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Propaganda im Ersten Weltkrieg
Die Propaganda im Ersten Weltkrieg wurde gegenüber der eigenen und der Bevölkerung der Kriegsgegner vielfältiger als Propaganda zuvor in zwischenstaatlichen …
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Bedeutung, Ziele und Organisation
Im Ersten Weltkrieg setzten alle beteiligten Staaten Propaganda systematischer und vielfältiger ein als zuvor. Propaganda bezeichnet hier die gezielte Beeinflussung von Meinungen und Verhalten. Ihre große Reichweite beruhte auf der zunehmenden Verbreitung der Massenmedien. Erstmals dienten neben Zeitungen, Plakaten und Flugblättern auch Fotografie und Film in größerem Umfang der Kriegspropaganda.
Die Propaganda richtete sich sowohl an die eigene Bevölkerung und die eigenen Soldaten als auch an Gegner und neutrale Staaten. Sie sollte die Kampfmoral und den Durchhaltewillen stärken, Freiwillige oder Wehrpflichtige mobilisieren, zum Zeichnen von Kriegsanleihen bewegen und das eigene Handeln rechtfertigen. Zugleich stellte sie den Gegner als schwach, grausam, unmoralisch oder barbarisch dar. Dabei wurden tatsächliche Ereignisse einseitig ausgewählt, übertrieben oder mit Gerüchten und Falschmeldungen vermischt.
Zur Koordination der verschiedenen Medien entstanden im Verlauf des Krieges spezialisierte staatliche Behörden. Zensurstellen überwachten die Presse und schränkten Informationen ein, die dem Gegner militärisch nutzen oder die Moral im eigenen Land schwächen konnten. Die psychologische Kriegsführung versuchte außerdem, Soldaten und Zivilbevölkerung des Gegners zu entmutigen.
Deutsches Reich und Österreich-Ungarn
Im Deutschen Reich war 1914 vor allem das beim Großen Generalstab angesiedelte Kriegspresseamt zuständig. Das Auswärtige Amt gründete am 5. Oktober 1914 die Zentralstelle für Auslandsdienst; aus ihr ging unter militärischem Druck die am 1. Juli 1916 gegründete Militärische Stelle des Auswärtigen Amtes hervor. Die im November 1916 geschaffene Militärische Film- und Fotostelle ging im Januar 1917 im Bild- und Filmamt (BuFA) auf. Daneben bestanden etwas mehr als 20 private Nachrichten- und Presseorganisationen. Mehrere staatliche Stellen unterhielten eigene Zensurstellen.
Die deutsche Propaganda betonte die eigene militärische Stärke, unterstützte Kriegsanleihen und sollte die Moral an der „Heimatfront“ erhalten. Sie verspottete den britischen Imperialismus und verunglimpfte insbesondere die Bevölkerung Russlands sowie alliierte Kolonialsoldaten. Zu den Falschmeldungen gehörten Berichte über eine angebliche Bombardierung Nürnbergs am 2. August und über Belgier, die deutschen Gefangenen die Augen ausgestochen hätten. Gleichzeitig hatten deutsche Truppen bei der Einnahme von Lüttich und später in Belgien tatsächlich zahlreiche Kriegsverbrechen begangen. Der Überfall auf Belgien, die Tötung belgischer Zivilisten, die Zerstörung Löwens und die Hinrichtung der britischen Krankenschwester Edith Cavell belasteten die deutsche Auslandspropaganda erheblich.
Der im Oktober 1914 verbreitete Aufruf „An die Kulturwelt!“ wies jede deutsche Kriegsschuld zurück und verteidigte die Heerführung. Er war von 93 bekannten Künstlern und Wissenschaftlern unterzeichnet. Die Kaiserliche Marine verbreitete unter Kapitän zur See Heinrich Löhlein früh Nachrichten, Plakate und Broschüren in neutralen Staaten, besonders in Italien und den USA. Weil Großbritannien das Atlantikkabel wenige Tage nach Kriegsbeginn kappte, war Deutschland auf Funk angewiesen. Der Sender in Nauen reichte bis Mexiko. Die deutsche Informationsoffensive wurde in mehreren neutralen Ländern jedoch schnell als Propaganda erkannt.
