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Präfix- und Partikelverben im Deutschen

Präfixe und Partikeln liefern Verfahren zur Bildung neuer Verben und haben dabei inhaltlich vergleichbare Funktion, sie sind aber grammatisch verschieden. Der …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Begriffe
  2. 2. Bedeutung für die Wortbildung
  3. 3. Erkennungsmerkmale von Präfixen und Partikeln
  4. 4. Wortstruktur und Kombinationen
  5. 5. Doppelte Partikeln und irreguläre Verben

Grundidee und Begriffe

Präfix- und Partikelverben sind ein großer, wichtiger Bereich des deutschen Verbwortschatzes. Beide bilden neue Verben und können inhaltlich ähnlich wirken, sind aber grammatisch verschieden. Eine Partikel kann im Satz vom finiten Verb getrennt auftreten: aus „ankommen“ wird „Sie kommt an.“ Präfixverben bleiben dagegen zusammen: „bekommen“ – „Sie bekommt Post.“

In neuerer Grammatik bezeichnet Präfix im strengen Sinn einen festen Bestandteil eines Wortes. Partikel bezeichnet einen abtrennbaren Verbzusatz. Partikeln sind normalerweise betont, Präfixe normalerweise unbetont. Die traditionelle Bezeichnung „trennbares Präfix“ wird dabei vermieden. Als möglicher Oberbegriff kommt teilweise „Präverb“ vor; „Verbzusatz“ wird mehrheitlich nur als Synonym für Partikel verstanden. „Vorsilbe“ ist fachsprachlich ungenau, weil Silben zur Lautstruktur, nicht zur Wortstruktur gehören und Präfixe oder Partikeln mehrsilbig sein können.

Bedeutung für die Wortbildung

Präfixe und Partikeln sind wichtige Mittel der Wortbildung, weil es im Deutschen relativ wenige einfache Verben gibt. Sie stammen oft von Orts- oder Richtungspräpositionen ab. Viele Verbindungen sind jedoch lexikalisiert: Das entstandene Verb besitzt dann eine eigene Gesamtbedeutung, die sich von den Bedeutungen seiner Teile entfernen kann. Dabei können auch verschiedene Satzbaupläne entstehen, etwa transitive, intransitive oder reflexive Verben.

Am Verb „legen“ zeigt sich der Unterschied: Unbetonte Präfixverben sind etwa „belegen“ („Ich belege das Brot“, „Wir belegen den Saal für Mittwoch“, „Das belegt seine Behauptung“), „verlegen“ („Er verlegte die Quittung“, „Sie verlegten das Konzert“), „erlegen“ und „überlegen“. Betonbare Partikelverben sind zum Beispiel „ablegen“ („Er legte die Mütze ab“, „Er legte seine Prüfung ab“, „Das Schiff legt jetzt ab“), „auslegen“, „vorlegen“ und „sich eine Decke überlegen“.

Auch bei Verben aus Substantiven gilt die Unterscheidung, zum Beispiel „Dach – überdachen“ mit Präfix und „Tüte – eintüten“ mit Partikel. Weiterbildungen zu Substantiven oder Adjektiven sind nie trennbar; die Betonung bleibt aber erhalten. Beispiele sind „belegen – Belegung – belegbar“ sowie „auslegen – Auslegung – auslegbar“.

Erkennungsmerkmale von Präfixen und Partikeln

Die syntaktische Trennung wird sichtbar, wenn im Hauptsatz ein finites Verb vorangestellt wird, also bei Verbzweit- oder Verberststellung. Beim Partikelverb bleibt die Partikel zurück; beim Präfixverb bleibt sie am Verb.

Reine, stets unbetonte und nicht abtrennbare Präfixe sind „be-, ent-, er-, ge-, ver-, zer-“ sowie „miss-“. Daher ist etwa „*Er leert den Eimer ent“ unmöglich, im Unterschied zu „Er leert den Eimer aus“. Bei „missverstehen“ wird in gesprochener Sprache marginal auch „Versteh mich nicht miss!“ beobachtet; entsprechend kann „miss-“ dort betont sein.

Partikelverb heißt jede Verbform mit einem trennbaren Zusatz. Typische präpositionale Partikeln sind „ab, an, auf, aus, bei, ein, gegen, nach, vor, zu, zwischen“. Daneben gibt es adverbielle Partikeln wie „hin, weg, vorbei, zusammen, mit“ und adjektivische wie „gerade, fertig, fest“.

Bei „durch, hinter, über, um, unter“, seltener „wider, wieder, voll“, gibt es sowohl unbetonte Präfix- als auch betonte Partikelverwendungen. Beispiele sind „Er durchläuft die gesamte Ausbildung“ gegenüber „Der Kaffee läuft durch“, „Die Schüler übersetzen Cäsar“ gegenüber „Cäsar setzte die Truppen über“ und „Die Polizei umstellte das Klohäuschen“ gegenüber „Die Arbeiter stellten das Klohäuschen um“. „Partikelpräfix“ bezeichnet dabei keine grammatische Zwischenstufe, sondern einen Wechsel zwischen zwei verschiedenen Kategorien.

