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Strukturwandel der Öffentlichkeit

Vorgeschichte der bürgerlichen Öffentlichkeit · Öffentliches und Privates · Staat und Gesellschaft · Monarchische und demokratische Repräsentation.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und Grundgedanke
  2. 2. Öffentlichkeit, Privatheit und Repräsentation
  3. 3. Soziale Grundlagen und literarische Öffentlichkeit
  4. 4. Normativer Anspruch und innere Grenze
  5. 5. Zerfall, Refeudalisierung und demokratische Perspektive

Werk und Grundgedanke

Strukturwandel der Öffentlichkeit ist Jürgen Habermas’ 1962 erschienene politikwissenschaftliche Habilitationsschrift mit dem Untertitel Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Der Begriff bezeichnet zugleich einen umfassenden gesellschaftlichen Prozess, an dem Massenmedien, Politik, Bürokratie und Wirtschaft beteiligt waren und der die moderne Massengesellschaft prägte.

Habermas beschreibt darin Aufstieg und Niedergang der bürgerlichen Öffentlichkeit. Öffentlichkeit soll gesellschaftlich wichtige Angelegenheiten zum Gegenstand gemeinsamer Aushandlung machen. Das Werk ist trotz historisch-empirischer Schwächen ein einflussreicher Beitrag zur kritischen Kulturtheorie und eine Vorarbeit für Habermas’ spätere Diskurstheorie. Sein Ziel ist, Gesellschaft durch eine rational-aufklärerische Öffentlichkeit demokratischer zu gestalten.

Öffentlichkeit, Privatheit und Repräsentation

Die „bürgerliche Öffentlichkeit“ entstand nach Habermas seit der europäischen Frühen Neuzeit aus der monarchisch beherrschten „repräsentativen Öffentlichkeit“. Öffentlich ist, was allgemeine Bedeutung hat, also die Mitglieder einer Gruppe betrifft und deshalb von der Gesamtheit ausgehandelt und geregelt werden muss. Privat ist dagegen ein Bereich, der grundsätzlich der Herrschaft des Einzelnen unterliegt und vor Eingriffen von Staat oder Gesellschaft geschützt sein soll.

Als Vorbild nennt Habermas die antike Trennung von oikos und polis: Das Haus war privat, die polis der Ort gemeinsamer öffentlicher Beratung. Im europäischen Mittelalter habe diese Trennung gefehlt; in der Renaissance sei sie wiederentdeckt worden. Anders als in der antiken Demokratie standen in der Neuzeit jedoch Staat und Gesellschaft in einem Gegensatz: Der monarchischen Herrschaftssphäre stand eine private Freiheitssphäre der Beherrschten gegenüber.

Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg des Bürgertums seit dem 16. Jahrhundert entstand die Idee eines vor absolutistischer Herrschaft geschützten privaten Freiheitsraums. Das bürgerliche Publikum stellte der öffentlichen Gewalt des Staates seine „öffentliche Meinung“ entgegen. Sie sollte obrigkeitliche Entscheidungen am Gemeinwohl messen und legitimieren.

Zugleich wandelte sich Repräsentation. In der Monarchie repräsentierte der Herrscher durch Gottesgnadentum die göttliche Weltordnung. Mit neuen Staatsaufgaben wie Verwaltung und stehendem Heer sollte der Herrscher zunehmend das beherrschte Volk repräsentieren. Periodische Zeitungen und Magazine verbreiteten politische und wirtschaftliche Nachrichten, Unterhaltung und vor allem Kritik an herrschaftlichem Handeln. Dadurch konnte öffentliche Meinung die Legitimität staatlicher Entscheidungen beurteilen; Pressezensur wurde zum Mittel, diese Kritik zu begrenzen.

Soziale Grundlagen und literarische Öffentlichkeit

Träger der kritischen bürgerlichen Öffentlichkeit waren nach Habermas vor allem wirtschaftlich unabhängige und gebildete Privateigentümer. Handels- und Finanzkapital, Manufaktur- und beginnendes Industriekapital prägten sie ebenso wie Beamte, Akademiker und Offiziere. Diese „Bourgeoisie“ verlangte einerseits freien Warenverkehr ohne staatliche Beeinträchtigung, andererseits staatliche Sicherungen etwa für wirtschaftliche Großunternehmen. Auch Konflikte innerhalb bürgerlicher Gruppen sollten öffentlich ausgetragen und staatlich gelöst werden.

