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Preistheorie
Als Preistheorie wird in der Volkswirtschaftslehre eine Vielzahl von Theorien bezeichnet, die sich mit der Preisbildung für Güter und Dienstleistungen auf …
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Gegenstand und Bedeutung
Preistheorie bezeichnet in der Volkswirtschaftslehre eine Vielzahl von Theorien zur Preisbildung für Güter und Dienstleistungen auf Märkten. Ihr Erkenntnisobjekt sind die Preise sowie ihre Bestimmungsgrößen und Abhängigkeiten. Sie untersucht also, wodurch Preise entstehen, wie sie sich verändern und wie Anbieter und Nachfrager auf Preisänderungen reagieren.
Preistheorien sind auch für die Betriebswirtschaftslehre wichtig, weil sie Unternehmen bei der Preispolitik unterstützen. Ein Anbieter kann meist nur schwer voraussagen, wie Konkurrenten oder Nachfrager auf eine geplante Preisänderung reagieren werden. Deshalb verbinden Preistheorien Marktbedingungen, Kosten, Nachfrage und das Verhalten der Marktteilnehmer.
Historische Entwicklung
Bereits im Mittelalter beschäftigten sich Autoren mit dem Warenpreis. Lange stand der „gerechte Preis“ im Mittelpunkt; heute gehört diese Frage vor allem zur Wirtschaftsethik. Albertus Magnus forderte, bei der Preisgerechtigkeit die aufgewendete Arbeit und das eingesetzte Material zu berücksichtigen. Thomas von Aquin bestimmte den Wert einer Ware als Marktpreis, erklärte aber einen Verkauf über dem Wert oder einen Einkauf unter dem Wert grundsätzlich für ungerecht und unerlaubt. Besonders untersagte er die Ausnutzung einer Notlage. Maßvolle Gewinne aus dem Handel hielt er dagegen für zulässig; der Preis durfte auch den entgangenen Nutzen des Verkäufers vergüten.
Thomas Cajetan vertrat später die Auffassung, dass ein Preis auch dann gerechtfertigt sein könne, wenn er über den zur Bedürfnisbefriedigung des Verkäufers notwendigen Betrag hinausgehe, etwa weil dadurch der Aufstieg in einen höheren Stand ermöglicht werde. Gabriel Biel bestimmte 1514 den gerechten Preis durch den Bedarf an einem Gut, seine Knappheit und den Produktionsaufwand. Auch ein Lohnaufschlag für den Kaufmann konnte dazugehören. In der spanischen Scholastik, etwa bei Luis de Molina, wurde der Markt stärker betont und staatlich beeinflussten Preisen mit größerer Zurückhaltung begegnet.
Vom „gerechten Preis“ der Scholastiker ist der „natürliche Preis“ der Physiokraten sowie von Adam Smith, David Ricardo und Karl Marx zu unterscheiden. Die klassische Preistheorie geht unter anderem auf John Lockes 1705 formuliertes klassisches Wertparadoxon zurück: Bei Gütern können Nutzen und Nutzwert einerseits sowie Tauschwert und Preis andererseits auseinanderfallen. Adam Smith entwickelte in seinem 1776 erschienenen Buch Der Wohlstand der Nationen mehrere Stufen seiner Preistheorie: die Theorie des absoluten Werts, die Tauschwerttheorie, die Produktions- und Kostentheorie und schließlich eine wertfreie Preistheorie. Im Mittelpunkt stand der Gleichgewichtspreis. Smith unterschied den Marktpreis (Gebrauchswert) vom natürlichen Preis (Tauschwert), der allein durch die Produktionskosten bestimmt werde. Arbeitsteilung, Spezialisierung sowie die Neigung zu Handel und Tausch sollten Produktivität und Wohlstand erhöhen.
Erich Gutenberg näherte die Preistheorie 1984 der Wirtschaftspraxis an. Er untersuchte heterogene Güter auf unvollkommenen Märkten in atomistischer Konkurrenz, die er polypolistische Konkurrenz nannte.
Klassische Preisbildung
Die klassischen Preistheorien gehen vom vollkommenen Markt aus. Nachfrager wollen ihren Nutzen maximieren, handeln rational, verfügen über vollkommene Markttransparenz und reagieren mit unendlich hoher Geschwindigkeit auf veränderte Marktentwicklungen. Die gehandelten Güter und Dienstleistungen sind homogen, also gleichartig.
Nach Adam Smith entsteht der Preis eines Gutes durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage, den Preismechanismus, sowie durch die Herstellungskosten. Der Marktpreis kann schwanken, weil sich Angebot und Nachfrage ständig verändern. Der „natürliche Preis“ entspricht dagegen den Herstellungskosten. Er schwankt nicht und wird langfristig weder vom Marktpreis unterschritten noch überschritten.
