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Kunstmusik
Kunstmusik ist ein Abgrenzungsbegriff von Musikstilen, die einer Hochkultur zugerechnet werden sollen, die im Unterschied zu anderen Musikformen mit …
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Begriff und Bedeutung
Kunstmusik bezeichnet Musikstile, die einer Hochkultur zugerechnet und als autonome Kunst verstanden werden. „Autonom“ bedeutet hier, dass die Musik nicht hauptsächlich eine bestimmte praktische Funktion erfüllen soll, wie es etwa bei Programm- oder Tanzmusik der Fall ist. Der Begriff grenzt Kunstmusik von Volksmusik und populärer Musik ab.
Anders als der gelegentlich gleichbedeutend verwendete Ausdruck „ernste Musik“ betont „Kunstmusik“ nicht den Gegensatz zur Unterhaltung. Im Mittelpunkt steht vielmehr der künstlerisch-kulturelle Anspruch eines Werkes. Welche Musik diesen Anspruch erfüllt, lässt sich jedoch nicht anhand allgemein verbindlicher Merkmale eindeutig bestimmen.
Historische Entwicklung und Entgrenzung
Bis etwa zum 19. Jahrhundert konnte Kunstmusik relativ klar als Musik der oberen sozialen Schichten beschrieben werden. Sie erfüllte vor allem höfische oder kirchliche Aufgaben. Der Anspruch, Musik als autonome Kunst zu verstehen, entstand verstärkt während der gesellschaftlichen Umwälzungen des 18. und 19. Jahrhunderts. Das aufstrebende Bürgertum gründete eigene Kunst- und Musikinstitutionen und wurde zum wichtigsten Träger der Kunstmusik.
Im 20. Jahrhundert erschwerten die gesellschaftliche Pluralisierung und ein breiter zugängliches kulturelles Bildungsangebot die Abgrenzung. Die zuvor klar geschlossenen gesellschaftlichen Kreise lösten sich auf, während immer mehr Menschen Zugang zu unterschiedlichen Bereichen des Musikbetriebs erhielten.
Zugleich entstand ein Streit zwischen einer klassizistisch-akademischen Kunstauffassung und einem Fortschrittsdenken, das in Theodor W. Adornos „Kanon des Verbotenen“ gipfelte. Obwohl die Avantgarden von Anfang an vielfältig waren, zerbrach zu Beginn der 1970er Jahre endgültig die Vorstellung, Kunstmusik entwickle sich in einer einzigen linearen Fortschrittsbewegung. Dies wurde in der Postmoderne-Diskussion sichtbar.
Durch Tonaufnahmen sind außerdem westliche Musikrichtungen vom Jazz bis zum Heavy Metal dauerhaft fixierbar und wiederholbar geworden. Damit erreichen sie in einem anderen Medium eine Aufzeichnungsgenauigkeit, die mit der schriftlichen Fixierung von Konzertmusik in einer Partitur vergleichbar ist. In Analogie zu Entwicklungen der bildenden Kunst seit den 1970er Jahren, etwa Pop Art, Konzeptkunst und Ableitungen der Readymade-Idee wie „Relational Art“, lässt sich Kunstmusik deshalb kaum noch auf Nachfolger der bürgerlichen Konzertmusik beschränken. Die Schaffensprozesse zeitgenössischer Kunstmusik werden in zahlreichen empirischen Untersuchungen erforscht.
Kriterien und Strömungen
Der künstlerisch-kulturelle Wert eines Musikwerks ist objektiv schwer zu messen. Spätestens seit dem Ende des Serialismus lassen sich keine allgemein verbindlichen Kriterien mehr festlegen. Auch eine exakte Notation kann kein notwendiges Merkmal sein: Bedeutende Werke mit Aleatorik, also kontrollierten Zufallsverfahren, oder Improvisation werden ebenfalls zur Kunstmusik gerechnet. Daher kann eine klar abgegrenzte musikalische Sphäre nicht mehr zuverlässig durch bestimmte Materialeigenschaften definiert werden.
Claus-Steffen Mahnkopf nannte 2007 mehrere Stile der Kunstmusik innerhalb der Neuen Musik, die jeweils durch eigene Regeln hinsichtlich Material, Technik, Zeitverständnis, Ästhetik, Semantik und Aufführungspraxis bestimmt werden: Minimalismus, Postmodernismus, Komplexismus, Negativismus, Spektralismus, algorithmisches Komponieren und Neokonservatismus.
Mittlerweile erheben auch andere Genres einen Kunstanspruch, der sich mit formal-ästhetischen Kriterien nicht eindeutig zurückweisen lässt. Dies zeigte sich zunächst besonders im Jazz und betrifft inzwischen einzelne Vertreter fast aller Genres. Sie schaffen auf Grundlage ihres jeweiligen musikalischen Feldes ausdifferenzierte, innovative und hochindividuelle Werke. Auch das Ausschlusskriterium einer praktischen Funktion, beispielsweise als Tanzmusik, ist deshalb fragwürdig.
Kunstmusik und besonders die Neue Musik verbinden die Anerkennung künstlerischer Leistung dennoch häufig mit einem Fortschritt des musikalischen Materials. Dieser kann sich als Rationalisierung des Kompositionsprozesses oder als thematische Verdichtung zeigen.
Institutionen, Förderung und aktuelle Debatte
Nach Pierre Bourdieu ergibt sich der künstlerische Rang aus der Fähigkeit, sich selbst in das bestehende künstlerische Feld einzuordnen. Infolge der beschriebenen Entgrenzung wird die aktuelle Neue Musik vor allem institutionell bestimmt. Entscheidend erscheinen Ausbildungswege, etwa das Studium bei als Professoren etablierten Komponisten, sowie Preise, Festivals und Auftragswerke. Ihre Kriterien wirken dadurch zunehmend akademisch. Vergleichbar ordnet auch die GEMA Werke den Kategorien „E“ und „U“ hauptsächlich nach Aufführungsort und Aufführungszusammenhang zu.
Konkurrierende Genres verfügen inzwischen über eigene Institutionen und eine eigene Musikkritik. Der Konflikt um ein Kunstmonopol der Neuen Musik zeigt sich daher vor allem bei der Verteilung von Subventionen, für die eine kulturelle Sonderstellung beansprucht wird. Früher wurde ein Fördermonopol der Neuen Musik unter anderem mit dem Bestehen einer Kulturindustrie begründet. Die Digitalisierung entzog jedoch vielen Genres einen erheblichen Teil ihrer wirtschaftlichen Grundlage, sodass laut Artikel kaum noch von einer solchen Industrie gesprochen werden könne.
Unter diesen Bedingungen gerät der Begriff der Kunstmusik erneut unter Druck. Vertreter verschiedener Genres müssen eine Sonderstellung oder besondere gesellschaftliche Bedeutung begründen, um Förderung zu erhalten. Gleichzeitig laden institutionelle Kunstmusikfestivals zunehmend profilierte Musiker ohne akademischen Hintergrund ein und reagieren damit auf die gesellschaftlich veränderte Vorstellung davon, was Kunstmusik ist.
Die Abgrenzungsprobleme betreffen somit nicht mehr nur unterschiedliche Richtungen innerhalb der Neuen Musik, sondern die direkte Konkurrenz zwischen Genres. Besonders umstritten ist das an Theodor W. Adorno anknüpfende Autonomiegebot, nach dem Kunstmusik unabhängig von äußeren Zwecken sein soll. Als Alternative wird auf eine Eigenlogik musikalischer Entwicklungen verwiesen.