Weitere Mittel waren Feldpostkarten, Schallplatten und der ab 1917 erteilte „Vaterländische Unterricht“. Die Besatzungszeitung Gazette des Ardennes erreichte im französischen Sprachraum eine hohe Auflage und wurde auch von den Alliierten als professionell und propagandistisch wirksam beurteilt. Kriegsgefangene wurden demonstrativ durch Lille geführt, um der Bevölkerung die angebliche Wehrlosigkeit Frankreichs zu zeigen.
In Österreich-Ungarn leitete das am 28. Juli 1914 gegründete K.u.k. Kriegspressequartier (KPQ) die Propaganda. Filme, Kriegswochenschauen, Plakate, Flugblätter, Karikaturen und Trickfilme verherrlichten die eigenen Streitkräfte, verspotteten den Gegner und warben für Kriegsdienst und Kriegsanleihen. Die erste Kriegswochenschau erschien im September 1914. Film und Presse unterlagen der Zensur; Filme aus Feindstaaten durften nicht eingeführt werden. Staatliche Pressestellen gewannen auch Künstler für Berichterstattung und Propaganda. Einige von ihnen änderten angesichts der Kriegserfahrungen ihre Haltung; Stefan Zweig wurde 1915 Pazifist.
Propaganda der Entente
In Frankreich war das im Februar 1916 gegründete Maison de la Presse zuständig. Die Propaganda bezog auch Kinder ein: Sie sollten Soldaten oder Krankenschwestern werden, während Schuldiktate Schlachten und deutsche Gräueltaten behandelten. Der Ausdruck „Boche“ diente als abwertende Bezeichnung für Deutsche. Im Mittelpunkt standen die tatsächlichen oder behaupteten deutschen Verbrechen in Belgien und Frankreich. Gerüchte über Verstümmelungen und Plünderungen sollten Angst und Abscheu verstärken. Der Mediziner Edgar Bérillon behauptete 1915 sogar, besondere Drüsen und Ausscheidungen verursachten einen kennzeichnenden deutschen Körpergeruch.
Großbritannien besaß anfangs keine allgemeine Wehrpflicht und war daher besonders auf moralische Mobilisierung und Freiwillige angewiesen. Allein in den ersten fünf Kriegsmonaten erschienen 2,5 Millionen Propagandaplakate mit 110 Motiven. Junge Frauen sollten Männern in Zivil eine weiße Feder als Zeichen angeblicher Feigheit überreichen. Zuständig waren unter anderem das im August 1914 gegründete War Propaganda Bureau, das Parliamentary Recruiting Committee und das Parliamentary War Savings Committee. Ab 1917 arbeitete außerdem Crewe House.
Das War Propaganda Bureau unter Charles Masterman begann zunächst geheim und versuchte vor allem, Entscheidungsträger neutraler Staaten durch literarische Texte zu beeinflussen. Schriftsteller wie H. G. Wells und Arthur Conan Doyle wirkten daran mit. Im Inland dominierte das National War Aims Committee, während die Heeresabteilung MI-7 psychologische Kriegsführung gegen feindliche Truppen betrieb. Im März 1918 entstand unter Max Aitken ein Informationsministerium mit rund 500 Mitarbeitern.
Im weiteren Kriegsverlauf rückte die Dämonisierung Deutschlands in den Mittelpunkt. Die britische Propaganda stellte den Krieg als Verteidigung der Zivilisation gegen Barbaren dar. Der Bryce-Report vom Mai 1915 beschuldigte deutsche Soldaten unter anderem, belgischen Kindern die Hände abgehackt und Mädchen vergewaltigt zu haben. Das sogenannte Blue Book über deutsche Kolonialverbrechen stellte sich nach dem Krieg als erfunden heraus. Auch die Hinrichtung Edith Cavells im Oktober 1915 und deutsche Angriffe auf zivile Schiffe wurden propagandistisch genutzt. Die 1917 verbreitete Geschichte einer deutschen „Leichenfabrik“, in der aus Gefallenen Glycerin gewonnen werde, wurde zunächst trotz besseren Wissens nicht berichtigt und später durch eine amtliche Broschüre weiterverbreitet.
