wahnsinnigen“ Diktator verschoben und die Rolle der Anhänger, Eliten und Gesellschaft verharmlost.
Ein weiterer Streitpunkt ist, ob psychologische Erklärungen historisch überhaupt genug leisten. Hannah Arendt prägte im Zusammenhang mit Adolf Eichmann die Formel von der „Banalität des Bösen“ und betonte, dass psychische Normalität und Massenmord bei einem nationalsozialistischen Täter kein Widerspruch sein müssen. Historiker wie Hans-Ulrich Wehler kritisierten psychohistorische Arbeiten, wenn sie historische Zusammenhänge vernachlässigen. Andere fragten, wie ein möglicherweise psychisch gestörter Hitler eine große begeisterte Anhängerschaft gewinnen konnte. Matussek/Matussek/Marbach versuchten 2000, Hitlers mögliche individuelle Psychopathologie mit der Faszination seiner Anhänger zusammenzudenken.
Hysterie und Pasewalk
Ein wichtiger Ausgangspunkt vieler Spekulationen ist Hitlers Aufenthalt im Reservelazarett Pasewalk Ende 1918. Hitler kam nach einer Senfgasvergiftung dorthin, die er in Flandern erlitten hatte. In „Mein Kampf“ verband er den Lazarettaufenthalt mit einer vorübergehenden Erblindung, der Nachricht von Novemberrevolution und Kriegsniederlage sowie einem erneuten Erblindungsrückfall. Dies wurde später als Wendepunkt dargestellt, an dem er sich zum Politiker berufen gefühlt habe.
Ob Hitler je von einem Psychiater untersucht wurde, ist nicht nachgewiesen. Psychiatrische Unterlagen fehlen vollständig; das Krankenblatt aus Pasewalk galt schon Ende der 1920er Jahre als verschollen. Einige zeitgenössische Psychiater hielten einen organisch nicht erklärbaren Erblindungsrückfall für ein hysterisches Symptom. „Hysterie“ war damals eine verbreitete Diagnose, wird in der modernen Psychiatrie aber nicht mehr verwendet; ähnliche Erscheinungen werden heute eher dissoziativen Störungen oder histrionischen Persönlichkeitsstörungen zugeordnet.
1943 erstellte ein Team um Walter C. Langer für den US-Geheimdienst OSS Berichte über Hitlers Persönlichkeit. In „A Psychiatric Study of Hitler“ wurde vermutet, Hitler sei in Pasewalk von Edmund Forster behandelt und als „hysterisch“ diagnostiziert worden. Als Quelle diente unter anderem Karl Kroner, der 1918 im Lazarett tätig war. Später verbanden Autoren diese These mit Ernst Weiß’ Roman „Ich, der Augenzeuge“ von 1963, der die Heilung eines „hysterischen“ Kriegsblinden A. H. schildert. Für die Annahme, der Roman beruhe auf Insiderwissen, fehlen jedoch Nachweise.
Zahlreiche Autoren entwickelten daraus die Behauptung einer Hypnosetherapie durch Forster. Genannt werden unter anderem Rudolph Binion, David E. Post, David Lewis, Manfred Koch-Hillebrecht, Bernhard Horstmann und Franziska Lamott. Kritiker wie Peter Theiss-Abendroth und Jan Armbruster zeigten dagegen, dass die Geschichte von 1943 bis 2006 immer neue Details erhielt, ohne durch neue historische Dokumente gesichert zu werden. Walter C. Langer selbst diagnostizierte 1943 Hitler als „Hysteriker am Rande der Schizophrenie“ und sagte voraus, Hitler werde bei absehbarer Niederlage Suizid begehen, was 1945 tatsächlich geschah.
Schizophrenie und organische Erklärungen
Viele Psychiater deuteten Hitlers Überzeugungen und Verhalten, etwa seinen Glauben, vom Schicksal zur Rettung des deutschen Volkes vor den Juden auserwählt zu sein, als mögliche Zeichen einer Psychose oder Schizophrenie. W. H. D. Vernon bescheinigte Hitler 1942 Halluzinationen, Stimmenhören, Verfolgungs- und Größenwahn, sah seine Persönlichkeitsstruktur aber insgesamt noch im Bereich des Normalen und als paranoid geprägt. Henry Murray beschrieb 1943 neben hysterischen Anzeichen klassische Symptome einer Schizophrenie wie Hypersensibilität, Panikattacken, irrationale Eifersucht, Verfolgungswahn, Allmachtphantasien, Größenwahn und extreme Paranoia. Er betonte zugleich, Hitler habe seine pathologischen Tendenzen kontrolliert und politisch eingesetzt.
