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Protestlied
Ein Protestlied oder auch Protestsong ist ein Lied, das sich gegen eine Autorität richtet und meist soziale oder politische Missstände thematisiert.
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Begriff und Funktion
Ein Protestlied oder Protestsong ist ein Lied, das sich gegen eine Autorität richtet und meist soziale oder politische Missstände thematisiert. Seine wichtigste Aufgabe ist politisch und aufklärend: Es soll zum Handeln auffordern, agitieren (für eine politische Haltung werben), mobilisieren, Solidarität schaffen und zur Auseinandersetzung mit Konflikten anregen.
Entscheidend ist vor allem der Text. Musikalische Mittel können die Kritik zusätzlich betonen: Blue Notes oder Offbeat-Rhythmen wirken als Gegensatz zu festgelegten Normen. Protestlieder verbinden damit politische Aussagen und Musik; sie können einzelne Missstände kritisieren, aber auch Gemeinschaftsgefühl und Selbststärkung vermitteln.
Politische Lieder in Deutschland
Politische Lieder waren bereits mit den demokratischen und nationalen Freiheitsbewegungen des frühen 19. Jahrhunderts, den napoleonischen Befreiungskriegen und dem Vormärz der Revolution 1848/49 verbunden. 1844 entstand während der Schlesischen Weberaufstände spontan das deutsche Arbeiterlied „Das Blutgericht“.
Als sich um 1860 sozialdemokratische Parteien aus Arbeiterbildungsvereinen gründeten, behielten politische Lieder einen hohen Stellenwert. Sie sollten als Teil einer „alternative culture“ ein Gegenbild zur bürgerlichen Kultur darstellen. Im frühen 20. Jahrhundert waren Protestlieder der Arbeiterbewegung häufig schlicht und beruhten oft auf umgedichteten traditionellen Liedern. Sie wurden unter anderem von klassisch gebildeten, sozialistisch oder kommunistisch orientierten Komponisten wie Hanns Eisler sowie von Pete Seeger geschrieben. Auch Arbeiter wie Sarah Ogan Gunning und Aunt Molly Jackson schrieben eigene Lieder; Arbeiterchöre sangen Protestsongs.
Diese Lieder bekannten sich nach außen zur Arbeiterbewegung, verbreiteten ihre Ideen sowie Wissen, Moral und Wertvorstellungen. Sie sollten Arbeiter zur Durchsetzung der Interessen ihrer Klasse ermutigen. Das gemeinsame Singen diente außerdem der Verständigung über soziale Lage und politische Ziele und vermittelte Solidarität.
In den 1960er Jahren wirkten Konflikte der USA auf beide deutschen Staaten ein. In der DDR war Kritik am Westen vorgeschrieben, Kritik am eigenen Staat wurde jedoch bestraft. Wolf Biermann und die Klaus Renft Combo erhielten wegen offener Kritik Auftrittsverbote. In Westdeutschland orientierte sich eine kleine, lebhafte Folkszene um die Burg Waldeck am angloamerikanischen Vorbild; Antifaschismus und Antikapitalismus prägten ihre politische Agenda, während poppige Auftritte und Showbusiness abgelehnt wurden. In den 1970er Jahren wurde Ton Steine Scherben mit sozialkritischen, emotionalen Texten besonders in der links-alternativen Szene einflussreich. Nach rechtsradikalen Überfällen in Rostock, Mölln und Hoyerswerda entstanden antirassistische Initiativen, die junge Bands mittrugen; Die Goldenen Zitronen, Die Sterne, Blumfeld und Tocotronic gehörten zur Hamburger Schule. Böhse Onkelz sprach dagegen ein teilweise rechts-gesinntes Publikum an.
USA: Folk, Punk und Hip-Hop
In den USA stieg in den 1950er Jahren das Interesse an Folkmusik. Während gesellschaftlicher Umbrüche der 1960er Jahre, darunter Emanzipationsbewegung und Anti-Vietnamkriegsproteste, wurde die Folkbewegung aus der weißen Mittelklasse teilweise stark politisiert. Sie knüpfte an Woody Guthrie und die radikale Zeit der Popular Front der 1930er Jahre an. Ihre zentralen Themen waren Rassendiskriminierung und Krieg. Wichtige Vertreter waren Bob Dylan, Phil Ochs und Joan Baez; gegen nukleare Waffen richteten sich etwa „Eve of Destruction“ von Barry McGuire, „It’s Good News Week“ von Hedgehoppers Anonymous und „Morning Dew“ von Tim Rose.
Bürgerrechtsbewegungen für die Gleichstellung von Schwarzen und Weißen überschnitten sich mit dem Konflikt um den Vietnamkrieg. Als die USA 1965 militärisch intervenierten, war die Lage bereits durch die Atomkriegsdrohung sowie Nachwirkungen der Kuba- und Koreakrise angespannt. Phil Ochs und Bob Dylan griffen diese Konflikte schon zu Beginn der 1960er Jahre mit „Talking Vietnam Blues“ und „Masters of War“ auf und begründeten damit ein neues Pop-Genre. John Lennon, Joan Baez, Creedence Clearwater Revival und Jefferson Airplane übernahmen später Formen und Inhalte dieser frühen Protestsongs. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 schrieben zuvor staatskritische Musiker wie Bruce Springsteen und Neil Young patriotische Lieder. In der Zeit der zweiten Regierung von Donald Trump entstanden neue Protestlieder insbesondere gegen das Vorgehen von DHS, ICE und USBP, bei dem es im Zusammenhang mit Demonstrationen zu Todesfällen durch erschossene US-Bürger kam.