USA und typische Propagandamittel
Die Vereinigten Staaten betonten wegen der politischen Stimmung in der Bevölkerung bis 1916 ihre Neutralität; 1915 wurden dazu entsprechende Gesetze erlassen. Die Presse hob die moralische Überlegenheit, die militärische Stärke und die Demokratie der USA hervor. Versenkte Schiffe, der deutsche Handelskrieg sowie deutsche Sabotage- und Spionageakte auf amerikanischem Gebiet veränderten die Lage. Kampagnen wie „Remember Belgium“ sollten Empörung und Kriegsbereitschaft erzeugen. Nach dem Kriegseintritt koordinierte das im April 1917 gegründete Committee on Public Information die Propaganda.
Zu den bekannten Werbemaßnahmen gehörte die „I Want You“-Aktion der US Army. Reden prominenter Schauspieler wie Charlie Chaplin wurden auf öffentlichen Plätzen übertragen. Trickfilme erinnerten im Kino wiederholt an die Versenkung der Lusitania durch das deutsche U-Boot U 20. Weitere zentrale Themen waren der uneingeschränkte U-Boot-Krieg, die Flüchtlinge aus Europa und die als absolutistisch kritisierte Herrschaft Kaiser Wilhelms II.
Die wichtigsten Propagandamittel aller Kriegsparteien waren:
- Plakate, Flugblätter, Bücher, Briefmarken sowie Propaganda- und Ansichtskarten;
- Zeitungen und Zeitschriften mit ausgewählten oder geschönten Kriegsberichten;
- Fotografien von Frontberichterstattern, die ab 1914 starke öffentliche Wirkung entfalteten;
- Film, Wochenschauen, Trick- und Propagandafilme; die Briten nutzten Film ab 1915, Deutschland ab 1916 gezielt zur Massenbeeinflussung und psychologischen Kriegsführung;
- öffentliche Reden, musikalische Darbietungen, Theaterstücke und Ausstellungen.
Kriegsausstellungen machten den Krieg durch Beutestücke, nachgebaute Schützengräben und Stollen anschaulich. Das Rote Kreuz veranstaltete ab 1916 eine deutsche Kriegsausstellung, die zugleich zusätzliche Mittel einbringen sollte. Im Wiener Prater fand von Anfang Juli bis Oktober 1916 eine Ausstellung unter Beteiligung Österreich-Ungarns, Deutschlands, Bulgariens und der Türkei statt. Schießbuden verwendeten Figuren feindlicher Soldaten als Ziele; Filmvorführungen und Schauspiele ergänzten das Programm. Die Wiener Kriegsausstellung von 1917 wurde unter Mitwirkung von Egon Schiele und Albert Paris Gütersloh organisiert.
Wirkung und historische Bewertung
Die Bewertung der Propaganda ist teilweise umstritten. Unmittelbar nach dem Krieg wurde in Deutschland die Vorstellung verbreitet, die eigene Propaganda sei schwach, die gegnerische dagegen entscheidend erfolgreich gewesen. Diese Behauptung wurde Bestandteil der Dolchstoßlegende, mit der militärische und politische Eliten die Niederlage relativierten.
Neuere Forschung bewertet die deutsche Auslandspropaganda differenzierter. Der britische Historiker Hew Strachan hebt ihren beträchtlichen Einfluss in neutralen Staaten hervor. Besonders in Spanien trug die Medienpolitik der Mittelmächte maßgeblich dazu bei, dass das Land nicht auf Seiten der Entente in den Krieg eintrat. Insgesamt erschwerte jedoch die Unterbrechung der telegrafischen Verbindungen nach Übersee die deutsche Propaganda in Amerika und Asien; diese Regionen waren nur indirekt über drahtlose Telegrafie erreichbar.
Die deutsche und österreichisch-ungarische Spottpropaganda gilt weiterhin als größtenteils wirkungslos. Wenn sie gegnerische Soldaten als schwach und unfähig darstellte, entstand an der Heimatfront die Frage, weshalb gegen solche Gegner keine schnellen Siege gelangen. Für viele Deutsche, die der eigenen Propaganda geglaubt hatten, kam die Niederlage deshalb überraschend.
Die britische und französische Dämonisierung des Gegners war dagegen wirksamer. Sie vermittelte der eigenen Bevölkerung das Bild eines Kampfes der Zivilisation gegen die Barbarei und beeinflusste auch neutrale Staaten, darunter Länder Lateinamerikas. Begünstigt wurde sie dadurch, dass die Truppen der Mittelmächte meist auf fremdem Boden kämpften und daher leicht als Angreifer dargestellt werden konnten.