Wolfgang Treher vertrat 1966 in „Hitler, Steiner, Schreber“ die These, Hitler habe an Schizophrenie gelitten. Er sah Größen- und Verfolgungswahn als deutlich erkennbar und analysierte vor allem „Mein Kampf“, Reden und Proklamationen. Edleff Schwaab beschrieb 1992 Hitlers Vorstellungswelt, besonders seine Obsession mit der vermeintlichen jüdischen Bedrohung, als Resultat einer Paranoia. Matussek/Matussek/Marbach stellten 2000 weniger eine Einzeldiagnose in den Mittelpunkt als das Wechselverhältnis zwischen Hitlers psychotisch aufgeladener Führerrolle und der Faszination seiner Anhänger.
Die empirisch aufwendigste psychologische Bewertung stammt von Frederic L. Coolidge, Felicia L. Davis und Daniel L. Segal aus dem Jahr 2007. Sie sammelten Berichte von Personen, die Hitler gekannt hatten, und werteten sie mit einem diagnostischen Instrument aus. Ergebnis war, Hitler habe starke Züge paranoider Schizophrenie sowie antisozialer, sadistischer und narzisstischer Persönlichkeitsstörungen und einer ausgeprägten posttraumatischen Belastungsstörung gezeigt.
Daneben wurden organische Ursachen diskutiert. Günter Hesse vermutete Spätfolgen der Gasvergiftung im Ersten Weltkrieg. Ellen Gibbels untersuchte, ob Hitlers Parkinson-Krankheit auch psychische Folgen gehabt habe. Das Zittern in seinen letzten Lebensjahren wurde außerdem als mögliches Zeichen einer Syphilis gedeutet, etwa von Deborah Hayden; Fritz Redlich betonte dagegen, es gebe keine Hinweise auf Syphilis. Leonard L. Heston und Renate Heston berichteten 1980 von regelmäßiger Einnahme beziehungsweise Injektion von Amphetaminen, besonders Pervitin, deren Nebenwirkungen psychotische Symptome wie paranoide Wahnvorstellungen sein können. Norman Ohler griff 2015 eine Drogenerklärung auf; seine Darstellung wurde als sensationsorientiert kritisiert.
Psychopathie und Tiefenpsychologie
Wegen der Unmenschlichkeit seiner Verbrechen wurde Hitler auch mit „Psychopathie“ verbunden. Gemeint ist eine schwere Persönlichkeitsstörung mit weitgehendem oder vollständigem Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen. In modernen Klassifikationssystemen wie DSM-IV und ICD-11 wird eher von antisozialer Persönlichkeitsstörung gesprochen. Gustav Bychowski verglich Hitler 1948 mit Julius Caesar, Oliver Cromwell, Robespierre und Josef Stalin und sah bei erfolgreichen Staatsstreichführern „psychopathische“ Züge, etwa das Ausagieren von Impulsen oder die Projektion eigener Feindseligkeit auf andere. Desmond Henry, Dick Geary und Peter Tyrer vertraten 1993 die Ansicht, Hitler habe an einer antisozialen Persönlichkeitsstörung im Sinne der ICD-10 gelitten; Tyrer nahm zusätzlich Paranoia und histrionische Merkmale an.
Tiefenpsychologische Autoren interessierten sich oft weniger für eine eindeutige klinische Diagnose als für unbewusste Motive und Kindheitserfahrungen. Erich Fromm beschrieb Hitler 1973 in „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ als unreifen, selbstbezogenen Träumer, der seinen kindlichen Narzissmus nicht überwunden habe und Erniedrigungen durch Zerstörungslust, von Fromm „Nekrophilie“ genannt, zu bewältigen versucht habe. Helm Stierlin deutete 1975 Hitlers Beziehung zu seiner Mutter Klara Hitler als zentral: Sie habe ihren Sohn nach seiner Ansicht delegiert, unerfüllbare Ansprüche zu erfüllen.
Alice Miller sah 1980 Hitlers Elternhaus, dominiert vom autoritären und brutalen Vater Alois Hitler, als „Prototyp eines totalitären Regimes“. Demütigung, Erniedrigung und Prügel hätten nach ihrer These die spätere hassvolle und zerstörerische Persönlichkeit geprägt. Norbert Bromberg und Verna Volz Small fanden 1983 Hinweise auf eine narzisstische und eine Borderline-Persönlichkeit, wurden aber wegen spekulativer Quellenkritik kritisiert. George Victor leitete 1999 Hitlers Selbsthass und Judenhass aus Misshandlungen durch den Vater ab. Béla Grunberger und Pierre Dessuant untersuchten 2000 Hitlers Narzissmus anhand stark psychoanalytischer Deutungen, unter anderem von Sexualpraktiken und Verstopfungsproblemen.