Punk entstand Ende der 1960er Jahre in den USA. Seine Ideologie lehnt sämtliche gesellschaftlichen Normen ab und zeigt sich in Musik, Texten, Kleidung und Sozialverhalten; der Lebensstil wird mit „No Future“ verbunden. Die oft gesellschaftskritischen und auf eigene Erfahrungen im modernen Kapitalismus bezogenen Texte sind häufig nihilistisch, bieten also keine Lösungsmöglichkeiten an. Daneben gibt es ausdrücklich politische Kritik an Kapitalismus, Krieg oder Rechtsextremismus. Die feministische Variante heißt Riot Grrrl.
Hip-Hop entstand in den frühen 1970er Jahren in den Ghettos der USA. Die Bewegung zeigte Missstände und Probleme innerhalb und außerhalb dieser isolierten Gesellschaft auf. Neben Mainstream-Hip-Hop besteht weiterhin gesellschaftskritischer oder politischer Rap.
Lateinamerika, Afrika und arabischer Rap
In Lateinamerika entstand in den 1950er und 1960er Jahren durch die Verbindung traditioneller Volksmusik mit sozialkritischen Elementen die Nueva canción. Sie verbreitete sich zunächst in Chile, Argentinien und Uruguay, später in ganz Lateinamerika und teilweise in Europa. Ihre Themen waren unter anderem Armut, Demokratie, Imperialismus, Menschenrechte und Religion. Musikalisch bezog sie sich auf Andine Musik, Música negra, kubanische und spanische Musik sowie lateinamerikanische Folklore; auch die chilenische ländliche Liedform Cueca war wichtig. Die meist spanischen, politisch motivierten Texte wurden oft von Gitarre, Quena, Zampoña, Charango oder Cajón begleitet. Violeta Parra war eine bekannte Vertreterin.
Der Putsch gegen Salvador Allende 1973 verstärkte diese politische und musikalische Ausdrucksform. Víctor Jara wurde unter dem Regime von General und Diktator Augusto Pinochet gefoltert und ermordet; die Nueva canción ging in den Untergrund. Nach Pinochets Herrschaft wurde das Stadion, in dem Jara ermordet worden war, Estadio Víctor Jara genannt.
Als bisher wohl bedeutendster Protestmusiker Afrikas gilt Fela Kuti. Seine Kritik an der Militärdiktatur machte ihn über Nigeria hinaus in ganz Afrika bekannt.
Rap etablierte sich seit den 1980er Jahren in den meisten nordafrikanischen Staaten und im Nahen Osten. In Algerien begann seine Geschichte mit den Unruhen von 1988. Intik und Le Micro brise le Silence (MBS) wurden bekannt; MBS thematisierte soziale und politische Missstände und wollte zum Protest auffordern. Die Hip-Hop-Kultur verbreitete sich von Algerien bis Mitte der 1990er Jahre in der arabischen Hemisphäre bis nach Israel. In Ägypten entstanden Ende der 1990er Jahre MTM, Y-Crew und Omar x AkaEks, später unter anderem Arabian Knightz; um 2001 wurde Princess Emmanuelle als erste weibliche Rapperin bekannt. Texte behandeln soziale Ungerechtigkeit und gesellschaftliche Tabus, manche rufen konkret zum Widerstand gegen Kapitalismus und Konsumdrang oder zu arabischer Einheit auf, etwa „Arabs Stand Up“ von Arabian Knightz.
Sowjetunion und Russland
Der Sowjetstaat förderte Protestsongs gegen Missstände im Ausland: gegen die USA, gegen Ausbeuter der Arbeiterklasse und gegen Juntas, die Menschenrechte unterdrückten. Zugleich wurde Protest gegen den eigenen Staat eingeschränkt. „Barden“, also Liedermacher mit Gitarrenbegleitung, traten oft nur privat auf oder wurden durch Auftrittsverbote dazu gezwungen; Alexander Galitsch ist ein Beispiel. Auch Rock-’n’-Roll-Bands gerieten bei entsprechenden Texten mit der Zensur in Konflikt.
In Russland gab es ab 2006 vermehrt Protestkundgebungen. Musiker protestierten gegen kriminelle Regierungsmitglieder und deren Verbindung zur Russischen Orthodoxen Kirche. Protestsongs wurden nach Möglichkeit Teil von Demonstrationen. Alexei Nawalny schrieb 2011 einen Wettbewerb für einen Song zum Wahlbetrug aus; Rabfak gewann mit „Unsere Nervenklinik stimmt für Putin“. Auch der Putin-kritische Rapper Wasja Oblomow trat auf; in einem seiner Videos wirkte Xenija Sobtschak mit. Staatlich kontrollierte Medien verbreiteten nach den Protesten gegen Putins Wiederwahl antiwestliche Rhetorik, die an sowjetische Propaganda erinnerte. Die Jeschow-Band protestierte dagegen mit einem Lied über anti-amerikanische Propaganda in offiziellen russischen Massenmedien.
Grenzen und Kritik
Protestlieder unterliegen, wenn sie verbreitet werden sollen, den Verwertungsmechanismen der Kulturindustrie. Dadurch besteht die Gefahr, dass ihr Protest vereinnahmt wird. Im Extremfall dient Protest nur noch der Vermarktung als „rebel image“. Selbst bei anderer Absicht kann ein Protestlied so zur Ergänzung der Welt werden, gegen die es eigentlich protestiert.