Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Leonardo Boff
Er ist einer der Hauptvertreter der Befreiungstheologie und versucht, seine Kirche auf die Verteidigung der Menschenrechte für die Armen und die Ökologie zu …
Inhalt5 Abschnitte
Person und akademischer Werdegang
Leonardo Boff (* 14. Dezember 1938 in Concordia, Santa Catarina) ist ein brasilianischer römisch-katholischer Theologe und einer der Hauptvertreter der Befreiungstheologie. Diese Theologie verbindet christliche Glaubensinhalte mit dem Einsatz für Menschenrechte, besonders für arme und ausgegrenzte Menschen. Boff wollte die Kirche stärker auf die Verteidigung der Armen und auf ökologische Fragen verpflichten.
Boff ist Enkel italienischer Einwanderer aus Venetien. 1959 trat er dem Franziskanerorden bei. Er studierte Philosophie in Curitiba und Theologie in Petrópolis. 1964 wurde er zum Priester geweiht. Anschließend studierte er unter anderem an den Universitäten Würzburg, Löwen und Oxford. Von 1965 bis 1970 setzte er sein Studium bei Karl Rahner an der Ludwig-Maximilians-Universität München fort. 1970 promovierte er bei Leo Scheffczyk in Dogmatik; zweiter Gutachter war Joseph Ratzinger.
Nach seiner Rückkehr nach Brasilien war Boff von 1970 bis 1991 Professor für Systematische Theologie am Instituto Teológico Franciscano in Petrópolis. Außerdem betreute er beim katholischen Verlag Vozes den Bereich Religion und Theologie und war Schriftleiter der theologischen Zeitschrift Revista Eclesiástica Brasileira.
Der Konflikt mit der katholischen Amtskirche
Der Vatikan beobachtete Boff seit 1971 wegen seiner abweichenden Lehrmeinungen. Der offene Konflikt entstand vor allem durch sein Buch Kirche: Charisma und Macht, das 1981 erschien und 1985 auf Deutsch veröffentlicht wurde. Boff kritisierte darin hierarchische und undemokratische Kirchenstrukturen und forderte eine revolutionäre Kirche, die eindeutig auf der Seite der unterdrückten Klasse steht. Sein früherer Doktorvater Bonaventura Kloppenburg warf ihm öffentlich Häresie vor.
Nach einem Brief Boffs an Joseph Ratzinger wurde er im Mai 1984 nach Rom vorgeladen. Im September kam es zu einem Geheimgespräch mit der Glaubenskongregation. Am 9. Mai 1985 verhängte die Kongregation jedoch ein einjähriges Rede- und Lehrverbot, das als „Bußschweigen“ bezeichnet wurde. 1986 erhielt Boff seine Lehrerlaubnis einen Monat vor Ablauf der Frist zurück. Während des Verbots schrieb er weitere Bücher zu Christologie, Ekklesiologie und Sakramententheologie.
Im Zentrum des „Falls Boff“ stand nach Darstellung des Artikels nicht in erster Linie der Vorwurf, die Befreiungstheologie sei verkleideter Marxismus. Entscheidend waren vielmehr theologische Aussagen: Boff stellte die „wahre Kirche“ des Heiligen Geistes der „falschen“ Kircheninstitution mit ihren Machtansprüchen gegenüber. Er kritisierte einen starren, dogmatischen Sakramentalismus und setzte ihm eine lebendige, sich entwickelnde „Kirche der Armen“ entgegen. In mehr als 100.000 brasilianischen Basisgemeinden sah er ein echtes „Sakrament des Heiligen Geistes“, dessen Organisationsprinzip das „Charisma“ sei.
