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Missverständnis
“ und dem Wortfeld „verstehen“. „Miss…“ bedeutet „verschiedenartig“, „verkehrt“ oder „schlecht“. Ein Wortfeld mit diesem Konfix erhält ein negatives …
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Grundidee und Bedeutung
Ein Missverständnis ist im Sender-Empfänger-Modell eine Störung der Kommunikation. Es liegt vor, wenn ein deutlicher Unterschied zwischen dem besteht, was der Sender meint, und dem, was der Empfänger versteht. Der Sender ist der Sprecher oder Verfasser, der Empfänger ist der Zuhörer oder Leser.
Missverständnisse sind wichtig, weil sie Konflikte auslösen können: von persönlichen Konflikten zwischen einzelnen Menschen bis zu internationalen politischen Konflikten zwischen Regierungen. Die Kommunikationswissenschaft untersucht deshalb, wie Missverständnisse entstehen und wirken. Sie beschreibt das Missverständnis als einen Verzerrungswinkel zwischen Sender und Empfänger. Je größer der Unterschied zwischen Gemeintem und Angekommenem ist, desto größer ist dieser Verzerrungswinkel.
Für Missverständnisse sind vor allem drei Ebenen des Verstehens relevant: Der Empfänger nimmt die Nachricht akustisch richtig wahr; er fasst den Sachverhalt so auf, wie der Sender ihn gemeint hat; Sender und Empfänger sind gleicher Meinung. Ein Missverständnis betrifft also nicht nur das Hören oder Lesen, sondern auch die Deutung. Der Empfänger interpretiert außerdem nonverbale Zeichen wie Mimik und Gestik und verbindet alles mit eigenen Einstellungen und Erfahrungen. Nach einem Grundsatz der Rhetorik ist nicht nur entscheidend, was jemand sagt, sondern wie es beim Adressaten ankommt.
Abgrenzungen zu ähnlichen Begriffen
Missverständnisse werden meist erst bemerkt, nachdem sie schon geschehen sind. Das hängt mit der Abfolge von Senden, Empfangen und Interpretieren zusammen. Nicht jedes Missverständnis wird erkannt, denn Menschen können die Absicht jedes Satzes nie vollständig erfassen. Wörter oder Terme können für verschiedene Sprecher unterschiedliche Bedeutungen haben. Trotzdem verlassen sich Menschen im Alltag darauf, die Intention anderer zu verstehen. Wird eine unsichere Annahme zu stark als sicheres Wissen behandelt, kann daraus ein Missverständnis entstehen.
Ein Missverständnis unterscheidet sich von Unverständnis. Unverständnis kann Ursache oder Folge eines Missverständnisses sein, aber auch unabhängig davon auftreten. Es meint eher ein grundlegendes Nichtverstehen, Ablehnung oder mangelnde Zustimmung und bezieht sich meist auf die Haltung einer einzelnen Person.
Ein Missverständnis ist auch nicht dasselbe wie Missverstehen. Missverstehen hat nach dem Artikel seine Ursache in fehlerhaftem akustischen Verstehen oder in einer inkorrekten Ausdrucksweise. Beim Missverständnis geht es allgemeiner darum, dass etwas anders verstanden wird, als es gemeint war.
Vom Irrtum unterscheidet sich das Missverständnis ebenfalls. Während ein Missverständnis dadurch entsteht, dass man etwas anders versteht, als es gemeint war, liegt bei einem Irrtum im engeren Sinne ein Auseinanderfallen von Wille und tatsächlicher Erklärung vor. Dann besteht ein Widerspruch zwischen dem Inhalt einer Erklärung und der Aufnahme dieser Erklärung durch den Vertragspartner.
Entstehung und Arten
Ein Missverständnis kann entstehen, wenn Referenzprobleme wie Verlesen oder Verhören einen Verständnisprozess stören. Im Artikel werden vor allem thematische und akustische Verständigungsprobleme genannt; das akustische Problem wird anschließend nicht weiter vertieft.
Missverständnisse können schon beim Sender beginnen. Der Sender kann gewollt oder ungewollt fehlerhaft formulieren, sodass das eigentlich Gemeinte nicht mehr richtig zum Ausdruck kommt. Der Empfänger versteht dann zwar die Formulierung richtig, aber diese Formulierung entspricht nicht dem Gemeinten. Eine zweite Gruppe liegt beim Empfänger: Der Sender sagt etwas richtig, doch der Empfänger hört oder liest es und versteht etwas anderes. Daraus ergeben sich drei Grundstörungen: Gemeint ist nicht gesagt; gesagt ist nicht verstanden; verstanden ist nicht einverstanden.
Verbale Missverständnisse entstehen durch Sprache. Besonders doppeldeutige Wörter und Begriffe sowie mehrdeutige Sätze oder Formulierungen können Probleme verursachen. Der Empfänger kann eine doppeldeutige Aussage vielleicht nicht mithilfe des Kontexts eindeutig decodieren, also entschlüsseln. Dann legt er das Gemeinte anders aus, als der Sender es beabsichtigt hat.
