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Psychische Gesundheit von Jesus von Nazaret

Die Frage nach der psychischen Gesundheit des historischen Jesus von Nazaret wurde von mehreren Psychologen, Philosophen, Historikern, Ärzten und …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Fragestellung und Einordnung
  2. 2. Deutungen als psychische Störung
  3. 3. Weitere psychologische Interpretationen
  4. 4. Verteidigung der psychischen Gesundheit

Fragestellung und Einordnung

Der Artikel behandelt die umstrittene Frage, ob der historische Jesus von Nazaret psychisch gesund gewesen sei. Psychologen, Philosophen, Historiker, Ärzte und Schriftsteller haben dazu gegensätzliche Deutungen vorgelegt. Der französische Arzt und Psychologe Charles Binet-Sanglé stellte Jesu psychische Gesundheit als Erster ausführlich in seinem vierbändigen Werk „La Folie de Jésus“ (1908–1915) infrage. Seine Auffassung fand Anhänger und Gegner.

Die Debatte beruht auf Deutungen von Evangelientexten und Berichten über Jesus, nicht auf einer unmittelbaren psychiatrischen Untersuchung. Gerade deshalb betonte etwa Paul Kurtz, dass sich Vermutungen über Jesus nicht durch eine detaillierte psychiatrische Diagnose überprüfen ließen.

Deutungen als psychische Störung

Mehrere Autoren deuteten Aussagen und Handlungen Jesu als Anzeichen einer psychischen Erkrankung. Oskar Panizza beschrieb Christus 1898 als „psycho-pathologischen Fall und Paranoiker“. Georg Lomer erklärte 1905, unter dem Pseudonym George de Loosten, Jesu Verhalten mit einer erblichen Belastung und bezeichnete ihn als „Degenerierten mit bestimmten Wahnvorstellungen“.

Binet-Sanglé diagnostizierte 1908 eine „religiöse Paranoia“. Er begründete dies mit den in den orthodoxen Evangelien beschriebenen Halluzinationen Jesu. Der Psychiater William Hirsch teilte 1912 diese Auffassung: Er nahm Halluzinationen und zunehmenden Größenwahn an und hielt Jesus für „paranoid“. Paranoia bezeichnet hier eine von Wahnvorstellungen geprägte psychische Erkrankung. Auch William Sargant, Raj Persaud und psychoanalytisch orientierte Psychologen wie Georges Berguer stellten Jesu psychische Gesundheit infrage.

Als wichtige Textstelle wird Mk 3,21 EU genannt: Angehörige Jesu wollten ihn mit Gewalt zurückholen, weil sie sagten, er sei „von Sinnen“. Einige Psychiater und Schriftsteller verstanden dies als Urteil, Jesu Familie habe ihn für verrückt gehalten. Paul Kurtz verwies zusätzlich auf Mk 3,22 EU und Joh 10,20 EU, in denen andere Juden Jesus Besessenheit oder Wahnsinn zuschreiben. Für Kurtz wäre Jesus geistesgestört gewesen, falls er tatsächlich einen Anspruch auf Göttlichkeit erhoben habe. Seine apokalyptische Verkündigung – die Erwartung eines nahen Weltendes oder Gottesreiches – verband Kurtz mit Mt 16,28 EU und Mt 24,34–35 EU.

Weitere psychologische Interpretationen

Wilhelm Lange-Eichbaum stellte Jesus 1928 in „Genie, Irrsinn und Ruhm“ als stark egozentrisch, reizbar und gegenüber seiner Familie abweisend dar. Er nahm an, Jesus habe das nahe Ende der Welt und seine eigene Rolle als kommender Messias, Herrscher und Weltenrichter erwartet. Lange-Eichbaum beschrieb ihn als „extrem schizoiden Psychopathen“; damit ordnete er ihm Eigenschaften wie Überempfindlichkeit, Rückzug, Reizbarkeit, depressive Verstimmung und Zornausbrüche zu.