Die Glaubenskongregation kritisierte unter anderem, Boff behaupte, Jesus Christus habe keine bestimmte Kirchenform vorgeschrieben. Dadurch könnten aus dem Evangelium auch andere als das katholische Kirchenmodell abgeleitet werden. Außerdem spiele bei ihm die Offenbarung und das Dogma, also die verbindliche Lehre der Kirche, eine zu geringe Rolle. Dadurch fehle ein ausreichender Schutz vor häretischen Verzerrungen. Boff hatte zudem befreiende Elemente des Synkretismus, also der Verbindung verschiedener religiöser Vorstellungen, in der Volksfrömmigkeit gelobt. Die Kongregation warf ihm ferner vor, den historischen Machtmissbrauch der Kirche polemisch und respektlos zu beschreiben und dadurch der Kircheneinheit zu schaden.
Boff erklärte, er erkenne das Dogma als Schutz vor Häresie an. Zugleich könne aber nur der lebendige Heilige Geist verhindern, dass der Glaube in zeitlosen, erstarrten Wahrheiten gefangen bleibe. Er warf der Kirchenhierarchie „religiöse Ausbeutung“ der Hoffnungen armer Menschen vor und kritisierte ein von oben angebotenes, paternalistisches Sakramentenverständnis. Die Kirche solle ihre Macht als Dienst an einer lebendigen und sich verändernden Kirche der Armen verstehen, Privilegien abbauen und das Leben der Armen teilen.
Nachdem Boff sich weiterhin kritisch zu Zölibat, Macht der römischen Kurie und theologischer Inkompetenz einzelner brasilianischer Bischöfe geäußert hatte, wurde er 1991 erneut disziplinarisch bestraft. Er musste die Leitung der Revista Vozes aufgeben und Petrópolis verlassen. Im September 1991 kündigte er an, seinen Kampf gegen die kirchliche Hierarchie einzustellen. Im Juni 1992 trat er aus dem Franziskanerorden aus und wurde in den Laienstand versetzt.
Wirken nach dem Priesteramt
Nach der Aufgabe seines Priesteramts übernahm Boff 1992 einen eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl für Ethik und Spiritualität an der Staatsuniversität in Rio de Janeiro. Er arbeitete weiterhin als Theologe und Autor und engagierte sich in Verbänden und sozialen Bewegungen. Die Befreiungstheologie erweiterte er auf ökologische Fragen und entwickelte sie in Richtung einer „Theologie des Lebens“ weiter.
Boff spricht fließend Deutsch und hatte Gastprofessuren unter anderem in Lissabon, Salamanca, Harvard, Basel und Heidelberg. Er war in theologischen Fachzeitschriften tätig und Mitglied der Theologenkommission der Brasilianischen Bischofskonferenz, der Konferenz der Orden in Brasilien sowie der Lateinamerikanischen Konferenz der Ordensleute. Im Laufe seiner akademischen Tätigkeit erhielt er zahlreiche Ehrentitel.
Boff schrieb mehr als 60 Bücher aus den Bereichen Theologie, Philosophie, Anthropologie und Mystik. Zu seinen Themen gehören die Kirche, Jesus Christus, Sakramente, der Heilige Geist, Spiritualität, Fundamentalismus und Terrorismus, Achtsamkeit, die Erde und die Verbindung von Armut und Umweltzerstörung. Später sprach er weniger von „Befreiung“ als vom „Lebensschutz“ für die „Ausgeschlossenen“. Als gegenwärtige soziale Realität Brasiliens nannte er, dass ein Drittel der Bevölkerung, allein 50 Millionen Menschen, keinerlei staatliche Hilfe gegen Kriminalität, Verhungern und Arbeitslosigkeit erhalte.
2001 erhielt Boff gemeinsam mit drei weiteren Preisträgern den Right Livelihood Award. Er lebt im ökologischen Reservat Jardim Araras bei Petrópolis mit der Menschenrechtlerin Marcia Maria Monteiro de Miranda und deren sechs Kindern aus erster Ehe.
