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Dissoziative Identitätsstörung

Dissoziative Identitätsstörung. psychische Störung, charakterisiert durch mehrere Persönlichkeitszustände und Amnesie. Artikel · Diskussion.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Definition und Bedeutung
  2. 2. Verbreitung, Ursachen und Symptome
  3. 3. Neurobiologie und Diagnose
  4. 4. Abgrenzung von anderen Störungen
  5. 5. Behandlung und Verlauf
  6. 6. Geschichte, Klassifikation und Medien

Definition und Bedeutung

Die dissoziative Identitätsstörung (DIS) ist eine psychische Störung, bei der nach DSM-5 und ICD-11 verschiedene Persönlichkeitszustände, auch dissoziative Identitäten genannt, abwechselnd die Kontrolle über Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen übernehmen. Diese Identitäten können eigene Charaktereigenschaften, Verhaltensweisen, Fähigkeiten sowie Wahrnehmungs- und Denkmuster haben. Zusätzlich können Erinnerungslücken für Ereignisse oder persönliche Informationen auftreten, die nicht durch gewöhnliche Vergesslichkeit erklärbar sind.

Die DIS hieß früher multiple Persönlichkeit oder multiple Persönlichkeitsstörung. Sie ist nicht dasselbe wie eine Persönlichkeitsstörung oder eine psychotische Störung. In der ICD-11 wird sie als 6B64 geführt; die partielle dissoziative Identitätsstörung als 6B65. In der ICD-10 wurde sie unter F44.81 als multiple Persönlichkeit beziehungsweise multiple Persönlichkeitsstörung eingeordnet. Die Störung ist wichtig, weil sie oft mit anderen psychischen Symptomen verbunden ist, schwer zu erkennen sein kann und eine sorgfältige Abgrenzung von anderen Störungen verlangt.

Verbreitung, Ursachen und Symptome

Die Häufigkeit der DIS wurde aufgrund mehrerer Studien auf 0,5 bis 1 Prozent in der Gesamtbevölkerung und auf 5 Prozent bei stationären psychiatrischen Patienten geschätzt. Eine Publikation von 1993 nannte ein Verhältnis von Frauen zu Männern von 9:1. Eine Übersichtsarbeit zu Fällen aus den Jahren 2000 bis 2010 betonte jedoch, dass die internationale Verbreitung wegen stark verzerrter Datenlage, unter anderem mit Schwerpunkt Nordamerika, nicht zuverlässig beschrieben werden könne. Diagnosen außerhalb von Therapien kamen demnach fast nie vor.

Zur Entstehung gibt es unterschiedliche Erklärungen. Die Trauma-Hypothese geht davon aus, dass schwere Störeinflüsse in der Kindheit, etwa Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuelle Übergriffe, die Entwicklung einer integrierten Persönlichkeit beeinträchtigen können. Besonders bedeutsam seien sehr frühe traumatische Erfahrungen vor dem Alter von fünf Jahren. Dadurch könnten Gedächtnisinhalte abgespalten und wechselnde Identitäten entstehen. Manche Autoren sehen die DIS deshalb als Traumafolgestörung.

Die soziokognitive Hypothese verweist dagegen auf Unstimmigkeiten: Sehr wenige Kinder erhielten diese Diagnose, obwohl sie ab dem Alter von drei Jahren auftreten könne; es wurden Identitäten in Form von Tieren oder Fabelwesen berichtet; während Therapien und bis in die 1990er Jahre nahm die Zahl der Identitäten pro Person zu; außerdem sind Pseudoerinnerungen dokumentiert. Einige Autoren folgerten, therapeutische Suggestion könne eine wichtige Rolle spielen. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2014 kam zu dem Ergebnis, dass gesunde Versuchspersonen, die eine DIS simulieren sollten, und diagnostizierte Personen bei Hauptsymptomen weitgehend ununterscheidbar waren; dies stütze eher die soziokognitive Hypothese als die Trauma-Hypothese.

Typisch sind wechselnde Identitäten mit eigenem Selbstbild und Selbstkonzept, Erinnerungslücken sowie häufig Symptome ähnlich einer posttraumatischen Belastungsstörung. Zusätzlich treten oft Depressionen, Angst-, Schlaf- und Essstörungen, Sucht- und Zwangserkrankungen, somatoforme Störungen, ängstlich-vermeidendes Verhalten und Borderline-Verhalten auf. Zwischen den Identitäten können sich empfundenes Alter, Geschlecht oder Handschrift unterscheiden. Viele Betroffene erkennen Identitätswechsel lange nicht als solche, weshalb die DIS oft unerkannt bleibt oder falsch diagnostiziert wird.