Władysław Witwicki schrieb Jesus Subjektivismus, Überlegenheitsgefühl, Egozentrismus, den Wunsch zur Unterwerfung anderer und Schwierigkeiten in der Kommunikation mit der Außenwelt zu. Nach Kretschmers Konstitutionstypologie ordnete er Jesus einem schizothymen oder sogar schizophrenen Typ zu. Robert Sapolsky vertrat 1997 und 1998 die Ansicht, Jesus habe an einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung gelitten.

Anthony Storr verglich Jesus 1996 in „Feet of Clay“ mit religiösen Führern und Gurus, bei denen psychotische Erkrankungen eine Rolle spielen könnten. Er hielt Jesus wahrscheinlich für einen apokalyptischen Propheten, der die nahe Überwindung des Bösen durch Gott erwartete. Als mögliche Ähnlichkeiten mit Gurus nannte er den inneren Konflikt beim Fasten in der Wüste, eine besondere Offenbarung durch Gott, Elitarismus und geringe Bindung an die Familie, unter anderem im Zusammenhang mit Mk 3,31–35 EU und Mk 13,12–13 EU.

Ein Team der Harvard Medical School verglich 2011 Abraham, Mose, Jesus und Paulus von Tarsus anhand von Störungsclustern und Diagnosekriterien des DSM-IV-TR, eines diagnostischen Klassifikationssystems. Es kam zu dem Ergebnis, dass bei diesen Figuren möglicherweise psychotische Symptome als Anstoß für Offenbarungen vorgelegen hätten. Genannt werden Schizophrenie, schizoaffektive Störung, manische Depression, Wahnstörung, Größenwahn, auditiv-visuelle Halluzinationen, Paranoia, Geschwind-Syndrom sowie Erfahrungen im Zusammenhang mit Temporallappenepilepsie (TLE). Die Autoren vermuteten zudem, Jesus habe eine Verurteilung zum Tod angestrebt („Selbstmord durch Stellvertreter“).

Verteidigung der psychischen Gesundheit

Gegen solche Diagnosen wandten sich Albert Schweitzer und Walter Bundy. Schweitzer kritisierte in seiner Doktorarbeit „Die psychiatrische Beurteilung Jesu: Darstellung und Kritik“ (1913) die Pathographien – krankheitsbezogenen Darstellungen – von De Loosten, Hirsch und Binet-Sanglé. Er erklärte, Jesus habe in der Ideenwelt spätjüdischer messianischer Erwartungen gelebt. Seine Aufgabe sah Schweitzer darin zu prüfen, ob Jesu Messianitätsgeheimnis medizinisch als Wahnidee gelten könne. Bundy lehnte die krankheitsbezogenen Deutungen 1922 in „The psychic health of Jesus“ ebenfalls ab.

Philipp Kneib verteidigte 1908 die psychische Gesundheit Jesu aus katholischer und apologetischer Sicht, also als Verteidigung des Glaubens. Er wandte sich gegen Veröffentlichungen von Oskar Holtzmann, Georg Lomer, Emil Rasmussen und Julius Baumann. Die Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“ verneinte am 5. November 1994 die Frage „E se Gesù si fosse ingannato?“ („Und wenn Jesus sich getäuscht hätte?“). Die Herausgeber hielten Jesus weder für einen Fanatiker noch für einen Größenwahnsinnigen, sondern für geistig gesund und realistisch; daraus schlossen sie, dass er sich als Messias und Sohn Gottes nicht getäuscht habe.

Auch Olivier Quentin Hyder sowie Pablo Martinez und Andrew Sims verteidigen Jesu psychische Gesundheit; Martinez und Sims veröffentlichten 2018 „Mad or God? Jesus: The healthiest mind of all“. Christliche Apologeten wie Josh McDowell und Lee Strobel behandeln ebenfalls die Frage nach Jesu Vernunft. Bart D. Ehrman, der sich als Atheist und Agnostiker bezeichnet, hielt es für möglich, dass Jesus sich als künftigen Messias verstand. Dies mache ihn nach Ehrman jedoch nicht psychisch krank, sondern zu einem ungewöhnlich zuversichtlichen apokalyptischen Juden des ersten Jahrhunderts.

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