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Psalm 23
Der Psalm ist Teil des Buches der Psalmen. Der 23. Psalm hat für das Christentum besondere Bedeutung, weil Jesus Christus selbst sich gemäß dem …
Inhalt5 Abschnitte
Kern und Bedeutung
Psalm 23 gehört zu den bekanntesten Bibeltexten. Nach dem masoretischen Text heißt er Psalm 23, in Septuaginta und Vulgata Psalm 22. Er wird auch Hirtenpsalm oder Psalm vom guten Hirten genannt und ist Teil des Buches der Psalmen. Seine Bildwelt stammt aus der altorientalischen Viehzüchtergesellschaft.
Im Mittelpunkt steht das unbedingte Vertrauen des betenden Menschen in JHWH, den einen Gott. Im ersten Teil erscheint JHWH als Hirte: Er versorgt, führt und schützt den Menschen. Im zweiten Teil wird er als Gastgeber dargestellt: Er deckt einen Tisch, salbt den Kopf des Beters mit Öl und schenkt ihm voll ein. Beide Bilder zeigen, dass Gott den Menschen auf seinem Lebensweg auch durch Gefahren hindurch begleitet.
Für das Christentum ist der Psalm besonders bedeutsam, weil Jesus Christus sich im Johannesevangelium als der „gute Hirte“ bezeichnet, der sein Leben für die Schafe hinzugeben bereit ist (Joh 10,11 EU).
Text, Überlieferung und Übersetzungen
Der Textbefund gilt als außerordentlich günstig: In den alten Handschriften gibt es keine wesentlichen Abweichungen. Eine wichtige Variante betrifft Vers 6. Der masoretische Text enthält „ושבתי“ („und ich werde zurückkehren“), während die Septuaginta mit „καὶ τὸ κατοικεῖν με“ übersetzt, also „und mein Wohnen ist …“ beziehungsweise „ich werde wohnen“.
In der katholischen Kirche wird die Einheitsübersetzung verwendet, in der evangelischen Kirche in der Regel die 2017 an das Gegenwartsdeutsch angepasste Lutherübersetzung. In beiden Fassungen lautet der Grundgedanke von Vers 1: „Der Herr ist mein Hirt/Hirte, nichts wird mir fehlen.“ Die Einheitsübersetzung spricht in den folgenden Versen von „grünen Auen“, dem „Ruheplatz am Wasser“, „Pfaden der Gerechtigkeit“, dem „finsteren Tal“, einem gedeckten Tisch, Salböl sowie „Güte und Huld“. Die Lutherbibel verwendet unter anderem „grüne Aue“, „frisches Wasser“, „rechte Straße“, „finsternes Tal“, „Stecken und Stab“ und das „Haus des HERRN“.
Der Artikel stellt außerdem die Lutherbibel von 1545, die Schlachter-Bibel von 2000 und die Heilige Schrift des alten und neuen Testamentes von 1830 gegenüber. Ältere Übersetzungen verwenden beispielsweise „Der Herr regieret mich“, „Todesschatten“ oder „Ruthe und Stab“. Der hebräische Text sowie Übersetzungen der Septuaginta, der Vulgata und weitere deutsche Fassungen werden ebenfalls genannt.
Aufbau und literarische Einordnung
Der Psalm lässt sich anhand der wechselnden Sprechsituation in vier Abschnitte gliedern: Verse 1b bis 3c wechseln zwischen „er“ und „ich“, Vers 4 zwischen „ich“ und „du“, Vers 5 zwischen „du“ und „ich“, und Vers 6 zwischen „ich“ und „er“.
Die Struktur ist zugleich chiastisch, also überkreuzt, und fortlaufend. Am Anfang und am Ende wird der Gottesname JHWH genannt. Das Motiv der Lebensgefahr erscheint in den mittleren Teilen als „Tal der Finsternis/Todesschatten“ und als „Angesicht meiner Widersacher/Feinde“. Zunächst dominiert das Bild JHWHs als Hirte; ab Vers 5 tritt das Bild des guten Gastgebers hervor. Essen und Trinken werden in den Abschnitten über Weide und Mahl erwähnt. Keule, Rute und Stab im zweiten Abschnitt entsprechen Glück und Güte im letzten Abschnitt.
Auch die Bewegung des Menschen bildet eine inhaltliche Linie: Zuerst ist er auf Weiden, an Wasserstellen, auf Wegen und im finsteren Tal unterwegs. Danach sitzt er als geehrter Gast bei einem Mahl. Am Ende geht es um lebenslanges Wohnen im Haus JHWHs.
Der Psalm wird im Christentum meist als individuelles Vertrauenslied verstanden. Einige Ausleger vermuten wegen der Verse 5 und 6 einen ursprünglichen Platz im Jerusalemer Tempelgottesdienst und denken an ein Gemeindelied über JHWH als Hirten Israels. Willy Schottroff deutet ihn als Lob- und Danklied eines Flüchtlings im Tempelasyl, das später zu einem Volkslied Israels wurde. Andere sehen wegen der persönlichen Formulierungen eher eine private Andacht. Nach Erich Zenger ist der Psalm ursprünglich ein Vertrauensgebet und kein Danklied bei einer Opfermahlsfeier: Alles beim Mahl geht von Gott aus, und Vers 1 ist als Bekenntnis „JHWH ist mein Hirte“ zu verstehen.