Neurobiologie und Diagnose

Die Neurobiologie der DIS wird unter anderem mit bildgebenden Verfahren untersucht. Bei Identitätswechseln wurden Veränderungen körperlicher Werte des vegetativen Nervensystems beschrieben, zum Beispiel Puls, Blutdruck, Muskelspannung und Sehschärfe. Außerdem wurden wiederholt markante Wechsel in der Gehirnaktivität festgestellt. Bestimmte anatomische Abweichungen im Gehirn wurden ebenfalls berichtet, beziehen sich aber auf statistische Gruppendaten und nicht auf sichere Merkmale einzelner Personen.

Die Diagnose erfolgt über die Krankengeschichte, gegebenenfalls mit Eigen- und Fremdanamnese. Sie gilt als anspruchsvoll, weil die Persönlichkeitszustände häufig getrennt erlebt werden und zum Teil verborgen bleiben. Dadurch ist das Risiko einer Fehldiagnose erhöht.

Wenn ein Persönlichkeitszustand dominant ist und im Alltag normalerweise funktioniert, aber dissoziatives Wiedererinnern anderer Persönlichkeitszustände vorkommt, kann eine partielle dissoziative Identitätsstörung in Betracht kommen. Dabei übernehmen verschiedene Persönlichkeitszustände die exekutive Kontrolle über Bewusstsein und Verhalten höchstens gelegentlich, begrenzt und vorübergehend. In der ICD-11 ist dies 6B65; in der ICD-10 entspricht es F44.9, dissoziative Störung beziehungsweise Konversionsstörung, nicht näher bezeichnet.

Abgrenzung von anderen Störungen

Die DIS muss von mehreren Störungen unterschieden werden. Bipolare Störungen können ebenfalls starke Stimmungsschwankungen zeigen. Bei ihnen verlaufen diese Schwankungen jedoch episodisch und sind nicht mit dissoziativen Amnesien verbunden. Bei der DIS beruhen sie auf dem Wechsel zwischen Identitätszuständen.

Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) teilt mit der DIS Symptome wie Flashbacks und dissoziative Erlebnisse. Bei der PTBS bleibt die Identität jedoch einheitlich, und fragmentierte Erinnerungen betreffen vor allem das Trauma. Bei der DIS können auch Alltagserinnerungen betroffen sein. Die komplexe PTBS überschneidet sich zusätzlich durch Affektdysregulation, negatives Selbstkonzept und Beziehungsprobleme, zeigt aber keine multiplen Identitätszustände und keine vergleichbar ausgeprägten Gedächtnislücken.

Psychotische Störungen wie Schizophrenie können wegen Stimmenhören oder ungewöhnlicher Wahrnehmungen ähnlich wirken. Bei der DIS werden Stimmen als innere Anteile verstanden und der Realitätsbezug bleibt erhalten; bei Schizophrenie liegen echte Halluzinationen und Wahnvorstellungen vor. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung kann stressbezogene Dissoziation und Identitätsprobleme zeigen, aber keine multiplen Identitätszustände mit Kontrollwechseln und ausgeprägten Amnesien.

Auch Substanzen oder Medikamente können Amnesien und verändertes Verhalten auslösen. Bei der DIS treten solche Phänomene ohne Substanzeinfluss auf, wobei substanzinduzierte Störungen auch komorbid vorkommen können. Funktionelle neurologische Störungen und epileptische Anfälle können Amnesien, unwillkürliche Bewegungen oder veränderte Bewusstseinszustände erzeugen; EEG-Untersuchungen helfen bei der Abgrenzung. Bei artifiziellen Störungen und Simulation werden Symptome absichtlich vorgetäuscht. Entscheidend ist hier der Nachweis bewusster Täuschungsabsicht; in Gerichtsverfahren wird eine angebliche DIS selten akzeptiert und kritisch geprüft.

Behandlung und Verlauf

Für die Behandlung wird ein eklektischer Therapieansatz empfohlen, der psychodynamische, kognitiv-behaviorale, hypnotherapeutische und traumaadaptierte Vorgehensweisen umfasst. Genannt werden unter anderem die Ego-State-Therapie von John und Helen Watkins und die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) von Luise Reddemann und anderen. Begleitend können Ergo- und Kunsttherapie eingesetzt werden.