Wortstruktur und Kombinationen

Neben der Trennbarkeit im Satz ist die morphologische, also wortstrukturelle Trennung wichtig. Beim zu-Infinitiv steht eine Partikel vor „zu + Infinitiv“: „die Nudeln aufzuessen“, wie auch „den Teller leer zu essen“. Ein Präfix gehört enger zum Verb: „zu bekommen“, „zu entleeren“, „zu verlieren“, „zu missachten“. Daher heißt es „eine Ausbildung zu durchlaufen“, aber „um durchzulaufen“, sowie „um Cäsar zu übersetzen“, aber „um die Truppen überzusetzen“.

Das Perfektpartizip einfacher Verben hat das Zirkumfix, also die zweiteilige Form „ge-...-t“ oder „ge-...-en“: „sagen – gesagt“, „schlagen – geschlagen“. Partikeln stehen außerhalb von „ge-“: „aufgeschlagen“, „aufgegessen“, „übergesetzt“. Präfixverben haben kein Partizip-„ge-“: „legen – gelegt“, aber „belegen – belegt“; „stellen – gestellt“, aber „umstellen – umgestellt“.

Eine Partikel kann vor ein vorhandenes Präfixverb treten. Bei „vorbesprechen“ und „vorausberechnen“ wird im Hauptsatz nur die Partikel abgetrennt: „Sie besprachen die Aktion vor“, „Sie berechneten die Flugbahn voraus“. Das Partizip hat dann kein „ge-“: „vorbesprochen“, „vorausberechnet“.

Die scheinbare umgekehrte Folge Präfix plus Partikel ist nicht regulär. „Beauftragen“ ist be- + „Auftrag“, nicht be- + auf- + „tragen“; „vereinnahmen“ enthält „Einnahme“. „Verabreichen“, „verabsäumen“ und „sich überanstrengen“ werden insgesamt wie untrennbare Einheiten behandelt, etwa „zu verabreichen“, „Er verabreicht das Mittel“ und „sich zu überanstrengen“. Bei zwei Präfixen sind besonders „über-“ im Sinn von „zu sehr“ und „miss-“ problematisch. Vor einem anderen Präfix können sie sich morphologisch wie Partikeln verhalten, etwa „überzubeanspruchen“ oder „misszuverstehen“, werden aber meist nicht im Satz getrennt. Morphologische und syntaktische Trennbarkeit fallen hier also nicht mehr zusammen.

Doppelte Partikeln und irreguläre Verben

Ob zwei Partikeln nacheinander möglich sind, wird unterschiedlich beurteilt. Bei „übereinkommen“ und „dahinterstehen“ bestehen die ersten Teile aus zusammengesetzten Partikeln („über+ein“, „da+hinter“). „Vorankündigen“ und „voranmelden“ werden häufig als Rückbildungen aus Substantiven erklärt. „Miteinbeziehen“ und „wiederherstellen“ gelten eher als doppelte Partikelbildung; bei der Trennung können beide Partikeln am Satzende stehen: „Er bezieht es mit ein.“ Für „vorankündigen“ ist dies nicht möglich.

Verben wie „uraufführen, wettlaufen, notlanden, bergsteigen“ oder „schutzimpfen“ sehen wegen Aufbau und Betonung oft wie Partikelverben aus, lassen sich aber weder trennen noch als Ganzes in die Hauptsatz-Zweitposition stellen. Deshalb heißen sie „bewegungsresistente Verben“. Möglich sind „… als das Ensemble die Komödie uraufführte“, „die Komödie uraufzuführen“ und „Sie haben die Komödie uraufgeführt“, nicht aber „?? Das Ensemble führte die Komödie urauf“ oder „?? Das Ensemble uraufführte die Komödie“.

Ein wichtiger Ursprung ist Rückbildung: Aus „Not + Landung“ entsteht durch Wegfall der deverbalen Endung „notland(en)“, aus „Ur-aufführung“ entsprechend „uraufführ(en)“. Das Ergebnis sieht teilweise wie eine Zusammensetzung mit einem Verb aus, ist aber nicht so gebildet. Eine Trennung kann sich ausnahmsweise einbürgern, etwa „Kopfstand – kopfstehen – Er steht kopf“.

Als weitere, umstrittene Erklärung gelten Doppelpartikelverben wie „vór-an-kündigen“, bei denen „?? Er kündigte seinen Rückzug vor an“ nicht möglich ist. Die Dudengrammatik betrachtet solche Bildungen als nicht produktiv und analysiert vorhandene Fälle als Rückbildungen aus Substantiven wie „Vor-Ankündigung“; andere Ansätze lassen Doppelpartikelbildungen zu. Warum manche komplexen Verben dennoch in die Zweitposition gelangen, ist nur hypothetisch erklärt. So steht „Sie wetteiferten miteinander um den Sieg“, aber „?? Sie wettliefen miteinander“. Solche Formen gehören letztlich weder eindeutig zu Präfix- noch zu Partikelverben.

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