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Postfaktizität
Als Postfaktizität oder postfaktische Politik wird ein bewusst wahrheits- bzw. tatsachenwidriges politisches Denken und Handeln bezeichnet.
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Begriff und Bedeutung
Postfaktizität oder postfaktische Politik bezeichnet bewusst wahrheits- oder tatsachenwidriges politisches Denken und Handeln. Fakten, welche die eigene politische Ansicht nicht stützen oder ihr widersprechen, werden ignoriert, für irrelevant erklärt, bestritten oder durch andere Informationen überdeckt. Wichtiger als der Wahrheitsgehalt einer Aussage ist ihr emotionalisierender Effekt auf eine bestimmte Zielgruppe.
Mittel dieser manipulativen Politik können offensichtliche Lügen sein, aber auch die Flutung des öffentlichen Diskurses mit irrelevanten Fakten, die vom Wesentlichen ablenken. In einem postfaktischen Meinungsstreit wird der Sachgehalt von Tatsachen verwässert oder von ihnen abgelenkt. Für die angesprochene Gruppe zählt vor allem, ob eine Erklärung zu ihrer Gefühlswelt passt.
Nach Jürgen Habermas verlangt das Kommunikationsideal der Aufklärung für einen sachlichen und ethisch vertretbaren Diskurs Argumente und insbesondere belegbare Fakten. Die Fähigkeit, Aussagen zu überprüfen und zu bestätigen, heißt dabei Validierungsfähigkeit und ist Teil von Diskursivität.
Erklärungen und Wirkungsweisen
Ein Erklärungsansatz beschreibt Politik als „Produkt“: Statt über Ideen, Gesellschaftsentwürfe und Handlungsalternativen auf der Grundlage von Fakten zu streiten, werde Politik beworben. Alard von Kittlitz fordert deshalb eine strikte Trennung zwischen unzweifelhaften Fakten und politischer Argumentation.
Postfaktisches Reden wird außerdem von einer bloßen Lüge unterschieden. Eine Lüge setzt voraus, dass es eine Wahrheit gibt und der Lügner sie kennt. Harry Frankfurt bezeichnete Bullshit dagegen als leeres Gerede, dem der Wahrheitsgehalt völlig gleichgültig ist und das vor allem dem Prestige seines Urhebers dienen soll. Bei Donald Trump sah Jeet Heer ein grundlegendes Desinteresse an Faktenprüfung und Wahrheit; Jason Stanley kritisierte diese Einordnung als Verharmlosung.
Wichtig ist die Emotionalisierung: Gefühle können Fakten im politischen Diskurs übertrumpfen. Wird der Unterschied zwischen dem, was sich wahr anfühlt, und dem, was wahr ist, zu groß, kann er durch Verschwörungstheorien überbrückt werden. Die Widerlegung einer falschen Behauptung kann das Festhalten daran sogar verstärken; dies wird als Bestätigungsfehler bezeichnet. Matthew d’Ancona betont, neu sei weniger das öffentliche Lügen von Politikern als die Reaktion eines Teils der Öffentlichkeit: Aus Empörung könne Gleichgültigkeit und schließlich Komplizenschaft werden.
Medien, Manipulation und Demokratie
Viele Kommentatoren beobachten zugleich einen Glaubwürdigkeitsverlust etablierter Medien und die Verbreitung einseitiger oder falscher Informationen in sozialen Medien. Filterblasen entstehen zum Teil durch Algorithmen von Google, Facebook und Twitter. In Echokammern umgeben sich Menschen vor allem mit Gleichgesinnten und werden fortlaufend in ihrer Weltsicht bestärkt.
Falschmeldungen können sich schnell verbreiten, häufig ohne spätere Aufklärung. Manche Unternehmen verbreiten sie aus kommerziellen Gründen zusammen mit Werbung. Im Internet können Rezipienten, also Empfänger von Medieninhalten, selbst zu Produzenten werden. Diese zunächst als Demokratisierung begrüßte Entwicklung ging laut Artikel auch mit mehr Gerüchten, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien einher. Geringe Komplexität und starke Emotionalität helfen solchen Inhalten im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und fördern Teilen, Liken oder Retweeten.
Forschungen von Lewandowsky et al. deuten postfaktische Falschinformationen als „Nebelschleier“, die von strategischen politischen Maßnahmen und Herausforderungen ablenken. Sie können demnach eine rationale Strategie zum Erreichen politischer Ziele sein. Christian Schwägerl nennt als Gefahren unter anderem Klimawandelleugnung und die Ablehnung einer evidenzbasierten gemeinsamen Fischereipolitik der EU. Evidenzbasiert heißt: Entscheidungen stützen sich gewissenhaft, ausdrücklich und umsichtig auf die aktuell am besten fundierten wissenschaftlichen Erkenntnisse.
Gerhard Casper sieht in der Verweigerung, über Fakten und ihre Folgen zu streiten, einen Angriff auf demokratische Grundlagen. Nach Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard sind Tatsachen und Wertungen zu unterscheiden: Nur dann ist Deliberation, also gemeinsame sachliche Beratung in einer deliberativen Demokratie, möglich. Ohne ein Mindestmaß an zuverlässiger Sachinformation lässt sich auch nicht beurteilen, ob eine Regierung leistungsfähig ist. Werden Tatsachen bloß zur Frage persönlicher Meinung, wird Demokratie untergraben; umgekehrt darf man Sachfragen nicht technokratisch verabsolutieren und unterschiedliche Bewertungen ignorieren.
Marina Weisband beschreibt offensichtliche Falschaussagen als mögliche Machtdemonstration: Sie sollen nicht unbedingt überzeugen, sondern die Öffentlichkeit durch ständige Widersprüche erschöpfen, bis sie an der eigenen Wahrnehmung zweifelt. Das Ziel sei die Machtlosigkeit von Wahrheit und eine Schwächung des selbstbestimmten Gebrauchs der Wahrnehmung.