Die Psychotherapie soll die Lebensqualität verbessern, Gegensätze zwischen Persönlichkeitszuständen besser bewältigbar machen und die Selbstregulation stärken. Wenn Patientinnen oder Patienten es wünschen, kann die Integration verschiedener Persönlichkeitszustände unterstützt werden. Wichtige Prioritäten sind Stabilisierung und Sicherheit, Traumabearbeitung zur Reduktion PTBS-artiger Symptome und gegebenenfalls Integration. Behandelt werden außerdem Reaktionsmuster bei Gefahr und Trauma, Entwicklungsunterbrechungen in Kindheit und Jugend sowie Bindungs- und Abgrenzungsverhalten.

Fachlich besteht Einigkeit über ein phasenorientiertes Vorgehen: Zuerst soll Stabilisierung erreicht werden, bevor traumatisches Material gezielt bearbeitet wird. Als Therapie der Wahl wurde eine individuelle ambulante Langzeitpsychotherapie mit zwei Stunden pro Woche über mehrere Jahre beschrieben; auch Kombinationen aus ambulanter und stationärer Intervalltherapie haben sich klinisch bewährt. Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gibt es unterschiedliche Richtlinien.

Als wahrscheinlich schädlich werden Psychotherapien eingeschätzt, die bestehende Identitäten als tatsächlich existierende Personen behandeln und dadurch weitere „alter“-Persönlichkeiten auslösen können. Deprogrammierung und Recovered-Memory-Techniken gelten wegen möglicher falscher Erinnerungen als potenziell schädlich oder symptomverschlimmernd. Stand September 2026 gibt es kein evidenzbasiert wirksames Medikament gegen die DIS selbst. Medikamente wie Antidepressiva oder Neuroleptika werden nur zur Behandlung von Begleitstörungen und nach individueller Symptomatik eingesetzt. Der Verlauf ist sehr unterschiedlich; manche Betroffene können hohe akademische und berufliche Leistungen erbringen. Eine Übersichtsstudie von 2023 beschreibt bei ausreichendem Wissen und wirksamer Therapie die Möglichkeit eines erfüllten Lebens.

Geschichte, Klassifikation und Medien

Diskussionen über dissoziative Identitäten gab es bereits bei französischen Psychiatern und Philosophen der Jahre 1840 bis 1880. Pierre Janet prägte 1889 den Begriff Dissoziation als „Desintegration und Fragmentierung des Bewusstseins“. Er verstand traumatische Reaktionen als Störung des Gedächtnisses, bei der traumatische Erinnerungen nicht in bestehende kognitive Strukturen integriert werden und es zu Abspaltung von Bewusstsein und Willenskontrolle sowie zu dissoziativer Amnesie kommen kann.

1973 erschien Sybil von Flora Rheta Schreiber, ein Bericht über eine Patientin mit 16 Persönlichkeitszuständen, der ein Bestseller wurde. Danach meldeten sich in den USA mehrere Hundert Menschen mit ähnlichen Angaben. Später wurde das Buch wegen Behandlungsmethoden wie Erzeugung von Medikamentenabhängigkeit und Elektroschock sowie wegen kommerzieller Interessen als unzuverlässig und irreführend kritisiert.

In der Klassifikation wurde die Störung 1980 im DSM-III als multiple Persönlichkeit erstmals eigenständig definiert. 1987 hieß sie im DSM-III-R multiple Persönlichkeitsstörung, seit DSM-IV 1994 dissoziative Identitätsstörung. In der ICD erschien sie 1993 in der ersten ICD-10-Version als multiple Persönlichkeitsstörung, später als multiple Persönlichkeit und mit der ICD-11, beschlossen 2019 und in Kraft seit 2022, als dissoziative Identitätsstörung.

Seit Mitte der 2000er bis in die 2010er Jahre kamen mehrere Übersichtsarbeiten zu dem Schluss, das Krankheitskonzept sei überwiegend durch eine Modeerscheinung der 1980er und 1990er Jahre geprägt, wissenschaftlich unzureichend begründet und weniger erforscht. Später verschob sich die Diskussion: Zweifel am Vorhandensein der Krankheit werden seltener geäußert, dafür wird stärker auf problematische Selbstdarstellungen in Social Media, etwa TikTok, hingewiesen. Dort können Selbstdiagnosen, Romantisierung, Glorifizierung und Sexualisierung der Störung falsche Selbstdiagnosen fördern.

In Medien erscheint die DIS in Dokumentationen, Autobiografien, Romanen, Filmen und Serien. Spielfilme werden häufig als realitätsfern beschrieben, was Fach- und Interessenverbände kritisieren. Einige autobiografische Werke beeinflussten das öffentliche Verständnis der Störung deutlich.

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