Verfasserfrage und zentrale Bildsprache
Die Psalmüberschrift nennt David als Verfasser. Gemeint ist der zweite König Israels, der um 1000 vor Christus herrschte und der Überlieferung nach in seiner Jugend Hirtenjunge war. Heute wird die Überschrift „מזמור לדוד“ („Ein Psalm. Von/für David“) jedoch meist als sekundär angesehen. Gegen eine Verfasserschaft Davids spricht für viele Exegeten, dass Vers 6 vom „Haus des Herrn“ spricht, womit der Jerusalemer Tempel gemeint sein kann; dieser wurde erst unter Davids Sohn Salomo erbaut. Befürworter weisen darauf hin, dass „Haus“ auch „Familie“ oder „Sippe“ bedeuten kann. Trotz archaischer Motive dürfte der Psalm aus inhaltlichen Gründen erst nach dem Exil zur Zeit des zweiten Tempels entstanden sein.
„Hirte“ ist im Alten Orient kein romantisches Bild vom Beruf armer Leute, sondern ein Herrschaftstitel. Herrscher werden dort seit 3.000 vor Chr. als Hirten bezeichnet. Mit dem Titel sind legitime Führung, Schutz und Ordnung sowie die Pflicht verbunden, die anvertrauten Menschen mit Speise und Trank zu versorgen. Auch Gott wird in der Bibel als Hirte dargestellt, Israel als seine Herde.
Ludwig Köhler deutete die Bilder vor dem Hintergrund des Weidewechsels: In der orientalischen Landschaft liegen einzelne Weideflächen voneinander getrennt. Wenn eine Wiese abgegrast ist, muss die Herde zum nächsten Weideplatz geführt werden. Zwischen den Weiden können gefährliche Wege liegen. Der Psalm beschreibt deshalb das menschliche Leben als Weg. Selbst im „finsteren Tal“ oder in der „Todesschattenschlucht“ vertraut der Beter auf Gottes Schutz. Der besondere Hirtenstab signalisiert die Anwesenheit und Hilfe des Hirten.
In Vers 4 wechselt die Anrede plötzlich von „er“ zu „du“. Aus der Aussage über den Hirten wird ein Gebet: „Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ In den Versen 5 und 6 wird das Hirtenbild durch das Gastgeberbild unterbrochen. Der Beter ist nun nicht nur Schaf, sondern auch geehrter Gast. Einige Ausleger nehmen deshalb zwei ursprünglich selbstständige Psalmen an, andere bestreiten dies. Die Verbindung beider Bilder macht deutlich, dass bei JHWH sogar das Unmögliche gilt: Das Schaf darf am Tisch sitzen und mit seinem Hirten unter einem Dach wohnen.
„Gutes und Barmherzigkeit“ folgen dem Psalmisten nicht deshalb, weil er ausschließlich Gutes erlebt. Das würde den Gefahren und Feinden im Psalm widersprechen. Gemeint ist vielmehr die Überzeugung, dass Gottes Güte ihn auf jedem Weg begleitet. Dieser Psalm wird nicht nur in christlichen Gottesdiensten gesprochen oder gesungen, sondern auch nach der Shoa im Judentum weiter gesungen.
Vertonungen, Nachdichtungen und Abwandlungen
Psalm 23 wurde vielfach vertont. Genannt werden unter anderem Werke von Johann Walter, Melchior Franck, Hans Leo Hassler, Heinrich Schütz, Christoph Graupner, Johann Sebastian Bach, Gottfried August Homilius, Anton Bruckner, Franz Schubert, Antonín Dvořák, Alexander Zemlinsky, Leonard Bernstein, John Rutter und Bobby McFerrin. Beispiele sind Schuberts „Gott ist mein Hirt“ D.706, Dvořáks „Hospodin jest můj pastýř“ in den Biblischen Liedern op. 99 von 1894/1895 und Bernsteins Verwendung im zweiten Satz der Chichester Psalms von 1965. Auch moderne Bearbeitungen für Chor, Orchester, Orgel und Solostimmen werden aufgeführt.
Zu den Nachdichtungen gehören Werke von Cornelius Becker, Paul Schede, Ambrosius Lobwasser, Cyriakus Spangenberg, Johann Heermann, Henriette Luise von Hayn und Henry Baker. Sie übertragen den Psalm teilweise ausdrücklich auf Jesus Christus als guten Hirten.
Eine bekannte Abwandlung ist der Seemannspsalm oder das Seemannsgebet „A Sailorman’s Prayer“. Captain John H. Roberts of Holyhead schrieb es 1874. Eine modernere englische Übertragung erschien 1975 in Ian Camerons Buch The White Ship. Das Hirtenbild wird dabei in eine maritime Bildwelt übertragen: Der Herr ist der Lotse, führt durch dunkle See und tiefe Kanäle, hält das Logbuch, schützt im Sturm, bereitet einen Hafen in der Ewigkeit und begleitet die Reise bis zum Hafen Gottes. Eine deutsche Fassung spricht vom rechten Kurs, einem Liegeplatz in der Ewigkeit, beschwichtigten Wellen und dem Hafen des Herrn.
Königin Elisabeth II. wünschte Psalm 23 für ihre Beisetzung; dort wurde er gesungen.