Trauma und Einzelthesen
Theodore Dorpat schrieb Hitler 2003 eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung zu. Eine posttraumatische Belastungsstörung ist eine psychische Folge schwerer traumatischer Erfahrungen. Dorpat sah die Ursachen in einem chronischen Kindheitstrauma durch körperliche und seelische Misshandlung des Vaters, erzieherischem Versagen der depressiven Mutter und einem mehrjährigen Fronttrauma im Ersten Weltkrieg. Daraus erklärte er spätere Züge wie Sprunghaftigkeit, Böswilligkeit, sadomasochistische Beziehungsformen, menschliche Gleichgültigkeit und Vermeidung von Scham. Gerhard Vinnai betonte 2004 ebenfalls Hitlers Kriegstraumatisierung und fragte sozialpsychologisch, wie diese in sein politisches Weltbild einging und warum sie Massen faszinieren konnte.
Einige Diagnosen blieben isolierte Positionen. Colin Martindale, Nancy Hasenfus und Dwight Hines vermuteten 1976 eine Unterfunktion der linken Hirnhemisphäre und eine Dominanz der rechten Hirnhälfte. Robert G. L. Waite deutete Hitler 1977 als Fall einer damaligen „Borderline-Persönlichkeitsstörung“, die noch nicht der heutigen Bedeutung entsprach, sondern einen Grenzbereich von Neurose und Schizophrenie meinte. John D. Mayer schlug 1993 für zerstörerische Persönlichkeiten wie Hitler die Kategorie „Dangerous Leader Disorder“ vor, mit den Merkmalgruppen Gleichgültigkeit, Intoleranz und Selbstüberhöhung. Jablow Hershman und Julian Lieb sahen 1994 eine bipolare, also manisch-depressive Störung. Michael Fitzgerald stufte Hitler 2004 als „autistischen Psychopathen“ im Sinn des Asperger-Syndroms ein, wobei „Psychopathie“ hier nicht antisoziale Persönlichkeitsstörung bedeutet.
Gegenpositionen
Mehrere Autoren bestritten, dass Hitler ernsthaft geistig gestört gewesen sei, und beschrieben ihn eher als zynischen Manipulator oder Fanatiker. Genannt werden die Historiker Alan Bullock, Hugh Trevor-Roper und Alan J. P. Taylor sowie der Psychiater Manfred Lütz. Glenn D. Walters schrieb 2000, vieles an der Debatte über Hitlers langfristige geistige Gesundheit sei fraglich; selbst wenn Hitler erhebliche psychiatrische Probleme gehabt hätte, habe er die höchste Macht in Deutschland eher trotz dieser Schwierigkeiten als durch sie erlangt.
Erik H. Erikson fand zwar Hinweise auf ungelöste psychische Konflikte und nannte Hitler einen „histrionischen und hysterischen Abenteurer“, betonte aber, Hitlers schauspielerische Selbstdarstellung entziehe sich gewöhnlichen diagnostischen Mitteln. Terry L. Brink kam 1975 nach Auswertung von Zeitzeugnissen zu dem Schluss, es gebe keine ausreichende Beweisgrundlage für eine psychische Störung; viele Quellen seien durch Propaganda, persönliche Motive oder Erfindungen belastet.
Fritz Redlich legte 1998 nach 13 Jahren Arbeit eine umfassende Untersuchung vor. Er meinte, Hitler habe genug Paranoia und Abwehrmechanismen gezeigt, um „ein psychiatrisches Lehrbuch damit zu füllen“, sei aber wahrscheinlich nicht psychisch gestört gewesen. Seine paranoiden Vorstellungen könnten als Symptome einer Störung gesehen werden, doch der größte Teil seiner Persönlichkeit habe normal funktioniert; Hitler habe gewusst, was er tat, und es „mit Stolz und Begeisterung“ getan. Hans-Joachim Neumann und Henrik Eberle kamen 2009 nach Studien unter anderem der Tagebücher Theo Morells zu dem Schluss: „Für eine medizinisch objektivierbare Geisteskrankheit Hitlers gibt es keine Anzeichen“.