Politische und ökologische Lehre
Boff steht weltlicher Macht und der US-amerikanischen Außenpolitik kritisch gegenüber. Er lehnte den Irakkrieg ab und verglich die Führung von George W. Bush und Ariel Sharon mit „fundamentalistischen Terroristenstaaten“. Zugleich kritisierte er despotische Herrscher im Nahen Osten, insbesondere Emire und Könige, die trotz großen Reichtums ihre Bevölkerung in Armut hielten.
In ökologischer Hinsicht gilt Franz von Assisi für Boff als „westlicher Archetyp des ökologischen Menschen“. In ihm verwirkliche sich die „Summe aller ökologischen Kardinaltugenden“. Beim dritten Weltforum für Theologie und Befreiung in Belém im Januar 2009 bekannte sich Boff zur Gaia-Hypothese von James Lovelock. Nach dieser Hypothese funktioniert die Erde wie ein selbstregulierender Superorganismus.
Ökologie versteht Boff nicht bloß als technische Verwaltung von Ressourcen. Sie ist für ihn eine Kunst und ein neues Paradigma für die Beziehung der Menschen zur Erde und zur Natur. Er warnt, die Erde könne ohne den Menschen weiterbestehen. 2010 lehnte er öffentlich den Bau des Belo-Monte-Staudamms ab.
Boff gehört zu den Befreiungstheologen, die sich nach stärker marxistisch geprägten Jahren den Umweltthemen zuwandten. Nach Angaben des Artikels war er einer der Hauptverfasser der Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus und soll große Teile des Textes verfasst haben. Diese Darstellung wird mit einem Faxwechsel zwischen Boff und dem Papst sowie mit Berichten von Frédéric Martel begründet. Boff sieht in Begriffen wie „Pflege des gemeinsamen Hauses“, „Mutter Erde“, „Schrei der Erde“ und „Schrei der Armen“ eine lateinamerikanische Prägung. Die Enzyklika knüpfe methodisch und theologisch an die lateinamerikanische Befreiungstheologie an. Besonders wichtig ist für Boff die Verbindung von Umwelt- und Armutsfrage: Die Armen seien zuerst von den Folgen der Umweltzerstörung betroffen.
Spiritualität, Auszeichnungen und zentrale Aussagen
Boff beschreibt die Sehnsucht als eine „anthropologische Grundausstattung“ des Menschen. Sie zielt darauf, die Grenzen des menschlichen Daseins zu überwinden und nach Fülle und Ganzheit zu streben. In seinem Buch Sehnsucht nach dem Unendlichen versteht er diese Sehnsucht nicht als bloße Ausrichtung auf ein Jenseits, sondern als „Prinzip Hoffnung“ für das Diesseits. Sie soll Menschen befähigen, auf eine bessere Zukunft hinzuarbeiten und die Begrenzungen der Gegenwart zu überwinden. Seine Spiritualität verbindet Erfahrung und Transzendenz.
Zu Boffs Auszeichnungen gehören der Herbert-Haag-Preis Freiheit in der Kirche (1985), der Internationale Alfonso-Comin-Preis (1987), ein Preis für Jesus Christus, der Befreier als religiöses Buch des Jahres in Frankreich (1988), der Right Livelihood Award (2001), die Ehrendoktorwürde der Universität Neuenburg (2009), die Carl Friedrich von Weizsäcker-Medaille (2016) und die Ehrendoktorwürde der Nationalen Universität von La Plata (2016).
Aussagen, die seine Positionen zusammenfassen, lauten: „Wenn wir uns nicht ändern, werden wir aussterben wie die Dinosaurier“, „Arm ist man nicht, arm wird man gemacht“ und „In ein paar Jahren werden wir alle Sozialisten sein – entweder wir teilen das wenige, was wir haben, oder es wird für niemanden mehr etwas geben.“ Außerdem kritisierte Boff, neue Pfarrer würden heute stark auf die Mentalität des Vatikans und nach innen ausgerichtet ausgebildet, ohne ausreichendes Interesse an sozialen Fragen.