Nonverbale Missverständnisse entstehen durch Mimik und Gestik, zusammengefasst als Kinesik. In einem einheitlichen Kulturkreis unterstützt Kinesik oft die verbale Kommunikation, weil bestimmte Zeichen ähnlich verstanden werden. Trotzdem kann sie missverstanden werden. Wer mit verschränkten Armen redet, kann vom Empfänger als wenig offen oder skeptisch wahrgenommen werden, obwohl diese Haltung für die Person selbst nur bequem ist. Nonverbale Botschaften können das Gesagte bestärken oder ihm scheinbar widersprechen.
Missverständnisse klären und Folgen vermeiden
Um Missverständnisse zu vermeiden oder auszuräumen, muss der Empfänger die Nachricht zunächst akustisch richtig wahrnehmen. Dafür braucht es Aufmerksamkeit und Interesse. Außerdem sollte keine Asynchronität zwischen verbaler und nonverbaler Kommunikation entstehen, also kein Widerspruch zwischen Worten und Körpersprache.
Ein Missverständnis kann nur geklärt werden, wenn mindestens eine beteiligte Person erkennt, dass ein Missverständnis vorliegt. Feedback des Empfängers kann dem Sender die Möglichkeit geben, die Aussage zu erklären oder zu korrigieren. Nonverbales Feedback kann zum Beispiel durch zweifelnde oder ablehnende Kinesik wie Kopfschütteln entstehen. Verbales Feedback besteht etwa aus Rückfragen oder aus einer sprachlichen Zusammenfassung der wesentlichen Inhalte, also Paraphrasierung.
Werden Missverständnisse nicht erkannt oder nicht beseitigt, können sie zu fehlerhaften Eindrücken führen. Im schlimmsten Fall entstehen falsche Entscheidungen mit rechtlichen Konsequenzen. Außerdem können Missverständnisse Folgeketten bilden. Beim Stille-Post-Spiel wird eine Nachricht bei der Weitergabe verfälscht, Rückfragen fehlen, und das Verstandene wird mit eigener Interpretation weitergegeben. Solche Ketten müssen aber nicht über viele Personen laufen: Es genügt, wenn zwei Gesprächspartner sich wiederholt gegenseitig missverstehen und ihre weitere Kommunikation auf diesen Missverständnissen aufbauen.
Rechtliche Bedeutung
Die meisten alltäglichen Missverständnisse können zwar Konflikte fördern, sind aber rechtlich ohne Bedeutung. Einige Missverständnisse können jedoch rechtlich wichtig werden, besonders im Zivilrecht.
Im Zivilrecht spielt der Irrtum eine große Rolle; dafür gibt es eine eigene Irrtumslehre. Nach § 155 BGB gilt ein Vertrag als nicht geschlossen, obwohl die Parteien dies meinten, wenn sie sich in Wirklichkeit nicht geeinigt haben. Das gilt aber nur, sofern nicht anzunehmen ist, dass sie den Vertrag auch im Bewusstsein des Dissenses geschlossen hätten. Dissens bedeutet hier Uneinigkeit.
Bei Willenserklärungen stehen sich zwei Interessen gegenüber: Der Erklärende möchte, dass sein wirklicher Wille maßgeblich ist, auch wenn er sich ungenau ausgedrückt hat. Der Empfänger möchte die Erklärung so gelten lassen, wie er sie verstanden hat. § 133 BGB schützt das Interesse des Erklärenden: Bei der Auslegung einer Willenserklärung ist der wirkliche Wille zu erforschen, und man darf nicht am buchstäblichen Sinn eines Ausdrucks haften.
Gleichzeitig kommt es bei empfangsbedürftigen Willenserklärungen nicht nur auf den wahren Willen des Erklärenden an. Nach §§ 133, 157 BGB ist entscheidend, wie der Empfänger die Erklärung nach Treu und Glauben und der Verkehrssitte hätte verstehen müssen. Diese Methode heißt Auslegung nach dem Empfängerhorizont auf objektiver Grundlage oder normative Auslegung.
Erzählungen und interkulturelle Kommunikation
In Volkserzählungen ist das Missverständnis ein häufiges erzählerisches Element. Die volkskundliche Erzählforschung unterscheidet drei Arten: falsches Verstehen von Worten, falsche Auffassung einer gemeinten Aussage und gegenseitiges Nichtverstehen aufgrund unterschiedlicher Ansichten. Die Ursachen können akustisch sein, etwa bei Schwerhörigen; sprachlich, etwa bei einer Fremdsprache; semantisch, etwa durch wörtliches Verstehen einer Redensart; provoziert, etwa durch Täuschung mit einem Homonym; oder kulturell, etwa durch eingeschränkte Wahrnehmung der Realität. Ernste Missverständnisse enden oft tragisch und kommen daher in Sagen vor. Komische Missverständnisse werden in Schwänken und Witzen genutzt.
International wird Missverständnis im Französischen als malentendu und im Englischen als misunderstanding bezeichnet. Ein interkulturelles Missverständnis liegt vor, wenn mindestens ein Gesprächspartner die Sprache, den Code, die Konventionen, Einstellungen oder Verhaltensformen der anderen Kultur nicht oder falsch versteht. Menschliche Sprache ist dabei nicht vollständig verlässlich, weil codierte Informationen beim Decodieren nicht immer gleich bleiben. Auch Kinesik und Tonfall können die Deutung erschweren. Zusätzlich können Mimik und Gestik in anderen Kulturen andere Bedeutungen haben und deshalb missverstanden werden.