Als Privatmann konnte nur teilnehmen, wer Privateigentümer, ökonomisch unabhängig und entsprechend gebildet war. In der bürgerlich-patriarchalischen Kleinfamilie war dies grundsätzlich der Familienvater, der pater familias. Englische Kaffeehäuser waren sozial etwas breiter zugänglich, aber rein männlich dominiert. In französischen Salons spielten Frauen der obersten Schichten eine wichtige Rolle. Diese Orte sowie deutsche Tischgesellschaften dienten der bürgerlichen Diskussion.

Habermas zufolge ging politische Öffentlichkeit einer literarischen Öffentlichkeit nicht voraus, sondern baute auf ihr auf. Die Lektüre psychologischer Romane wie Pamela von Samuel Richardson und Gespräche darüber förderten Kulturkritik; später konnte dieses „kritische Geschäft“ auf Politik übertragen werden. Kritiker wenden ein, Zeitungen hätten von Beginn an politisch berichtet. Der Text unterscheidet jedoch politische Information von unbeeinträchtigter politischer Kritik, die unter Zensur zunächst kaum möglich gewesen sei. „Literarische Öffentlichkeit“ meint außerdem nicht bloß Gespräche über schöne Literatur, sondern ein an Belletristik geschultes Publikum, das Urteilen gelernt hat.

Normativer Anspruch und innere Grenze

Habermas versteht Öffentlichkeit normativ: Sie beschreibt nicht nur tatsächliche Verhältnisse, sondern Bedingungen rationaler gesellschaftlicher Organisation. Seine spätere Diskurstheorie verbindet theoretische Vernunft, praktische Vernunft und ästhetische Vernunft. Eine Behauptung beansprucht danach, dass ihr Geltungsanspruch unter Bedingungen einer idealen Kommunikationsgemeinschaft jederzeit und überall in Konsens überführt werden könnte; unter realen Bedingungen treten begründete Konsense an diese Stelle.

Bürgerliche Öffentlichkeit beansprucht Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit. Ideal gedacht wäre sie herrschaftsfrei, gleich und allgemein, folgte nur dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ und schlösse keine Themen von Kritik aus. Ihr notwendiges Postulat lautet: Worüber alle betroffen sind, darüber müssen auch alle beraten können.

Genau darin liegt ihr Widerspruch. Die Zugangskriterien Privateigentum und Bildung schlossen die meisten Menschen vom öffentlichen Räsonnement in Kaffeehäusern, Salons, Zeitungen und Zeitschriften aus. Deshalb war die bürgerliche Öffentlichkeit nach Habermas nicht nur unvollständig, sondern „vielmehr gar keine Öffentlichkeit.“ Sein Bild einer frühbürgerlichen Öffentlichkeit des 17. und 18. Jahrhunderts gilt in der Geschichtswissenschaft seit den 1980er Jahren als eine durch die Quellenlage nicht gedeckte Idealisierung.

Zerfall, Refeudalisierung und demokratische Perspektive

Die bürgerliche Öffentlichkeit erreichte ihren höchsten Entwicklungsstand nach Habermas vielleicht etwa einhundert Jahre lang bis ins späte 19. Jahrhundert. Ihre Grundlage war die Trennung von Staat und Gesellschaft sowie von Öffentlichem und Privatem. Diese Grenzen verwischten in der „sozialstaatlich verfassten Industriegesellschaft“. Kapital und gesellschaftliche Macht konzentrierten sich; die Vorstellung wirtschaftlich gleicher kleiner Wareneigentümer wurde unglaubwürdig. Eine „Zwischensphäre“ entstand: Der familiäre Freizeitbereich wurde privater, die Arbeitswelt nahm eine Stellung zwischen privat und öffentlich ein, und die bürgerliche Familie verlor Funktionen.

Mit Kulturindustrie und Massenmedien zerfiel auch die literarische Öffentlichkeit. Weil Massenkommunikation fast nur in eine Richtung verlaufe, verstumme das Publikum tendenziell; es entstehe eine Schein-Öffentlichkeit. Kritische Publizität werde durch manipulative Werbung ersetzt. Politik werde zur Inszenierung, zur „Refeudalisierung“: Ähnlich wie bei monarchischer Repräsentation stellen nun Public Relations privater Personen und Verbände private Interessen als allgemeine dar.

Habermas fordert nicht die Rücknahme sozialstaatlicher Entwicklung. Er zielt vielmehr auf die Demokratisierung gesellschaftlicher Großorganisationen und auf soziale Teilhabe sowie politische Teilnahme zusätzlich zu Menschen- und Bürgerrechten. In Faktizität und Geltung (1992) nennt er dies die Vervollständigung eines „Systems der Rechte“. Im September 2022 knüpfte der Sammelband Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik an die ursprüngliche These an und behandelt den Einfluss von Plattformmedien auf demokratische Prozesse.

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