Beispiele: Klimawandel und Wahlen
In der Klimaforschung besteht seit Jahrzehnten ein klarer Konsens, dass die gegenwärtige globale Erwärmung menschengemacht ist. Dennoch stieg in einer US-Umfrage mit 1500 Befragten der Anteil derjenigen, die solide Beweise für eine Erwärmung verneinten, von 21 % im April 2008 auf 33 % im Oktober 2009. Erst 2021 wurden wieder die höheren Zustimmungswerte von 2008 erreicht. Nirgendwo ist die Zahl der Klimawandelleugner laut Artikel so hoch wie in den Vereinigten Staaten.
Desinformationskampagnen versuchen, den Klimawandel zu leugnen. Frank Luntz empfahl 2002, wissenschaftliche Unsicherheiten und eine angebliche Kontroverse hervorzuheben sowie das vermeintliche Fehlen vollständiger Sicherheit zum Kern der politischen Debatte zu machen. Das zugrunde liegende Muster lautet: Politik dürfe erst handeln, wenn alle Fakten gesichert seien. Diese Annahme widerspricht laut Artikel der tatsächlichen Arbeitsweise wissenschaftlicher Forschung.
Bei der US-Präsidentschaftswahl 2016 wurden falsche, aber emotional passende Aussagen als Beispiele genannt. Rudy Giuliani behauptete am 15. August 2016, in den acht Jahren vor Obamas Amtsantritt habe es keine erfolgreichen islamistischen Anschläge in den USA gegeben, obwohl in diesen Zeitraum die Anschläge vom 11. September 2001 fielen. Seine Aussage konnte leicht widerlegt werden, sprach aber das Gefühl an, seit Obama sei alles schlimmer geworden.
Donald Trump machte laut einer Statistik der Washington Post während seiner gesamten Präsidentschaft genau 30.573 falsche oder irreführende Aussagen. Nach seiner Amtseinführung behauptete er etwa, es seien mehr Zuschauer als bei Barack Obama gezählt worden; Kellyanne Conway sprach bei Gegenbelegen von „alternativen Fakten“. Besonders folgenreich war Trumps bewusste Behauptung nach der Wahl 2020, nicht Joe Biden, sondern er habe gewonnen und sei durch großangelegten Wahlbetrug besiegt worden. Am 6. Januar 2021 erstürmten Tausende seiner wütenden Anhänger das US-Kapitol; viele Beobachter sehen darin einen Putschversuch.
Auch bei den Landtagswahlen 2016 wurde spekulative Kommunikation im Zusammenhang mit der Ankunft von mehr als 800.000 Flüchtlingen beschrieben. Georg Pazderski erklärte zur Aussage, 98 Prozent der Migranten in Deutschland lebten friedlich: „Es geht nicht nur um die reine Statistik, sondern es geht da drum, wie das der Bürger empfindet. Das heißt also: das, was man fühlt, ist auch Realität.“ Beim Brexit wurden Ressentiments gegen die EU mit falschen Zahlen geschürt. Michael Gove sagte: „I think people in this country have had enough of experts“; Arron Banks erklärte: „facts don’t work […] You've got to connect with people emotionally.“
Kritik am Begriff und Umgang mit Fakten
Kritiker wenden ein, dass „postfaktisch“ selbst emotionalisierend und polemisch eingesetzt werden könne. Das beschriebene Phänomen sei nicht neu. Politische Meinungen seien nie ausschließlich an reinen Fakten orientiert, sondern beruhten auch auf Weltanschauungen, Interessen, Werten und perspektivischen Wahrnehmungen.
Elisabeth Wehling erklärt dies mit Frames, also Deutungsrahmen: Begriffe aktivieren gedankliche Verbindungen. In politischen Debatten erhalten Fakten ihre Bedeutung durch moralische Interpretation. Frames heben bestimmte Fakten hervor und lassen andere zurücktreten. Mündige Entscheidungen erfordern daher sowohl Kenntnis von Fakten als auch Verständnis für die ideologischen Unterschiede zwischen Parteien. Wehling hält „post-faktisch“ für irreführend, wenn dadurch nur „faktenblinde“ Bürger als Problem erscheinen. „Alternative Fakten“ gebe es nicht; bewusste Lügen könnten vielmehr als Rauchbomben und Nebelkerzen von der Politik im Hintergrund ablenken.
Auch dieselben Tatsachen können unterschiedlich bewertet werden. Karl-Heinz Ott nennt als Beispiel den Anteil der Zuwanderer in einem Land: Manche feiern denselben Sachverhalt als „Multikulti“, andere bezeichnen ihn als „Überfremdung“. Daten brauchen daher Interpretation, Empirie braucht Theorie und faktenorientierte Politik braucht Ziele und Werte. Bernhard Pörksen bezweifelt zudem die Annahme, Faktizität sei früher einmal allgemein als selbstverständliches Regulativ anerkannt worden. Er kritisiert, dass der Begriff Personen pauschal abwerten und eine resignativ-apokalyptische Vorstellung eines unaufhaltsamen Niedergangs fördern könne.
Die Reaktionen auf das Thema zeigen seine öffentliche Bedeutung: Das Oxford English Dictionary wählte post-truth im November 2016 zum internationalen Wort des Jahres, die Gesellschaft für deutsche Sprache im Dezember 2016 „postfaktisch“ zum Wort des Jahres. Der March for Science demonstrierte im April 2017 für Forschung und Wissenschaft sowie gegen „alternative Fakten“, Fake News und eine „postfaktische Ära“.