Für verschiedene Marktformen wurden unterschiedliche Preis-Absatz-Funktionen entwickelt. Eine Preis-Absatz-Funktion zeigt, welches Absatzvolumen bei einem bestimmten Preis verkauft werden kann. Im Monopol wird ein linearer Verlauf angenommen. Bei vollständiger Konkurrenz verläuft die Funktion parallel zur Abszisse, weil der einzelne Anbieter keinen eigenen Preisspielraum besitzt. Im Oligopol ist der Verlauf ebenfalls linear; auf vollkommenen Märkten hängt er vom Absatzvolumen der Konkurrenten ab, auf unvollkommenen Märkten von deren Verkaufspreisen.
Neoklassisches Marktgleichgewicht
Die Neoklassik ergänzt die klassische Preistheorie Adam Smiths laut Artikel nicht inhaltlich, sondern formuliert ihre Annahmen mit verfeinerten geometrischen und mathematischen Techniken exakter. Dadurch sollen zusätzliche deduktive Folgerungen möglich werden. Empirische Forschungen zeigen allerdings, dass sich Nachfrager häufig nicht entsprechend der klassischen Preistheorie verhalten und nicht immer ein Preismodell wählen, das zur Maximierung der Konsumentenrente führt.
Die neoklassische Preistheorie stellt das Marktgleichgewicht und seine Auswirkungen in den Mittelpunkt. Zu ihren Hauptvertretern zählen William Stanley Jevons, Léon Walras und Alfred Marshall.
- Jevons formulierte 1866 das Gesetz von der Unterschiedslosigkeit der Preise: „...auf demselben offenen Markte zu irgend einem Zeitpunkt nicht zwei Preise für die gleiche Art von einem Gegenstand vorhanden sein können“. Bei homogener Konkurrenz im Polypol und rationalem Verhalten gilt daher zu jedem Zeitpunkt ein einheitlicher Marktpreis.
- Walras untersuchte 1874, wie die nachgefragte Menge eines Gutes von den Preisen aller anderen Güter abhängt. Dieser Zusammenhang wird als Kreuzpreiselastizität bezeichnet.
- Marshall beschrieb 1890 in der Partialanalyse ein Marktgleichgewicht bei dem Preis, bei dem subjektive Nachfrage und objektives Angebot übereinstimmen. Im Diagramm liegt dieser Preis am Schnittpunkt von Angebots- und Nachfragekurve.
Sraffa, Unternehmen und Ausnahmen
Piero Sraffas Preistheorie unterscheidet sich von der neoklassischen Theorie, weil sie nicht von psychologischen Faktoren, sondern von den objektiven Bedingungen der Produktion ausgeht. Sraffa betrachtet eine geschlossene Volkswirtschaft mit n > 1 verschiedenen Waren, zu denen auch Produktionsmittel gehören. Wenn alle Arbeiter den gleichen Lohn erhalten und in allen Industrien die gleiche Profitrate erzielt wird, genügen n Gleichungen für n + 1 Unbekannte, nämlich die Preise aller Waren und die Profitrate. Das Gleichungssystem kann mit Methoden der linearen Algebra gelöst werden. Stellt jede Industrie nur ein Produkt her, sind alle Preise positiv. Bei Kuppelproduktion können dagegen negative Preise auftreten. Solche Produkte sind schädliche Nebenprodukte, deren Entsorgung Kosten verursacht. Deshalb kann Sraffas Theorie auch in der ökologischen Ökonomie angewendet werden.
Die mikroökonomisch geprägte Preistheorie weist dem Markt die Preisfindungsfunktion zu, verwendet aber sehr starke Voraussetzungen des vollkommenen Marktes. Nach Erich Gutenberg schränkt das ihre praktische Anwendbarkeit ein. Gutenberg ging deshalb von Produktdifferenzierung und Präferenzen der Nachfrager aus. Wegen solcher Präferenzen oder mangelnder Markttransparenz können Anbieter innerhalb eines bestimmten Preisspielraums den Preis verändern, ohne dass Nachfrager abwandern. Diesen Spielraum nannte Gutenberg den „monopolistischen Bereich“, weil sich der Anbieter bei der Preisfestsetzung wie ein Monopolist verhalten kann.
Das verhaltenswissenschaftlich orientierte Konzept des Behavioral Pricing untersucht das individuelle Kaufverhalten. Im Mittelpunkt steht, wie Verbraucher Preisinformationen suchen, aufnehmen, zusammenführen, verarbeiten und bewerten.
Aus dem Marktformenschema lassen sich Folgerungen für die Preispolitik ableiten. Bei vollkommenem Wettbewerb werben viele kleine Anbieter um die Nachfrager; dort ist die Wettbewerbsintensität am höchsten. Grundsätzlich gilt: Je höher der Preis, desto geringer die Nachfrage, und umgekehrt. In Ausnahmefällen kann die Nachfrage mit steigendem Preis zunehmen, etwa beim Veblen-Effekt, Snobeffekt, Mitläufereffekt oder wenn der Preis als Qualitätsmaßstab dient.